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“Leo, du musst wirklich nicht hier auf dem Sofa schlafen. Das ist doch viel zu unbequem auf Dauer”. Adam riss ihm die Bettwäsche aus der Hand. Die mit den Tigerstreifen. Leo hatte sich schon so oft in den dicken Stoff eingekuschelt, hier auf Adam’s Sofa.
“Quatsch. Mach ich doch sonst auch immer”. Leo streckte seine Hand aus, wollte den Bettbezug wieder an sich reißen, doch Adam hob ausweichent den Arm.
“Ja, wenn du vielleicht mal eine höchstens zwei Nächte bei mir pennst.”
Als Antwort schob Leo nur trotzig die Unterlippe vor.
In seiner Wohnung hatte er es nicht mehr ausgehalten. Im ganzen Haus war es zu hören, dieses ohrenbetäubende Hämmern und Bohren. Vor kurzem war ein junges Pärchen direkt über ihm eingezogen und raubte ihm jetzt mit ihren Renovierungsarbeiten den Schlaf. Wieso zur Hölle baute man auch bis um 2 Uhr nachts Möbel auf?
Adam hatte es nicht länger mit ansehen können. Leo, der völlig übermüdet im Büro saß. Leo, der neben ihm auf dem Beifahrersitz eingeschlafen war mitten im Dienst. Leo, der allen mit seiner Müdigkeit und Gereiztheit auf die Nerven ging.
Und so zog Leo dann nach kurzem protestieren vorübergehend bei Adam ein. Bepackt mit einer großen Reisetasche und einem mulmigen Gefühl im Bauch, stand er mitten in Adam’s Wohnzimmer.
Es war nicht das erste Mal, dass er hier übernachten würde. Aber es war das erste Mal, dass er über mehrere Tage mit Adam zusammen leben würde. Dieser Gedanke machte Leo nervös.
“Mein Bett ist groß genug”. Adam sagte es so beiläufig und mit einer Selbstverständlichkeit, die Leo’s Wangen heißen werden ließ.
Er kaute nervös auf seiner Unterlippe rum. Das Angebot klang verlockent, wenn da nicht dieser eine nicht ganz so kleine Haken wäre.
Leo’s Blick fiel nach unten auf die geöffnete Reisetasche vor seinen Füßen. Versteckt unter den vielen Klamotten blitzte der flauschige dunkle Stoff hervor. Möglichst unauffällig schob Leo die Tasche hinter sich und somit aus Adam’s Blickfeld.
Musste er ja nicht mitkriegen. Dass der Hölzer noch ein Plüschtier zum Einschlafen brauchte.
“Also? Was ist jetzt? Ich beiß auch nicht” Adam grinste und wuschelte Leo durch die Haare, bevor er Richtung Schlafzimmer marschierte.
Es wäre ebenso wenig das erste Mal gewesen, dass Adam und Leo im selben Bett schlafen würden. Und doch war diese Situation jetzt eine völlig andere.
Dass Leo Schlafprobleme hatte, war nichts Neue.
Dass ausgerechnet ein Kuscheltier ihm beim Eischlafen half, allerdings schon.
Ohne seinen Plüschhund konnte er einfach nicht schlafen.
Leo schaute Adam hinterher, griff seufzend nach seiner Reisetasche und trottete langsam dem großen Blonden hinterher.
Adam hatte die Disukussion gewonnen. Dann würden sie sich beide eben Adam’s Bett teilen.
“Hier, du kannst direkt mit anpacken”. Adam warf ihm den Kopfkissenbezug zu, machte sich dann wieder daran die Bettdecke in den schwarz-orangen Stoff zu stopfen.
Ein paar Minuten später starrten sie beide auf das große Bett. Während Adam’s Seite blau-karierter Stoff zierte, leuchtete ihnen auf Leo’s Seite die Tigerbettwäsche entgegen.
“Sieht doch gemütlich aus.” Der Blonde ließ sich auf das Bett fallen, streckte die Arme über dem Kopf aus.
Leo nickte nur abwesend, seine Aufmerksamkeit fiel erneut auf seine Tasche, die er so gut es ging unter seine Betthälfte geschoben hatte. Den Plüschhund hatte er herausgeholt gehabt und unauffällig unter sein Kopfkissen geschoben, in der Hoffnung, dass Adam ihn nicht bemerken würde.
Den restlichen Abend verbrachten die beiden damit, das Abendessen vorzubereiten. Was bedeutete, dass Leo fürs eigentliche Kochen zu ständig war und Adam sich hin und wieder mit einer Gabel etwas aus der Pfanne klaute.
“Muss ja probieren, ob’s schmeckt”. Verteidigte er sich, nachdem Leo ihn nun schon zum dritten Mal ermahnt hatte.
Später fand sich Leo in Adam’s Badezimmer wieder, die Zahnbürste im Mund starrte er sein eigenes Spiegelbild an.
Sein Blick blieb an dem weiß Shirt hängen, dass an ihm runter hing und eigentlich eine Nummer zu groß für ihn war. Adam’s Shirt. Er hatte es Leo einmal ausgeliehen, als dieser vergessen hatte Schlafsachen mitzubringen und es seitdem auch nicht mehr zurückverlangt.
Leo trug es oft zum Schlafen, es gab ihm Sicherheit und oft stellte er sich vor, dass er in Adam’s Armen lag.
Leo spuckte die Zahnpasta ins Waschbecken. Er hatte versucht die Zeit biz zum schlafengehen herauszuzögern, hatte sich extra langsam geduscht und noch langsamer die Zähne geputzt.
Er wusste, dass der Blonde kein Nachtlicht besaß. Ein weiterer Gedanke, der Leo Angst machte. Er schlief nicht gern im Dunkeln, fürchtete sich vor der Dunkelheit und den Dingen die sich dort verbergen könnten.
Leo dachte an die kleine weiße Eule auf seinem Nachtisch. Das Nachtlicht tauchte sein Zimmer immer in ein warmes Licht, machte es zu einem sicheren Ort. Er sehnte sich nach der kleinen Eule.
Seufzend drückte er die Türklinke runter. Und wäre am liebsten Rückwärts wieder rausgestolpert.
Auf dem Bett saß Adam. In seinem Schoß lag der Plüschhund.
Leo spürte wie ein heißer Schauer über seinen Körper lief. Scheiße.
Innerlich bereitete er sich schon auf Adam’s spöttische Bemerkungen vor und blinzelte verzweifelt gegen das verdächtige Brennen hinter seinen Augen an.
“Wieso hast du mir deinen Freund hier denn nicht vorgestellt?” Adam’s Stimme klang so weitweg, durchdrang kaum das Rauschen in Leo’s Ohren.
Leo bekam nichtmal mit, dass Adam sanft den Hund auf seinem Schoß hin und her tanzen ließ, in seinem Blick lag so viel Zärtlichkeit.
Er stand wie festgefroren im Raum, den Blick starr auf seine Füße gerichtet.
“Leo, hey”. Adam griff sanft nach seiner Hand, zog ihn zu sich auf das Bett. “Ist doch alles okay. Das musst dir doch nicht peinlich sein.”
Und trotzdem schämte sich Leo. Er konnte sich genau vorstellen, wie lächerlich er gerade wirken musste.
Etwas weiches streifte seinen Arm, strich dann sanft über seine Hand. Der Plüschhund. Adam ließ dessen Pfote beruhigend über seine Hand streifen.
Und Leo wusste nichtmal warum, aber plötzlich liefen ihm die ersten Tränen über die Wangen. Frustriert wischte er sie mit dem Handrücken weg und spürte wie sich direkt neue hinter seinen Augen bildeten.
Als Leo das erste Mal den Begriff “Age Regression” auf Google eingegeben und die Beiträge gelesen, sich verstanden gefühlt hat, wusste er sofort, dass dies etwas war, was er niemals mit Adam teilen konnte. So viele Geheimnisse welche sie beide teilten, und trotzdem konnte und wollte Leo nicht, dass Adam diese Seite an ihm sah.
“Du, ich glaube der Leo ist traurig. Was machen wir denn jetzt?” Adam hatte seine Stimme verstellt, bewegte jetzt den Kopf des Plüschhundes und tat so als würde er sich mit ihm unterhalten.
“Ich glaube, da hilft nur eine Umarmung”. Entschlossen ließ er den flauschigen Hund einmal eifrig auf und ab nicken.
Leo konnte nicht anders als leise zu lachen. Das Geräusche wurde allerdings von einem erstickten Schluchzen unterbrochen.
Adam’s Stimme war so sanft und so voller Verständnis, als er seinen Arme um Leo legte und ihn an seine Brust drückte. “Du musst mir nichts erklären, wenn du nicht möchtest.”
Mit seinem Daumen strich er über Leo’s nasse Wangen. “Ich hab mir schon so meine Gedanken gemacht, aber ich möchte, dass du es mir erklärst, wenn du dazu bereit bist, okay?”
Das Rauschen in Leo’s Ohren hatte aufgehört, dafür legte sich jetzt ein angenehm warmes Gefühl über ihn.
“Danke”. Seine Stimme klang heißer.
So saßen sie eine ganze Weile da, der Plüschhund lag immernoch auf Adam’s Schoß.
“Hat er eigentlich einen Namen?”. Adam hatte sein Kinn auf Leo’s Haare abgestützt, strich ihm in kreisenden Bewegungen über den Rücken. Leo hatte aufgehört zu weinen, nur noch sein leises Schniefen war zu hören.
“Buddy.” Leo nahm den Hund an sich, strich über sein weiches, dunkles Fell. Er konnte Adam schmunzeln hören.
Und bevor er antworten konnte, drehte Leo sich so, dass er zu Adam hoch sehen konnte. “Ich möchte nicht im Dunkeln schlafen.”
Der Blonde blinzelte ihn verwirrt an, brauchte ein paar Sekunden um das Gesagte einzuordnen. “Hm. Ich hab leider kein Nachtlicht…” Sein Blick schweifte im Zimmer umher. “Aber warte kurz hier”. Er strich Leo einmal sanft durch die Haare, bevor er aufstand und das Zimmer verließ.
Leo rutschte auf der Matratze nach hinten, ließ seine Beine über die Bettkante baumeln und blickte Adam hinterher.
Er kaute auf seiner Unterlippe rum, während er über
die vergangenen Minuten nachdachte. Adam hatte mit so viel Verständnis reagiert, der Gedanke daran, trieb Leo erneut Tränen in die Augen.
Wie hatte er auch nur eine Sekunde daran denken können, dass Adam abwertend über ihn denken könnte? Leo schämte sich dafür, dass er den wichtigsten Menschen in seinem Leben so falsch eingeschätzt hatte.
“Wie wär’s damit?” Adam’s Stimme erklang aus dem Flur. Mit einer Lichterkette in den Händen betrat er das Zimmer wieder. “Was anderes habe ich leider nicht. Reicht dir das auch, Tiger?”
Leo’s Herz machte einen Sprung, als Adam den Spitznamen erwähnte. Ein erneuter warmer Schauer lief durch seinen Körper, erfüllte ihn mit so viel Wärme, dass er nicht anders konnte, als zu lächeln.
“Das ist perfekt. Danke, Adam.”
Der Blonde fing an die Lichterkette um das Kopfende zu wickeln. “Nicht dafür.” Er grinste zu Leo rüber, bevor er das große Licht ausknipste und zufrieden sein Werk betrachtete.
Das Zimmer wurde in ein warmes, oranges Licht getaucht.
“Hast du dich eigentlich nie gefragt, warum ich dein Shirt nie zurückgegeben hab?”, fragte Leo leise, zog seine Beine an seine Brust und zupfte nervös an dem weißen Stoff an seinem Oberkörper.
Adam ließ sich neben ihm auf der Matratze nieder, er lehnte mit dem Rücken am Kopfende. Sanft klopfte er auf seinen Oberschenkel, bedeutete Leo damit sich auf seinen Schoß zu setzen.
Der Kleinere zögerte kurz, kletterte dann aber wie selbstverständlich in Adam’s Schoß und lehnte sich an seine Brust.
“Doch, schon. Aber ich denke mal, du wirst es mir jetzt beantworten?” Adam ließ seine große Hand sanft über Leo’s Bein streichen.
Adam konnte spüren, wie schwer es Leo viel über all das zu sprechen. Deswegen unterbrach er ihn nicht, ließ ihm so viel Zeit wie er brauchte und hörte bloß aufmerksam zu.
Es tat ihm im Herzen weh, dass Leo das alles schon eine ganze Weile mit sich rumschleppte und er nie getraut hatte, sich ihm anzuvertrauen.
Als Leo ihm schließlich erklärte, was Age Regression überhaupt bedeutete, wurde Adam hellhörig. Bei der Erwähnung von einem Caregiver konnte er nicht anders, als sich vorzustellen, wie es wäre diese Rolle zu übernehmen.
Für Leo da sein. Sich um ihn kümmern. Ihm Sicherheit zu geben. Leo durch diese Momente zu begleiten.
Sein Herz schlug schneller bei dem Gedanken daran.
“Möchtest du denn das jemand diese Rolle übernimmt?”, fragte er vorsichtig, seine Hand ruhte immer noch beruhigend auf Leo’s Bein.
Der Kleinere nickte kaum merklich. “Aber Adam, du musst das nicht…”
Adam war sich noch nie in seinem Leben so sicher, über eine Sache, wie in diesem Moment.
“Möchte ich aber.” Er schlang seine Arme von hinten um Leo. “Du bist mir wichtig, Tiger. Wir gehen da zusammen durch.”
Und diese Nacht schlief Leo das erste Mal seit einer Ewigkeit so ruhig und entspannt wie noch nie. Adam hatte ihn so lange im Arm gehalten, bis er eingeschlafen war.
