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Was bleibt, wenn einer geht

Summary:

Ihr letzter Fall war schiefgelaufen. Nicht spektakulär. Nicht dramatisch im klassischen Sinne. Niemand hatte einen Schlag auf den Kopf kassiert oder war entführt worden. Im Angesicht der Tatsachen und im Vergleich zu so manch anderem Fall, war auch Peters Verletzung harmlos.

Oder, für Justus steht bei ihren Fällen so viel auf dem Spiel, da verliert man schnell mal die Kontrolle.

Notes:

Moin,
Haha keine Ahnung wie man sowas macht.
Ich schreibe seit ich zwölf bin immer mal wieder kleine Geschichten und nun dachte ich, könnte ich ein paar davon vielleicht mal teilen a la "be the change you want to see".
Ich will mehr Die Drei ??? Fan-Content (vor allem Fanfictions) und wenn es keiner für mich macht, dann mach ich es eben selbst.

Achtung: Ich habe leider keinen beta-reader o.ä., dass heißt sollten euch Fehler auffallen, sagt gerne bescheid, damit ich die dann berichtigen kann :)

Ich hoffe euch geht es gut und falls es noch keiner heute gesagt hat: ich bin stolz auf dich!

Work Text:

 

 

                                                                                       

 

Ich bin allein ich hab nichts
zu verlieren als ein paar
Tage vom vergangnen Jahr
und Angst mit mir was Neues
zu probieren nicht zu krepiern
an dem was niemals war.

1981, Ulla Hahn - Herz über Kopf

                                                                                       

 

 

 

 

 

 

Der Regen prasselte gegen die Scheiben des alten Wohnwagens, als wollte er hinein. Die Luft war stickig, schwer von Staub, Papier und unausgesprochenen Dingen. Es fühlte sich an, als würde die Welt sich zusammenziehen und nur noch aus dem Wohnwagen bestehen.

Justus stand am Schreibtisch, die Hände aufgestützt, die Schultern angespannt. Vor ihm lagen Fotos von ihrem letzten Fall: ein offener Briefkasten, eine Lagerhalle und der unbekannte Mann mit dem komischen Hut. Daneben Ausdrucke von den Artikeln und Berichten, die Bob auf der Suche nach weiteren Informationen durchsucht und für das Archiv ausgedruckt hatte. Schräg neben Justus' Hand lag ein zerknittertes Notizblatt, rausgerissen aus Justus' Lieblingsnotizblock. Seine sonst so ordentliche Handschrift war auch von Bobs Platz auf der Couch ungewohnt krakelig. Auf einer der Ecken des Zettels war ein dunkler Fleck. 

Bob stellte seine Ellbogen auf den Knien ab und verschränkte seine Hände vor seinem Gesicht.

Peter lehnte nicht unweit von ihm an der Tür, verschränkte Arme, das nasse Haar noch vom Regen dunkel. Von seiner Schläfe lief ein Tropfen sein Gesicht runter und tropfte auf die durchnässte Jacke. Ein dunkler Blutfleck hatte sich durch den improvisierten Verband an seinem Unterarm gedrückt. Nicht schlimm. Nicht lebensgefährlich.

Bob beobachtete für einen Moment, wie Justus' Finger die Bilder auf dem Schreibtisch exakt übereinanderlegten. Kanten bündig. Linien gerade. Als könnte Ordnung etwas im Inneren beruhigen.

 

„Wir hätten das anders machen müssen“, sagte Peter schließlich.

Justus reagierte nicht.

„Just.“

„Statistisch betrachtet“, begann Justus ruhig, ohne sich umzudrehen, „war das die effektivste Vorgehensweise.“

Peter lachte trocken. „Statistisch.“

Stille.

Der Regen wurde lauter.

Bob hob den Blick. „Er hätte sterben können.“

Jetzt drehte sich Justus um. Seine Augen waren dunkel, scharf. „Er ist nicht gestorben.“

„Das ist nicht der Punkt!“ Peters Stimme schnitt durch den Raum.

Der Wohnwagen fühlte sich plötzlich kleiner an. Die Kisten in der Ecke die sich ins schier unendliche stapelten wirkten bedrohlich, als würden sie jeden Moment unter ihrem eigenen Gewicht zusammenbrechen.

Ihr letzter Fall war schiefgelaufen. Nicht spektakulär. Nicht dramatisch im klassischen Sinne.

Niemand hatte einen Schlag auf den Kopf kassiert und niemand war entführt worden. Im Angesicht der Tatsache war auch Peters Verletzung relativ harmlos. Aber knapp. Knapp war es gewesen.

Ein Deal mit einem Informanten und ein leerstehendes Lagerhaus. Der Hinterausgang, der nicht in Justus’ Plan gestanden hatte.

Peter war dem Verdächtigen hinterher, sobald klar war, dass dieser versuchte zu flüchten. Von Cotta hatte jede Spur gefehlt. Also war Peter durch das halb dunkle Lagerhaus gerannt. Zu schnell oder vielleicht auch nur zu unbedacht, denn der Mann hatte ein Messer gezogen.

Und für einen Moment – einen einzigen, erstarrten Moment – war alles außer Kontrolle geraten.

Peter hatte Glück gehabt und war mit einem Schnitt am Arm und einem gewaltigen Schreck davongekommen.

Aber es hätte anders ausgehen können. Als Bob zu Peter und ihrem Verdächtigen aufschloss, hatte sein Freund ein Messer am Hals und war mit dem Rücken gegen die Wand gedrückt worden.

Der Regen schlug ein wenig härter gegen das Dach.

Bob schauderte es noch jetzt, als er daran zurückdachte. Er wusste in solchen Momenten oft nicht, was sein verräterisches Gehirn sich dazu dachte und was tatsächlich so geschehen war wie er sich erinnerte. Peter hatte stur seinem Angreifer in die Augen geguckt. Bob wusste, dass Peter nie so ein großer Schisser war, wie sie alle immer behaupteten. Eigentlich war Peter wohl der Mutigste von ihnen aber eben auch der mit der größten dramatischen Ader und eben diese hatte ihm seinen Ruf als „Angsthasen“ eingebracht.

Wie eine Warnung prasselte der Regen unerbittlich auf das Dach des Wohnwagens, dachte Bob, denn er wusste, was jetzt kam. Er kannte die Muster der beiden besser als sie selbst. Justus würde rationalisieren, leiser werden. Peter würde emotionaler werden und lauter. Und irgendwo dazwischen würde etwas brechen, das sie später mühsam wieder zusammenkleben mussten.

„Ich hatte alle relevanten Informationen geteilt“, sagte Justus und presste sichtlich die Zähne aufeinander.

„Du wusstest, dass es einen zweiten Ausgang geben könnte“, presste Peter hervor.

Justus zuckte kaum merklich mit den Schultern. „Eine statistisch geringe.“

Bob sah, wie auch Peters Kiefer sich verhärtete. Der stieß sich nun von der Wand ab „Du hast gesagt, dass Gebäude sei komplett gesichert.“

Er hasste diesen Moment. Den Sekundenbruchteil, bevor Peter laut wurde. Bevor Justus sich noch weiter zurückzog.

„Ich hätte sterben können“, wiederholte Peter Bobs vorherige Worte.

Bob hob den Kopf.

Justus’ Hände hielten inne.

„Du bist nicht gestorben“, sagte er resolut.

Und in diesem Moment wusste Bob, dass es nur weiter eskalieren würde.

„Ich habe kalkuliert“, sagte Justus, „mit den Informationen, die wir hatten.“

„Du hast entschieden“, korrigierte Bob. Ein ungutes Gefühl machte sich in ihm breit. Justus entschied äußerts selten ohne sie überhaupt anzuhören und wenn er es tat, dann meist, weil er das Gefühl hatte immer jede Schuld, jeden Fehler und jeden Misstritt selber tragen zu müssen.

Bob Worte hingen zwischen ihnen. Entschieden. Bestimmt.

„Also was jetzt?“, fragte Justus kühl, „wollt ihr eine Abstimmung einführen? Mehrheitsbeschlüsse bei jeder taktischen Entscheidung?“

Justus wurde gemein, wenn er sich in eine Ecke gedrängt fühlte. Bob seufzte. Seine beiden besten Freunde würden sich so schnell nicht wieder einkriegen.

„Hör auf damit!“, fauchte Peter ihren Ersten an.

„Womit“

„Mit diesem Ton!“

„Das ist mein normaler Ton.“, Justus wand sich von Peter ab drehte sich so, dass er ihn gerade noch aus dem Augenwinkel sehen konnte.

„Genau das ist das Problem!“

Der Wind trieb den Regen gegen das Dach. Metall vibrierte leise.

„Du behandelst uns wie Variablen!“

Justus riss den Kopf hoch starrte Peter finster an: „das ist Unsinn.“

„Nein. Du analysierst alles. Risiko, Wahrscheinlichkeit, Verhalten. Aber manchmal…“, er schien verzweifelt nach Worten zu ringen, „manchmal sind wir für dich nur Teil einer Gleichung.“

Das saß. Bob konnte sehen wie es hinter Justus sonst so kühlen Augen zu brodeln begann.

„Das ist absurd. Du steigerst dich da gerade in irgendwas rein.“

Peter lachte, ein kurzes, ungläubiges Geräusch. „Das ist deine Antwort?“

„Es ist ein Fakt.“

„Ich bin kein Fakt!“

Die Worte krachten durch den Raum.

Bob stand langsam auf. Er spürte die Spannung wie elektrische Ladung auf der Haut. Zu viel davon, und alles würde explodieren.

„Er meint—“, begann Bob.

„Nein“, unterbrach Peter scharf. „Er meint genau das, was er sagt.“

Justus’ Blick wurde kälter. Nicht gefühllos. Verteidigend.

„Ich treffe Entscheidungen auf Basis von Wahrscheinlichkeit. Das ist unser Vorteil.“

„Unser Vorteil?“, wiederholte Peter ungläubig, „Oder dein Bedürfnis, immer die Schuld auf dich zu nehmen? Deine Berechnungen. Deine Verantwortung. Deine Fehler.“

Bob sah, wie Justus minimal zusammenzuckte. Kaum sichtbar. Aber da.

„Das ist eine Unterstellung.“

„Ist es das?“

Peter trat einen Schritt näher. Der Raum war zu klein für diesen Abstand.

Bob spürte sein eigenes Herz schneller schlagen. Er wollte eingreifen. Aber er wusste, dass er den beiden in solchen Situationen kaum helfen konnte. Keine Streitschlichtung der Welt konnte es ausbügeln, wenn Justus kühler Verstand auf Peters hitzige Emotionen traf.

„Du hast entschieden, dass das Risiko vertretbar ist“, sagte Peter. „Für mich.“

„Für uns“, korrigierte Justus.

„Nein.“ Peters Stimme brach fast. „Du warst nicht derjenige mit dem Messer an der Kehle.“

Stille.

Bob schluckte.

Das Bild war noch zu frisch in seinem Kopf. Peters Rücken gegen die Wand. Der Mann mit dem Messer. Justus am Telefon, der fragte was passierte während er draußen auf Cotta wartete um dem Inspektor möglichst schnell alles Wichtige erklären zu können.

Und Bob dazwischen. Immer dazwischen.

„Ich habe kalkuliert“, sagte Justus.

„Du hast kontrolliert!“, schrie Peter.

Der Regen klang plötzlich wie Applaus.

Bob trat vor vorsichtig, als würde er auf zwei wilde Tiere zugehen, „Peter-“

„Nein, Bob!“, fuhr er herum. „Er muss das hören.“

Bob sah das Blitzen in seinen Augen, da war nicht nur Wut. Da war Angst. Dunkel blaue Angst, die sich ins schier unendlose zu ziehen schien.

„Du behandelst uns wie Schachfiguren“, sagte Peter. „Bewegst uns, positionierst uns, opferst uns, wenn es strategisch Sinn ergibt.“

Das war unfair. Aber er konnte nachvollziehen warum sein sensibler Freund so empfand.

Justus’ Gesicht wurde blass. „Das ist absurd.“

„Ist es das?“ Peters Stimme war heiser. „Oder brauchst du uns nur, solange wir in deinen Plan passen?“

Bob fühlte, wie ihm die Luft wegblieb.

Das ging eindeutig zu weit.

„Peter“, sagte er scharf, „Hör auf.“

Aber Peter war nicht mehr zu stoppen.

„Vielleicht wäre es einfacher für dich, wenn du allein arbeiten würdest! Keine unberechenbaren Emotionen, keine Fehlerquellen-“

„Genug!“, rief Bob verzweifelt.

Beide verstummten.

Seine Hände zitterten, er presste sie zu Fäusten zusammen und versteckte sie so gut es ging hinter seinem Rücken. Er hasste es, wenn er laut wurde. Aber manchmal war Lautstärke die einzige Sprache, die seine beiden Idioten verstanden.

„Das stimmt nicht“, sagte Bob, dann leiser. „Und du weißt das.“

Peter atmete schwer.

Justus stand regungslos.

Die Enge im Raum wurde unerträglich.

Peter drehte sich um.

Ging zur Tür.

Bob sah ihn wie in Zeitlupe die Hand auf den Griff legen. Mit einem Mal spürte er so heftige Panik, kalt und blendend weiß in sich aufsteigen, dass er sich an der Sofa Lehne abstützen musste. Peter würde wirklich gehen. Würde sie zurücklassen. Alles was sie geworden waren.

Nicht schon wieder, dachte er.

Nicht dieses Gefühl, dass etwas auseinanderbricht.

„Peter“, sagte er, es kam kaum mehr als ein Flüstern dabei rum.

Keine Reaktion.

„Geh nicht“, versuchte Bob es erneut. Justus war wie versteinert. Von Bobs Platz aus sah es so aus, als würde er nicht einmal atmen.

„Vielleicht sollte ich das“, sagte Peter ohne sich umzudrehen. „Vielleicht braucht er ja wirklich niemanden.“

Da war nicht nur Wut, da war vor allem Angst überflüssig zu sein.

Er sah zu Justus.

Sag etwas, dachte er, bitte.

Aber Justus schwieg. Sein Gesicht war verschlossen, aber Bob kannte ihn. Manchmal besser als sich selbst.

Die minimale Spannung im Kiefer. Die zu geraden Schultern. Das war blanke Überforderung.

„Peter“, sagte Bob noch einmal, diesmal weicher. „Geh nicht.“

„Warum nicht?“

Weil ich das nicht aushalte, dachte Bob.

Weil ich es hasse, wenn ich nicht weiß, wo ich hingehöre.

Aber er sagte: „Weil wir das klären müssen.“

Stille.

Dann schien Justus doch noch seine Stimme wieder zu finden, leiser als zuvor und unter großer Mühe flüsterte er in den Raum „Wenn du gehst, triffst du eine emotionale Entscheidung in einem Zustand erhöhter Stressbelastung.“

Bob schloss die Augen. Falsche Wortwahl.

Peter riss die Tür auf.

Kalte Luft schlug herein. Regen spritzte auf den Boden.

„Unfassbar!“, rief er. „Selbst jetzt!“

Er setzte einen Fuß nach draußen.

Und da brach etwas.

„Ich habe Angst!“, Justus’ Stimme war nicht laut, aber sie durchschnitt alles.

Peter erstarrte. Bob öffnete die Augen, er erinnerte sich nicht sie geschlossen zu haben.

Justus stand immer noch am Tisch. Aber er wirkte… kleiner.

„Ich habe Angst, okay?“, seine Worte waren schneller gesprochen, purzelten unordentlich von der Zunge, „ich habe Angst, dass ich etwas übersehe. Dass meine Berechnungen falsch sind. Dass ich euch in Gefahr bringe, weil ich nicht gut genug war.“

Bob fühlte, wie sich sein Magen zusammenzog. Natürlich. Keine Arroganz. Justus, sein Justus hatte Angst, ebenso wie Peter nur eben doch ein bisschen anders.

„Also versuchst du, alles zu kontrollieren“, sagte Bob leise.

Justus nickte fast unmerklich, „wenn ich jede Variable bedenke, dann… passiert nichts.“

„Doch“, sagte Peter schon wesentlich besänftigter, „es passiert immer etwas.“

Justus sah zu ihm. Und in seinem Blick lag pure Müdigkeit. Er sah mit einem Mal fünf Jahre älter aus und Bob spürte wie sein Herz erneut schwer würde. Ihr Justus, ihr Erster, der jede Verantwortung, jede Schuld, jede Entscheidung trug.

„Ich brauche euch mehr, als ich zugeben will.“, die Worte waren so leise in den Raum genuschelt worden, dass, hätte der Regen nicht in eben diesem Moment kurz Luft geholt, er Justus nicht gehört hätte.

Der Satz hing in der kalten feuchten Luft zwischen drei Freunden, unzertrennlich seit sie sich kannten.

Bob spürte, wie ihm die Kehle eng wurde.

Peter stand noch immer zu nah an der Tür, Rücken gegen das kühle Holz gedrückt.

Bob hielt den Atem an.

Bitte, dachte er.

Peter sah Justus an. Lange.

Dann langsam zog er einen Fuß vor den anderen, bis er in der Mitte des Raumes stand.

Niemand sprach.

Bob merkte, dass seine Hände zitterten. Vor Erleichterung, vor Schreck.

„Du bist ein Idiot“, murmelte Peter schließlich. Aber seine Stimme war weich.

„Das ist möglich“, sagte Justus.

Fast ein Lächeln.

Bob trat zwischen sie. Nicht als Puffer. Nicht als Schutzschild.

Sondern als Verbindung.

„Wir entscheiden gemeinsam“, sagte er ruhig. „Wir tragen es gemeinsam. Auch die Fehler.“

Justus setze dazu an seinen Kopf zu schütteln, „ich kann nicht riskieren-„

„Du riskierst uns gerade“, unterbrach Peter ihn, ging noch einen Schritt näher auf ihn zu.

Bobs Herz schlug wie wild. Das hier waren Justus und Peter, seine besten Freunde, seine Konstanten, seine … was?

Peter atmete hörbar aus „beim nächsten Mal sagts du einfach: Es gibt eine Unsicherheit“

Justus runzelte die Stirn, „das erhöht die Stressrate um- “

„Justus!“, rief Bob. Der stoppte, dann der Hauch eines Lächelns.

„Ich werde es in Erwägung ziehen.“

„Das ist das Maximum, das wir kriegen“, sagte Bob und sah rüber zu Peter.

„Reicht“, schnaubte Peter, aber fing direkt darauf an zu grinsen.

Niemand war gegangen, für Bob war das genug.

Denn manchmal bestand Loyalität nicht darin, recht zu haben.

Sondern darin, zu bleiben.

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