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Wenn es Leo schlecht ging, gab es nur einen Platz auf dieser Welt, an dem er sein wollte. An dem er sich sicher und geborgen fühlte. Wenn es Leo schlecht ging, dann fühlte er sich plötzlich ganz klein. Und heute war so ein Tag.
Adam spürte es. Er konnte es an Leo’s Blick sehen. Nichts als völlige Erschöpfung. Und dann war da Leo’s Stimme, die auf einmal ganz zart und fast schon kindlich klang.
Das passierte hin und wieder. Adam hatte eine Weile gebraucht, um zu verstehen, was da eigentlich mit Leo los war.
Bis er vor einigen Wochen nachts nochmal aufs Präsidium gefahren war. Der aktuelle Fall ließ ihm keine Ruhe, und wenn er eh schon zu wach zum schlafen war, dachte er, konnte er auch einfach direkt Überstunden machen.
Doch zu seiner Überraschung, musste er feststellen, dass noch jemand anderes die gleiche Idee hatte. Unter dem Türschlitz zum Büro drang schwaches Licht durch.
Adam konnte den Anblick nicht einordnen, der sich ihm bot, als er den Raum betrat. Es brannte nur eine kleine Schreibtischlampe, das große Deckenlicht war aus. Und trotzdem erkannte er sofort wer da auf dem Sofa saß. Leo, eingekuschelt in eine hellblaue Kuscheldecke, in seinem Arm hielt er ein Stofftier, drückte es fest an seine Brust. Der geöffnete Laptop auf seinem Schoß ließ sein Gesicht weißlich aufleuchten.
Und da sah er es. Ein Schnuller. Leo hatte einen Schnuller im Mund.
Adam hatte Leo sofort zur Rede gestellt. Ihn gefragt, was um alles in der Welt das hier alles sollte. Und Leo hatte angefangen zu weinen, ihn gebeten, zu gehen und das einfach zu vergessen, da nie wieder drüber zu reden.
Und zu erst wollte Adam genau dies tun. Denn was machte ein erwachsener Leo mit einem Schnuller im Mund? Das war alles sollte absurd gewesen, und dennoch ist Adam geblieben, hatte sich neben den Kleineren gesetzt und stumm auf dessen Laptop gestarrt.
“Es beruhigt mich…”, war alles was Leo schließlich gesagt hatte und dabei klang seine Stimme so zart, dass Adam ihn am liebsten sofort an sich gezogen hätte.
“Kannst du mich halten?”
Leo drehte sich vorsichtig zu ihm um, dabei rutschte sein Stofftier langsam aus seinem Arm. Geistestgegenwärtig griff Adam nach dem braunen Plüschhund, bevor dieser auf den Boden fallen konnte und zog Leo mit der anderen Hand auf seinen Schoß. Die Kuscheldecke rutschte von seinen Schulter und blieb auf dem Sofa liegen.
“Danke.” Leo griff nach dem Hund, drückte ihn wieder an sich.
Es war eine Weile still zwischen den beiden, Leo’s leises Schniefen war alles, was Adam hören konnte.
Dann strich er dem Kleineren sanft durch die Haare. “Magst du mir vielleicht verraten, was genau gerade in dir vor geht?”
Und das tat Leo, wenn auch etwas zurückhaltend. Er sprach so leise, dass Adam Mühe hatte ihn zu verstehen. Sein Gesicht hatte er in Adam’s Shirt gepresst, heiße Tränen liefen ihm über die Wangen.
Er erklärte Adam, dass er sich oft jünger fühlte, als er eigentlich war und dass er es nicht immer kontrollierenkonnte.
“Du fühlst dich dann wieder wie ein Kind?”, hatte Adam vorsichtig nachgehakt. Seine Hand strich in sanften Kreisen über Leo’s Rücken.
“Mhm.” Leo hatte sich den Schnuller wieder in den Mund geschoben. “Hey, so verstehe ich dich doch gar nicht”. Adam stupste seine Nase an, brachte Leo zum kichern und da merkte Adam wie er selber auch lächeln musste.
Leo sah so klein und zerbechlich aus, wie er da auf seinem Schoß saß. Seine Augen waren gerötet vom Weinen und er vergrub sein Gesicht im Fell seines Plüschhundes.
So absurd das Ganze hier auch war, etwas in ihm wollte unbedingt für Leo da sein, ihn halten und ihn durch diese Momente begleiten.
So kam es, dass Adam sich wie selbstverständlich immer mehr in die Rolle als Leo’s Caregiver gefügt hatte. Wenn sie beide nach einem harten Arbeitstag nach Hause in die WG kamen und Leo einfach nur seinen Kopf abschalten, nicht mehr denken und sich einfach führen lassen wollte oder wenn er nachts nicht schlafen konnte und bepackt mit seinem Plüschhund und Schnuller zu Adam ins Bett gekletter kam. Dann saß Leo auf Adam’s Schoß, ließ sich sanft hin und her wiegen und fühlte sich so geborgen wie noch nie in seinem Leben.
Oder aber auch an einem Tag wie heute.
Leo knallte die Beifahrertür frustriert zu, ließ sich mit einem lauten Seufzen auf dem Sitz nieder. Und da war er wieder, dieser leere Blick.
Adam wollte den Wagen starten, löste seine Hand aber wieder vom Zündschlüssel und legte sie auf Leo’s Oberschenkel. “Tiger, was ist los?”
“Nichts”, Leo biss sich auf die Unterlippe, holte tief Luft und fuhr dann mit brüchiger Stimme fort, “… alles. Wir haben keine brauchbaren Hinweise, die einzigen Zeugen wollen nicht mit uns reden und-“, er musste stoppen um Luft zu holen. “Und alles ist scheiße. Wir kommen nicht weiter, Adam. Ich kann an nichts anderes denken. Uns läuft die Zeit davon, was ist wenn-“. Adam stoppte ihn.
“Ich weiß. Ist alles scheiße.” Adam ließ seine Hand sanft Leo’s Oberschenkel auf und ab streicheln. “Aber du verlierst dich gerade komplett in diesem Fall. Seit Tagen schläfst du nicht mehr richtig. Du musst auch auf dich selber achten, Leo.”
Wie zur Bestätigung liefen Leo jetzt heiße Tränen über die Wangen, tropften an seinem Kinn herunter auf Adam’s Hand.
“Ich will nicht mehr. Ich will nicht mehr.” Leo wiederholte es immer und immer wieder, mit jedem Satz wurde seine Stimme lauter. Er schob Adam’s Hand von seinem Bein und fing an sich mit seinen Nägeln die dünne Haut an seinen Unterarmen aufzukratzen.
“Leo! Scheiße. Hey, hör auf damit!” Der Größere griff nach seinen Handgelenken, versuchte den zappelnden und schreienden Leo an sich zu drücken. Die Kupplung zwischen ihnen presste sich unangenehm in Adam’s Hüftknochen. Das Auto war wirklich kein guter Ort, für Leo’s Meltdown.
Mit dem linken Fuß stieß Adam die Tür auf, behielt Leo nicht aus den Augen, während er aus dem Auto sprang und einmal um den Wagen sprintete. Adam riss die Beifahrertür mit so viel Schwung auf, dass er kurz nach hinten stolperte.
“Komm her, Leo”. Er versuchte Leo’s Arme zu greifen. Dieser hatte inzwischen damit angefangen, sich einzelne Haarsträhnen rauszureißen.
“Lass mich los. Nein!” Leo trat mit seinen Beinen nach Adam, hatte aber keine Chance gegen den Größeren. Wie selbstverständlich hob Adam ihn aus dem Auto, ließ sich mit ihm auf dem harten Kies nieder.
“Tiger, ich bin hier, alles ist okay.”
Der Parkplatz, auf dem sie parkten, war menschenleer. Gut so, dachte Adam, als er auf den zappelnden Leo in seinen Armen blickte.
Er presste Leo’s Gesicht gegen seine Brust. Die Beine hatte Leo um seine Hüfte geschlungen, und so saßen sie da. Er ließ Leo auch dann nicht los, als dieser anfing mit seinen Fäusten gegen seinen Rücken zu boxen.
Irgendwann wurde Leo ruhiger in seinen Armen. Seine Hände hatten sich jetzt in Adam’s Shirt gekrallt und er fing laut an zu schluchzen.
“Tut mir leid. Ich wollte das nicht. Ich wollte dich nicht schlagen”. Leo’s Stimme klang so klein und zart, dass Adam sich auf die Lippe beißen musste, um nicht auch loszuweinen.
“Shhh. Das weiß ich doch.” Er drückte Leo noch enger an sich. Er wusste, dass Leo ihm niemals mit Absicht wehtun würde, er wusste, dass Leo sich gerade in seinem Headspace befand und nichts mehr brauchte, als Adam’s Nähe.
Hier in Adam’s Schoß, mitten auf dem Kiesboden, viel die ganze Wut, die ganze Frustration endlich von ihm ab. Er wollte Adam nicht wehtun, er wollte nicht so ausrasten, die ganze letzte halbe Stunde fühlte sich wie Nebel in Leo’s Kopf an.
Adam schob seine Hände unter Leo’s Po und hob ihn sanft hoch, ohne Mühe trug er ihn zum Auto und setzte ihn zurück auf den Beifahrersitz, schnallte ihn an und gab ihm einen Kuss auf die Stirn.
Aus der Tasche auf dem Rücksitz kramte er Leo’s Plüschhund raus, ohne diesen verließ Leo das Haus nicht mehr.
“Hier, schau mal, Tiger.” Adam reichte ihm den Hund, sah wie sich Leo’s Haltung augenblicklich entspannte, als er sein Gesicht in dem weichen Stoff vergrub.
Die Rückfahrt verlief ruhig. Adam’s Hand ruhte wieder auf Leo’s Oberschenkel. Hin und wieder warf er einen prüfenden Blick auf den Kleineren, welcher die Augen geschlossen und das Gesicht an das kühle Fenster gelehnt hatte. Der Plüschhund war schützend an seine Brust gepresst.
Adam wusste, dass nach Feierabend ein klärendes Gespräch auf sie beide wartete, er wusste, dass er sich unbedingt um Leo’s aufgekratzte Arme kümmern musste. Aber erstmal setzte er den Blinker nach rechts und fuhr einen Umweg, um Leo’s Körper etwas Zeit zum erholen zu geben.
