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Justus sieht einen Geist

Summary:

Vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben war er sich nicht sicher, ob er das konnte, was von ihm erwartet wurde.

Justus hält eine Trauerrede. Was kann schon schiefgehen?

Notes:

CN: Wir befinden uns in dieser Story auf einer Beerdigung. Es wird viel über Verlust und Trauer gesprochen. Es sind auch alle sehr lieb zueinander, aber ihr wisst schon. Take care <3

Chapter 1: Zwei Meter tief

Chapter Text

Es war unverschämt, was für ein schöner Tag es war, fand Justus. So als ob die Sonne einfach weiter scheinen, der Wind weiter wehen, die Erde sich weiter drehen würde. So als wäre nichts geschehen. Sollte er heute wirklich einen Fuß vor den anderen setzen? Die Rede halten, die er mit Bob zusammen verfasst hatte? Hände schütteln, Mitleidsbekundungen entgegennehmen, Gäste begrüßen… Vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben war er sich nicht sicher, ob er das konnte, was von ihm erwartet wurde.
"Just?" Zaghaft drang Peters Stimme durch die Tür. "Wir sind da."
Justus seufzte tief. Es half ja alles nichts. Er musste diesen Tag hinter sich bringen. Titus brauchte ihn.

Beim Aussteigen fühlte Justus' Körper sich unwahrscheinlich schwer an. Beinahe wäre er gestolpert, wenn ihn nicht Bob, der hinter ihm aus Peters MG geklettert war, festgehalten hätte. Kurz drückte er Justus' Arm, dann gab er ihn frei. Keiner von ihnen hatte die Worte für das, was es zu sagen gab.
"Wie fühlst du dich?", fragte Bob leise, als sie zu dritt den Parkplatz hinter sich ließen.
"Schrecklich", antwortete Justus. "Aber ich kann ja schlecht zuhause bleiben."
"Wir sind für dich da", sagte Peter und versuchte sich an einem Lächeln. Es hatte ziemlich Schlagseite. "Gib ruhig alle Aufgaben, die irgendwie anfallen, an uns ab."
"Ich schaff das schon", hörte Justus sich sagen. Seine Hand zuckte zu dem Zettel in seiner Brusttasche.

Oh, aber als er seinen Onkel in einem schwarzen Anzug vor der Kapelle stehen sah, hätte er sich am liebsten in Peters Kofferraum verkrochen. Titus und Schwarz — das passte einfach nicht. Das wirkte unnatürlich. So unnatürlich wie die Lachfältchen an seinen Augen, die heute vollkommen fehl am Platz schienen. Mathilda hatte diese Lachfältchen geliebt.
Titus schien das alles besser wegzustecken als Justus. Vielleicht lag es am Alter. Die Lebenserfahrung bedingte, dass Titus schon mehr Trauerfeiern besucht hatte und wusste, dass man nicht nachdenken durfte, wenn man es durch den Tag schaffen wollte. Er drückte sowohl Peter als auch Bob kurz die Hand und nickte ihnen zu. "Schön, dass ihr bei uns seid, Jungs. Patrick und Kenneth sind drinnen, wenn ihr Hallo sagen wollt."
Die beiden Iren waren bereits vor zwei Tagen angereist und hatten ungewohnt schweigsam den Betrieb auf dem Schrottplatz am Laufen gehalten.
"Hallo sagen können wir auch später", meinte Bob. "Können wir gerade noch irgendwie helfen?"
Titus tätschelte ihm die Schulter. "Es hilft schon, euch dabeizuhaben. Geht ruhig rein. Nicht, dass gleich die besten Plätze alle besetzt sind."

Er sollte recht behalten. Die Kapelle füllte sich schneller als Justus für möglich gehalten hätte. Er verlor rasch den Überblick, wem er schon die Hand geschüttelt hatte, aber es waren viele Menschen hier, die ihn voller Mitgefühl anlächelten. Inspektor Cotta und seine Schwester Caroline waren gekommen, ebenso Ex-Kommissar Reynolds sowie ein weiterer Polizist, mit dem Justus nie viel zu tun gehabt hatte, weshalb es ihn wunderte, ihn hier zu sehen. Mrs. Kretschmer und Mrs. Altman samt Familien, Nachbarn und Stammkunden des Gebrauchtwarencenters. Natürlich die Eltern von Peter und Bob.
Von Mathildas Familie war nur ihre Cousine Amy gekommen — und mit ihr Ty, der Justus kurzerhand in den Arm nahm. Justus ließ es zu, hielt ihn sogar noch kurz, als Ty Anstalten machte, sich zu lösen. Das brauchten sie heute beide.
Sogar Jelena war nett zu ihm. Sie umfasste seine Hand mit ihren beiden Händen, sah mit glänzenden Augen zu ihm auf und sagte nur: "Ich weiß."
Justus verstand nicht, was sie meinte. Sie konnte unmöglich wissen, wie er sich fühlte.

Aber während sie zur Einstimmung ein seichtes Stück auf der Geige spielte, schweifte er gedanklich ab. Sein Blick landete auf dem Sarg, der darauf wartete, nach draußen getragen zu werden, in den Sonnenschein dieses scheußlich schönen Tages. Er ging die Worte durch, die er gleich würde sagen müssen, eines nach dem anderen.
Es würde sein wie ein Referat in der Schule, sagte er sich. Wie ein Denouement am Ende eines Falls. Er würde klar und deutlich sprechen, bedeutungsvolle Pausen setzen, äußerlich sehr gefasst…
"Just!", flüsterte Peter.
Jelena spielte nicht mehr. Der Diakon, der die Zeremonie leitete, sprach nicht mehr. Er sah Justus auffordernd an. Alle taten das.
Also stand Justus auf, räusperte sich und ging nach vorn. Er zupfte die vorbereitete Rede aus der Brusttasche. Daran würde er sich festhalten. Da würde er draufschauen. Er wusste, sobald er den Fehler machte, aufzublicken und irgendjemanden weinen zu sehen, würde er die Beherrschung verlieren.

"Danke, dass ihr alle hier seid", begann er.
(Augenkontakt), stand auf dem Zettel. Justus ignorierte die Regieanweisung.
"Mathilda würde sich freuen, so viele Freundinnen und Freunde hier versammelt zu sehen. Naja, zumindest über die meisten von euch würde sie sich freuen."
Das stand da wirklich. Naja stand auf dem Zettel. Das war Bobs Versuch gewesen, die Stimmung ein wenig aufzulockern.
"Vermutlich wünscht sich niemand so viele Polizisten auf dem Begräbnis", fuhr Justus fort und hörte, wie ein paar Leute belustigt durch die Nase atmeten. "Was ich damit sagen will, ist: Es wäre meiner Tante bestimmt lieber gewesen, ich hätte weniger mit der Polizei zu tun gehabt. In der Hinsicht habe ich es ihr wirklich nicht leicht gemacht. Überhaupt habe ich ihr vieles nicht leicht gemacht."

Er geriet ins Stocken. Stimmte das? Irgendetwas an diesem Absatz störte ihn. Er hatte die Rede so oft durchgelesen und doch war ihm nie aufgefallen, wie wenig sie ihm selbst gefiel. Er hatte sich darauf verlassen, dass Bob schon die richtigen Worte finden würde. Doch wie könnte er? Ich weiß, hatte Jelena zu ihm gesagt. Bob wusste nicht.
Da begriff Justus. Er wusste jetzt, was mit Bobs Wortwahl nicht stimmte. Er atmete tief durch, faltete den Zettel sorgfältig zusammen und steckte ihn wieder ein. Den Blick ließ er auf den Boden gerichtet.
"Als ich klein war, hatte ich richtig Angst vor Mathilda. Damals habe ich nicht verstanden, wie jemand zu meiner Familie gehören kann, mit dem ich nicht blutsverwandt bin. Das war nicht logisch. Ich mag es bis heute nicht, wenn Dinge nicht logisch sind. Das wissen die meisten von euch."
Wieder leise amüsierte Geräusche, aber diesmal klangen sie weicher.

"Aber heute weiß ich, wie Familie funktioniert. Nicht zuletzt dank Mathilda. Es kommt dabei nicht auf die Genetik an." Justus spürte, wie sich ein Kloß in seinem Hals bildete. Wenn er jetzt aufhörte zu reden, würde er nicht noch einmal anfangen. Also machte er weiter.
"Als ich zu meinem Onkel und meiner Tante gezogen bin, haben die beiden immer darauf geachtet, sich nicht als meine neuen Eltern darzustellen. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar. Mathilda hat nie versucht, meine Mutter zu ersetzen. Doch mir wird gerade klar, dass sie vollkommen selbstverständlich all das verkörpert hat, was eine Mutter verkörpern sollte. Und wenn mich jemand nach meiner Mutter fragt…"
Ein unterdrücktes Schluchzen von der Seite. Jelena. Justus musste schlucken.
"Ich habe ein fotografisches Gedächtnis. Das Gesicht von Catherine Jonas werde ich niemals vergessen. Aber dass wir heute von Mathilda Jonas Abschied nehmen müssen, fühlt sich an, als würde ich zum zweiten Mal meine Mom verlieren."

Nun sah er doch auf. Großer Fehler. Titus, Jelena, Peter, Patrick, Kenneth, Caroline, sie alle weinten mehr oder weniger offen. Und Justus sah noch jemanden. Ein glitzerndes Augenpaar, nur für den Bruchteil einer Sekunde. Er blinzelte und war sich sicher, dass gerade noch jemand am Eingang der Kapelle gestanden hatte.
Das Atmen fiel ihm merkwürdig schwer. Auf zittrigen Beinen ging Justus zurück an seinen Platz. Titus zog ihn wortlos in seine Arme. Für den Moment ließ er sich von der Trauer mitreißen. Das durfte er sich erlauben.
Justus trauerte selten um seine Eltern. Im Laufe der Jahre war aus dem Kummer über ihren Verlust eine generelle Verstimmung geworden. Er hatte fast vergessen, wie weh es tat, wenn er wirklich darüber nachdachte. Aber jetzt gerade tat es so sehr weh, dass er sicher war, ein Mathilda-förmiges Loch in seiner Brust vorzufinden, wenn er nachsehen würde.

Der Rest der Zeremonie verging, ohne dass Justus Notiz davon nahm. Der Diakon redete sehr viel über Gott und Staub und den Himmel, aber wem wollte er etwas vormachen? Weder Mathilda noch Titus waren wirklich religiös, und Justus für seinen Teil hatte schon genug Leichen gesehen, um zu wissen, wie das wirklich lief. Mathilda würde nicht in den Himmel aufsteigen. Sie würde in einer Holzkiste zwei Meter unter der Erde liegen und über mehrere Jahrzehnte auf natürliche Weise zersetzt werden. Das hatte nichts Himmlisches.

Er wurde erst wieder aufmerksam, als Jelena erneut zu spielen begann. Das Stück kam ihm vage bekannt vor, aus einem Film, den Mathilda oft geschaut hatte. Also versuchte Justus, sich an die Handlung des Films zu erinnern. An die Szene, in der dieses Lied lief. An die Gestaltung des Sets. An die Schauspieler und die Kostüme. Er versuchte, an alles zu denken, außer daran, dass Patrick und Kenneth sich jetzt zu den Sargträgern gesellten und seine Tante zu Grabe trugen. Dass er sie nie wieder sehen, nie wieder in den Arm nehmen würde. Am liebsten hätte Justus einfach sein Gehirn ausgeschaltet. Wieso musste er auch immer so viel denken?
Titus ließ ihn nicht mehr los, auch nicht, als sie die kleine Prozession bis an das bereits ausgehobene Grab geführt hatten und zusahen, wie der Sarg hinabgelassen wurde. Justus fühlte sich eigenartig losgelöst von allem. Nur am Rande nahm er wahr, wie noch einige Worte gesprochen wurden. Titus kippte eine handvoll Erde auf den Sarg und damit war es besiegelt. Ein zwei Meter tiefes Loch im Boden, eine Holzkiste, ein Leichnam. Justus würde nie wieder spät abends nach Hause kommen und Mathilda schlafend auf der Couch vorfinden, weil sie bei einem ihrer billigen Horrorstreifen eingeschlafen war. So schnell konnte es gehen.

Danach begann das große Händeschütteln. Peter und Bob hatten sich mit Jelena etwas außerhalb positioniert — der Rollstuhl kam nicht gut über die unebene Wiese und Jelena mochte sich nicht schieben lassen. Und ein gutes Stück hinter ihnen… hatte sich da nicht gerade etwas bewegt? War da nicht…
"Hi, Justus. Mein herzliches Beileid. Sie war wirklich eine ganz wunderbare Frau."
Er registrierte erst mit Verzögerung, dass er gar nicht mehr auf die Gäste geachtet hatte. Es kostete ihn einige Mühe, den Fokus wieder auf die Person vor sich zu lenken. Schon fast automatisch wollte er die Hand ausstrecken, aber dann hielt er inne. Er traute seinen Augen kaum.
"Lys? Wie- wann bist du angekommen?"
"Der Fernbus hatte eine Reifenpanne", sagte Lys entschuldigend. "Aber ich wollte auf jeden Fall kommen." Dann trat sie näher, umarmte ihn kurz und küsste ihn auf die Wange.

Es hätte sich wahrscheinlich irritierend anfühlen sollen, schließlich waren sie schon lange nicht mehr zusammen, doch heute war das egal. Dass sie überhaupt hier war, reichte schon, um ihn daran zu erinnern, was er schon immer an ihr gemocht hatte.
"Wie hältst du dich bisher?"
Justus lächelte traurig. "Wackelig. Es tut gut, dich zu sehen."
Sie erwiderte sein Lächeln. "Du schlägst dich sehr tapfer, finde ich. Ich gehe Bob und Peter Hallo sagen. Wir reden später, okay?"
"Okay." Er sah ihr nach, wie sie zum Rand der Wiese lief, eine von vielen schwarz gekleideten Figürchen auf der Grünfläche. Er hatte ihr gar nicht Bescheid gesagt. Wie sie es wohl erfahren hatte?

Als er wieder zu der Stelle sah, an der er eben einen schwarzen Anzug zu sehen geglaubt hatte, rührte sich dort nichts mehr.
Zum ersten Mal in seinem Leben hatte Justus keine Lust auf eine Geisterjagd.
Bitte nicht, dachte er. Nicht hier. Nicht heute. Bitte sei kein Fall.