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Adam war heute zum ersten Mal bei Leo zuhause. Er hatte ihn eingeladen. Leos Mutter hatte ihn sogar eingeladen, zum Abendessen dazubleiben. Adam hatte dankend abgelehnt. Freundlich, aber bestimmt. Zu gerne wäre er länger dageblieben und hätte mit der Familie Hölzer zu Abend gegessen. Vielleicht hätte er dann sogar endlich einmal Leos Schwestern kennengelernt. Aber ob die ihn überhaupt gemocht hätten? Vermutlich nicht.
Es war fast sechs Uhr Abends. Bald würde es dunkel werden, schliesslich war es erst Ende Februar. Adam wusste, dass auch die Hölzers bald essen würden. Halb sieben, hatte Leos Mutter zuvor gesagt. Wenn er seinen Vater nicht unnötig sauer machen wollte, würde er bald losgehen müssen. Weg von dieser netten Familie. Weg vom schönen Haus mit Garten, das einzig und allein von Positivität behaftet schien.
Adam hätte eifersüchtig auf Leo sein können. Mit seiner perfekten Familie, mit seinen Eltern, die ihn tatsächlich liebten. Mit seinen Schwestern, mit denen Leo sich auch noch super zu verstehen schien. Aber Adam war nicht eifersüchtig. Er verstand es selbst nicht wirklich, er hätte allen Grund dazu gehabt, neidisch auf Leo zu sein. War er aber nicht. Er war einfach nur froh, dass Leo ein gutes Umfeld hatte. In der Schule wurde er auch nicht mehr gehänselt, seit diesem einen Vorfall mit Adam und dem Mitschüler, der sich danach vor Schmerzen auf dem Boden gewälzt hatte.
Leo verdiente nur das Beste. Adam war froh, dass es ihn selbst getroffen hatte, mit Roland. Seinem Vater. Dass Leos Vater das pure Gegenteil von Roland war. Er konnte sich gar nicht vorstellen, wie er sich fühlen würde, wäre Leo an seiner Stelle. Hätte Leo einen Vater wie Roland, eine Mutter wie Heide. Ein Vater, der ihn quälte, und eine Mutter, die es ignorierte. Schnell schüttelte Adam seinen Kopf, um diese Bilder in seinem Kopf loszuwerden. Leo war in Sicherheit. Es ging ihm gut. Das war alles, was zählte.
«Adam? Alles okay?», riss ihn Leos Stimme aus den Gedanken.
«Was?», fragte Adam. Er fühlte, wie sich die Hitze in ihm ausbreitete. Wie das Blut in seinen Kopf schoss und seine Wangen erröteten. «Äh, ja. Ja, alles gut. Hab nur nachgedacht», redete Adam weiter. «Es wird bald dunkel.» Er musste nicht näher erklären, was das bedeutete. Leo wusste Bescheid. Dieser schreckte auf und warf einen Blick auf die Uhr, die neben seiner Zimmertür hing. Mühselig wuselte sich Leo aus den weichen Tiefen seines Sitzsackes. Adam blieb noch eine kurze Zeit in Leos Hängesessel sitzen, den er sich sogleich zu eigen gemacht hatte, als er das Zimmer am frühen Nachmittag betreten hatte.
Er liess seinen Blick langsam durch Leos kleines Reich schweifen. Es sah genauso aus, wie ein Zimmer eines Jugendlichen aussehen sollte. Chaos. Wäsche auf dem Boden verstreut. Mehr Bücher auf dem Boden gestapelt, als im Bücherregal, denn dort standen etliche Lego-Technic-Bauten drin. Fotos hingen an seiner Wand. Von ihm und seiner Familie. Und eines von ihm und Adam.
Es war Adam schon aufgefallen, als er das Zimmer zum ersten Mal betreten hatte. Über die letzten Stunden hinweg, die sie praktisch ausschliesslich in Leos Zimmer verbracht hatten, hatte Adam immer und immer wieder auf dieses Foto gestarrt. Musste sich sein Lächeln verkneifen. Musste immer direkt wieder wegschauen, bevor Leo seinen Blick zu Ende verfolgen konnte.
Das Foto war bei einem Schulanlass entstanden. Adam wusste nicht mehr, worum es dabei eigentlich gegangen war. Nur zwei Momente dieses Abends blieben ihm im Gedächtnis: Der eine, in dem Leo und er so nahe beieinander standen – fast schon zu nah –, Leos Arm um Adams Schultern, ein breites Grinsen auf Leos Gesicht, ein echtes Lächeln auf Adams Lippen.
Ihre Deutschlehrerin hatte damals ein Foto von ihnen gemacht. Bis heute konnte er Leos Wärme neben sich spüren, wenn er daran dachte.
Gleichzeitig kam dann immer auch die andere Erinnerung mit hoch und Adam konnte den Schmerz an seinem unteren Rücken spüren. Die Narbe, die sich quer darüber zog. Die Narbe, die Adam nur einmal in seinem Leben gesehen hatte. Damals, im Spiegel. Einige Monate danach.
Sein Vater war wütend gewesen, weil er zu spät nach Hause gekommen war. Viel zu spät. Er hatte zu viel Spass gehabt. Hatte den ganzen Abend mit Leo verbracht. Adam glaubte, sich an Gelächter erinnern zu können. An kurze, feine Berührungen von Leo an Adams Schulter. Aber vielleicht bildete er sich das auch nur ein.
Leo zu fragen, was an diesem Abend zwischen ihnen geschehen war, konnte er jedenfalls nicht. Adam wusste nicht, warum er sich nicht mehr daran erinnern konnte. Mit Ausnahme des Fotos und der Prügel. Er wünschte, er hätte mehr als das Bild und die Narbe.
«Nimmst du den Bus?», fragte Leo. Wieder riss er Adam damit aus seinen Gedanken. «Nee, ich lauf’ lieber. Ich hab meinem Vater gesagt, ich wäre trainieren.» Adam grinste leicht bei dieser Aussage. Vielleicht, um mutig zu wirken. Vielleicht, um Leo zu zeigen, dass er sich keine Sorgen um ihn machen musste.
Adam wusste, dass Leo sich trotzdem Sorgen machen würde. Vermutlich nicht ohne Grund. Er wusste, dass Leo davon wusste. Und Leo wusste, dass Adam das wusste. Sie hatten nie darüber geredet. Was konnte man schon dazu sagen?
«Du musst jetzt aber wirklich los. Sonst schaffst du’s nicht mehr rechtzeitig zurück», sagte Leo mit einem besorgten Unterton. Er reichte Adam die Hand, um ihn aus dem Hängesessel zu ziehen. Adam nahm sie. Leos Haut war weich. Warm. Adams Herz klopfte schneller. Die Berührung hielt nur wenige Sekunden an. Sekunden, die sich wie Minuten anfühlten. Dann zog Adam seine Hand instinktiv zurück. Sein Herz beruhigte sich nicht mehr. Er hatte sich eingebildet, dass Leo seine Hand noch etwas länger als nötig festgehalten hatte. Natürlich hatte Adam sich geirrt. Eine andere Möglichkeit gab es gar nicht.
Adam folgte seinem besten Freund die schmale Treppe hinunter zum Eingang. Leos Mutter verabschiedete sich gehetzt von Adam – auf dem Herd überkochten die Spaghetti. Sie fragte nochmals, ob er nicht doch dableiben wollte. Wieder lehnte Adam dankend, mit zusammengebissenen Zähnen, ab. Er wünschte, er hätte den Mut gehabt, zuzusagen. Irgendwann würde er das tun. Irgendwann würde er sein eigenes Leben leben können. Nicht mehr nach Hause hetzen müssen, weil sein Vater es so wollte. Irgendwann in ferner Zukunft. Irgendwann.
Adam und Leo waren wieder alleine. Adam schaute Leo an. Leo schaute zurück. Lächelte. Adam lächelte zurück. Wie konnte ein Mensch nur so perfekt sein?
Adam wollte nicht gehen. Er wollte bei Leo bleiben. Sofort würde er sein eigenes Bett gegen Leos flauschigen Sitzsack eintauschen. Solange dieser in Leos Zimmer stehen blieb. Bevor er irgendetwas sagen konnte, zog Leo ihn in eine Umarmung. Adam war überrascht. Er hatte noch nie jemanden umarmt. Nicht so richtig, nicht wirklich. Die Umarmungen seiner Mutter, als er noch kleiner gewesen war, zählte er nicht mit.
Ein wohliges Gefühl durchzog seinen ganzen Körper. Einen Seufzer unterdrückend liess er sich gegen Leos Brust sinken. Schloss seine Arme eng um Leos fast schon zierlichen Körper. In diesem Moment wirkte Leo wie der zerbrechlichste Mensch auf Erden. Adam wusste genau, dass es eigentlich umgekehrt war. Leo war nicht derjenige, der eine Umarmung dringend nötig hatte. Es war Adam.
Er schloss seine Augen. Liess sein Kinn auf Leos Schulter fallen. Atmete tief ein. Leos Geruch floss von seiner Nase bis tief in seine Lunge. Adam atmete so viel wie möglich von Leos Geruch ein. Er durfte ihn nicht vergessen. Niemals.
Er spürte Leos Atem in seinem Nacken. Seine Nackenhaare stellten sich auf. Er drückte Leo noch etwas fester an sich. Leo erwiderte den Druck. Und dann war es schon wieder vorbei. Langsam lösten sie sich voneinander. Standen immer noch viel zu nahe beieinander. Adam spürte wie Leos Hände noch eine Weile an seinen Unterarmen verweilten. Seine Hände waren immer noch weich und warm. Adams Herz raste. Er spürte wie Leos Finger leicht an seinen Unterarmen entlang strichen. Er wollte seine Augen schliessen, in Leos Berührungen versinken. Und dann waren sie weg.
Die plötzliche Absenz von Leo durchfuhr Adam wie ein kalter Schauer. Er verstand nicht, wie Leos Berührungen solche Gefühle in ihm auslösen konnten. Leo schien von Adams Gefühlschaos nichts mitbekommen zu haben. Er lächelte ihn mit seinem typischen, perfekten Leo-Lächeln an und Adam lächelte mit seinem verkrampften ‘Ich hab nie gelernt wie man lächelt’-Lächeln zurück. Dann öffnete Leo die Haustür.
«Beeil dich. Und komm gut nach Hause.»
Adam nickte nur und floh aus Leos Zuhause. Dem perfekten Zuhause. Wobei das Haus keine grosse Rolle spielte. Oder Leos Zimmer. Oder seine Eltern und Schwestern. Leo selbst reichte vollkommen aus. Adam fühlte sich zu Hause, wo auch immer Leo war. Er brauchte nur ihn. Nur Leo.
Adam joggte nach Hause. Nur war es nicht wirklich sein Zuhause, sondern das seiner Eltern. Seine Gedanken kreisten nur noch um Leo. Er liess diese Umarmung durchgehend in seinem Kopf abspielen. Drehte jedes Detail, jede Berührung fünfmal in alle Richtungen. Betrachtete sie von allen möglichen Seiten, mit allen möglichen Gefühlen. Er durfte sie nicht vergessen. Niemals. Er rannte und rannte, und wusste nicht, wie er überhaupt nach Hause gekommen war.
Die nächsten Tage waren nicht besonders ereignisreich. Adam tat immer dasselbe. Er dachte an Leo. Immer und immer wieder stellte er sich die Umarmung vor. Führte sie in seinem Kopf weiter, stellte sich vor, wie es hätte weitergehen können. Irgendwann war er sich nicht mehr sicher, was tatsächlich passiert war.
Hatte Leo ihn überhaupt länger berührt? Vielleicht hatte es sich nur so angefühlt, als Leo seine Hände weggenommen hatte, während er sich aus der Umarmung gelöst hatte. Bei bestem Willen konnte Adam die reale Umarmung nicht mehr rekonstruieren. Er hatte sie sich zu oft vorgestellt, zu viele eigene Berührungen in seinen Gedanken hinzugefügt, die so gar nie stattgefunden hatten.
Er nahm sich vor, beim nächsten Mal genauer darauf zu achten. Seinen Fokus extra auf Leos Berührungen legen. Ob Leo seine Hände wirklich länger auf seinen Unterarmen liegen bleiben würden, oder ob Adam sich das alles nur eingebildet hatte. Vor lauter Wünschen, vor lauter Hoffnung auf etwas, das sowieso niemals passieren würde. Er würde beim nächsten Mal darauf achten.
Falls es überhaupt ein nächstes Mal geben würde. Falls Leo ihn jemals wieder würde umarmen wollen. Adam hoffte es. Wünschte es sich. Zutiefst. Aber es war besser, sich keine allzu grossen Hoffnungen zu machen. Er wollte lieber überrascht anstatt enttäuscht werden.
Bestimmt hatte er sich das alles nur eingebildet. Bestimmt.
Und bald war er sich dessen sicher.
Ganz sicher.
Das nächste Mal passierte es im Wald. Da trieben sie sich oft herum. Adam war so überrumpelt von der Umarmung, dass er vergass, sich auf Leos Berührungen zu konzentrieren. Und doch glaubte er, dass Leo ihn auch diesmal länger berührt hatte, als nötig gewesen wäre. Oder normal. Wieder dachte er so lange darüber nach, bis er sich gar nicht mehr an die Realität erinnern konnte. Nur an seine Tagträume. Er musste sich zusammenreissen. Musste beim nächsten Mal genau darauf achten. Und hoffte inständig, dass es ein nächstes Mal geben würde. Es musste es geben. Er würde das sonst nicht aushalten. Er brauchte Leos Nähe. Seine Berührungen, auch wenn sie noch so kurz waren. Er brauchte Leo.
Und dann war da der See. Ihr See. In dem sie im Sommer badeten, im Frühling und im Herbst am Ufer sassen und redeten. Auf dem sie im Winter – wenn er denn gefroren war – Schlittschuh liefen. Genauer gesagt, lief Leo Schlittschuh und Adam lief Schuh. Er besass keine Schlittschuhe und die von Leos Vater, die Leo ihm einmal mitgebracht hatte, waren viel zu gross. Also lief er Schuh. Er hatte aber kein Problem damit, lustig war es trotzdem. So wie praktisch alles mit Leo.
Nun war es aber Frühling und sie hatten zwei Wochen Ferien. Endlich. Die Vögel zwitscherten, die Bäume spriessten, die Blumen fingen langsam an zu blühen. Adam sass schon auf dem Steg und planschte mit seinen nackten Füssen im kühlen Wasser. Seine Schuhe und Socken standen ordentlich am Ufer, gleich vor dem Anfang des Stegs. Er hörte leise Schritte hinter sich. Das musste Leo sein, der sich versuchte anzuschleichen. Er hatte es noch nie geschafft. Adam war achtsam. Er hörte alles, immer und überall. Immer war er in Bereitschaft sich zu verteidigen. Egal, gegen was oder wen. Nur nicht gegen Leo. Er wusste, dass es Leo war. Er war sich ganz sicher. Seine Schritte, sein Atem. Er würde sie überall erkennen.
Er hörte, wie Leo so leise wie möglich seine Schuhe und Socken auszog, sich dabei fast auf’s Maul legte. Adam grinste stumm vor sich hin, drehte sich nicht um. Er wollte Leo nicht den Spass nehmen und planschte weiterhin, scheinbar unwissend, mit seinen Füssen im Wasser, um Leo in Sicherheit zu wiegen. Trotzdem hörte er Leos Füsse vorsichtig auf den Steg tapsen. Gleich war’s soweit.
«Buh!», rief Leo und packte Adams Schultern. Dieser zuckte erschrocken zusammen. Vielleicht etwas zu überspielt.
«Leo!», rief er aus und kicherte leise.
«Du hast mich kommen hören, oder?», seufzte Leo und verzog seinen Mund. Adam nickte grinsend und Leo liess sich schmollend neben ihm nieder. Kurz berührten sich ihre Hände. Nur für eine Millisekunde. Leo streckte seine Beine in der Luft aus. Obwohl es, Adams Meinung nach zumindest, schon längst Kurze-Hosen-Wetter war, rannte Leo noch mit langen Jeans rum.
«Ist’s kalt?», fragte er misstrauisch. Seine Füsse näherten sich dem Wasser zwar, kamen aber nicht damit in Berührung.
«Nee», antwortete Adam. Für ihn war das Wasser alles andere als kalt. Er kannte Leo gut genug um ganz genau zu wissen, dass es für ihn das glatte Gegenteil war. Aber der Braunhaarige hatte ihn zuvor erschreckt – oder es zumindest versucht – und dafür musste er nun bezahlen. Leo war gutgläubig. Und Adam mochte das an ihm. In Momenten wie diesen, strahlte er eine wunderbare Unbeschwertheit aus, von der Adam nicht einmal zu träumen wagte. Aber er freute sich für Leo. Er hatte auch nicht das einfachste Leben, vor allem in der Schule. Immerhin war das aber etwas besser geworden.
Zögerlich streckte Leo nun seinen grossen Zeh in Richtung des Wassers. Immer und immer näher kam er der Wasseroberfläche, bis sein Zeh sie schliesslich durchbrach. Leo schrie auf und zog seinen Fuss so schnell zurück, dass er die beiden anspritzte.
«Adam!», rief er empört und stiess ihn leicht an der Schulter. Dramatisch liess sich Adam zur Seite kippen. Leo packte ihn lachend an der Schulter, damit er nicht ins Wasser fiel. Adam grinste ihn an und legte sich dann auf den Rücken, die Hände hinter seinem Kopf verschränkt. Leo tat es ihm gleich. Ihre Ellenbogen berührten sich leicht. Adam musste stark gegen den Impuls kämpfen, seinen Arm zurückzuziehen. Musste sich zwingen, die feine Berührung zu geniessen.
Die Sonne blinzelte auf die zwei herab. Mit geschlossenen Augen lagen sie da und lauschten der Stille, die bei genauerem Hinhören alles andere als still war. Vögel zwitscherten, Bäume rauschten, Wasser plätscherte. Leo atmete. Kurz hielt Adam seinen Atem an, um ihm zuzuhören. Er drehte seinen Kopf und schaute Leo mit zugekniffenen Augen an.
Wie die Sonne sein Gesicht erhellte – Adam konnte sich sein Lächeln nicht verkneifen. Leo drehte seinen Kopf in Adams Richtung, lächelte zurück. Schnell schaute Adam wieder in den Himmel. Sein Gesicht wurde ganz heiss. Er wusste nicht, ob das wegen der Sonne oder wegen Leo passierte. Vermutlich war’s die Kombination.
Sie verbrachten den restlichen Nachmittag am See. Als es ihnen zu heiss wurde, in der prallen Sonne und ohne Wind – ja, sogar Leo war’s zu heiss –, verzogen sie sich ans Ufer, in den Schatten der Bäume. Aber nicht, bevor Adam Anstalt machte, in den verlockend kühlen See zu springen, und Leo ihn mit den Worten «Nein, du erkältest dich so noch!» aufhielt.
Sie redeten und redeten. Irgendwann begann Leo zu frösteln, schloss seine Arme um seine angezogenen Beine.
«Kalt?», fragte Adam, als er Leos leicht zitternden Körper bemerkte.
«Bisschen», nuschelte Leo. Adam lächelte. Er wusste, dass er von aussen vollkommen gelassen wirkte. Aber im Innern ratterte es ununterbrochen. Es sollte doch eigentlich keinen solch grossen Gedankenkonflikt in ihm auslösen, oder? Es war doch nur eine Berührung. Leo berührte ihn ständig irgendwo – mal auf der Schulter, mal am Rücken. Nur dass es bisher immer von Leo aus gekommen war. Vielleicht wollte er gar nicht, dass Adam das Gleiche bei ihm tat?
Adam versuchte diesen Gedanken zu verdrängen. Er würde schon merken, wenn Leo sich dabei unwohl fühlen würde. Er nahm seinen ganzen Mut zusammen – klaute sich noch etwas von Leos Mut dazu, weil sein eigener nicht ausreichte – und legte seinen Arm um Leos Schultern. Er hielt die Luft an. Sein Körper war wie gelähmt. War das richtig?
Falls es Leo störte, liess er sich nichts anmerken. Im Gegenteil: Er lehnte sich sogar gegen Adam. So leicht, dass dieser es nicht bemerkt hätte, wenn er nicht auf jedes kleinste Detail, jede noch so unscheinbare Bewegung von Leo geachtet hätte. Endlich wagte Adam wieder zu atmen. Und so sassen sie da. Leo lehnte sich stärker an Adam. Dieser antwortete mit feinen Daumenbewegungen an Leos Schulter. Sie sagten nichts. Sie genossen einfach nur die Gesellschaft des anderen
Als es anfing zu dämmern, machten sich die beiden auf den Heimweg. Am Waldrand, noch im schützenden Schatten der Bäume, trennten sich ihre Wege. Ihre Blicke trafen aufeinander und Adams Herz machte sich für den nächsten Marathonlauf bereit. Er durfte diesmal nicht erstarren. Sein Hirn durfte nicht wieder aussetzen. Er musste sich die Berührungen ganz genau einprägen. Und dann, in der Sicherheit der Nacht, irgendwo aufschreiben. Den Zettel in seinem Zimmer verstecken, dort wo ihn niemals jemand finden würde. All das natürlich nur, wenn die Umarmung überhaupt kommen würde.
Nervös blickte Adam durch die letzten Bäume direkt in seinen Garten. Im Wohnzimmer ging das Licht an. Es wurde immer dunkler draussen. Und dann, endlich: Leo schloss ihn in seine Arme. Adam beugte sich leicht zu ihm hinab und schlang seine Arme um Leos schlanken Körper. Atmete seinen Geruch ein. Er spürte, wie Leos Hände leicht über seinen Rücken strichen. Adam tat es ihm gleich, strich mit klopfendem Herzen über Leos Rücken, vorsichtig und sanft, und grinste in sich hinein. Es war nur eine Umarmung. Eine Umarmung, länger als sie sein sollte. Und dennoch hoffte Adam, sie möge nie enden. Während sie sich schlussendlich lösten, atmete Adam nochmals tief ein. Nur nicht den Verstand verlieren, dachte er sich. Er musste sich konzentrieren. Er musste sich Leos Berührungen haargenau einprägen.
Dann stockte Adam der Atem. Da lagen sie. Leos Hände auf Adams Oberarmen. Langsam glitten sie hinunter, kamen bei seinen Unterarmen an. Adams Hirn setzte aus. Er hörte Leos Stimme. Sie klang fern, gedämpft, als käme sie von weit weg. Redete er mit ihm?
«Adam?»
Er schreckte aus seinen Gedanken. «Was?», fragte er etwas benommen. Er versuchte Leo zuzuhören, wirklich. Aber Leos rechte Hand lag immer noch auf seinem linken Unterarm. Er spürte wie die Kälte von Leos Fingern mit Adams eigener Wärme kollidierte. Sein Herz wollte nicht mehr aufhören wie bescheuert zu pochen.
«Ich hab’ gefragt, ob wir uns morgen wieder sehen», lächelte Leo. Er machte keine Anstalt, seine Hand von Adams Arm zu entfernen. Und langsam bahnte sich Adams Fluchtinstinkt einen Weg an die Oberfläche.
«Muss morgen trainieren, sorry. Du kennst meinen Vater ja», antwortete er, kühler als er eigentlich klingen wollte. Komplett gelogen war’s nicht. Aber der Wahrheit entsprach es ebenso wenig.
«Oh... okay.» Leos Augen wurden traurig.
«Ich hätte aber am Wochenende Zeit», erwiderte Adam schnell. Leos grosse, traurige Augen konnten ihm zu allem bringen.
«Wir fahren doch über’s Wochenende weg, meine Grosseltern besuchen.»
«Ach stimmt. Wann kommst du wieder?»
«Montagabend.»
«Sehen wir uns Dienstag? Ich hab’ den ganzen Tag Zeit», schlug Adam vor. Leo nickte. Die Traurigkeit wich aus seinen Augen und der vertraute Funke kehrte zurück. Sie lächelten sich an. Inzwischen war es dunkel geworden. Kurz, fast schon unscheinbar, strich Leo mit seinem Daumen über Adams Arm. Dann zog er seine Hand zurück, drehte sich um und ging in Richtung der Strasse.
«Bis Dienstag!», rief Leo, als er sich nochmals zu Adam wandte, um ihm zuzuwinken. Adam winkte zurück. Eine Weile blieb er noch stehen. Wartete, bis Leos Silhouette in der Dunkelheit verschwunden war. Dann schlich er sich durch den Garten seiner Eltern, öffnete die Balkontür, die nicht in das erhellte Wohnzimmer, sondern ins Arbeitszimmer seines Vaters führte, so leise wie möglich und verkroch sich in seinem Zimmer.
Adam holte Stift und Papier aus seiner Schreibtischschublade und machte sich an die Arbeit. Jedes einzelne Detail schrieb er auf. Schliesslich faltete er den Zettel zusammen, hob die lose Holzdiele in der Ecke seines Zimmers an und legte den Leo-Zettel zu seinen restlichen Geheimnissen ins Versteck. Und dann hiess es warten. Warten, bis er Leo endlich wiedersehen konnte. Bis Leo zurück nach Hause kam. Er verstand nicht, wie er jemanden vermissen konnte, den er vor einer knappen Stunde gerade noch gesehen hatte. Aber er verstand seine Gefühle sowieso nicht mehr, seit Leo sie so durcheinandergebracht hatte.
Es verging eine gefühlte Ewigkeit bis der nächste Dienstag endlich um die Ecke kam. Mehrmals täglich holte Adam den Leo-Zettel heimlich aus seinem Versteck und las ihn durch. Immer und immer wieder, bis er ihn praktisch auswendig hätte aufsagen können. Er musste sich immer vergewissern, dass er das alles nicht geträumt hatte. Sich das nicht eingebildet hatte, vor lauter Wünschen und Hoffnungen. Aber nein. Es war real. Es war tatsächlich so passiert.
Und dann kam endlich der Dienstag. Schon am Montagabend war Adam kurz davor gewesen, zu Leo nach Hause zu gehen. Nur um ihn kurz zu sehen. Er war schon auf dem Weg zur Tür gewesen, als sein Vater ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht hatte. Und jetzt stand Adam mit blauem Auge vor Leos Haustür. Für Leos Familie hatte er sich schon eine Geschichte zurechtgelegt, wie er zu dem blauen Auge gekommen war. Er hoffte inständig, gar nicht erst von ihr Gebrauch machen zu müssen. Für einen weiteren Moment schwebte sein Zeigefinger vor Hölzers Klingel. Adam atmete tief durch und drückte den kleinen Knopf.
Viel zu schnell wurde die Haustür aufgerissen und Leo flog in seine Arme. Nur kurz, bevor er sich wieder löste und entsetzt auf Adams blaues Auge starrte.
«Was-»
«Nicht hier», unterbrach Adam ihn zischend. Leo nickte stumm und zog ihn ins Haus hinein. Schloss die Tür und packte Adams Hand, führte ihn bis in sein Zimmer und verschloss auch diese Tür. Adam liess sich in Leos Sitzsack fallen und Leo kniete vor ihm auf den Boden. Vorsichtig näherte sich Leos Hand Adams Gesicht. Letzterer zuckte kurz zusammen, als Leos sanfte Hand die schmerzende Stelle berührte.
«Tut’s weh?», fragte Leo besorgt. Adam schüttelte den Kopf. «Nee, passt. Hatte schon schlimmere Schmerzen.»
«Ich hol’ dir was zum Kühlen», sagte Leo. Seine Augen verliessen dabei kein einziges Mal Adams Gesicht, bis er sich umdrehte und aus dem Zimmer verschwand. Langsam liess Adam seinen Kopf nach hinten kippen. Starrte an die Decke. Dort klebten kleine Sterne, die in der Nacht leuchteten. Glaubte Adam zumindest. Er selbst hatte nie welche gehabt.
Gerade wünschte er sich nichts sehnlicher, als auch solche Sterne in seinem Zimmer kleben zu haben. Dann könnte er in seinen zahlosen, schlaflosen Nächten immerhin den weiten Nachthimmel sehen und von einem Leben in den Sternen träumen, weit weg von hier. Mit Leo natürlich. Das war gar keine Frage. Er würde Leo überall hin mitnehmen wollen, egal wohin es ging.
Leo kam einige Minuten später wieder zurück und reichte Adam ein kühles Päckchen, in ein Handtuch eingewickelt. Adam hielt es an sein Auge. Es war angenehm, linderte den Schmerz ein wenig. Leo beobachtete ihn dabei. Sie verloren kein Wort darüber. Leo wusste sowieso, was passiert war und Adam hatte weder die Lust noch die Kraft dazu, seinen besten Freund anzulügen.
Stattdessen sassen sie einfach in Leos Zimmer und redeten über alles Mögliche. Manchmal redeten sie auch gar nicht. Aber es war die angenehmste Stille, die Adam je erlebt hatte. Das lag an Leo. Mit Leo war alles angenehm.
Sie hörten dem Regen zu, wie er auf Leos Dachfenster prasselte. Irgendwann quetschte sich Leo neben Adam auf den Sitzsack. Ihre Schultern berührten sich. Ihre Hüftknochen. Ihre Knie. Adams Herz klopfte und klopfte. So fest, so schnell, dass er Angst hatte, es würde gleich aussetzen. Und trotzdem wollte er diesen Moment gegen keinen anderen auf der Welt eintauschen.
Es dämmerte früher als sonst. Vermutlich wegen der dunklen Gewitterwolken, die sich über die Stadt gelegt hatten. Donner grollte in der Ferne. Irgendwann fing Leo an zu zählen, wie weit Blitz und Donner auseinander lagen. Er erklärte Adam, wie man so die Distanz zum Gewitter berechnen konnte. Adam starrte ihn fasziniert an. Obwohl er Leo schon länger kannte, war er immer wieder aufs Neue überrascht, wie viel Leo wusste. Und wie viel er selbst nicht wusste.
Vorsichtig kippte Leo seinen Kopf auf Adams Schulter. Kurz zuckte dieser zusammen. Sein Herz fing an zu rasen. Seine Gedanken kreisten. Tief einatmen. Tief ausatmen. Alles war okay.
«Musst du nicht bald gehen?», fragte Leo leise. Adam spürte die Vibration seiner Stimme an seiner Schulter. Alles in ihm begann zu kribbeln. Seine Augen folgten Leos Blick, welcher an der Uhr hängen geblieben war. Natürlich hatte sein bester Freund recht. Wie immer. Eine Weile blieben sie noch sitzen, wechselten kein Wort miteinander, bis Adam vorsichtig Leos Kopf von seiner Schulter schob und sich schliesslich mühselig aus dem Sitzsack erhob.
Erwartungsvoll, mit einem leichten Grinsen auf den Lippen, streckte Leo seine Hand aus. Bereitwillig half Adam ihm hoch. Leos Hände waren kühl und weich. Leo liess Adams Hand nicht gleich los, sobald er aufgestanden war. Erst eine Sekunde später. Diese Sekunde brachte Adam beinahe um den Verstand. Er wollte Leos Hand am liebsten für immer halten. Sie nie wieder loslassen.
Bis Adam wieder einen klaren Gedanken fassen konnte, war der Moment schon längst vorbei und Leo stand im Türrahmen. Adam wollte nicht gehen.
«Wir sehen uns bestimmt bald wieder», lächelte Leo. Als ob er Adams Gedanken lesen konnte.
«Morgen?», fragte Adam hoffnungsvoll. «Morgen», nickte Leo bestätigend. Adam folgte ihm die Treppe hinunter. Während er seine Schuhe anzog, beobachtete er, wie Leo dasselbe tat. Verwundert schaute er ihn an.
«Ich begleite dich noch bis zur Bushaltestelle», antwortete dieser und deutete auf den Schirm, der in der Ecke stand. «Es schüttet wie aus Kübeln, da draussen», fügte er grinsend hinzu. Adam schaute ihn einfach nur an und, ohne es verhindern zu können, zog irgendeine ausserirdische Kraft Adams Mundwinkel nach oben.
Der Donner grollte über ihnen, als sie aus dem Haus traten. Regen prasselte auf ihren kleinen Schirm nieder und sie drängten sich näher aneinander, damit sie beide darunter passten. Leo drückte Adam den Schirm in die Hand und legte gleich darauf seinen Arm um Adams Rücken, seine Hand krallte sich in Adams Schulter, welche nur von einem dünnen Pullover bedeckt war. Leo hatte ihm diesen einmal geschenkt, weil Adam ihn so gerne mochte.
So stiefelten sie nebeneinander zur Bushaltestelle. Wieder fing Adams Herz an zu rasen. Er beruhigte sich erst, als sie an der dürftig überdachten Bushaltestelle standen und Leo sich von ihm löste, um den Schirm auszuschütteln. Beide fröstelten. Standen nebeneinander und berührten sich nur beinahe. Sie redeten über nichts Besonderes, bis sie schliesslich den Bus, weit weg, am Waldrand entlang, auf sie zufahren sahen.
Leo liess den Schirm zu Boden fallen und schloss Adam in seine Arme. Adam drückte so fest zu, wie noch nie. Vergrub sein Gesicht in Leos feuchtem Nacken. Der Schirm hatte nicht so viel gebracht, wie sie gehofft hatten. Aber vermutlich war er auch nicht für zwei Personen gedacht. Adam atmete immer wieder Leos Geruch ein. Er sah den Bus näher kommen. Er wirkte beinahe bedrohlich. Wie er sich näherte und somit das Ende dieser Umarmung vollkommen in der Hand hatte. Adam erwischte sich dabei, wie er sich wünschte, dass der Bus gar nie hier ankommen würde. Dass er einen Unfall baute oder einfach rückwärts wieder wegfuhr. Nichts davon passierte. Er kam nur immer näher.
Schliesslich bemerkte auch Leo den Bus. Adam schloss ein letztes Mal die Augen und drückte nochmals fester zu, bevor Leo sich von ihm löste. Und diesmal nahm Adam seinen ganzen Mut zusammen. Liess seine linke Hand locker an Leos Taille liegen. Auch Leos Hand blieb auf Adams Arm liegen. Er glaubte zu spüren, wie Leo mit seiner Hand Adams Ellenbogen umfasste, wie Leos Finger sich vorsichtig bewegten. Streichelte er ihn? Adams Herz klopfte immer schneller. Er wusste nicht, wie er sich beruhigen konnte. Er wollte wieder in Leos Arme fallen, aber das konnte er nicht. Das wäre komisch.
Was bedeutete das alles?
Der Bus kam näher. Das Ganze dauerte nur ein paar wenige Sekunden. Sekunden, die sich wie Minuten, ja wie Stunden anfühlten. Und wieder versuchte Adam sich jedes Detail, jedes Gefühl, jede kleinste Berührung einzuprägen. Er musste das alles auf seinen Leo-Zettel schreiben. Er durfte das nie wieder vergessen.
Seine linke Hand lag immer noch an Leos Taille. Sie zuckte leicht. Adam musste den Drang unterdrücken, Leo näher an sich heran zu ziehen. Leos Hand strich immer noch über seinen Ellenbogen. Ihre Gesichter waren sich nahe. Näher als sonst. Adam stockte der Atem. Er versuchte abzuwägen, wie schlimm es wäre, wenn er Leo jetzt wirklich näher zu sich ziehen würde. Wie Leo wohl reagierte, wenn er das tun würde?
Adams Blick fiel auf Leos Lippen, die leicht geöffnet waren. Leo starrte ihn an. Bildete er sich das ein, oder war Leos Gesicht noch näher gekommen? Sein Herz raste. Die Kälte wich aus seinem Körper. Er wollte Leo näher bei sich haben. Viel näher. Er war sich nur nicht sicher, ob er sich das traute.
Bevor er eine Entscheidung treffen konnte, hörte er das Quietschen der Räder, die den Bus zum Stehen brachten. Adam wich zurück und zog seine Hand von Leos Körper. Aber nicht mehr so, als ob er sich verbrannt hätte. Er legte alle Sehnsucht in diese Bewegung. Er musste sich überwinden, Leo komplett loszulassen.
Auch Leo zog seine Hände zurück, liess sie über Adams Arme gleiten, so langsam wie noch nie, bis hin zu seinen Fingerspitzen. Und dann waren Leos Berührungen weg. Sie lächelten sich an, bevor Adam endlich in den Bus stieg.
Der Bus fuhr los und Adam winkte Leo zu. Dieser winkte zurück, bis der Bus um eine Ecke bog und Adam seinen besten Freund aus dem Blickfeld verlor.
Lange nachdem der Bus verschwunden war, stand Leo noch immer an der Bushaltestelle und starrte auf die leere, verregnete Strasse.
