Chapter Text
Die Landstraße nach Lietzen war so leer, dass Mason irgendwann aufgehört hatte auf das Navi zu schauen und einfach geradeaus fuhr.
Sie waren irgendwo in Brandenburg unterwegs. Es gab hier nur Felder, Wälder und Seen – goldgrün und keine Zivilisation soweit das Auge reichte.
„Sag mir nochmal warum wir in der absoluten Pampa unterwegs sind?" fragte Mason.
„Weil ich mir sicher bin hier Hinweise zu den Geheimnissen der Templer zu finden. Die Komturei ist der letzte noch gut erhaltene Rittersitz der Templer."
Conor hatte den Laptop auf den Knien, drei verschiedene Tabs über die Komturei Lietzen geöffnet und tippte gleichzeitig Notizen für seinen Blog.
Templar Secrets – Eine Spurensuche durch Europa. Vierhundert Abonnenten hatte sein Blog bisher. Mason nannte es liebevoll “Conors Beweis“ dass er zu viel Freizeit hat. Conor nannte es Recherche.
„Das hast du mir schon erklärt. Ich möchte wissen warum du denkst, dass es ausgerechnet dort Hinweise geben sollte."
„Irgendwo müssen wir anfangen."
Mason seufzte, aber er fuhr weiter.
Sie hatten den Mietwagen in der Nähe ihres Apartments gemietet, ein unscheinbarer grauer VW Golf, Masons Wahl, praktisch und unauffällig.
Genau richtig für zwei Australier die durch die deutsche Provinz fuhren und nach achthundert Jahre alten Geheimnissen suchten.
Als das Dorf in Sicht kam verlangsamte Mason automatisch. Lietzen war die Art von Ort die einen automatisch langsamer werden ließ.
Es gab eine Handvoll Häuser, einen Feldweg und dahinter, massiv und dunkel gegen den blauen Sommerhimmel – die Komturei.
„Oh," sagte Mason leise.
„Ja," sagte Conor und klappte seinen Laptop zu.
Der Schotterplatz lag leicht erhöht und Conor blieb einen Moment stehen nachdem er aus dem Golf gestiegen war. Vor ihnen zog sich die Feldsteinmauer weit in beide Richtungen.
Grau, massiv, stellenweise noch aus dem 13. Jahrhundert. Achthundert Jahre Wetter, Krieg und Geschichte hatten sie nicht zu Fall gebracht.
Südöstlich davor lag ein stiller Teich der den Sommerhimmel zurückwarf wie ein Spiegel.
„Der Küchensee," sagte Conor leise. Nicht zu Mason. Einfach so.
Dahinter ragte das Speichergebäude auf – rechteckig, wuchtig, das hohe Satteldach dunkel gegen das Blau des Himmels.
Daneben stand die Kirche mit einem Kirchenschiff schmal und lang mit einem kleinen Fachwerktürmchen das fast bescheiden wirkte neben dem Rest der Anlage.
Und östlich davon das Herrenhaus, zweigeschossig, Walmdach, hohe Fenster die ruhig und gleichmäßig in die Fassade geschnitten waren.
Mason stand neben ihm und sagte nichts. Das passierte selten.
„Ich weiß. Es ist beeindruckend," sagte Conor. Er schob eine Strähne seines schwarzen Haars aus der Stirn. Vor Achthundert Jahren von Tempelrittern erbaut und er stand jetzt davor.
Die Komtureikirche war im Sommer heller als Conor sie sich vorgestellt hatte. Das Licht fiel warm durch die schmalen Fenster und warf lange goldene Streifen über den Steinboden.
Mason blieb beim Eingang stehen und schlug sein Notizbuch auf – die Inschriften an der Westwand, hatten es ihm angetan.
Mason arbeitete aktuell an seiner Masterarbeit „Die Verbreitung und der Verbleib von Templerarchiven in Europa nach der Ordensauflösung 1312“.
„Ich schaue mich kurz um," sagte Conor.
„Mhm," sagte Mason, den Stift bereits in der Hand während er schon ganz vertieft war in den Schriften die er an der Wand fand.
Conor verschwand durch die Sakristeitür ohne sich nochmal umzudrehen. Der Keller empfing ihn mit kühler Luft und dem Geruch von feuchtem Stein und Jahrhunderten.
Conor leuchtete mit seiner Taschenlampe die schmale Steintreppe hinunter bis er unten stehen blieb.
Gewölbekeller war zweistöckig und hatte decken so niedrig, dass Conor den Kopf an einigen Stellen einzog.
Die Wände waren aus Feldstein der dunkel und feucht war. In der Mitte des Kellers befand sie ein Brunnen – tief, schwarz, still.
Selbst bei größter Trockenheit versiege er nicht, hatte er gelesen. Die Templer hatten gewusst was sie taten.
Der Brunnen sollte ihnen auch bei einer Belagerung, Wasser schenken. Conor ließ den Lichtstrahl langsam über die Wände wandern.
Es gab einen weiteren Gang. Tiefer. Schmaler. Conor bückte sich und trat ein. Der Gang war vielleicht zwanzig Meter lang und mündete in eine weitere Kammer – kleiner, die Luft noch älter hier drin.
Conor ließ den Strahl über die Ostwand wandern und blieb stehen. Dort sah er es. Eine Fuge die zu gerade war, zu regelmäßig.
Er trat näher. Legte beide Hände flach gegen den Stein und schob. Nichts. Er suchte weiter, die Finger tastend, bis er es fand – einen einzelnen Stein der sich minimal nach innen drücken ließ.
Dann war ein Klicken zu hören und die Fuge öffnete sich. Dahinter: eine Nische. Nicht größer als ein Bücherregal.
In der Nische befand sich ein Bündel, in altes Leder gewickelt und mit einer Schnur verschnürt. Das Leder sah abgegriffen aus und war an einigen Stellen durch fett verfärbt.
Conors Herzschlag verlangsamte sich auf eine seltsame ruhige Art.
„Mason," rief er in die Dunkelheit hinter sich. Keine Antwort. Conor dachte sich nichts dabei. Mason hatte ihn oben wahrscheinlich nicht gehört.
Er streckte die Hand nach dem Lederbündel aus.
„Ich würde das nicht anfassen."Conors Hand erstarrte.
Die Stimme kam aus der Dunkelheit des Ganges hinter ihm. Ruhig. Fast beiläufig. Aber mit einer Schärfe die Conor sofort aufhorchen ließ.
Er drehte sich langsam um. Zwei Männer standen am Eingang der kleinen Kammer.
Einer lehnte lässig gegen die Wand – blondes lockiges Haar das er sich locker zusammengebunden hatte, einzelne Strähnen die sich gelöst hatten und ihm ins Gesicht fielen, eine silberne Kette die im schwachen Licht aufleuchtete.
Seine Augen – blau, wachsam, kein bisschen entspannt – verrieten dass er kein Tourist war.
Der andere Mann stand etwas dahinter – schlank, kurze lockiges dunkelbraunes Haar, braune Augen, ein offenes Gesicht das gerade versuchte neutral zu wirken. Conor brauchte einen Moment länger als nötig bevor er antwortete. Er sagte sich es lag an der Überraschung.
„Mein Name ist Conor und wer seid ihr?" fragte er ruhig.
„Jemand der schon länger hier ist als du." Der Mann schob sich von der Wand ab und trat einen Schritt vor.
Seine blauen Augen wanderten kurz zu der Nische hinter Conor – zu kurz, als hätte er sich bewusst dazu gezwungen wegzuschauen. „Fass das Bündel nicht an und geh zur Seite."
„Warum sollte ich Anweisungen von einem Fremden befolgen? Ich habe es vor euch gefunden," antwortete Conor dem Fremden.
Etwas zuckte im Gesicht des Mannes. Nicht Ärger. Überraschung die er schnell wieder zu verbergen versuchte.
„Shane," sagte der Dunkelhaarige hinter ihm, warnend aber mit einem Unterton der verdächtig nach Belustigung klang.
Shane. Conor speicherte sich den Namen in seinem Gedächtnis ein.
„Wir wurden beauftragt das Dokument zu sichern," sagte Shane. Er trat noch einen Schritt vor. Professionell. Kontrolliert. „Ich werde mir die Dokumente nehmen.
Entweder lässt du es zu und nichts passiert oder wir müssen Gewalt anwenden,“ drohte der Fremde.
Conor würde sich von der Drohung nicht einschüchtern lassen und ignorierte diese. „Von wem wurdet ihr beauftragt?"
Shane schwieg.
Conors Mundwinkel zuckten. „Du weißt nicht für wen du arbeitest, oder?"
Das traf. Shane ließ es sich nicht anmerken – aber Conor sah es trotzdem.
„Letzte Warnung," sagte Shane ruhig. „Tritt zurück."
Conor trat nicht zurück. Stattdessen stellte er sich vor die Niesche.
„Es gehört niemandem," sagte er leise. „Es gehört der—"
Über ihnen: Schritte.
Schwer. Langsam. Jemand der nicht eilte, weil er wusste, dass er die Macht hatte.
Alle drei erstarrten gleichzeitig. Shane und Conor sahen sich gleichzeitig an.
„Wie viele seid ihr?" fragte Conor leise.
„Zwei," sagte Shane, bevor er daran dachte ob er das sagen sollte.
Conor nickte langsam. „Wir auch."
Conor bewegte sich als erstes. Er griff in die Niesche nahm das Bündel und steckte es unter den Arm und hob eine Hand noch bevor Shane reagieren konnte.
Nicht aggressiv. Fast beschwichtigend. „Ich nehme es nicht mit. Ich halte es nur fest bis wir wissen wer da oben ist."
Shane betrachtete ihn einen Moment.
Dann nickte er.
Zach warf Shane einen Blick zu der ungefähr bedeutete: Wir reden später. Shane ignorierte ihn.
Die Treppe war eng und die Schritte über ihnen hörten nicht auf.
Shane ging voran, Conor direkt hinter ihm, Zach als letzter. Niemand sprach.
Sie kamen in die Sakristei und Shane hob eine Hand. Alle drei blieben stehen.
Durch den schmalen Türspalt zur Kirche konnte Shane gerade genug sehen.
Mason der in der Mitte des Kirchenschiffs stand hatte beide Hände leicht erhoben, ein Notizbuch noch in der linken Hand. Vor ihm ein Mann – grauer Anzug, Mitte vierzig, eine Waffe auf Masons Brust gerichtet.
Shane kannte diesen Typ. Er hatte ihn in auf einem Foto in Augustins Unterlagen gesehen.
„Ich frage dich ein letztes Mal," sagte der Mann ruhig. „Wo sind die Dokumente?"
„Ich studiere Geschichte," sagte Mason. Seine Stimme war bemerkenswert fest. „Mittelalterliche Architektur. Ich weiß nichts von Dokumenten. Ich bin wegen meiner Masterarbeit hier."
Shane wandte sich zu Zach. Dieser nickte kaum merklich und ließ seine Augen durch die Kirche wandern – suchend, kalkulierend – und bis er einen kleinen Messingkerzenständer an der Wand neben ihnen hängen sah.
Zach sah Shane an und wartete bis dieser nickte.
Zach nahm den Kerzenständer und warf ihn. Er landete scheppernd zwischen den hinteren Kirchenbänken – laut, scharf, unmissverständlich.
Der Mann mit der Waffe fuhr herum. Zach war bereits durch die Tür.
Was folgte war schnell und nicht elegant aber effektiv – Zach hatte den Arm des Mannes gepackt bevor er sich vollständig umgedreht hatte, ein harter Griff am Handgelenk, und die beiden rangen einen Moment zwischen den Kirchenbänken.
Der Mann war kräftiger als er aussah. Zach biss die Zähne zusammen.
„Zach—" Shane war auf dem Weg zu Zach als er neben sich Conor wahrnahm der vermutlich zu seinem Freund wollte.
„Mason," sagte Conor als er auf Mason zu ging. Mason stand noch immer in der Mitte des Ganges, die Hände jetzt unten, und sah aus als wüsste er nicht wohin.
Shane wendete sich Zach zu als in diesem Moment sich die die schwere Kirchentür öffnet.
Ein zweiter Mann. Jünger als der ersten, dunklen Jacke, und eine Waffe die er sofort zog und auf Conor richtete. Shane bewegte sich ohne zu denken.
Er war schnell, Shane war immer schnell gewesen, das war das Einzige auf das er sich in solchen Momenten wirklich verließ.
Er warf Conor auf die Seite bevor der Schuss fiel. Sie gingen zusammen zu Boden, hart, hinter einer Kirchenbank und die Kugel schlug in den Holzboden wo Conor eine Sekunde vorher gestanden hatte.
Für einen Herzschlag lang war Stille. Dann hörte man Zachs Stimme – nicht laut, fast sachlich – und ein zweiter Schuss. Nicht auf sie. Weg von ihnen.
Shane hob den Kopf gerade genug um zu sehen wie der zweite Mann zurücktaumelte, nicht getroffen aber erschreckt, und wie Zach mit der Waffe des ersten Mannes in der Hand zwischen den Bänken stand.
Der erste Mann – halb betäubt, eine Hand an der Schulter – richtete sich auf. Beide Männer sahen sich an und flüchteten. Schnell, lautlos, durch die Kirchentür in den Sommer hinaus. Die schwere Tür fiel ins Schloss.
Shane ließ den Kopf sinken. Conor lag unter ihm. Beide atmeten schnell.
Das Holz der Kirchenbank war hart gegen Shanes Arm und das Sonnenlicht das durch die schmalen Fenster fiel warf goldene Streifen über den Steinboden und über Conors Gesicht.
Blaue Augen waren direkt auf ihn gerichtet. Shane betrachtete sein Gesicht eine weitere Sekunde. Shane spürte eine Anziehungskraft zu diesem Fremden welche er nicht spüren durfte.
Er hatte einen Auftrag zu erledigen und dazu gehörte nicht sich ablenken zu lassen.
„Du," sagte Conor, „hast mich auf den Boden geworfen."
„Du," sagte Shane, „schuldest mir ein Danke, ich habe dein Leben gerade gerettet."
Eine Pause.
„Danke," sagte Conor.
Shane rollte sich zur Seite und stand auf und streckte die Hand aus. Conor ergriff sie – warm, fest – und Shane zog ihn hoch.
Keiner ließ sofort los.
Mason war noch ganz schokiert von den ganzen Geschehnissen. Er hatte zwar ein kleines Abenteuer erwartet aber nicht dass sie angegriffen werden.
Wenn dieser Fremde Conor nicht gerettet hätte. Mason wollte nicht darüber nachdenken. Und der andere Fremde.
Der gutaussehende andere Mann der mit der Waffe des ersten Mannes in der Hand dagestanden hatte – ruhig, präzise, als wäre das die normalste Sache der Welt – und nach dem zweiten geschossen hatte um ihn zu erschrecken.
Ein Warnschuss. Genau das Richtige. Genau zur richtigen Zeit. Mason stand noch immer in der Mitte des Kirchenschiffs und starrte ihn an.
Er sicherte die Waffe und steckte sie in seinen Hosenbund. Dann sah er auf. Seine braunen Augen trafen Masons blaue.
„Alles okay?" sagte Zach.
Mason öffnete den Mund. Schloss ihn wieder.
Was sollte er nur zu seinem Retter sagen?
„Ich bin Mason," sagte Mason.
Zach betrachtete ihn einen Moment, dann lächelte er.
„Ich weiß," sagte er. „Ich bin Zach."
Irgendwo hinter ihnen sagte Shane: „Wir müssen hier raus bevor noch die Typen mit Verstärkung kommen."
Shane hatte recht dachte Conor. Sie mussten weg.
Conor trat als erster durch das Kirchenportal in die Sommerhitze hinaus.
Der Golf stand noch genau dort wo Mason ihn geparkt hatte. Nur dass die vier Reifen jetzt flach auf dem Schotterplatz lagen. Sie waren sauber zerstochen worden.
„Na toll," sagte Conor. Mason trat neben ihn und sah auf die Reifen. Dann auf Conor. Dann wieder auf die Reifen. „Und jetzt?"
„Unser Auto," sagte Shane hinter ihnen, ruhig und fast beiläufig, „steht weiter weg von hier." Er deutete mit dem Kopf in Richtung eines Feldwegs hinter der Komturei. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie es gefunden haben könnten."
Conor drehte sich zu Shane dieser lehnte gegen die Kirchenmauer, die Arme verschränkt. Er sah aus wie jemand der weiß, dass er gerade die besseren Karten hat.
Conor hasste es wenn andere die besseren Karten hatten.
Conor und Shane starrten sich einige Sekunden an. Zach beobachtete im einem leichten schmunzeln. Shane war eindeutig angetan von Conor.
„Dann fahren wir bei euch mit," sagte Conor mit verschränkten Armen vor der Brust.
„Und wo genau sollen wir mit euch hinfahren?" Shane klang nicht begeistert sie mitnehmen zu müssen. Obwohl er doch erwähnt hatte, dass ihr Auto nicht beschädigt wäre.
„Berlin," sagte Mason hinter Conor, völlig sachlich. „Wir haben dort ein Apartment."
Zach sah Mason an. „Du lädst uns einfach so ein?"
„Ihr habt uns gerade das Leben gerettet." Mason zuckte die Schultern. „Das erscheint mir fair."
Zach trat einen Schritt näher auf Mason zu. „Weißt du," sagte er ruhig, „die meisten Leute die ich rette bedanken sich nur kurz und gehen."
Er hielt Masons Blick. „Du lädst mich ein. Das gefällt mir."
Mason sah ihn direkt an. „Dir gefällt eine Einladung nach Berlin?"
„Mir gefällt wer mich einlädt."
Eine kurze Pause. Mason ließ den Blick nicht los. „Dann solltest du mich öfter retten."
Zach lachte – kurz, echt, überrascht. Als hätte er das nicht erwartet.
Shane sah von Zach zu Conor mit dem Gesicht von jemandem der bereits ahnte, dass diese Reise komplizierter werden würde als er es geplant hatte.
Conor wartete bis Shane und Zach außer Hörweite waren. Dann sah er Mason an.
„Hast du gerade ernsthaft mit diesem Zach geflirtet?" fragte Conor.
„Warum nicht? Er ist nett, hat mir das Leben gerettet und er ist sehr gutaussehend," sagte Mason.
„Mason sie wollen nur die Dokumente hier in meiner Hand. Egal wie nett sie sind wir dürfen sie ihnen nicht einfach geben.
Das sind nicht irgendwelche Leute. Das sind professionelle Schatzsucher die von irgendjemandem sehr gut bezahlt werden. Wir müssen aufpassen."
Mason öffnete den Mund schloss ihn sofort wieder. Und folgte den anderen zum Jeep.
