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So wie du bist

Summary:

Nachdem Griffin Theo die Nachricht hinterlassen hat, dass er mit ihm über etwas Wichtiges sprechen möchte, antwortet Theo erst einmal nicht.

Bis er persönlich und höchst körperlich in Griffins Zimmer auftaucht.

Notes:

(See the end of the work for notes.)

Work Text:

Montag, 14. November 2016

Keine Antwort von Theo.
Keine fucking Antwort.

Ich sitze in der Schule und denke schon die ganze Zeit, dass ich das auch hätte lassen können. Einfach schwänzen und zu Hause darauf warten, ob Theo sich meldet, damit ich ihm sagen kann, dass ich nicht mehr hinter ihm her bin. Dass ich Wade und mir eine Chance geben möchte, um zu sehen, was das wird.

Mein Handy liegt vor mir auf dem Tisch, auf dem Mathebuch. Bereit, jederzeit eine Nachricht zu empfangen - oder einen Anruf, um dann kurz auf die Toilette zu müssen. Der Unterricht kommt allerdings nur wie durch Watte bei mir an. Selbst ein wenig Aufmerksamkeit aufzubringen, gerade so viel, dass ich weiß, worum es geht, wenn ich spontan drangenommen werde, ist ehrlich gesagt gerade zu viel verlangt.
Ich tippe nochmal auf das Display. Vielleicht ist nur keine Benachrichtigung aufgeploppt, oder ich habe sie übersehen, als ich mich mit den Volumenberechnungen an der Tafel beschäftigt habe.
Nichts.
Ich kratze mir meine Handfläche. Dass das Volumen irgendeines Kegelstumpfs gerade drei Kubikdezimeter ist, hilft mir nicht unbedingt, mich auf den Unterricht zu konzentrieren. Ich versuche gerade, etwas mitzuschreiben, als das passiert, was ich erwartet habe: Mein Handy vibriert und ich seufze so laut, dass Ms. Livingston sich herumdreht und ihre Augen den Klassenraum nach dem Störenfried absuchen. Dass auch alle anderen mich ansehen, als sei ich die Hauptrolle im neuesten Tony-verdächtigen Musical, erleichtert ihre Suche erheblich. Zum Glück komme ich mit einem halbwegs bösen Blick davon. Wahrscheinlich ist ihr auch schon mal so eine Peinlichkeit passiert.

Ich aktiviere mein Handydisplay in dem Moment, in dem Ms. Livingston sich wieder der Tafel zuwendet.

Wade (11:47): Man könnte denken, dass wir nur deshalb Sex hatten, damit du etwas hast, über das du unbedingt mit Theo reden kannst! 😠

Ich drehe meinen Kopf abrupt nach rechts, wo Wade sitzt und sehe ihn mit einer Mischung aus Wut auf seine Nachricht und der Überraschung an, dass er mir so etwas vorwirft. Wade schaut aber demonstrativ nach vorn zur Tafel. Er wollte austeilen, aber nicht einstecken.
Ich habe nicht nur deshalb was mit Wade angefangen, damit ich Theo was zum Erzählen habe. Ich wollte das. Aber vielleicht hat Wade auch nicht ganz Unrecht. Ich bin sauer auf ihn, weil er weiß, dass ich auf Theos Nachricht warte und genau das ausgenutzt hat, als er seine Nachricht geschrieben hat. Er wollte mich ertappen.
Ich antworte Wade nicht. Ich weiß nicht genau, was ich ihm antworten soll und befürchte, dass ich zu gemein zu ihm wäre. Und weil ich andere Prioritäten habe. Für den Rest des Schultages spreche ich nicht mit ihm. Ich schätze, mit Theo über Wade und mich reden möchte ich immer noch.

Nachmittag

Ich versuche, ein Buch zu lesen.
Kein Schulbuch, obwohl ich wohl eher eines davon lesen sollte, wenn ich es zu irgendetwas bringen möchte, sondern irgendeinen Thriller. Neben meinem Buch liegt mein Handy und ich schaue nach jeder geraden Seite drauf, um jedes Mal aufs Neue zu realisieren, dass mir Theo immer noch nicht geschrieben hat. Wenigstens entschuldigen könnte er sich dafür, dass er im Studium zu viel zu tun hat. Oder zu viel mit Jackson rumknutschen muss. Okay, das will ich eigentlich gar nicht wissen. Die Sache mit dem Studium ist schon eine gute Erklärung. Es passt zu Theo, wenn er sich da jetzt komplett reinhängt. Aber schreiben könnte er trotzdem.

Mit Seite 142 endet ein Kapitel. Ich nehme mein Handy komplett in die Hand und öffne Theos Telefonbucheintrag. Ich suche die Schaltfläche für Anrufen. Wie heißt es so schön? Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, nachdem der Prophet ihn wirklich darum gebeten hat, dann muss der Prophet zum Berg kommen. Ich bin schon kurz davor, Theo wirklich anzurufen; mein Zeigefinger ist nur Zentimeter davon entfernt, als ich es mir nochmal anders überlege: Gewissermaßen ist der Sinn des Gesprächs mit Theo ja auch, dass ich ihm nicht mehr hinterherlaufe, dass ich ihn nicht mehr zurückzugewinnen versuche. Dass ich irgendwie anfangen kann, sich für ihn und Jackson zu freuen. Oder zumindest, dass ich daran arbeiten kann, dass es mir egal ist. Wie auch immer: Wenn ich ihn jetzt anrufe, steht das doch meinem Vorhaben komplett entgegen.

Ich habe das noch niemandem gesagt, aber seit Kurzem wünsche ich mir, dass es Theo zweimal geben könnte. Zwei gespaltene Persönlichkeiten in zwei verschiedenen Theo-Körpern: einer, der mein bester Freund ist, und einer, der mit mir zusammen war, bis er nach Kalifornien gegangen ist und Jackson traf. Dann könnte ich den ersten fragen, wie ich mit dem anderen Theo sprechen soll. In meiner Vorstellung wäre Theo, mein bester Freund, überhaupt nicht voreingenommen, nur weil der andere auch Theo McIntyre ist.

Ich lege mein Handy wieder weg und wende mich wieder meinem Roman zu, der eigentlich zu gut ist, um ständig von meinem Warten auf Theo unterbrochen zu werden.
Als ich auf Seite 145 bin, klingelt es an der Haustür.
Bestimmt jemand für Mom und Dad.
Es klingelt nochmal.
Jemand Ungeduldiges für Mom und Dad.
Und nochmal.
Und ein viertes Mal.

Ich werfe mein Buch auf mein Bett. Und stehe in der nächsten Sekunde mitten in meinem Zimmer.
Es gibt nur einen, der viermal klingeln würde.
Oder es ist Wade, der will, dass ich so denke.
Nein, das ist zu wichtig. Selbst nach der Nachrichten-Aktion von heute Vormittag würde Wade nicht so weit gehen.
Nicht so weit gehen.
Wenn das wirklich Theo ist, dann ist er mitten im Semester nach New York geflogen. Und will seine Zeit nicht mit Ellen, Russell und Denise verbringen, sondern ist hier. Bei mir. Um zu erfahren, was so wichtig ist.
Meine Handflächen jucken. Beide.
Und in dem Moment, in dem mir einfällt, dass ich endlich mal zur Tür gehen sollte, höre ich, wie Theo mit Dad spricht, als stünden keine fünfzehn Monate zwischen uns, seitdem wir nicht mehr zusammen sind.

Ich versuche, Theos und Dads Gespräch mitzuhören, ohne zu lauschen. Aber das ist, wie ich ziemlich schnell einsehen muss, widersprüchlich. Also versuche ich, nicht so genau hinzuhören, und mehr auf Wörter zu achten, die ein Ende des Gesprächs andeuten.
Und dann klopft er viermal an meine Zimmertür, erst zweimal kurz hintereinander, dann nochmal. Die Tür steht allerdings offen, sodass er sagt: „Griff? Ich bin’s, Theo. Darf ich reinkommen?“
Ich setze mich auf mein Bett, dann sage ich: „Ja, komm rein!“

Theo sieht desorientiert aus, als wüsste er nicht, wie er in mein Zimmer gekommen ist. Wenn er mich manchmal nachts angerufen hat, weil er eine Idee hatte, die er unbedingt sofort mit mir teilen muss, habe ich mich genauso desorientiert gefühlt. Aber er ist in meinem Zimmer. Hier kann ihm nichts passieren.
Wie lange Theo nicht mehr hier war.

„Griff, ich weiß nicht so recht, wie ich anfangen soll. Ich habe mir dieses Gespräch wirklich tausendmal im Flugzeug überlegt. Ich wollte sogar meinen Sitznachbarn zu einem Rollenspiel überreden, aber er ließ sich partout nicht überzeugen.“
Theo setzt sich neben mich auf mein Bett, bevor ich mir überlegen konnte, ob ich das will. Natürlich hat er sich rechts von mir hingesetzt. Daran gab es keine Sekunde Grund zu zweifeln.
„Normalerweise sollte ich dich dabei auch ansehen. Gebieten das nicht die Regeln der Höflichkeit?“, sagt er und sieht mich nicht an und ich glaube, dass er das nicht tut, weil er es nicht kann. Das ist erstaunlich. Ich habe Theo immer für jemanden gehalten, der alles kann, oder zumindest bereit und fähig ist, alles zu lernen, was er lernen möchte.
Ich jucke meine Hand. Theo sieht es, sagt aber nichts darüber.

„Ich habe mir gedacht, dass es ein guter Einstieg ist, dir einen Tausch anzubieten, Griff. Einen sehr wichtigen Tausch. Ich habe nämlich gemerkt, dass ich dir etwas hinterlassen habe, das ich zurück brauche.“
Meine Gedanken kreisen sofort um diese Formulierung. Was hat Theo mir dagelassen, was er wiederhaben möchte?
„Mir ist klar geworden, dass ich sterben werde, Griffin.“
„Was? Bist du krank?“, frage ich ehrlich schockiert.
Die plötzliche Sorge um Theo verdrängt alles andere. Ich drehe mich weiter in seine Richtung, um ihm in die Augen zu sehen, die ich so vermisst habe.
„Aber nein, Griffin! So meinte ich das nicht. Ich bin nicht krank. Beruhig dich bitte. Es ist alles in Ordnung. Okay, das Meiste.“
Das beruhigt mich tatsächlich. Mein ganzer Körper entspannt sich. Mir ist aber klar, dass ich Theo weiter in die Augen sehen will. Ich habe das zu lange nicht mehr machen können, um es jetzt so einfach aufzugeben.
„Ich werde sterben, so wie du, wie deine Eltern und meine. Wie Denise. Wie wir alle eben“, erklärt Theo und ich nicke, weil seine Erklärung so verständlich ist und weil sie bedeutet, dass er nicht heute sterben wird und nicht in ein paar Wochen.
„Deshalb brauche ich mein Versprechen zurück, Griffin.“

Ich bin einen Moment lang stumm und überlege mir eine Antwort darauf.
„Geht nicht. Rückgabe ausgeschlossen. Das geht nicht mehr, wenn man etwas schon gebraucht hat. Wir müssen schon das Recht einhalten, Theo. Du musst wissen, dass die Zombiepiraten vor meiner Tür standen und wissen wollten, wo du bist, weil du ihre Pläne wusstest. Das mögen sie nicht, ist ja klar. Ich musste wissen, was ich tun sollte. Ich habe in Gedanken dein Versprechen angezapft, nicht zu sterben. Und dann wusste ich, dass ich sie in die falsche Richtung lenken musste. Auf eine falsche Fährte, weißt du?“
Theo nickt.
„Dann suchen sie jetzt östlich von hier nach mir?“
„Budapest“, sage ich siegesgewiss.
„Oh, dann muss ich mir merken, dass ich da nicht hinfahre. Danke, Griffin! Du hast mir echt den Arsch gerettet!“

Er hält mir die Hand hin wie damals vor fast zweieinhalb Jahren, als wir uns unsere Gefühle gestanden haben. Ist das hier eine absichtliche Anspielung darauf? Ich sehe ihm in die Augen und traue mich nicht zu fragen, aus Angst, dass es nicht so ist und Theo hier ist, um mir zu sagen, dass du-weißt-schon-wer und er jetzt verlobt sind, obwohl Theo noch nicht einmal mit dem Studium fertig ist.
Ich weiß nicht, was ich dann machen würde. Im Moment pendeln meine Gedanken zwischen zwei Extremen: Theo öffnet erneut die Tür zu unserem Endspiel, oder er ist hier, um sie für immer zuzuschlagen.
Ich sehe, nein, ich starre viel zu lange auf seine ausgestreckte Hand, und dann nehme sie und schüttele sie, als ob ich Theo gerade zu einem Geschäftstermin treffen würde.

„Du hast mich zwar damit vor den Zombiepiraten gerettet. Aber jetzt weiß ich nicht, was wir machen, Griff“, sagt er gut gelaunt. „Dabei bin ich hergekommen, um etwas dagegen einzutauschen.“
„Was?“, frage ich zu schnell, zu laut, zu fordernd. In dem Moment will ich es wissen, bevor ich nicht mehr den Mut aufbringe danach zu fragen.
Theo lässt meine Hand los und im selben Moment vermisse ich schon wieder seine Berührung.
Er steht von meinem Bett auf, geht ein paar Schritte, hockt sich dann vor mein Bett und nimmt wieder meine Hand. Diesmal hält er sie so, wie er sie halten soll. Nicht wie ein Geschäftstermin.

„Wie wäre es mit dem Anfang unseres Endspiels?“
Theo lächelt ein verboten verführerisches Lächeln, das ich ansehe, weil ich es immer sehen will, wenn er es macht.
„Sag das nochmal“, fordere ich ungläubig. Ich will sichergehen, dass ich gerade nicht träume.
„Griff, ich …“
Er ist kurz davor, meine Hand wieder loszulassen, hindert sich selbst aber daran und hält meine Hand nur noch fester.
„Dein Anruf. Als ich deine Nachricht gehört habe, habe ich gedacht, dass sich da etwas bei dir geändert hat. Auf einmal befand ich mich in Gedanken in dem Paralleluniversum, in dem wir nicht wieder zusammenkommen, in dem du auch kein Teil meines Lebens mehr bist. Ich habe in den letzten Monaten ein paar Mal über dieses Paralleluniversum nachgedacht. Hey, lass mich bitte ausreden, okay?“
Ich habe nicht gemerkt, wie ich Theo angesehen haben muss. Der Gedanke daran, dass er mich nicht mehr in seinem Leben haben will, hat mich schockiert, obwohl ich ja offensichtlich weiß, dass das nicht das Ende von Theos Geschichte ist. Oder unserer Geschichte.

„Ich wollte dich nicht aktiv nicht mehr in meinem Leben haben. Ich habe mir nur vorgestellt, mir eine Zukunft mit Jackson in Los Angeles aufzubauen. Jackson und ich waren zusammen, Griff. Also technisch gesehen …“ Theo legt seine Hand in den Nacken. „Also technisch gesehen habe ich nicht mit ihm Schluss gemacht. Es ging auch erstmal um etwas ganz anderes. Ich will das nicht. Die Vorstellung, dass mein Leben ohne dich stattfinden soll, weil ich immer seltener in New York wäre, war schrecklich. Du bist mein bester Freund und ein super Boyfriend. Wir hätten nicht Schluss machen sollen, Griff. Wir hätten einfach mit einer Fernbeziehung weitermachen sollen.“

Das dachte ich zwischenzeitlich auch. Wenn wir nicht Schluss gemacht hätten, hätte Theo zu Jackson stattdessen „Danke fürs Mitnehmen, Bro, aber ich hab einen Freund und ich liebe ihn über alles. Ich kann leider keinen anderen Menschen annähernd süß finden, oder heiß“ gesagt, Das wäre der Verlauf gewesen, den ich mir gewünscht hätte. Manchmal ist Selbstlosigkeit einfach ein Schuss ins Knie. Und mit Theo Schluss zu machen, war so einer.
„Ja“, sage ich aber nur, weil ich ihm nicht all das sagen möchte. Weil ich nicht so eindeutig egoistisch rüberkommen möchte. Theo mag sich das alles zwar denken, aber wenn ich es nicht ausspreche, dann bleibt er wenigstens im Ungewissen.
„Wir könnten wieder zusammen sein. Uns küssen. Auf der High Line. In meinem Zimmer. Ich zeig dir mein Wohnheimzimmer. Und wenn du irgendwann doch noch dieses Daumenkino machst von dir, auf dem du dich ausziehst, dann mache ich ein Reaktionsvideo. Diese Dinger werden der nächste Trend!”
„Reaktionsvideos?“
„Ja, ich zeige dir live und in Farbe, was das Daumenkino in mir auslöst. Und mit Ton!“
„Dann muss ich unbedingt lernen, wie man so etwas macht“ , sage ich.

Wir sind eine Zeitlang still, bevor wir beide etwas sagen wollen und uns damit wieder ins Wort fallen.
„Was wolltest du mir eigentlich sagen?“, fragt Theo.
„Du musst vorher mit Jackson Schluss machen”, sage ich so neutral wie möglich. „Du zuerst“, sage ich dann.
„Was wolltest du mir eigentlich sagen, das nichts mit uns zu tun hat, aber indirekt doch?”
Theo spricht auf meine Sprachnachricht an, die alles ins Rollen gebracht hat, die Theo hat einsehen lassen, dass er doch mit mir zusammen sein will. Und jetzt kann sie mir zum Verhängnis werden. Ich kann ihm jetzt nicht sagen, dass ich mit Wade gevögelt habe. Das ist der denkbar schlechteste Zeitpunkt dafür. Ich will nicht, dass er das in den falschen Hals bekommt. Oder wäre das in dem Fall der richtige Hals? Sehr viel zu deuten gibt es nicht.

„Ich schätze, ich wollte dir … sagen, dass ich nicht mehr auf dich warten wollte“, lüge ich Bill-Clinton-mäßig. Ich habe keine sexuelle Beziehung zu deinem besten Freund. Ich muss ihm das irgendwann trotzdem sagen. Und irgendwann ist, bevor er auf Wade trifft und sie sich über Theo und mich unterhalten. Und muss hoffen, dass Theo mich dann nicht doch wieder vor die Tür setzt.
„Oh …“, antwortet er enttäuscht. „Aber du klangst eher nach Neuanfang und nicht nach Beenden”, wundert er sich.
„In dem Universum von gestern wäre es auch eine Art Neuanfang gewesen. Ich rede mich immer weiter raus und gleichzeitig in eine Lage, in der es mir immer schwerer fallen könnte, ihm die ganze Wahrheit zu erzählen.
„Dann ist es meinem Timing zu verdanken, dass ich noch rechtzeitig gekommen bin“, sagt er und sein Blick hebt sich wieder.
Als ich nicke, kommt sein Gesicht mir näher.
Ich lege meine Hand auf Theos Brust und halte ihn auf.
„Wir können unser Endspiel haben”, sage ich und schiebe ein „Sehr gern sogar” hinterher, weil ich fand, dass das Erste zu neutral klang.
„Aber erst …”, sage ich.
„Ich verstehe. Zuerst muss ich Single sein, damit ich für Mr. Griffin Ohne Zweitname Jennings wieder frei bin. Wird gemacht, obwohl das nicht leicht ist. Und ehrlich gesagt? Ich möchte es lieber persönlich machen, wenn ich wieder in Santa Monica bin. Aber wenn du bis dahin weder kuscheln noch knutschen willst, kann ich das verstehen.“
Ich sehe ihn jetzt auch enttäuscht an. So richtig hatte ich das wohl nicht durchdacht, Aber wenn ich jetzt nicht konsequent bleibe, ende ich bald noch in einer Dreiecksbeziehung, die ich garantiert nicht will. Vor allem will ich doch bestimmt keinen Dreier mit Theo und Jackson.

„Vor allem deshalb wird das nicht einfach für mich, weil Jackson einfach ein super Typ mit einem großen Herz ist. Er hat nichts falsch gemacht. Na ja, vielleicht, dass er wollte, dass ich den Kontakt zu dir abbreche”, erklärt Theo dann. „Was ich nicht wollte. Und was ich nicht gut von ihm fand. Ich möchte mit Jackson befreundet bleiben. Und wer weiß? Vielleicht könnt ihr euch dann auch anfreunden. Das wär cool.”
Ich kann verstehen, dass er mit Jackson befreundet bleiben möchte. Nachdem Theo es abgelehnt hat, den Kontakt zu mir abzubrechen, kann ich auch schlecht das Gleiche von Theo verlangen. Zumal Theo mich freiwillig zurückhaben will. Also kann ich jetzt ruhigen Gewissens den Gönner spielen.
„Klar kannst du mit ihm befreundet bleiben. Wenn er das auch will. Ich hab kein Problem damit“, sage ich also und Theo sieht mich verliebt an. Wie ich das vermisst habe.
„Danke Griff, ich wusste, dass ich auf dich zählen kann”, sagt er.
„Ich weiß nur nicht, ob er und ich uns wirklich anfreunden.” Ich klinge skeptisch, klar, aber meine Formulierung lässt ein Fenster offen, durch das Theo sofort seinen Enterhaken wirft.
„Ihr könnt es ja drauf ankommen lassen.”
Ich nicke. Vielleicht ist das sogar möglich. Wenn auch nicht sofort.
„Dann … willst du wieder mein Freund sein, wenn ich mit Jackson gesprochen habe?”
Dass ich kurz davor war, Wade und mir eine Chance zu geben für eine echte Beziehung in der Zukunft, das fühlt sich nicht an wie gestern, sondern wie in weiter Ferne.
„Ja”, antworte ich also und erlaube Theo damit, Wade auszubooten, ohne überhaupt von einer Konkurrenzsituation zu wissen.

„Super!“, jauchzt Theo. „Ach, und ich hab hier auch noch was für dich. Um dir zu zeigen, dass ich es ernst meine und nicht bald einen anderen Typen daten will.” Er holt sein Portemonnaie aus seiner Tasche und zieht ein Stück Papier heraus, das Theo offenbar aus einer Promi-Zeitschrift herausgerissen hat. Es sieht tatsächlich nahezu rechteckig aus, aber trotzdem freihändig gerissen. In einer Ecke ist ein Foto von The Weeknd, den ich erkenne.
„Du musst es umdrehen. Du siehst dir sonst an, wie sich alle auf die Victoria’s Secret Fashion Show Ende des Monats freuen.”
Kurz bin ich irritiert, dass Theo so etwas liest, dann drehe ich das Stück Papier herum und lese Theos Schrift.

THEO JENNINGS
Animations-Genie | Liebender Ehemann | ehemaliger Vollidiot | Lebendiges Star-Wars-Lexikon

„Theo … Jennings?”, frage ich.
„Das ist ein Entwurf einer möglichen zukünftigen Visitenkarte von mir. Ich feile noch daran. Vielleicht mache ich eher einen kleinen Clip. Jedenfalls … falls du irgendwann willst, könnten wir den schönsten Tag unseres Lebens planen. Wie gesagt: Irgendwann. Aber ich hatte spontan Lust, deinen Namen auszuprobieren und ich muss sagen. Er steht mir.”
Ich sage nichts. Ich bin absolut überwältigt. Theo hat mich gerade mit einem Liebes-Monster-Truck überfahren und hat dann den Rückwärtsgang eingelegt.
„Hast du …ist das …”, stammele ich.
„Ein Antrag? Nein, ich sehe es mehr als eine Art Angebot, mir irgendwann zu sagen, dass du einen Antrag willst. Oder mir selbst einen zu machen. Oh.”

Theos Handy vibriert. Er holt es aus seiner Tasche. während ich mir weiter oder nochmal Theos Visitenkarte ansehe. Theo und Griffin Jennings. Theo hat recht, das wäre schon cool.

„Mom?”, fragt Theo und hält sich das Handy ans Ohr.
„Ja, ich bin noch bei Griffin. Ja. Okay, wenn du meinst. Ja, du hast recht. Bis dann.”

Er legt auf und sieht mich an.
„Mom, Dad und Dee wollen, dass ich nach Hause komme. Damit sie auch etwas von mir haben.” Theo steht von meinem Bett auf.
„Ich bin auf jeden Fall ein paar Tage hier. Du glaubst gar nicht, wie schwer es ist, sich auf ein paar Bücher zu beschränken, um keinen Aufschlag am Flughafen bezahlen zu müssen. Freundschaftliche und vielleicht ein bisschen einen Neubeginn antizipierende Umarmung?”
„Genau das!”, sage ich und lasse mich in Theos geöffnete Arm fallen.
„Wir schreiben und wir telefonieren einfach. Und du siehst mich bestimmt ein paar Mal in den nächsten Tagen. Ab jetzt bin ich das Streichholz, das du nicht verlierst.”
Ich freue mich jetzt schon darauf.

Ein paar Stunden später

Ich fühle mich dank Theos Rückkehr aus Jackson-Land wie neu geboren.
Nachdem Theo unsere Wohnung verlassen hat, kam Dad zu mir. Er hat sich auch darüber gefreut, dass er nun zurück ist, auch wenn das eine komische Formulierung ist, das gebe ich zu. Denn Theo wechselt ja nicht an die NYU, auch wenn das das perfekte Ergebnis wäre. Aber damit komme ich wunderbar klar. Theo hat recht, wir hätten eine Fernbeziehung versuchen sollen. Und das werden wir machen, sobald sich Theo offiziell von Jackson getrennt hat.
Dads Warnung, ich soll ein bisschen vorsichtig sein, weil sich Theo von einem Tag auf den anderen für mich entschieden hat, habe ich registriert und ich habe Dad auch versprochen, vorsichtig zu sein. Wie ich das allerdings machen soll, hat er mir nicht gesagt und ich habe nicht nachgefragt. Ich habe Dad auch nicht von Theos Visitenkarten-Entwurf erzählt. Der ist eine Sache zwischen Theo und mir.

Jetzt sitze ich in meinem Zimmer und lese ein Sachbuch. Es geht um die Entstehung und Entwicklung des Geldes und der Autor scheint einiges abzulehnen, was heute noch als Allgemeinwissen über das Thema zu gelten scheint.
Ich krame mein Handy heraus, um Theo ein Bild zu schicken, als Beweis dafür, dass ich ein Sachbuch lese und es wirklich interessant finde.
In dem Moment, als ich Theo das Bild schicken will, sehe ich, dass er selbst eine Nachricht an mich schreibt. Ich warte lieber ab, um zu sehen, was er schreibt. Dann sehe ich seine Nachricht.

Theo (17:47): Bock auf Abendessen bei uns? Wir haben ungefähr eine Tonne dieser frittierten Hähnchenteile.
Theo (17:47): Und ich bin früher wieder Single als gedacht.

Ich musste die zweite Nachricht mehrmals lesen.
Erst habe ich mich natürlich gefreut. Das heißt, ich kann schon jetzt wieder mit Theo zusammen sein. Mit ihm Zeit verbringen, während er hier ist. Und ich muss nicht erst bis zum nächste Mal warten, bis er aus Santa Monica wiederkommt. Das kann Weihnachten sein. Oder sein Geburtstag. Oder meiner. Nein, ich kann tatsächlich jetzt mit ihm Zeit verbringen. Als sei Freund.
Dann fällt mir auf, wie er das formuliert hat. Das klingt nicht so, als hätte er sich früher entschieden, mit Jackson Schluss zu machen, zumal er wirklich darauf bestanden hat, erst persönlich in Santa Monica mit Jackson zu sprechen.

Griffin (17:50): OMG 😮Was ist passiert?
Theo (17:50): Nichts, worüber ich mir heute den Kopf zerbrechen möchte. Also, kommst du?
Griffin (17:51): Ich brauche acht Songs heute.
Theo (17:51): Acht? Ich sterbe jetzt schon vor Ungeduld.
Griffin (17:52): Vergiss nicht. Kein Umtauschrecht für dein Versprechen, nicht zu sterben.
Theo (17:52): Könntest du vielleicht weniger herumtrödeln?
Griffin (17:52): Aye, Sir! 🫡

Ich beeile mich, mir was Ordentliches anzuziehen, außerdem die Schuhe, die Theo mir zum Geburtstag geschickt hat. Dass er es nicht geschafft hat, anzurufen, ist vergeben und vergessen.
Ich suche Mom und Dad und sage ihnen, dass ich bei Theo und seiner Familie esse und habe mich bei ihnen verabschiedet, bevor sie die Chance haben zu protestieren. Ein paar Sekunden später bin ich aus dem Haus und zum ersten Mal seit langer Zeit wieder auf dem Weg zur Wohnung der McIntyres.

Als ich auf dem Stockwerk ankomme, auf dem Theos Familie wohnt, sehe ich ihn vor der geschlossenen Wohnungstür stehen.
Wir begrüßen einander wieder mit einer innigen Umarmung.
„Ich dachte, ich komme dir entgegen, Griff. Du darfst nämlich wählen.”
Ich sehe ihn fragend an.
Theo streckt mir seine Hand entgegen.
„Wir können entweder jetzt schon sagen, dass wir wieder zusammen sind, oder wir nehmen uns vorher die Zeit und sprechen über unsere Gefühle und so.“
„Und? Was sind deine Gefühle, Theo?”, frage ich ihn neckend.
„Ich will mit dir zusammen sein, Griff. Ich dachte, das hätte ich deutlich gemacht.” Die Art, wie er seine Arme hebt und dann wieder fallen lässt, deutet darauf hin dass er gestresst ist,
„Und ich hab kein Problem, es gleich allen zu verkünden.”
Ohne weitere Worte greife ich nach seiner Hand, was Theo merklich beruhigt.
Er zieht seinen Schlüsselbund aus der Hosentasche und wir betreten gemeinsam die Wohnung.

Russell und Ellen sind in der Küche. Während Russell versucht, die Hähnchenteile und Fritten in zwei Pfannen warmzuhalten, bereitet Ellen ihren berühmten Eistee zu, der zu jeder Jahreszeit fantastisch schmeckt. Die beiden sehen auf unsere ineinander verschränkten Hände.
„Hallo Griffin, schön, dich zu sehen. Danke, dass du uns hilfst, diese vielen Teile hier zu essen”, sagt Ellen. Russell nickt und ergänzt: „Ich habe einfach zu viele davon gekauft.“
Wahrscheinlich war Einfrieren keine Lösung.
„Setzt euch doch schon mal ins Wohnzimmer zu Denise. Sie freut sich bestimmt auch, dich wiederzusehen, Griffin.”
„Okay”, sagen wir gleichzeitig und leisten Theos Schwester Gesellschaft, die mich tatsächlich umarmt.

Als das Essen und die Eistees auf dem Tisch stehen, räuspert sich Theo, der neben mir sitzt.
„Bevor wir essen, würde ich gern noch eine Ankündigung machen.“, sagt Theo und sieht mich an. „Ich habe das Glück, wieder mit Griff zusammen sein zu dürfen. Und auch wenn die Trennung von Jackson etwas kurzfristig war. Ich bin mir hundertprozentig sicher, dass das die richtige Entscheidung ist. Und ich möchte keine Mutmaßungen darüber hören, ob ich meine Partner öfter wechsel als meine Unterwäsche.”
Theo hebt sein Eisteeglas an.
„Auf Griffin und mich”, skandiert er und wir prosten uns zu.
„Auf Theo und Griffin”, fliegt durch den Raum.

Als wir uns unserem Essen zuwenden wollen, beugt sich Theo zu mir rüber und küsst mich. Und ein bisschen ist es, als hätten wir tatsächlich nie damit aufgehört.

Notes:

Der Titel ist einem Lied von Räuberzivil entlehnt.