Work Text:
„Das ist wirklich typisch für dich.“
Annabeth Chase hätte diese Stimme wahrscheinlich überall wiedererkannt. Ein eiskalter Schauer lief ihr über den Rücken, als sie sich umdrehte, eine Hand am Träger ihrer Tasche, die andere um den Griff ihres hastig gepackten Koffers geschlungen.
Vor ihr stand ein hochgewachsener Mann mit dunklen Haaren, einem schiefen Lächeln und einer kaum sichtbaren Narbe am Auge, die er bereits seit seiner Kindheit hatte. Er trug einen teuer aussehenden Anzug und glänzend polierte Schuhe. Luke Castellan. „Ohne ein Wort des Abschieds die Stadt verlassen.“ Er schüttelte den Kopf und kam einen Schritt näher. „Ich hätte gedacht, dass zumindest ich dir mehr wert wäre als das.“
Es kostete all ihre Willenskraft, sich nicht umzudrehen und durch die Sicherheitskontrolle zu rennen. Es waren noch drei Leute vor ihr. Sie musste sich nur genügend Zeit verschaffen, um durchs Tor zu laufen, dann würde Luke ihr nicht folgen können, wenn er kein Ticket gekauft hätte. Wobei… sie war sich nicht sicher, dass er nicht zu solchen Mitteln greifen würde, um sie wieder einzufangen. „Es ist ein Notfall“, sagte sie. „Mein Vater ist krank.“ Die Lüge glitt ihr mühelos über die Lippen und sie reckte ein wenig das Kinn, um Luke in die Augen zu sehen. „Du wirst gar nicht merken, dass ich nicht da bin.“
„Ich würde das wirklich gerne glauben, Annabeth“, erwiderte er.
Jegliche Wärme, die sie früher empfunden hatte, wenn er ihren Namen gesagt hatte, war verschwunden. Zurück blieb nur kühle Leere, von der sie nicht sicher war, ob sie sie jemals wieder füllen könnte. „Und wieso ist das so?“
Er lächelte ein wenig breiter, seine Hände locker in den Taschen seiner Anzugjacke vergraben. „Eine Hochzeit kann schlecht ohne Braut stattfinden, nicht wahr? Ich fürchte, es wird auffallen, dass du fehlst.“
„Hochzeiten können verschoben werden“, sagte sie und blickte über die Schulter. Noch zwei Leute waren vor ihr. „Ich würde sowieso nicht ohne meinen Vater heiraten wollen.“
Luke blinzelte langsam, ehe er seufzte. „Was soll das hier werden, Annabeth? Du weißt, dass du mich nicht anlügen kannst. Wenn du deinen Vater wirklich bei deiner Hochzeit dabeihaben willst, dann gebe ich meinen Sitz in der Firma auf.“
Mist. Wahrscheinlich hätte sie sich denken können, dass er sie durchschauen würde, wenn sie eine solch einfache Lüge auskramte. Allerdings hatte ihr rascher Abgang ihr keine wirkliche Möglichkeit gegeben, lange an ihrer Geschichte zu feilen. Sie hatte lediglich gehofft, dass sie längst in den Wolken sein würde, wenn Luke bemerkte, dass sie nicht zuhause war. Sie schlang ihre Hand ein wenig fester um den Koffergriff.
„Wo ist dein Ring?“
„Was?“
„Der Ring.“ Luke holte seine Hand aus der Tasche. Zwischen seinen Fingern glänzte ein kleiner, goldener Ring, der bis vor ein paar Stunden noch an Annabeths Finger gehangen hatte. „Dieser Ring.“
„Ich muss ihn vergessen haben“, sagte sie und streckte die Hand aus, aber Luke zog den Arm zurück.
„Vergessen“, murmelte er leise. Er schüttelte den Kopf. „Du musst mich für einen Idioten halten, wenn du glaubst, du könntest so einfach davonkommen, Annabeth. Mein Großvater hat eine Menge Geld für diese Hochzeit bezahlt und ich werde nicht zulassen, dass du ihn oder mich blamierst.“ Er streckte den Arm aus und griff nach ihrem Koffer. „Komm mit.“
„Nein!“ Annabeth zog sich und ihren Koffer zurück, womit sie Lukes Griff löste. Überrascht stolperte sie einen Schritt nach hinten und der Mann vor ihr in der Reihe grunzte leise auf. Nur noch er, dann war sie dran. „Tut mir leid, Luke, aber die Hochzeit wird verschoben werden müssen.“
„Ich will dir wirklich gerne glauben, Annabeth“, erwiderte er. „Aber Großvater hat mich davor gewarnt, dass sowas passieren würde. Frauen, die zu viel auf ihren Kopf setzen, bekommen immer kalte Füße, wenn es ans Eingemachte geht. Ich hätte es schon sehen sollen, als du dir nicht einmal das Kleid selbst aussuchen wolltest.“ Erneut schüttelte er den Kopf und ging einen Schritt auf sie zu. „Du sträubst dich so sehr vor einem Leben, das dir alles bieten würde, was du jemals brauchst. Du solltest dankbar sein. Du hast einen schlauen Kopf, sicherlich erkennst du doch, dass ich Recht habe.“
Der Mann vor ihr ging durch die Sicherheitskontrolle. Annabeth schluckte schwer. Nur noch ein paar Sekunden, dann wäre sie dran. Was sollte sie tun, um Luke abzulenken? Sie blickte sich panisch um, doch außer ihrem Koffer und ihrer Tasche hatte sie nichts, womit sie sich verteidigen könnte. Ein einzelner Kugelschreiber lag in ihrer Jackentaschen, aber sie bezweifelte, dass sie damit viel anstellen könnte. Sie konnte vage die Sicherheitsleute reden hören, während der Mann vor ihr seine Jacke aufs Band legte.
Luke wollte sie nicht; nicht wirklich. Er wollte die Idee von ihr. Das hatte sie schon lange erkannt, aber sie hatte noch immer die Hoffnung gehabt, dass es sich ändern würde. Er hätte erkennen können, dass sie mehr war, als nur ein hübsches Mädchen an seiner Seite, eine Kindheitsfreundin, die er nicht an seine Eigenarten gewöhnen musste. Als er ihr den Antrag gemacht hatte, war sie gerade frisch achtzehn geworden und sie hatte bisher einen guten Job gemacht, um die Hochzeit aufzuschieben. Jetzt war sie fünfundzwanzig, hatte einen fantastischen Job in einer der größten Architekturfirmen New Yorks und er erwartete, dass sie alles aufgab, um sich vollends auf ihre Pflichten als Frau zu konzentrieren, wie er es ausgedrückt hatte. Nicht nur sollte sie ihren Job kündigen, sie sollte auch noch nichts weiter sein, als die Mutter seiner Kinder, während er einen großen Namen in der Firma seines Großvaters machen würde. Der Luke, mit dem sie aufgewachsen war, hätte sowas niemals von ihr verlangt, aber der Mann der vor ihr stand, war schon lange nicht mehr der Luke, mit dem sie früher auf Bäume geklettert war. Er war zu einer Karikatur seines Großvaters geworden; machtversessen, kühl, gewinnorientiert. Familie kümmerte ihn nicht wirklich. Er tat das, was von ihm verlangt wurde und fragte nicht nach.
„Ich habe dir meine Meinung gesagt“, sagte Annabeth mit harter Stimme. „Es ist mir egal, was dein Großvater sagt, oder was meine Mutter sagt, aber ich werde nicht von meinem Traum zurücktreten, damit du deinen leben kannst.“
„Sei nicht dumm, Annabeth“, zischte Luke leise. „Was sollst du schon groß erreichen? Glaubst du wirklich, jemand hätte dich als Architektin angestellt, wenn deine Mutter nicht Athena Chase wäre? Niemand wird jemals ein Gebäude von dir bauen. Ohne meine Hilfe würdest du in der Gosse leben.“
„Vielleicht wäre es mir dort besser ergangen“, sagte sie, den Schmerz nicht ganz aus ihrer Stimme verbannend. Luke hatte sich immer gegen ihren Traum ausgesprochen, aber sie hätte nie gedacht, dass er ihre Mutter gegen sie verwenden würde. „Dann hätte ich dich nie kennengelernt.“
Lukes Gesicht tat etwas Seltsames. Für einen Moment schoss ein harter Zug durch seine Augen, er verzog die Lippen, dann drückte er die Schultern durch und sein Gesicht sah neutral aus. Er glättete den Kragen seines Hemdes. „Du bist unmöglich. Du wirst mitkommen und –“
Weiter konnte er nicht reden. In dem Moment, in dem die Sicherheitsbeauftragte Annabeth auf die Schulter klopfte, rammte jemand von hinten gegen Lukes Kniekehlen und schickte ihn zu Boden. Annabeth blieb nicht stehen, um zu prüfen, wie es ihm ging. Sie hievte Koffer und Tasche aufs Gepäck und huschte durch den Metalldetektor.
„Was zum –“
„Woah, Sorry, Mann“, sagte eine tiefe Stimme irgendwo hinter ihr. „Hab dich nicht gesehen, Kumpel.“
Annabeth griff nach ihrer Tasche und drückte sie an sich, während die Sicherheitskontrolleure ihren Koffer vom Band hievten. Sie winkten sie durch und Annabeth war drauf und dran zu ihrem Gate zu laufen – oder sich im nächsten Badezimmer einzusperren – als sie rasch einen Blick nach hinten warf.
Luke hatte sich aufgerappelt und klopfte sich den Staub vom Anzug. Er warf ihr einen giftigen Blick zu, aber offensichtlich hatte er sich kein Ticket gekauft. Die Sicherheitskontrolleure hielten ihn auf.
Hinter Lukes Schulter erhaschte sie einen Blick auf einen hochgewachsenen jungen Mann mit wilden, dunkelblonden Locken und strahlenden blauen Augen, die sie ein wenig ans Meer unter gleißenden Sonnenstrahlen erinnerten. Er zwinkerte ihr kaum merklich zu.
Annabeth wollte ihrem fremden Retter danken, doch sie wollte seine Ablenkung auch nicht zunichtemachen. Bevor Luke sich irgendwie an den Kontrolleuren vorbeischleichen konnte, verstärkte sie den Griff um ihren Koffer und verschwand in der Menge der anderen Flughafenbesucher.
***
„Gate 2, letzter Aufruf für den Flug New York nach San Francisco. Bitte halten Sie Ihre Tickets und Bordingpässe bereit. Ich wiederhole…“
Annabeth linste hinter Säule hervor, hinter der sie sich die letzte Stunde versteckt hatte. Ein leerer Kaffeebecher steckte in ihrer Hand, aber das Getränk hatte nicht geholfen, um ihren rasenden Verstand zu beruhigen. An jeder Ecke sah sie Luke, obwohl er nicht da war. Soweit sie wusste, hatte er sie nicht hinter die Sicherheitsschranke verfolgt, andernfalls hätte er sie wahrscheinlich im Wartebereich ausfindig gemacht. Sie hatte sich, so gut sie konnte, zwischen den anderen Reisenden versteckt, hatte sich sogar im Souvenirshop eine New York Yankees Mütze gekauft und sie sich auf die dunklen Braids gesteckt und tief ins Gesicht gezogen. Die meisten anderen Reisenden hatten ihr keine Beachtung geschenkt. Zu beschäftigt waren sie mit ihrem eigenen Leben, als einer flüchtenden Frau Aufmerksamkeit zu geben, die mehr schlecht als recht versuchte unterzutauchen. Sie konnte ihnen nicht einmal böse deswegen sein. Immerhin war es New York. Wahrscheinlich war Annabeth nicht die einzige Frau, die vor jemandem davonlief. Beinahe erwartete sie, eines dieser kitschigen Schauspiele zu sehen, bei denen ein Mann einer Frau bis ans Gate folgte, um ihr endlich seine Liebe zu gestehen. Darauf konnte sie gut verzichten, sei es nur, damit die Schlange schneller voranging.
Sie hatte aus ihrem vorherigen Fehler gelernt und sich nicht sofort bei den anderen Passagieren eingereiht. Stattdessen wartete sie, bis die Schlange vor ihrem Gate kleiner und kleiner wurde, blickte sich nebenbei immer wieder um, damit sie ja keinen dunklen Haarschopf verpasste, bis sie sich schließlich hinter der Säule hervorschälte. Den leeren Becher warf sie in den nächsten Mülleimer, bevor sie Pass und Ticket hervorkramte. Die Tasche hielt sie fest umklammert. Ihr Koffer war wahrscheinlich längst im Flugzeug untergebracht, auch wenn ihr das keinen Komfort spendete. Sie mochte es nicht, wenn sie nicht sehen konnte, wo ihre Habseligkeiten waren. Deswegen flog sie normalerweise auch nicht. Wenn es ihre Wahl gewesen wäre, hätte sie den Zug auf sich genommen, aber ein geschenktes Ticket konnte sie schlecht in den Wind schießen, nur weil sie gerne ein Auge auf ihren Koffer hatte.
Thalia, ihre Freundin aus Kindheitstagen, hatte sie lange genug dazu animiert, endlich etwas gegen Luke und seinen Kontrollzwang zu unternehmen. Es hatte bis zum Vortag ihrer Hochzeit gedauert, aber jetzt war Annabeth endlich soweit, um auch wirklich auf sie zu hören. Thalia hatte ihr nicht verraten, wie sie so schnell ein passendes Ticket auftreiben konnte, aber wahrscheinlich musste sie es nicht einmal selbst zahlen. Es war manchmal doch ein Vorteil, wenn der Vater der Chef der Chefs aller Reisefirmen Nordamerikas war. Dass Thalia nur Annabeth zuliebe tatsächlich mit ihm gesprochen hatte, würde sie so schnell nicht vergessen.
„Ihr Ticket bitte, Miss.“ Eine Flugangestellte lächelte sie geduldig an, als sie vor ihr stehenblieb.
„Natürlich.“ Annabeth reichte es der Frau, bevor sie sich ein weiteres Mal umsah. Sie schien die letzte zu sein, die den Flug nahm. Von Luke fehlte jede Spur, aber bevor sie nicht in der Luft war, würde sie sich nicht die Blöße geben, um aufzuatmen. Solch ein Verhalten hatte man ihr nicht beigebracht.
„Wunderbar, bitte genießen Sie unseren Flug, Miss Chase.“
„Vielen Dank“, erwiderte Annabeth, nahm ihren Pass wieder an sich und stopfte ihn auf dem Weg durchs Gate in ihre Tasche. Obwohl sie noch immer das Gefühl hatte, als würde man sie die ganze Zeit beobachten, hielt sie ihre Schritte ausgeglichen und in einer akzeptablen Geschwindigkeit. Die Mütze zog sie sich dennoch etwas tiefer und wünschte sich, sie hätte auch die überteuerte Sonnenbrille dazu genommen.
Eine Stewardess stand am Eingang des Flugzeugs und begrüßte sie mit einem strahlenden Lächeln, das Annabeth auch dann nicht genossen hätte, wenn sie nicht vor ihrem Verlobten geflohen wäre. Sie hielt die Hand aus und als Annabeth ihr das Ticket reichte, konnte sie die all ihre perfekten weißen Zähne einzeln zählen. Mit einem höflich manikürten Finger deutete sie erst auf die Sitznummer, dann den Gang entlang. „Direkt am Ende, Miss. Es müsste der letzte freie Platz sein, also nicht zu übersehen!“ Ihr Lächeln ließ ihre Augen strahlen, was Annabeth nur verriet, dass diese Frau entweder eine fantastische Schauspielerin war oder ihren Job tatsächlich mochte.
Mit einem gemurmelten Danke nahm sie ihr Ticket wieder an sich und eilte den Gang entlang. Andere Fluggäste saßen bereits auf ihren Plätzen, waren noch damit beschäftigt, ihr Handgepäck in die Ablagen zu stopfen oder ihren Kindern beizubringen, dass man nicht durch den Gang rennen sollte. Zwischen herumstehenden Teenagern, die mit den Augen rollten und alten Leuten, die den Gurt nicht allein zubekamen, fühlte Annabeth sich fast schon gefangen. Sie warf rasch einen Blick über die Schulter, aber Luke hatte sie in der Zwischenzeit nicht verfolgt. Sie hatte es nicht erwartet, aber es war trotzdem besser, sich immer wieder selbst zu vergewissern. Wie von der Stewardess angekündigt, lag ihr Platz am Ende des Gangs und war in der Tat der einzig freie Sitz übrig. Sie hatte den Sitz am Gang, was sie nicht sonderlich störte, aber sie teilte sich die Reihe mit einem Mann, der die Kapuze so weit übers Gesicht gezogen hatte, dass sie gerade einmal seine prominente Nase sehen konnte, während er vornübergebeugt in seinem Rucksack wühlte.
Annabeth ließ sich vorsichtig auf ihrem Platz nieder, nachdem sie die Sitznummer ein zweites Mal überprüft hatte und schob ihre Tasche zwischen ihre Füße. Sie schloss die Augen und wartete, bis die Ansage über ihren Köpfen leise knisterte und der Pilot sie zu ihrem Flug begrüßte. Sie wurden angeordnet, alle elektronischen Geräte auszuschalten, Tische nach oben zu klappen und sich anzuschnallen. Annabeth folgte den Anweisungen. Ein gutes halbes Dutzend Nachrichten bedeckte ihren Handybildschirm, aber sie überprüfte sie nicht. Stattdessen schaltete sie es aus und stopfte es in ihre Tasche. Als sie den Gurt zugeschnallt hatte, lehnte sie sich zurück und schloss die Augen erneut.
Es dauerte danach nicht lang, bis sie spürte, wie das Flugzeug sich in Bewegung setzte. Erst ein langsames Rumpeln, das ihr durch die Füße fuhr, dann ein stetiges Schaukeln, bis sie so schnell wurden, dass sie die Hand in ihre Lehne krallte. Sie versuchte alle Fakten über Flugzeuge in Gedanken aufzuzählen, die sie kannte, aber ihr Kopf war gefüllt mit dem Anblick von Lukes Gesicht, als sie ihn stehengelassen hatte.
„Flugangst?“ Jemand tippte ihr auf die Schulter und Annabeth zuckte zusammen. „Woah, Sorry.“
Sie riss die Augen auf und sah zur Seite zu ihrem Sitznachbarn. Der Mann hatte seine Kapuze noch auf, aber sie wurde trotzdem mit dem Anblick von strahlenden Ozeanaugen begrüßt. Seine dunklen Augenbrauen wanderten ein wenig in die Höhe, bis sie unter dichten, unordentlichen dunkelblonden Locken verschwanden.
„Hey, du bist die Frau von der Sicherheitskontrolle.“
Annabeth blinzelte heftig, aber dann erinnerte sie sich an ihn. Er war der Mann, der seinen Koffer in Lukes Kniekehle gestoßen hatte. „Oh.“
„Ich wollte mich gar nicht einmischen“, redete er weiter, als sie nichts anderes sagte, „aber meine Mutter würde mir die Ohren langziehen, wenn sie wüsste, dass ich jemandem in Not nicht geholfen hätte. Ich hoffe, ich hab die Situation nicht falsch verstanden, aber du sahst nicht gerade glücklich aus, dass der Kerl so mit dir gesprochen hat. Nicht, dass er überhaupt so mit dir hätte reden dürfen, aber du weißt schon. Ich wollte nicht, dass irgendwas passiert, also hab ich Kontrolle über meinen Koffer verloren. Die Räder klemmen manchmal.“ Er zwinkerte. „Es scheint ja geklappt zu haben.“
Während er redete, konnte sie eine Reihe gerade, weißer Zähne erkennen, sowie ein paar hauchdünne Sommersprossen, die über seine große Nase verteilt waren. Noch dazu zogen sich gut erkennbare Lachfalten durch seine Wangen und seine Augenwinkel. Das Blau seiner Augen war fast schon ein wenig zu grell. „Richtig“, sagte sie langsam. „Du hast Luke umgefahren.“
„Luke? Noch immer auf Namensbasis, wie ich sehe. Ich hätte ihn ja Arschloch genannt, aber jedem das seine.“ Der Mann streckte seine Hand aus. „Ich bin übrigens Percy Jackson.“
„Annabeth“, erwiderte sie, hielt ihren Nachnamen aber für sich. Sie schüttelte seine warme Hand. Sein Lächeln war ansteckend und sie konnte spüren, wie ihre Schultern sich langsam entspannten. Als sie an seiner Schulter vorbeiblickte, konnte sie erkennen, dass sie nicht mehr auf dem Flughafen waren, sondern in der Luft. Blauer Himmel schoss am Fenster vorbei, während sie immer höher flogen. Der Druck in ihren Ohren sprang für einen Moment über und sie schluckte schwer, um richtig hören zu können.
„Du fliegst nicht gerne, oder?“
„So offensichtlich?“, fragte sie mit einem schwachen Lächeln.
„Ziemlich“, gab Percy zurück, „aber keine Sorge, ich auch nicht. Ich hab gelernt, dass es hilft, wenn man sich ablenkt, damit man beim Abflug nicht in Panik gerät. Scheint geklappt zu haben, oder? Keiner von uns hat geweint.“ Er grinste sie schief an, bevor er die Kapuze von seinen dunkelblonden Locken strich. Selbst im Sitzen war er noch gut einen Kopf größer als sie, sodass sie den Kopf ein wenig anheben musste, um ihn anzusehen. „Hab ich von meiner Mum gelernt.“
„Sie scheint sehr weise zu sein“, sagte sie, die von solch einer Taktik noch nie gehört hatte, sie sich aber in einer mentalen Notiz in ihrem Hinterkopf aufbewahrte. „Außerdem eine gute Mutter, wenn sie einen Mann dazu bringt, einer fremden Frau zu helfen, die die Situation unter Kontrolle hatte.“
„Klar“, erwiderte er mit einem Achselzucken. „Aber du hättest den Kerl auch mit einem Judo-Griff umlegen können und ich hätte trotzdem geholfen.“
„Witzig“, meinte sie leise. „Früher hab ich tatsächlich Judo gemacht. Ich wette, ich könnte dich in ein paar Sekunden auf den Boden drücken.“
Ein Grinsen spaltete sein Gesicht fast in zwei Hälften. „Woah. Sehr direkt. Cool.“
Ihre Unterhaltung wurde unterbrochen, als die Stimme der Stewardess über den Lautsprecher ertönte und ihnen die Erlaubnis erteilte, ihre Gurte abzunehmen und sich frei im Gang zu bewegen. Noch ungefähr sechs Stunden, dann würden sie in San Francisco landen. Annabeth hatte sich auf einen ruhigen Flug eingestellt, auf ein paar Stunden, in denen sie in Ruhe über ihre hastige Entscheidungen nachdenken könnte, um nicht noch weiter auszuflippen. Vielleicht hätte sie Thalia schreiben können, um alles weitere zu besprechen. Ein Blick auf ihren Sitznachbar reichte allerdings aus, damit sie sich bewusstwurde, dass sie sicherlich keinen ruhigen Flug haben würde.
Sie wusste nur noch nicht, wie sie sich darüber fühlen sollte.
Ihr Sitznachbar schien keinen Grund zu sehen, sich nicht mit ihr zu unterhalten, obwohl sie sich nicht kannten. Er drehte seinen Körper zur Seite, sodass er sie besser ansehen konnte. „Also, Annabeth.“ Die Art, wie er ihren Namen aussprach, schickte einen Schauer ihren Rücken hinab. Er hatte einen starken New Yorker Akzent und, im Gegensatz zu Luke, redete er sie nicht an, als wäre sie ein zerbrechliches Kunstwerk, das staubfrei auf dem Kaminsims stehen musste. „Obwohl ich jeden Tag gerne damit verbringe, ein paar gute Taten zu verbringen, bin ich doch neugierig, wieso ich dem Kerl meinen Koffer in die Kniekehle gerammt habe.“
Sie könnte nicht antworten und ihn sitzen lassen. Wahrscheinlich würde sie es bei jedem anderen machen, der neben ihr im Flieger saß. Aber Percy… sein Blick war offen und ohne jeglichen Zwang dahinter. Wahrscheinlich würde er sogar akzeptieren, wenn sie ihm sagte, dass er sich nicht in ihre Angelegenheiten einmischen sollte. „Er ist mein Verlobter“, sagte Annabeth schließlich. „War“, verbesserte sie sich. „Ich schätze, ohne Ring bin ich nicht mehr verlobt.“
„Du klingst nicht gerade enttäuscht.“
Er hatte Recht. Obwohl es sie mitnehmen sollte, ihren besten Freund aus Kindheitstagen so stehen zu lassen, fühlte sie keinerlei Scham. Es war besser so, das wusste sie. Sie hatte ihm Chancen gegeben und er hatte sie jedes Mal enttäuscht. Selbst Annabeth konnte ihn nicht länger in Schutz nehmen. „Ich bin es nicht“, gab sie zu. „Wenn es nach mir gegangen wäre, dann wäre ich nie mit ihm verlobt gewesen. Lukes Großvater hat so viel Druck auf ihn ausgeübt, dass er mich gefragt hat, aber ich kann nicht sagen, ob er die Entscheidung aus Liebe getroffen hätte.“
„Wieso hast du überhaupt zugestimmt?“, fragte Percy mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Luke ist kein schlechter Mensch“, sagte sie rasch. Sie hatte den Drang sich zu erklären, auch wenn sie von Percys Blick erkannte, dass er alles annehmen würde, was sie ihm sagte. Der Gedanke ließ ihr Herz ein wenig schneller schlagen. „Früher war er besser. Netter. Er hat mir immer die besten Äpfel vom Baum geholt, als wir noch Kinder waren, und die fiesen Mädchen aus meiner Klasse zur Schnecke gemacht, als er rausgefunden hat, dass sie mich beim Volleyball nicht dabeihaben wollten. Er war gut. Er ist gut.“ Sie seufzte, ehe sie ihren Körper ebenfalls zu ihm drehte. Irgendwie fühlte es sich gut an, mit jemandem darüber zu reden, der nichts über sie und Luke wusste. Thalia kannte sie bereits, seit sie noch an Lukes Fersen gehangen hatte, und hatte immer zu viel über ihre Beziehung gewusst. Percy hingegen war ein Fremder. Im besten Fall würde sie ihn nach diesem Flug sowieso nie wieder sehen, also könnte sie auch ehrlich sein. „Er ist nur unfassbar ambitioniert und perfektionistisch. Sein Großvater will, dass er in seine Fußstapfen tritt und seine Firma leitet und nebenbei die perfekte Familie gründet. Eine Frau, die zuhause auf die Kinder aufpasst, während er Millionen verdient und versucht die Welt zu verändern. Ich hab selbst Ambitionen“, sagte sie seufzend. „Ich habe einen Job, den ich liebe und ich weiß nicht mal, ob ich überhaupt schon bereit für Kinder bin, aber das war Luke egal. Wenn ich ihn geheiratet hätte, dann hätte ich meinen Job kündigen müssen und meine Tage nur noch zuhause verbringen müssen, wie es schon seine Mutter und seine Großmutter getan hatte. Ich wäre nur ein Statussymbol für ihn gewesen. Ein Punkt auf der Liste seines Großvaters, den er hätte abhaken können.“
Es auszusprechen fühlte sich realer an, als sie je geglaubt hatte. Sie hatte die letzten Monate nach Wegen gesucht, um Luke davon zu überzeugen, dass er nicht nach den Regeln seiner Großvaters spielen muss, dass er wie sein Vater sein könnte, aber Luke wollte nichts davon hören. Im Grunde ging es nie darum, was Annabeth wollte, sondern nur, wie er sie in sein Leben pressen konnte. Wenn er sie dafür formen und Ecken abschneiden musste, damit sie keine dummen Fragen stellte, dann sollte es so sein. Es schien, als hätte er sie nicht gut genug gekannt, um zu wissen, dass er damit keinen Erfolg haben würde.
„Was für ein Idiot“, antwortete Percy achselzuckend. „Nichts für ungut, aber jemand, der dich nicht wertschätzt, kann kein guter Mensch sein. Du scheinst mir so ziemlich ein Hauptgewinn zu sein, Annabeth.“
Sie schnaubte belustigt. „Du kennst mich überhaupt nicht.“
„Muss ich das?“, fragte er mit einem halben Grinsen. „Ich kann dich doch sehen. Das reicht aus.“
Annabeth wurde schrecklich warm und sie zwang sich, seinem Blick standzuhalten. Was fiel ihm ein, solche Dinge zu ihr sagen? Ihr Herz schlug etwas schneller und am liebsten würde sie die Stewardess fragen, ob sie mit jemandem den Platz tauschen könnte – Percy löste bei ihr offensichtlich Herzprobleme aus und sie wollte nicht in dutzenden Kilometern in der Luft daran sterben, wenn sie gerade in ihr neues Leben fliehen wollte. „Bist du immer so direkt, mit Leuten, die du nicht kennst?“
Percy zuckte mit einer Schulter. „Ich wurde gut erzogen, was soll ich sagen? Wenn ich ein Kompliment habe, dann soll ich es auch sagen, das hat meine Mum mir so beigebracht. Du kannst dich ja bei ihr beschweren.“
„Vielleicht werde ich das tun.“
„Gut“, meinte er. „Dir ist hoffentlich bewusst, dass sie mich am Flughafen abholen wird und du damit die perfekte Möglichkeit hast, oder?“
„Ich…“ Sie blickte ihn mit offenem Mund an. „Du hast mich reingelegt.“
„Nah.“
Sie schüttelte den Kopf und konnte ihr Lachen nicht verhindern. „Gibt es noch mehr Dinge, die dir deine Mutter beigebracht hat, über die ich mich direkt beschweren kann? Ich bin gut darin, Listen anzufertigen.“
„Warum überrascht mich das nicht?“
„Das klingt so, als würdest du mich verurteilen.“
„Nie im Leben“, antwortete Percy locker. „Mein Halbbruder Tyson liebt auch Listen. Er hat mal eine gemacht, um mir zu zeigen, was er alles an mir mag. Die negative Seite hatte nur den Punkt, dass ich ihm zu viel vom Frühstück wegesse.“
„Oh, ein Heiliger, also“, meinte Annabeth belustigt. „Sollte ich mich verbeugen?“
„Passt schon“, sagte er. „Aber vielleicht werde ich dich dazu auffordern, am Ende des Flugs eine Liste darüber zu erstellen, was für ein guter Sitznachbar ich bin. Das kann ich Tyson dann als Souvenir verkaufen.“
Annabeth unterdrückte ein Lachen. „Lass mich raten, du hast vergessen, ihm was zu kaufen?“
Percys Wangen wurden ein wenig dunkler. „Eventuell. Aber hey, zu meiner Verteidigung war ich nur einen Tag in New York und bis vor ein paar Wochen hab ich da noch gelebt. Es ist mir nie in den Sinn gekommen, aus meiner Heimatstadt Souvenir mitzunehmen.“
„Was hat dich dann nach San Francisco gezogen?“
„Es war eher zufällig“, erklärte er. „Mein Stiefvater hat einen Job an der USF bekommen und ist mit meiner Mum, Schwester und Tyson runtergezogen, während ich mein Studium an der Stony Brooke beendet hab. Ich hab Marinebiologie studiert und konnte einen Job in San Francisco ergattern. Außerdem kann ich dann endlich wieder Surfen.“
Annabeth konnte sich nicht helfen. Beim Wort Surfen musste sie sich Percy unweigerlich in einem hautengen Neoprenanzug vorstellen, die Haare vom Wasser und den Wellen noch unordentlicher als jetzt, Wassertropfen und Salzkristalle auf seinen Wangen und in seinen Wimpern und ein roter Fleck auf seiner Nase, wo er sich nicht genug eingecremt hatte. Surfen stand ihm gut. Mehr als gut. Sie biss sich auf die Innenseite der Wange, um bloß nichts davon laut zu sagen. Sie wusste nicht, was los mit ihr war. Percy war gutaussehend, ja, und er schien in ihrem Alter zu sein, aber das war lange noch kein Grund, damit sie ihre Würde vergessen konnte. Keine Stunde zuvor war sie vor Luke geflohen und hatte ihre Hochzeit damit wohl offiziell abgesagt. Wie konnte sie überhaupt daran denken, einen anderen Mann gutaussehend zu finden?
„Was führt dich nach San Franciso?“, fragte Percy nebensächlich klingend. „Ich gehe mal davon aus, du hast nicht den erstbesten Flug gebucht, den du finden konntest. Irgendein Ziel musst du ja haben.“
Für einen Moment überlegte sie, ob sie sich etwas ausdenken sollte. Percy war nach wie vor ein Fremder – ein hübscher Fremder, ja, aber ein Fremder – und er verdiente keine Ehrlichkeit. Aber er hatte ihr geholfen. Er hatte sich für sie eingesetzt und ihr geholfen und ihr seine Wahrheit erzählt. Außerdem war er süß zu ihr gewesen. Es würde sich falsch anfühlen, sein gutes Wesen auszunutzen und ihn anzulügen. „Ich bin noch nicht sicher“, gab sie schließlich zu. „Mein Vater und meine Stiefmutter leben in San Francisco, aber sie wissen noch nicht, dass ich die Hochzeit abgesagt hab. Meine Freundin Thalia hat mir das Ticket besorgt, aber sie lebt nicht mal an der Westküste.“
Percy sah sie für einen Moment nachdenklich an. „Du könntest… ah, egal. Vergiss es. Deine Eltern haben sicher nichts dagegen, dich aufzunehmen, oder?“
Sie runzelte die Stirn. „Ich schätze nicht. Was wolltest du sagen?“
Seine Wangen wurden ein wenig dunkler – noch dunkler als zuvor – und er richtete den Blick auf einen Punkt hinter ihrer Schulter. „Es war ‘ne dumme Idee, vergiss es, aber meine Mum hat ein Gästezimmer, das unbenutzt ist.“
Es war an Annabeth, dunkle Wangen zu bekommen. Sie starrte auf ihre Hände und presste die Lippen zusammen. „Das ist wirklich lieb, aber – “
„Nein, schon klar, ich bin ein Fremder in einem Flugzeug, ich weiß schon. Wie gesagt, es war ‘ne dumme Idee. Vergiss einfach, dass ich was gesagt hab.“
Stille fiel über sie. Annabeth blickte auf ihre Hände, an die Stelle, an der zuvor jeden Tag ihr Verlobungsring gesessen hatte. Die Haut war heller an dem Finger, ein ringförmiges, hellbraunes Band auf ihrer dunkelbraunen Haut. Wenn sie den Ring nie abgesetzt hätte, dann hätte sie nie bemerkt, wie hell sie geworden war. Sie wusste nicht, was sie über Percys Angebot denken sollte, also tat sie das, was ihr am einfachsten erschien: Sie ignorierte es.
Für die nächste Stunde redeten sie nicht fiel. Percy tippte auf seinem Handy herum und hatte seinen Körper wieder geradegebogen, während Annabeth an ihm vorbei aus dem Fenster sah. Sie liebet es die Wolkentürme zu beobachten, die an ihnen vorbeizogen und sich vorzustellen, sie wären Gebäude aus weißem Marmor. Irgendwann wollte sie ein Gebäude erstellen, dass genau dieses Gefühl in ihr verursachte, ein Gebäude, das sich unendlich wie der Himmel anfühlte. Sie stellte sich vor, wie es sich nahtlos in die Skyline anpassen würde, wie Leute darauf zeigen würden und wüssten, dass sie es gebaut hatte. Das war es, was jemanden unsterblich machte, dachte sie. Wenn man sich nach ihrem Tod auch noch an sie erinnerte, dann hatte sie es wirklich geschafft.
Ihr Blick fiel immer wieder auf Percy, aber sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Sein Angebot war süß, ja, aber er war ein Fremder, den sie vor einer Stunde kennengelernt hatte. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass es überhaupt ernst gemeint war. Ein Affekt, vielleicht. Ein Wortbrei ohne Filter. Er hatte wahrscheinlich nur vor sich hingeredet, weil er es nicht besser wusste. Sie versuchte seinen Blick aufzufangen, aber er schien zufrieden damit, sie für den Rest des Flugs zu ignorieren.
Lautlos seufzend wandte sie den Blick zurück und öffnete ihre Tasche. Sie holte ein Buch hervor, das sie hastig eingepackt hatte und schlug es auf ihren Knien auf. Gerade als sie mit dem Finger die Zeile suchte, an der sie aufgehört hatte, räusperte sich Percy neben ihr. Als sie aufsah, konnte sie erkennen, dass er eine Tupperdose aus seinem Rucksack gefischt hatte. Darin lagen Kekse – blaue Kekse.
„Möchtest du einen?“
***
Es war ein wahnsinnig schwacher Versuch, sein Gespräch mit Annabeth wieder aufzubauen, aber Percy würde im Moment alles tun, damit die Frau neben ihm wieder mit ihm sprach. Es war nicht seine erste Idee gewesen, sie wieder auf sich aufmerksam zu machen, aber es war die Beste, die er hatte – und die Einzige, die ihn nicht wie einen totalen Loser dastehen ließ. Während Annabeth mit kühler, nachdenklicher Miene aus dem Fenster gesehen hatte (wobei ihr Blick immer wieder zu ihm gehuscht war, als wäre sie mehr als nur genervt, dass er in ihrem Blickfeld existierte), hatte Percy sich Verstärkung von Grover, seinem besten Freund, gesucht.
Percy: die braut hasst mich!! hilfe!!
Grover: das passiert wenn du nur von delfinen redest
Percy: im gegenteil, ich habe nicht ein einziges mal von delfinen geredet obwohl ich es so gerne will
Grover: wow das ist neu
Percy: ich habe ihr vielleicht angeboten dass sie bei mum leben kann während sie ihr leben neu ordnet
Percy: und jetzt redet sie nicht mehr mit mir
Percy: wenn es nicht zu dramatisch wäre, würde ich auf die knie fallen
Grover: bei den göttern erzähl mir nicht
Grover: percy
Grover: bist du verliebt???
Percy: sag das böse V-Wort nicht
Grover: die beweise sagen mir aber anderes…
Percy: okay schön ich finde sie gut, aber das ist nicht der punkt??? wenn ich sie nicht dazu kriege mit mir zu reden kann ich mich auch gleich aus dem fenster werfen
Grover: gut zu wissen dass deine dramatische ader noch da ist
Grover: hast du noch welche von Sallys Keksen übrig? Biete ihr welche an
Grover: über essen kann man immer reden
Percy du kannst immer über essen reden
Grover: hast du eine bessere idee?
Percy: …
Grover: dachte ich mir.
Also hatte er die Kekse seiner Mutter aus dem Rucksack geholt – den Rest, zumindest, den er nicht aufgefuttert hatte. Und Dank sei den Göttern, dass er sich nicht sofort darüber hergemacht hätte, ansonsten könnte er es wohl vergessen, mit Annabeth zu reden.
Diese blickte skeptisch auf die Kekse in seiner Hand. „Sie sind blau.“
„Richtig, sorry. Meine Mutter macht sie immer so.“
„Aber… blau?“
„Ist ’ne lange Geschichte, aber im Grunde hat sie damit angefangen, Essen blau zu färben, weil es mein ekliger Stiefvater damals nicht leiden konnte. Nicht mein jetziger. Paul ist cool. Ich liebe Paul. Gabe allerdings… der war ‘ne ganz andere Geschichte. Sorry, das wolltest du wahrscheinlich nicht wissen.“ Er presste die Lippen zusammen und versuchte nicht rot zu werden. Es kam nicht häufig vor, dass Percy jemanden interessant fand – oder sich V-Wortete, wie Grover es getauft hatte. Bisher war es nur einmal vorgekommen, in der Mittelschule, als Rachel Elizabeth Dare in seine Klasse gewechselt war und ihr Farbwasser über seine neue Jeans gekippt hatte. Eigentlich hatte er sich ewige Rache geschworen, aber dann war er mit ihr zum Prom gegangen und hatte sie unter den kitschigen Mistelzweigen geküsst. Rachel wohnte jetzt in den Rocky Mountains und verbrachte ihre Tage mit Landschaftsmalereien, wobei sie ihm manchmal Fotos von ihren Reisen mit ihrer Freundin Piper schickte. Seit Rachel mit ihm Schluss gemacht hatte, weil sie auf einer spirituellen Reise herausgefunden hatte, dass sie nichts mit Jungs anfangen konnte, hatte er sich niemandem mehr wirklich nah gefühlt.
Es schien wie ein schrecklich fieser Wink des Schicksals, dass ihm sein Atem gerade beim Anblick einer weglaufenden Braut im Hals stecken bleiben sollte. Wenn es eine Art Mensch gab, die nicht bereit dazu waren, jemand neuen kennenzulernen, dann waren es Bräute, die gerade vor ihrem Verlobten flohen. Es war genau sein Glück, dass Percy Annabeth kennenlernen würde. Ihre strahlenden, großen Augen waren so braun wie die eines Rehs und Percy hatte sich beim ersten Anblick ein wenig in ihnen verloren, als wären sie ein Labyrinth, dessen Ausgang sich immer wieder verschob. Es ging Percy nicht wirklich um Schönheit, aber selbst er konnte nicht verneinen, dass Annabeth eine war. Wahrscheinlich erblasste selbst Aphrodite neben ihr. Ihre dunkle Haut war geschmeidig wie Ocker, ihre Haare waren in kunstvolle Braids frisiert, die Percys Blick bereits in der Schlange der Sicherheitskontrolle ins Auge gefallen war und ihre Augen… bei den Göttern, ihre Augen waren wahrscheinlich das eindrucksvollste an ihrem gesamten Aussehen. Percy konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal jemanden mit solchen Augen gesehen hatte, wenn er es denn überhaupt schon hatte.
Annabeth griff vorsichtig zu, bis sie einen der blauen Kekse in den Händen hielt. Sie studierte ihn für einen Moment, ehe sie zögerlich abbiss. Beim Kauen konnte Percy nur auf ihre Lippen starren. „Oh“, sagte sie. „Die sind wirklich gut. Ich dachte aber, sie würden…“
„Auch blau schmecken?“, endete Percy grinsend, bevor er ebenfalls zugriff. „Wir haben eine Zeitlang Blaubeergeschmack in alles gekippt, bis es uns aus den Ohren gekommen ist. Jetzt ist es nur noch Lebensmittelfarbe.“
Nickend schob sie sich den Rest in den Mund. „Verstehe. Es geht also eher um den äußerlichen Reiz als um kulinarische. Das kann ich verstehen. Wahrscheinlich würde ich auch irgendwann keine Lust mehr auf den immer gleichen Geschmack haben.“
Percy lehnte sich in seinem Sitz zurück. Er klappte den Tisch der Lehne vor ihm auf und stellte die Tupperdose darauf ab. „Bedien dich bitte“, sagte er. „Meine Mum macht sowieso immer viel zu viele, ich kann die eh nicht allein aufessen.“
„Deine Mutter scheint eine vielbeschäftige Frau zu sein“, erwiderte Annabeth. „Du hast mir noch nicht erzählt, was sie mittlerweile in San Francisco macht.“
„Oh. Ich wusste nicht, dass es dich interessiert“, sagte er, dann fügte er an, bevor sie es sich anders überlegte: „Sie ist Autorin, also kann sie eigentlich überall arbeiten. Sie schreibt fast ausschließlich Bücher für Kinder, also weiß ich nicht, ob du schon von ihr gehört hast.“
„Hm, das kommt drauf an. Ich kann auch gute Kinderbücher lesen.“
„Sally Jackson“, antwortete er. „Das ist ihr Name.“
Ein leuchtender Ausdruck trat in Annabeths Augen. „Sally Jackson ist deine Mutter? Autorin von Und da waren wir zu dritt?“
Percy grinste. „Jep.“ Es war das erste Buch gewesen, dass seine Mutter veröffentlich hatte. Damals war er noch in der Schule gewesen und sie hatte gerade angefangen Paul Blofis zu daten. Man hätte meinen können, dass die Geschichte um sie, Percy und Paul ging, aber eigentlich war es vielmehr eine Geschichte, wie sie Tyson adoptiert hatte. Einen Sohn bei sich aufzunehmen, der nicht einmal von ihr, sondern von Percys biologischem Vater war, hatte nie auf der Agenda gestanden, aber Sally hatte es sich nicht nehmen lassen, auch Tyson das beste Zuhause zu bieten. Es war Paul gewesen, der ihr die Idee gegeben hatte, ein Buch aus der Situation zu machen und der Rest war Geschichte. „Ich wusste doch, du hast guten Geschmack.“
„Machst du Witze? Ich hab das sicher zwanzig Mal gelesen, als es rauskam. Ich wollte immer zu einer ihrer Signierstunden gehen, aber ich hab nie die Zeit gefunden. Wow. Du verarscht mich auch nicht?“
„Wieso sollte ich? Ich kann dir gerne meinen Pass zeigen, da steht es schwarz auf weiß. Percy Jackson, Sohn von Sally Jackson, stets zu Diensten.“ Er deutete eine Verbeugung an.
Wahrscheinlich war es ein gutes Zeichen, dass sie die Augen nicht verdrehte, oder ihn dümmlich anstarrte, sondern lachte. Kein lautes Lachen, sondern ein leises Auflachen, nur für ihn bestimmt, das im Raum zwischen ihnen existierte. Der Rest des Flugzeugs schmolz beim Klang davon.
„Ich kann nicht glauben, dass ich etwas gegessen habe, dass Sally Jackson gebacken hat. Ich glaube, mir wird schwindlig“, sagte Annabeth leise.
„Willst du was trinken?“, fragte Percy schnell. Seine Hand huschte nach vorne und umfasste die Lehne ihres Sitzes. „Oder soll ich die Stewardess benachrichtigen? Du kannst dich auch hinlegen, ich kann stehen, damit hab ich kein –“
„Atmen, Algenhirn“, erwiderte Annabeth lachend. „Das war nur so eine Aussage. Keine Sorge, ich bin schon groß und kann meine Aufregung in Grenzen halten.“
Percys Wangen wurden heiß und er lehnte sich wieder zurück. „Sicher, klar, das wusste ich.“ Er ließ eine kurze Pause, dann: „Algenhirn?“
Annabeths Haut war bereits dunkel genug, damit er nicht erkannte, ob sie auch errötete, aber sie wandte den Blick ab und räusperte sich leise, was genug aussagte. „Ist mir so rausgerutscht. Ich finde, es passt für jemanden wie dich.“
„Algenhirn“, wiederholte er, bevor er grinste. „Hat was, oder? Meiner Mum gefällt das bestimmt auch.“
„Ich gebe ihr volles Patent, falls sie dich in einen Charakter verwandeln will.“
Er grinste. „Das würde ihr sicherlich so gefallen, also sollte ich ihr vielleicht doch nichts erzählen. Hey, Moment.“
„Was?“
„Du hast gesagt, du wolltest ein Autogramm von ihr haben, ja? Ich wette, meine Mum hätte nichts dagegen, dir am Flughafen eins zu geben, wenn du ein paar Minuten Zeit hast.“
Annabeth weitete die Augen. „Das – das ist wirklich nicht nötig! Ich würde nicht wollen, dass sie ihre Zeit mit sowas verschwendet, außerdem will ich mich nicht aufdringen, und –“
„Unsinn“, unterbrach Percy sie mutig. „Meine Mum würde dich sicherlich liebend gerne kennenlernen. Wenn du halb so charmant wie jetzt bist, dann lädt sie dich sogar zum Essen bei uns ein.“ Zum wiederholten Male verfluchte Percy seinen zu schnellen Mund. Er konnte es nicht lassen, nicht nachzudenken, bevor er redete. Das hatte ihn in der Vergangenheit schon genug Probleme eingeheimst. Bei einer Frau wie Annabeth nicht nachzudenken kam ihm wie ein Todesurteil gleich. Wahrscheinlich würde sie denken, er würde sie anmachen – was er zugegebenermaßen auch versuchte – und bei der Landung aus dem Flugzeug fliehen, um ihn nie wieder zu sehen. Percy war gänzlich aus der Übung, mit hübschen Frauen zu reden und es schien, als würde ihn das jetzt in den Hintern beißen.
Annabeth tat Etwas, das er nicht erwartet hatte. Sie lehnte sich auf ihrem Sitz ein wenig zur Seite, sodass sie ihm ins Gesicht sehen konnte, bevor sie die Augenbrauen hochzog und die Mundwinkel zu einem fast schon süffisanten Lächeln verzog. „Du scheinst davon auszugehen, dass der Weg in mein Herz durch Essen stattfindet.“
„Äh.“
Sie lachte. „Da liegst du nicht ganz falsch. Ich könnte mich immer für eine gute Mahlzeit bereitschlagen lassen. Aber ich will dich und deine Familie wirklich nicht stören.“ Dann tat sie etwas, dass er noch weniger erwartet hatte. Sie griff in ihre Tasche und zog einen Kugelschreiber hervor – einen schicken aus Metall, mit dem Logo einer Firma darauf, dass er nicht kannte. Als sie ihn klickte, konnte er sogar hören, wie teuer er gewesen sein musste. Annabeth nahm sich eine der Broschüren aus der Halterung am Sitz vor ihr, riss einen Teil davon ab, auf dem nicht zu viel stand und kritzelte dann ein paar Zahlen darauf. Sie unterstrich es zwei Mal, bevor sie den Zettel faltete. „Das ist meine Nummer“, sagte sie. „Je nachdem, wie du dich während des Flugs machst, gebe ich sie dir vielleicht.“ Unter viel Gewichtung und einem Lächeln, das sein Gesicht die ganze Zeit nicht verließ, steckte sie den Zettel samt Kugelschreiben in ihre Jackentasche.
Dann zwinkerte sie und Percy hatte das Gefühl, dass die Luft plötzlich wesentlich dünner wurde.
„Wow, ich – ähm.“
„Zunge verschluckt?“
Es schien einfacher zu sein, zu nicken.
Annabeth lächelte. „Du hast in der letzten Stunde schon mehr Interesse gezeigt, als Luke in den letzten Monaten. Keine Sorge, du bist auf gutem Weg, mich zum Essen einladen zu dürfen.“
„Oh. Ähm. Gut!“ Er räusperte sich und verfluchte seine blassen Wangen, die seit ihrer Ankunft nicht mehr kühl geworden waren. Wahrscheinlich sah er aus, als hätte er mit zu viel Make-Up rumgespielt. „Luke klingt wie ein Idiot, wenn er sich nicht für dich interessiert. Wo wir schon dabei sind… ich will keine Grenzen überschreiten, aber ich konnte nicht umhin, als am Flughafen etwas von eurer Unterhaltung mitzuhören.“ Er mied ihren Blick und kratzte sich am Hinterkopf. „Du bist Architektin?“
„Wenn man Luke glaubt, dann bin ich es wahrscheinlich nur dank Nepotismus geworden“, erwiderte sie bitter. „Meine Mutter hat in meinem Alter bereits ihre eigene Firma gegründet – Athens Untarnished – und ich habe vor ein paar Jahren da auch angefangen zu arbeiten. Ich bestreite nicht, dass ich den Job wahrscheinlich dank meiner Mutter bekommen habe, aber ich bin trotzdem eine gute Architektin. Ich habe das Studium als Beste meines Jahrgangs abgeschlossen, habe meinen ersten Auftrag zur Perfektion erfüllt und bereits ein halbes Dutzend Restaurationen durchgeführt, ohne ein einziges Mal Probleme mit Kunden zu haben. Ich weiß, dass ich eine gute Architektin bin, aber… ich weiß nicht, ob Luke nicht vielleicht Recht hat“, fügte sie leise an. „Niemand würde mir ins Gesicht sagen, wenn ich Mist baue, eben weil ich die Tochter der Firmeninhaberin bin.“
„Ich hab nicht viel Ahnung vom Architekten-Business, aber ich glaube kaum, dass deine Kunden dich anlügen würden. Es steht ‘ne Menge auf dem Spiel, wenn ein Gebäude mies gebaut wurde, oder? Es könnte zusammenbrechen oder sowas. Ich weiß nicht, warum man darüber lügen würde.“
Annabeth blinzelte langsam. „So hab ich das noch gar nicht gesehen.“
Er drehte den Kopf zurück zu ihr und war erleichtert zu sehen, dass sie nicht beleidigt aussah. „Wenn man darüber lügen würde, dass du deine Arbeit gut machst, dann verliert man im Endeffekt doch nur mehr Geld und wenn ich eins weiß, dann das Menschen ungerne Geld verlieren.“ Er zuckte mit den Achseln. „Nichts für ungut, aber Luke klingt wie ein Idiot, der einfach nur neidisch auf dich ist.“
Zu seiner Überraschung bedeckte Annabeth ihren Mund, als sie lachte. „Neidisch? Wow, das ist das erste Mal, das ich das höre.“
Percy zuckte mit den Achseln. „Aber es würde Sinn ergeben, nicht wahr?“
„Schon. Sogar ziemlich.“ Sie seufzte. „Vielleicht hast du Recht. Vielleicht auch nicht. Es macht für mich auch keinen Unterschied mehr, wieso er tut was er tut. Ich hab lange genug versucht Entschuldigungen für ihn zu finden, die es nicht geben musste. Ich bin fertig mit ihm.“ Obwohl kein Ring an ihrem Finger steckte, tat sie trotzdem so, als würde sie einen abnehmen.
Percy streckte die Hand aus und nahm ihr den unsichtbaren Ring ab. Dann tat er so, als würde er das Fenster öffnen und warf den Ring in die Luft. „Und auf Nimmerwiedersehen“, fügte er an.
Annabeth lachte erneut. „Als ich heute Morgen aufgestanden hab, hätte ich nicht gedacht, dass ich den Flug überhaupt irgendwie genießen würde, aber du lässt mir irgendwie keine andere Wahl.“
„Ist mein verborgenes Talent.“
Sie drehte den Kopf weiter zu ihm, ihre Lippen zu einem breiten Lächeln verzogen, dass ihre Augen zum Glänzen brachte. „Es ist ein wirklich, wirklich gutes Talent, Percy.“
Als sie seinen Namen sagte, hatte er kurz das Gefühl, als würde er dem unsichtbaren Ring hinterher aus dem Fenster fallen. Er fühlte sich für einen Moment schwerelos. So musste es sein, wenn man keine Sorge in der Welt hatte.
Für die nächste Stunde teilten sie Geschichten aus New York miteinander, wie sie aufgewachsen waren und was sie alles in der Stadt bisher so angestellt hatten. Percy erzählte ihr von dem kleinen Apartment, das er und seine Mum bewohnt hatten, bevor Paul dazukam, und Annabeth redete von ihrer Mutter, der Meisterarchitektin, die nach ihrer Geburt kalte Füße bekommen, und sie allein bei ihrem Vater gelassen hatte. Während sie darüber redeten, was sie alles in San Francisco machen würden, sobald sie Zeit hatten, aßen sie Sallys blaue Kekse. Annabeth erzählte ihm von einer Architekten-Stelle, auf die sie sich vielleicht bewerben würde, wenn sie dauerhaft an der Westküste bleiben würde, während Percy seine beste Tyson-Imitation darstellte, die Annabeth so laut lachen ließ, dass die Stewardess sie mehrmals um Ruhe beten musste. Die Wolken vor dem Fenster zogen wie ein weißes Meer an ihnen vorbei, während das Flugzeug sie näher und näher an ihr Ziel brachte. Kaum hatten sie es sich versehen, fehlten nur noch zwei Stunden, bis sie in San Francisco ankommen würden. Die Tupperdose mit den Keksen war leer (den letzten hatte Percy gentlemenlike in zwei gebrochen und mit ihr geteilt), Kindheitsgeschichten für den Moment ausgeschöpft und Ruhe kehrte wieder ein.
Annabeth hatte den Kopf zurückgelehnt und die Augen geschlossen, während Percy wahllos auf seinem Handy scrollte, damit er ihr Seitenprofil nicht ansehen würde. Er wollte kein seltsamer Creep sein, der nicht von ihr ablassen konnte, aber es fiel ihm zugegebenermaßen ziemlich schwer, Annabeth zu ignorieren, wenn er sich noch nie so schnell mit einem Menschen so gut verstanden hatte wie mit ihr. Besorgt, dass es nur die erzwungene Nähe war, die sie dazu brachte, überhaupt mit ihm zu reden, gab er ihr den Freiraum, den sie verdiente. Er schickte seiner Mutter ein Update seines Flugs (ohne Annabeth zu erwähnen), bevor er sich stumm dazu bereiterklärte, für den Rest des Flugs aus dem Fenster zu starren und die Wolken zu beobachten.
Während die Stille sie wie eine Decke umwickelte, dachte Percy über das V-Wort nach. Seit Rachel hatte ihm niemand mehr Herzflattern bereitet, nicht einmal Rachels Freundin Pipers bester Freund Jason, der im richtigen Licht wie ein Statue eines griechischen Gottes ausgesehen hatte. Sicher, Percy hatte ihn attraktiv gefunden (okay, heiß), aber das war alles gewesen, was er über ihn entschieden hatte. Kein Herzflattern, keine schwitzigen Hände, keine nervösen Stimmbrüche und schon gar kein V-Wort. Wenn er Annabeth allerdings ansah, dann spürte er ein Kribbeln in seiner Magengegend, ein seltsamer Sog hinter seinem Magen, als wollte selbst Universum ihm damit etwas sagen. Es fühlte sich magnetisch an, als wäre Annabeth das fehlende Momentum, das ihm immer gefehlt hatte. Percy glaube nicht ans Schicksal, sondern war der festen Überzeugung, dass alles nur zufällig geschah, aber selbst er konnte dieses Mal nicht abstreiten, dass es doch wie ein sehr großer Zufall erschien, dass er und Annabeth den gleichen Flug in die gleiche Stadt unternahmen, um den gleichen Neuanfang zu wagen. Zugegeben, sie waren aus sehr unterschiedlichen Neuanfangs-Gründen in diesem Flugzeug, aber es waren mittlerweile zu viele Zufälle, als Percy daran glaube würde, dass es auch noch einer war, dass sie die Sitze nebeneinander hatten, nachdem er ihr bereits im Flughafen begegnet war. Wie viele Zufälle hintereinander konnten bitte geschehen, nur damit er Zeit mit ihr verbringen könnte?
Es fühlte sich wie ein Test an. Spätestens seit Annabeth ihre Nummer auf ein Stück Papier geschrieben und in ihrer Tasche verstaut hatte, war es ein Test für ihn. Das Universum hatte ihm die Möglichkeit gegeben, endlich wieder über das V-Wort nachzudenken und ihm Annabeth mitgeschickt. Der Rest lag an ihm. Jetzt musste er sie in der letzten Stunde nur noch so sehr beeindrucken, dass er ihre Nummer auch bekommen würde.
Percy checkte sein Handy und tat so, als würde er eine Nachricht schicken, während er sich, mit dem Bildschirm von Annabeth abgewandt, stattdessen selbst in der Frontkamera betrachtete. Wenn er gewusst hätte, dass das Universum solche Pläne mit ihm hatte, dann hätte er etwas mehr Zeit in sein Aussehen investiert, bevor er zum Flughafen gefahren war. Seine Haare lagen unordentlich und ungekämmt auf seinem Kopf, eine rot gekratzte Stelle an seiner Lippe zog seinen Blick auf sich und seine Klamotten waren eher komfortabel als schick aussehend. Er zog nervös an den Falten seines Hoodies herum. Im Gegensatz zu seinem Outfit sah Annabeth aus, als würde sie jeden Moment auf den Laufsteg treten. Sie war wunderschön – mehr als das, vielleicht, aber Percy wusste nicht, wie er das ausdrücken sollte. Gab es ein Wort, das noch höher als wunderschön stand? Wenn ja, dann war Annabeth genau das.
Er stopfte sein Handy zurück in die Tasche und holte einen tiefen, leisen Atemzug. Sein Kopf zermarterte sich nach etwas, dass er zu ihr sagen könnte, irgendwas, damit die letzte Stunde nicht leise an ihnen vorbeiziehen würde, aber sein Hirn war leer. Jegliche intelligente Gedanken, die er manchmal hatte, waren wie weggeflogen, während er nur daran denken konnte, wie viel Hitze sein Körper ausstrahlte und wie sehr seine Handinnenflächen deswegen schwitzten. In der Hoffnung, dass Annabeth es nicht bemerken würde, wischte er sie an der Seite seiner Hose ab.
„Was für ein Tier würdest du sagen bin ich?“, fragte Annabeth einen Moment später.
***
Die Frage hatte Percy völlig unerwartet getroffen, so viel konnte Annabeth erkennen. Er starrte sie mit diesen großen, blauen Augen an, vollkommen überwältigt, dass sie ihn angesprochen hatte und Annabeth musste sich mehr als nur zusammenreißen, um nicht loszulachen. Er sah süß aus, das wusste sie, aber das Glänzen seiner blauen Augen war fast zu viel für sie. Alos würde das Meer sie ansehen. Es war ein wenig unfair, fand sie, dass ein Mann gerade solche Augen haben musste.
„B-Bitte?“, fragte er. Wahrscheinlich dachte er, er hätte sie falsch verstanden.
„Was für ein Tier würdest du sagen bin ich?“, wiederholte sie geduldig. Wenn sie ehrlich war, hatte sie nicht lange nachgedacht, was sie ihn fragen wollte – es war einfach so passiert. Sie wusste nur, das sie mehr mit ihm reden wollte. Entweder hatte er es die letzte Stunde anders gesehen, oder er hatte selbst die Nerven aufbringen müssen. Was auch immer es war, Annabeth hatte nicht länger warten wollen. Sie wollte seine Stimme hören.
„Oh. Ich – ähm.“ Er stockte und leckte sich über die Lippen. „Ich bin nicht sicher.“
„Hm“, machte Annabeth und versuchte nicht zu sehr auf die Stelle zu starren, an der seine Zunge gerade verschwunden war. „Meine Freundin Thalia sagt ich wäre eine Eule, aber das ist mir zu klischeehaft, weißt du?“
„Nicht wirklich“, gab er ein wenig atemlos zurück.
„Meine Mutter heißt Athene“, erklärte sie, weil sie nicht wusste, ob sie es schon gesagt hatte, oder ob er es einfach vergessen hatte. „Eulen waren irgendwie ihre Tiere. Von der Göttin, meine ich. Deswegen finde ich das so klischeehaft. Also?“
Percy kratzte sich am Nacken und ließ seine Hand ein paar Momente an seinem Hals liegen, bevor er sie in seinem Schoß versenkte. „Hm.“ Er sah sie nachdenklich an, die Augenbrauen zusammengezogen, diese unfairen Augen auf ihr Gesicht gerichtet und ein Blick in ihnen, den Annabeth nur als unwiderstehlich beschreiben konnte. Er sah sie an, als könnte er tatsächlich nur sie sehen. „Vielleicht der Krake? Im Studium hab ich mal ein halbes Jahr über Totemtiere gelesen, und der Kraken steht für Ambition und Intelligenz. Ich glaube, das passt zu dir. Auch wenn der Krake natürlich nicht ansatzweise so hübsch ist.“ Seine Wangen wurden dunkelrot.
„Das ist das erste Mal in meinem Leben, dass mich ein Mann mit einem Kraken vergleich und ich nicht beleidigt bin“, erwiderte sie langsam.
„Ich werde mich nicht für mein aquatisches Wissen entschuldigen“, gab Percy zurück.
Annabeth lachte. „Sollst du auch nicht. Mir gefällt es. Wesentlich besser als jede andere Antwort, die ich je bekommen hab.“ Ihr Herz setzte einen Schlag aus, als sie einen Blick auf sein zerknautschtes Gesicht warf. Womit hatte sie es verdient, neben so einem Mann zu sitzen? „Ich glaube, ich würde dich als Schäferhund bezeichnen.“
„Schäferhund? Wow. Wie komme ich zu der Ehre?“, fragte er lachend.
Es war ein süchtig machendes Geräusch. „Du gibst mir den Vibe, als würdest du unfassbar loyal deiner Familie gegenüber sein und sie um jeden Preis beschützen, wenn du müsstest. Außerdem sind Schäferhunde süß“, fügte sie mutig an.
Percys Wangen wurden dunkelrot und er presste die Lippen zusammen. „Mein bester Freund Grover hat meine Loyalität mal als meine Hybris bezeichnet. Als wäre es etwas Schlechtes, dass ich alles für meine Freunde und Familie tun würde.“
„Es ist nicht schlecht“, erwiderte sie langsam, „aber es kann schlecht enden, wenn man keine Grenzen sieht. Ich hab das Problem mit meinem Stolz.“ Sie zuckte mit den Achseln. „Ich glaube, wir haben alle unsere Schwächen, die eigentlich als Stärken angefangen haben. Es wäre ja auch langweilig, wenn jeder Mensch nur gut und loyal wäre, oder?“
„Ich weiß nicht, ich finde meine Loyalität schon eine gute Sache“, entgegnete er. „Ich würde dich zum Beispiel niemals einfach so an einem Flughafen zurücklassen, selbst wenn man mich bei der Sicherheitskontrolle aufhalten würde. Ich hätte gekämpft.“
Annabeths Nacken wurde unangenehm warm und sie musste den Kopf nach vorne drehen, damit sie seinem intensiven Blick ausweichen konnte, der ihre Knie weich werden ließ. Wie konnte er nur sowas zu einer Frau sagen, die er keinen halben Tag kannte? Er müsste irgendein Verrückter sein – oder ein Geschenk der Götter. Eine Entschuldigung für Luke, quasi. „Ich würde sagen, darin unterscheidest du dich ziemlich von Luke.“
„Ich bleibe bei meiner Aussage, dass er ein Idiot ist. Er hatte dich und hat es versaut. Nun. Vielleicht sollte ich ihm auch danken, denn ansonsten hätte ich niemals in den Genuss deiner Anwesenheit kommen können.“
„Ich wette das funktioniert ganz toll, bei den ganzen Frauen, die du auf Langstreckenflügen aufreißt“, meinte Annabeth mit einem Augenrollen.
„Ganz und gar nicht“, erwiderte er ernst klingend.
Sie drehte den Kopf zurück. „Ach nein?“
„Nein. Du bist die erste, bei der ich mich anstrengen muss, um nichts Dummes zu sagen, damit du mich für einen Flughafenstalker oder so handelst. Das bin ich. Ein Stalker, meine ich, wobei das wahrscheinlich auch etwas ist, was Stalker sagen, wenn sie erwischt werden.“ Er kratzte sich am Nacken. „Es war Zufall, dass ich dich vorhergesehen habe, ich schwöre es.“
Annabeth unterdrückte ein Lächeln. „Entgegen meiner Instinkte glaube ich dir, Algenhirn. Die meisten Flughafenstalker, die ich kenne, teilen keine selbstgemachten blauen Kekse mit ihrem Opfer.“
„Ich bin froh, dass du genug davon kennst, um einen Vergleich ziehen zu können.“
Lachend lehnte sie sich zurück. Was stellte dieser Mann nur mit ihr an? Vor Luke zu fliehen war eine schnelle Entscheidung gewesen, ein Instinkt, dem sie gefolgt war, weil er ihr nicht das geben wollte, was sie verdient hatte. Wie hätte sie ahnen können, dass sie direkt in die Arme von jemandem wie Percy Jackson laufen können, der sie so offen und so ehrlich ansah, dass sie nicht anders konnte, als ihn mit all den Malen zu vergleichen, in denen Luke an ihr vorbeigesehen hatte. Wenn sie Percy ihre Sorgen erzählen würde, dann würde er wahrscheinlich zuhören. Luke hatte sie mit einer Handbewegung für nichtig erklärt. Wie hatte sie sich überhaupt so lange davon überzeugen können, dass es eine gute Idee war, ihn zu heiraten?
Percy auf der anderen Seite hatte sie in den letzten Stunden nicht ein einziges Mal fühlen lassen, als würde sie zu viel Platz einnehmen. Im Gegensatz. Er hatte ihr sogar etwas von seinem Platz angeboten, metaphorisch gesehen, natürlich, aber auch physisch, wenn sie an sein Angebot des Gästezimmer zurückdachte. Die Annabeth von vor drei Stunden hatte es beiseitegeschoben und für eine hirnrissige Idee gehalten. Die jetzige Annabeth erkannte, dass es wahrscheinlich das ehrlichste war, was er den gesamten Flug über zu ihr gesagt hatte. Wahrscheinlich war Annabeth auch irgendwie verrückt, wenn sie überhaupt darüber nachdenke, sein Angebot doch anzunehmen.
Was brachte man Kindern noch bei, bevor man sie allein in die Welt ließ? Geh nicht mit Fremden mit. Vertrau niemandem, den du nicht kennst. Wie konnte Annabeth überhaupt so alt werden, und jetzt trotzdem die ersten Regeln ihres Überlebens über den Haufen werfen, nur weil ein Mann mit schönen Augen sie ansah? Oh, aber es waren wirklich schöne Augen und Annabeth hatte so lange niemandem mehr in die Augen gesehen, der sie wirklich gesehen hatte. Für Luke war sie seit Jahren schon nur noch eine Trophäe gewesen, vielleicht mehr eine Obligation als ein Wunsch nach Ehe, ein Preis, den er seinem Großvater präsentieren konnte, um von ihm gelobt zu werden. Aber Percy? Es waren nur wenige Stunden gewesen, sicher, und vielleicht hatte er dunkle Seiten, die er gut zu verstecken wusste, aber er hatte noch nichts getan, das auch nur ansatzweise an die Dunkelheit kam, die Luke von sich gegeben hatte. Er war gut zu ihr gewesen. Er hatte ihr Kekse gegeben, um Gottes Willen! Allein das sollte ausreichen, damit sie wissen sollte, dass er ein guter Mann war.
Ein leises Knistern wurde über ihren Köpfen laut und als Annabeth auf ihre Uhr blickte, stellte sie erschrocken fest, dass sie in wenigen Minuten in San Francisco ankommen würden. Die Stimme der Stewardess, die sie über die Lautsprecher hinweg anwies, die Tische hochzuklappen und sich wieder anzuschnallen, bestätigte das nur noch. Percys Blick nach zu urteilen war er ebenso von der Zeit überrascht. Er drehte seinen Körper wieder gerade und zog den Gurt fest über seine Hüfte. „Normalerweise werde ich nur dann von der Zeit überrumpelt, wenn ich wieder zu lange im Pool bin“, entgegnete er leise. „Ich glaube, das ist das erste Mal, dass ich mit jemandem gesprochen habe und nicht nach zehn Minuten das Weise suchen wollte.“
Obwohl es sie aufregen sollte, dass ihre Zeit mit Percy bald beendet sein würde, konnte sie nicht anders, als zu lachen. „Es gab auch nicht viele Fluchtwege für dich.“
„Selbst wenn es ein Dutzend Fluchtwege gegeben hätte, würde ich weiterhin hier sitzen bleiben und mit dir reden.“
„Pass auf, sonst denke ich noch, du würdest mir ein Kompliment machen.“
„Mit denen bin ich sonst wirklich sparsam.“ Er lächelte sie seitlich an und Annabeth wurde ein bisschen verrückt, als sich seine Grübchen tief in seine Wangen bohrten. Normalerweise war ihr das Aussehens eines Mann nicht weiter wichtig, wenn seine Persönlich den Großteil ihres gemeinsamen Lebens ausmachte, aber dieses Mal schien es das Schicksal gut mir ihr gemeint zu haben, in dem sie ihr einen Mann geschickt hatte, der nicht nur gut aussah, sondern sie auch zum Lachen brachte. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal so viel gelacht hatte.
„Dann fühle ich mich noch geehrter.“
Zehn Minuten später landete ihr Langstreckenflug, der Himmel war mittlerweile in eine goldenes Rot getaucht und sie kamen schließlich am San Francisco Flughafen zum Stehen. Passagiere aus allen anderen Reihen erhoben sich, sobald es erlaubt war, öffneten die Gepäckfächer und wollten so schnell wie möglich raus aus der Maschine. Annabeth hingegen wünschte sich, sie würden wieder abheben und noch ein paar Runden drehen. Sie wollte nicht, dass sie Percy Lebewohl sagen musste. Er hatte diese letzten Stunden zu einem besonderen Erlebnis gemacht, das sie sich kaum hätte erträumen können und sie war nicht bereit, es aufzugeben. Sie war froh, Luke hinter sich gelassen zu haben, aber war sie wirklich bereit, ein neues Leben zu beginnen? Diese letzten Stunden würde sie nie wieder vergessen, aber sie wollte auch nicht, dass sie nur in ihrer Erinnerung weiterlebten. Aber wie sagte sie das jemandem, den sie vor sechs Stunden kennengelernt hatte? Wie sagte sie jemandem, der einen Flug mit ihr geteilt hatte, dass sie Angst hatte, ihn nie wieder zu sehen?
Sie blieb stumm und sah zu, wie die Passagiere vor ihr einen nach dem anderen aus der Maschine traten, bis es irgendwann nicht mehr möglich war, auf ihrem Platz zu bleiben. Annabeth löste langsam den Gurt, dann hob sie ihre Tasche auf und erhob sich. Sie blieb unsicher im Gang stehen und beobachtete, wie Percy eine Sporttasche aus der Gepäckablage holte, bevor er sich seinen Rucksack über die Schultern warf. Sein Blick glitt über ihren und er lächelte schief.
Wenn es das zwischen ihnen gewesen sein sollte, dann wollte sie, dass es zumindest so endete. Dann wollte sie ihn mit einem Lächeln in Erinnerung halten.
Annabeth folgte dem leeren Gang bis zum Ausgang des Flugzeug, wo die Stewardess mit einem breiten Lächeln stand. „Ich hoffe, Sie hatten einen angenehmen Flug“, sagte sie mit einem leichten Nicken des Kopfes.
„Mehr als das, Danke“, erwiderte Percy hinter ihr.
Sie haben ja keine Ahnung, was Sie getan haben, dachte Annabeth, bevor sie ihr ebenfalls zunickte und dann nach draußen trat. Die restlichen Passagiere flossen in den Flughafen und begaben sich auf die Gepäckausgabe zu. Annabeth wusste nicht, ob Percy ebenfalls auf Gepäck warten würde, aber sie drehte sich auch nicht um, um zu fragen. Sie folgte den anderen Fluggästen mit festen Schritten.
„Du hast es aber auf einmal eilig“, sagte Percy, der mit einem leichten Joggen neben ihr ankam. „Man könnte fast meinen, du wolltest so schnell wie möglich von mir wegkommen.“ Er sagte es mit einem deutlichen Witz in der Stimme, aber Annabeth konnte die Sorge trotzdem in der Falte zwischen seinen Augenbrauen erkennen.
Sie wollte ihm nicht wehtun, aber sie wollte auch nicht in einer Hoffnung leben, die vielleicht nie mehr als das sein könnte. „Hör zu, der Flug war –“
„Bevor du etwas sagst“, unterbrach er sie mit fester Stimme, „lass mich etwas sagen. Bitte.“ Er neigte den Kopf ein wenig nach unten, wodurch ein paar seiner dicken Locken auf seine Stirn fielen und die Sorgenfalten bedeckten, die sich auf ihr gebildet hatten.
Annabeth nickte knapp. Sie blieben an einer dicken Säule stehen, damit sie nicht im Weg der anderen stehen würden.
„Ich weiß, dass es verrückt ist, aber das waren wahrscheinlich die besten sechs Stunden, die ich jemals verbracht habe“, sagte er, sodass nur sie ihn hören konnte. „Es ergibt keinen Sinn, klar, aber ich fühle mich, als wäre das hier nicht nur ein zufälliges Treffen gewesen. Keine Ahnung, ob du es auch so siehst, aber ich habe nicht vor, es einfach vergehen zu lassen. Ich habe jede Minute vollkommen ernst mit dir gemeint und ich kann verstehen, wenn es dir zu seltsam ist, mit einem Fremden im Flugzeug eine Beziehung aufzubauen, und vielleicht es das auch, aber ich will eigentlich nur, dass du weißt, dass ich es nicht so sehe. Ich habe mich noch nie so wohl mit jemandem gefühlt, den ich nicht kenne und ich will nicht, dass es so endet. Ich – ich meine, was ich gesagt habe. Ich will dich nicht einfach als schöne Erinnerungen irgendwann vergessen, Annabeth. Das ist mir mehr wert.“ Er stockte und seine Stimme verlor ein wenig an der Härte, die in ihr geschwungen hatte. „Du bist mir mehr wert.“
Ein Fluchtreflex wollte sich in Annabeth breit machen, aber zum ersten Mal in ihrem Leben wehrte sie sich dagegen. Sie war bisher immer davongelaufen, wenn es hart wurde. Sie hatte ihre Familie in San Franciso gelassen, hatte sich von Luke vor jeder Party retten lassen, war Konfrontationen im College oder auf der Arbeit aus dem Weg gegangen und hatte sich sogar Streitigkeiten mit Luke gegenüber versteckt, bis sie vergessen gewesen waren. Wenn sie nicht immer nur weglaufen würde, dann wäre vielleicht nie in diese Situation geraten, als unwillige Braut in einer Ehe, die sie nur hätte zerdrücken können. Sie war erneut gelaufen, als es zu hart geworden war, aber dieses Mal war sie direkt in die Arme eines Menschen gelaufen, der sie nicht einfach laufen lassen wollte. Vielleicht hatte sie die ganze Zeit nur jemanden gesucht, der sie festhalten würde.
„Es ist seltsam“, sagte sie. „So unfassbar seltsam. Ich meine, wer hat davon bitte schon gehört? Zwei Fremde in einem Flugzeug, die sich wie Kindheitsfreunde verstehen.“ Ein Kloß breitete sich in ihrem Hals aus. „Ich hab die ganze Zeit gedacht, du wärst einfach nur nett zu mir. Du wärst jemand, der gut erzogen wurde, der einer einsamen Frau ein paar Lacher entlocken wollte, bevor sich unsere Wege wieder trennen würde, aber vielleicht habe ich mir das auch nur eingeredet, weil ich nicht wahrhaben wollte, dass jemand wie du tatsächlich existiert.“
„Jemand wie ich?“
„Jemand, der mich einfach sieht und nicht mehr erwartet.“
„Annabeth“, sagte Percy mit sanfter Stimme. Er ging einen zögerlichen Schritt auf sie zu und als sie keine Anstalten machte ihn abzulehnen, hob er eine Hand und fuhr mit dem Daumen über ihre Wange. „Ich hab dich vom ersten Moment an gesehen.“
Sie wollte sich in seine Berührung lehnen, in die Wärme seiner Haut und die unerwartete Vertrautheit, die sie einnahm, aber sie hatte keine Ahnung, wie sie das tun sollte, also schloss sie lediglich für einen Moment die Augen. „Du wolltest“, sie räusperte sich leise und öffnete die Augen wieder, um seinem stechend blauen Blick zu begegnen, der sie die ganze Zeit über nicht verlassen hatte. „Du wolltest mich zum Essen einladen, oder?“ Sie griff mit der freien Hand in ihre Jackentasche, bis sie das Stück Papier fand. Ihre Nummer. Es war Jahre her, seit sie einem Mann ihre Nummer gegeben hatte und ihre Finger zuckten unsicher, als sie kurz davor war. Es könnte die wahrscheinlich schlimmste Entscheidung ihres Lebens sein, aber dann wiederum könnte es auch die Beste sein, die sie getan hatte. Sie drückte sie ihm entgegen.
Percys Atem schien für einen Moment in seiner Kehle festzustecken. Er löste die Hand von ihrer Wange, bevor er nach dem Stück Papier griff. Er hielt zwischen zwei Fingern, während Annabeth das andere Ende hielt. Es fühlte sich irgendwie noch intimer an. „Das wollte ich.“
„Da hast du deine Chance.“ Sie ließ los und drehte sich um, um nach ihrem Koffer zu sehen.
Sie konnte seinen Atem hinter sich hören, aber sonst war es still um sie herum, nur die Geräusche des Flughafens unterbrach die Zweisamkeit, die sich zwischen sie geschlichen hatte.
„Das funktioniert so nicht“, sagte er schließlich.
„Was –“ Annabeth drehte sich rechtzeitig um, damit sie sehen konnte, wie Percy auf den nächsten Mülleimer zuging und den Zettel hineinfallen ließ. Eisendrähte schlangen sich um ihren Hals. Hatte er das gerade wirklich getan? Hatte sie alles so falsch gelesen?
Mit festen Schritten kam er wieder auf sie zu. Er warf seine Sporttasche zu Boden und löste den Halter seines Rucksacks, bis dieser ebenfalls neben ihm zu Boden ging. Percy blickte sie für ein paar intensive Momente an, bevor er die Schultern anspannte. „Man lebt nur einmal, oder?“, fragte er, bevor er sich nach vorne beugte, ihr Gesicht mit überraschender Sanftheit in seinen Händen umfasste und seine Lippen auf ihre presste.
Annabeth wäre vom Schock wahrscheinlich umgekippt, wenn er sie nicht halten würde. Seine Lippen waren weich und schmeckten nach dem Rest der Kekse, die sie geteilt hatten, und sie bewegten sich hungrig und unnachgiebig auf ihrem Mund. Im ersten Moment war sie zu überrascht, um irgendwas zu tun – irgendwas zu denken – aber nach einem Augenblick hob sie die Hand, legte sie auf seine Schulter und küsste ihn zurück. Zögerlich, erst, aber dann fasste sie Mut, denn wieso auch nicht? Hier stand sie, eine New York Yankees Mütze auf den Braids, die warmen Finger eines Fremden auf ihrer Haut und der Geschmack von Gebäck und Honig und salziger Luft auf der Zunge. Annabeth war noch nie so geküsst worden.
Percy umfasste sie, als wäre sie eine kostbare Marmorstatue, die mehrere Jahrhunderte überlebt hatte, seine Daumen strichen über ihre Haut und hinterlassen Brandspuren und seine Lippen waren so unfassbar weich, so unfassbar warm, dass Annabeth nicht wusste, wer von ihnen heißer lief.
Sie schloss die Augen und ließ sich von seinem Kuss in eine andere zeit transportieren, eine Zeit, in der sie Luke nicht kannte, in der sie und Percy bereits miteinander vertraut waren. Denn so fühlte sich dieser Kuss an. Nicht wie ein erstes Mal, nicht wie eine Überraschung und ein sanftes Geschenk, sondern als hätte sie es schon hunderte Male getan. Percy zu küssen war wie eine Supernova, und wie Atmen, und wie Existenz. Sie öffnete die Lippen, als sie seine Zunge an ihrer Unterlippe spürte, sie unterdrückte ein Stöhnen, das in ihrer Kehle feststeckte, als seine Zähne über ihre Lippen fuhren. Es war nur ein Vorgeschmack auf etwas, dass Annabeth hätte haben können.
Nach ein paar ewigen Momenten löste Percy sich langsam von ihr, auch wenn er sein Gesicht noch immer an ihres drückte. Sein warmer Atem streifte ihre Haut und es fühlte sich an, als wäre die Zeit für einen winzigen Augenblick einfach… stehengeblieben. Der Trubel um sie herum wurde wieder laut, Schritte und rufende Menschen, schreiende Kinder und bellende Hunde, Durchsagen übers Intercom, sowie die Rollen von Koffern über Marmor. Percys Augen waren geschlossen und seine Stirn lehnte gegen ihre. „Tut mir leid“, murmelte er gegen ihren Mund. „Aber ich konnte dich nicht einfach so gehenlassen.“
„Einfach so“, wiederholte sie langsam.
„Es hätte sich falsch angefühlt, deine Nummer zu nehmen, nur um dich dann hier zu verlassen. Ich hätte es mir nicht verzeihen können, wenn es so geendet wäre.“
„Hm“, summte sie gegen seine Lippen. „Da ist das Algenhirn wohl mit dir durchgebrannt.“
Er lachte leise.
„Aber“, sprach sie weiter und sie konnte hören, wie er den Atem anhielt, „so hätte ich es auch nicht enden lassen wollen.“
„Nicht?“
„Nein“, gab sie zu. „Diese sechs Stunden… sie haben sich fast schon wie ein Leben lang angefühlt, nicht wahr?“
„Du sprichst mir aus der Seele, Annabeth.“ Er sprach ihren Namen wie ein Gebet aus.
Annabeth spürte ihre Knie weich werden. Sie öffnete endlich die Augen und zog sich zurück, bis sie ihn ansehen konnte. Weder war sie je so geküsst worden, noch hatte sich irgendein Mann jemals so viele Gedanken über sie gemacht. Percy hätte ihre Nummer nehmen und gehen können. Vielleicht hätte er ihr geschrieben und vielleicht hätten sie versucht, ein Treffen auszumachen, das vielleicht gescheitert wäre, weil sie beide ein neues Leben anfingen. Es wäre im Sand verlaufen und der Fremde vom Flugzeug wäre langsam, aber sicher ans Ende ihrer Nachrichten gerutscht, bis er nur noch eine schöne Erinnerung war. Aber das? Das war mehr als ein schlichtes Treffen zweier Fremder. Es war ein tektonisches Verschieben der Platten ihrer Leben. Das Universum hatte sie zur gleichen Zeit in diesen Flieger gesteckt und Percy war ihrem Ruf gefolgt. Dieser Kuss war das Versprechen, dass Annabeth gebraucht hatte.
Percy nahm eine Hand von ihrem Gesicht, ließ sie an ihrem Arm entlangfahren, bis er ihre Hand erreichte. Er verschränkte ihre Finger miteinander. Sie passten perfekt ineinander, wie füreinander geschaffen. Funken stoben durch Annabeths Blut. „Wenn meine Familie nicht auf mich warten würde, dann würde ich dich gleich hier und jetzt zum Essen einladen. Oder zum Tanzen. Oder zum Welt retten. Mir egal. Ich mach alles. Ich will nur…“ Er ließ den Rest ungesagt.
„Ich auch“, gab sie zu, weil sie sich denken konnte, was er sagen wollte. Sie konnte ihn noch immer schmecken. Er hatte die letzten Reste New Yorks von ihren Lippen geküsst und ihr den Start in ihr neues Leben ermöglicht. Sie hatte nichts mehr, dass sie an die andere Seite des Landes band. Hier aber. Hier stand Percy, seine Finger in ihren, ein Mann von sechs Stunden, der in ihr Leben wie eine Abrissbirne gekommen war. Wie hätte sie ihn jemals hätte gehen lassen?
Gar nicht. Sie konnte es nicht. Ihre Finger versteiften sich in seiner Hand und sie zog ihn näher zu sich. „Du kannst nicht gehen.“
„Kann ich nicht?“, fragte er leise.
„Nein. Es wäre falsch.“
„Das wäre es, oder? Dich jetzt zurückzulassen. Wahrscheinlich der größte Fehler meines Lebens.“
„Was tun wir dagegen?“
„Mir würden ein paar Lösungen einfallen“, murrte er, bevor er den Druck mit der anderen Hand auf ihrem Gesicht verstärkte. Annabeth ließ sich nach hinten fallen, bis ihr Rücken gegen die Säule stieß. „Aber meine Familie wartet wirklich auf mich. Wahrscheinlich denken sie gerade, der Flug wäre abgestürzt.“
„Wäre es so schlimm?“, fragte sie.
„Sie würden mich suchen. Sie würden mich hier finden.“
Für einen Moment stellte Annabeth sich vor, wie das wohl wäre. Die Familie eines Mannes, den sie seit sechs Stunden und sechs Leben kannte, eine Mutter, von der sie schon so viel gehört hatte, und ein Stiefvater und zwei Geschwister, alle mit dem gleichen Lächeln und der gleichen Wärme und vielleicht sogar den gleichen Augen. Sie würden Percy und Annabeth sehen und vielleicht würden sie verstehen, wieso er sie nicht gesucht hatte, oder vielleicht würden sie sie unterbrechen. Annabeth seufzte leise. Sie schloss die Augen. „Wir können das Ende wohl nicht herauszögen.“
„Niemand hat etwas von Ende gesagt“, meinte Percy, und seine Finger drückten ihre Hand. „Auch auf die Gefahr hin, dass ich jetzt ein verrückter Stalker klinge, aber du entkommst mir nicht so einfach. Nicht, nachdem ich weiß, wie es ist, dich zu küssen, Annabeth.“
„Gut“, erwiderte sie, zufrieden mit seiner Antwort. „Denn ich erinnere mich daran, dass du mir deine Mutter vorstellen wolltest.“
Percy lachte und sein Atem schmeckte wie Heimat auf ihrer Zunge. „Ich kann nicht glauben, dass mein überstürztes Angebot doch noch seinen Nutzen findet.“
Annabeth stellt sich für einen Moment auf die Zehenspitzen, stahl einen Kuss von seinen Lippen, der ihren gesamten Köper in Flammen steckte, bevor sie ihn mit ihrer Hand auf seiner Schulter von sich drückte. „Komm schon, Algenhirn. Wenn du es richtig anstellst, schreib ich dir meine Nummer vielleicht ein zweites Mal auf.“
„Warts ab“, versprach er, als er sich bückte, um seine Tasche und seinen Rucksack aufzuheben. „Ich werde nicht ruhen, ehe ich dich wieder für mich allein hab.“
Sie drückte seine Hand ein weiteres Mal, dann ließ sie ihn los. „Du hast mich nach sechs Stunden nicht vergraulen können. Ich glaube, die Chance steht gut, dass du nicht lange warten musst.“ Sie zwinkerte ihm über der Schulter zu.
Witzig, dachte sie, als sie auf die Gepäckausgabe zulief. Bisher hatte sie gedacht, Flüge könnten Leben nur ruinieren. In Filmen stieg jemand in ein Flugzeug und verschwand dann einfach. Aber jetzt? Sie war nicht verschwunden, noch war sie abgestürzt und verschollen. Sie war gefunden geworden.
Irgendwo zwischen den goldenen Wolken hatte sie jemand gesehen und gefunden. Und sie hatte nicht vor, ihn loszulassen.
