Chapter Text
Colin hofft inständig, dass die Sachen, die Ava ihm aufgeschrieben hatte, keine Azubi-Scherze wie „Blaulichtflüssigkeit“ oder „eine neue Blase für die Wasserwaage“ sind. Selbst wenn würde er es mit seinen zwei linken Händen sowieso nicht bemerken.
Nun muss er also irgendwie einen Mitarbeiter finden, der ihm sagen kann, wo sich diese Sachen befinden und werden nicht ständig Witze darüber gemacht, dass es quasi unmöglich ist einen solchen zu fin….
Oh.
Fast wäre Colin in einen hineingelaufen.
Er schaut hoch und in die schönsten blauen Augen, die er je gesehen hat.
Wer hätte gedacht, dass die hier auch Traumprinzen führen?
Noah Temel steht auf dessen Namensschild. Wenn er jetzt bloß einen Stift dabei hätte, dann könnte er sich das später unauffällig aufschreiben. Scheiß drauf. Er merkt sich das.
Er zwingt sich, wieder halbwegs rational zu denken und hält dem Typen den Zettel hin.
„Wo finde ich denn diese Sachen?“, fragt er.
Noah liest sich den Zettel durch und Colin versucht eine Körperhaltung einzunehmen, die so wirkt, als würde er natürlich wissen, was er da einkaufen soll. Als ob er in seiner Freizeit Heimwerkermagazine lesen und „Hilfe, mein Haus sieht scheiße aus, reiß es bitte ab und bau ein Neues“ Sendungen ansehen würde.
„Bei den Schrauben natürlich“, sagt Noah, als ob das so offensichtlich wäre wie die Tatsache, dass der Himmel blau ist, „Dritter Gang links.“
Jetzt steht er vor den Schrauben und ist noch ratloser als zuvor.
4 M5 x 20 mm Innensechskant
4 M6 x 20 mm Sechskant
Je eine Packung passende Unterlegscheiben (M5 und M6)
Die sehen für ihn alle irgendwie gleich aus. Er überlegt, ob er Ava ein Bild schicken und sie um Hilfe bitten sollte, da sieht er Noah neben sich vorbeihuschen.
„Entschuldigung“, ruft er ihm zu, „Ich brauch noch mal Ihre Hilfe.“
Na toll. Jetzt hat Noah ihn bestimmt als „Typ, der keine Ahnung von Schrauben hat“ abgespeichert.
„Was noch?“
„Wo genau find ich denn diese Schrauben? Hier sind ja so viele. Nicht, dass ich aus Versehen M7 statt M6 kaufe, haha.“
Er lacht nervös. Hoffentlich gibt es überhaupt M7-Schrauben.
„Also, hier drüben sind die M5-Schrauben“, erklärt Noah, „Innensechskant. Steht ja auch drauf. ISK.“
Oh. Da hätte Colin natürlich auch draufkommen können.
„Da sind sechs Stück in der Packung, aber mehr ist immer besser. Falls man mal welche verliert“, erklärt Noah weiter, „Dann haben wir hier drüben die M6 x 20 mm Sechskant. Nur ein Millimeter Unterschied, macht aber viel aus.“
Noah drückt ihm die beiden Packungen in die Hand und widmet sich erneut dem Sortiment. Ihre Finger haben sich zwei vielleicht maximal ein paar Sekunden berührt, aber das hat gereicht. Er muss diesen Typen wiedersehen!
„Und hier sind noch die passenden Unterlegscheiben. Sonst noch was?“
Deine Nummer möchte Colin am liebsten sagen, verkneift es sich aber.
„Danke“, sagt er, „Ich bin übrigens Colin.“ Und als er merkt, dass es vielleicht etwas komisch ist, einem Baumarktmitarbeiter direkt seinen Namen zu verraten, fügt er hinzu. „Also, falls wir uns nochmal über den Weg laufen. Ich werd demnächst vielleicht öfters vorbeikommen, weil…ich an nem Projekt arbeite.“
„Aha“, sagt Noah, „Cool.“
Das hat Noah wahrscheinlich schon öfters gehört. Bestimmt trifft er jeden Tag auf irgendwelche Leute, die ne Pergola bauen wollen oder sowas.
„Also, bis dann vielleicht“, verabschiedet sich Colin und versucht, sich seine Nervosität nicht anmerken zu lassen.
Nicht direkt annehmen, dass er auf Typen steht, versucht der rationale Teil seines Gehirns ihm einzureden, Bestimmt geht er nach Feierabend nach Hause zu seiner Freundin und hängt den neuen Fernseher an die Wand.
Er hofft inständig, dass er nie eine Holzlatte besorgen muss, denn dann würde dieser Teil seines Gehirns vermutlich komplett aufgeben.
„Ich bin beeindruckt“, lobt ihn Ava, als er ihr die gekauften Utensilien in die Hand drückt, „Ich hatte fast damit gerechnet, dass ich nochmal hingehen muss, weil du was falsches gekauft hast.“
„Ich hab nen Mitarbeiter gefragt.“
Ava lehnt sich gegen die Küchentheke und schaut ihn skeptisch an.
„Du hast nen Mitarbeiter gefragt?“
Colin nickt.
„Warum find ich nie nen Mitarbeiter, wenn ich einen brauche aber du schon?“
„Naja und es gibt da vielleicht ein kleines Problem.“
Ava seufzt.
„Lass hören.“
Sie weiß was jetzt kommt. Colin hat sich mal wieder Hals über Kopf in nen Typen verguckt und das in weniger als einer Minute.
„Er ist echt süß und ich hab ihm gesagt, dass ich demnächst vielleicht öfters vorbeikomme, weil ich an nem Projekt arbeite.“
„Du arbeitest an keinem Projekt.“
„Exakt.“
„Und jetzt muss ich dich jedes Mal in den Baumarkt schicken, wenn ich was brauche und du brauchst ein Alibi-Projekt, von dem du erzählen kannst?“
Colin nickt und Ava beginnt zu überlegen.
„Du baust ein Wandregel.“
„Was?“
„Ich wollt ich mir eh eins bauen, an dem ich meine Werkzeuge aufhängen kann“, beginnt Ava, „Und es ist ungefährlich genug, dass selbst du so tun kannst, als hättest du ne Ahnung. Schrauben und Dübel, Lack, Haken, ein paar Holzlatten.“
„Holzlatten?“
Scheiße.
Er wird sich zwingen müssen, dabei nicht unbedacht zweideutige Anspielungen zu machen wie in dieser einen Szene in Schöne Bescherung.
Aber das ist quasi genauso schwer zu bewältigen wie die Aufgabe, auf keinen Fall an einen roten Elefanten zu denken.
Man denkt direkt daran.
