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„Fuck“ schreit Liv und klammert sich starren Blickes ans Lenkrad. „Der fährt zum Weserpark.“ Ergänzt Selb erschrocken.
„Fuck Fuck Fuck. Ruf sofort Späthi an, der soll uns das SEK hier hinschicken.“
Selb versteht und wühlt in ihren Blazer nach ihrem Handy rum. Mit zitternden Händen klingelt sie bei Späthi durch.
„Er fährt ins Parkhaus vom Weserpark.“ … „Nein Späthi, offensichtlich nicht, sonst würde… Bitte, Späthi.“
„Liv, was machst du?“ Linda steigt hastig aus dem Auto und rennt ihrer Kollegin hinterher.
„Man, Liv, was ist dein Plan?“ Sie wird langsam wütend.
„Wir müssen da rein. Jetzt.“ Liv zielt auf den Eingang des Einkaufszentrums zu.
„Ehh, Nein?“ Linda bleibt fassungslos stehen. Sie merkt aber schnell, dass sich Liv nicht davon beeindrucken lässt und läuft ihr weiter nach, bis sie sich vor Liv stellen kann.
„Verdammt noch mal Liv, wir haben keine Schutzweste an und das SEK kommt auch gleich, was ist dein scheiß Problem?“
Liv guckt ihrer Kollegin innerlich brennend in die Augen. „Wir haben keine Zeit.“ Sie läuft an Linda vorbei, weiter Richtung Eingang. „Und denkst du ernsthaft, der lässt sich vom SEK beeindrucken?“ Sie dreht sich kurz um. „Denkst du, dass wir so die Situation deeskalieren können?“ Linda ist perplex. Sie lacht kurz auf und schüttelt den Kopf. „Und dann ist es besser, wenn wir da ohne Ausrüstung reingehen und unser Leben riskieren?“
„Ja.“ Erwiderte Liv nur und schlägt wütend die Tür auf. „Und jetzt halt die Schnauze, er darf uns nicht bemerken.“
Linda merkt, dass sie keine Chance hat. Alles in ihr sträubt sich da reinzugehen, aber ihre Kollegin alleine zu lassen kommt ihr auch nicht in den Sinn.
Durch den Türzwischenraum sehen sie, dass Rommerts in einen Blumenladen geht und dem Verkäufer etwas zuflüstert.
„Nein, warte.“ Liv legt ihre Hand auf Lindas Oberschenkel und drückt sie zurück.
Der Verkäufer verlässt die Theke und spricht mit seiner Kollegin. Die sammelt langsam die Kund*innen ein und führt sie aus dem Geschäft.
„Wie kann die dabei so ruhig bleiben?“ Livs Auge zuckt langsam ein bisschen.
„Man weiß oft nicht, wie es in einer Person aussieht.“ Linda blickt vorwurfsvoll zu Liv, die ihr nur einen irritierten Blick zurück schenkte.
Es bilden sich langsam mehrere Trauben an Menschen, die nervös die Rolltreppen in die unterste Etage nehmen. Rommerts läuft zufrieden aus dem Blumenladen und schaut sich sein Werk an. Währenddessen schleichen sich die beiden in das Einkaufscenter und verkauzen sich auf dem Schachbrettboden eines Fast-Food Restaurants hinter einem roten Ledersofa. Von hier können sie den Verfolgten beobachten.
Langsam wird es ruhig. Selb hört ihren Herzschlag. Merkt, wie sich kalter Schweiß in ihrem Rollkragenpullover sammelt. Sie atmet schwer, zupft immer wieder an ihrem Kragen, ihr Handrücken juckt. Sie schaut rüber zu Liv, die ihren Kopf hinter dem Sofa lurkt und Rommerts Schritte mitverfolgt.
Fuck. Liv dreht sich schlagartig um. Ein Schuss fällt.
„Ey du Fotze, was hab` ich dir gesagt!“
„Denen sollten echt mal kreativere Beleidigungen einfallen.“ Scherzt Liv und versucht dadurch ihre plötzliche Todesangst zu überspielen.
Schritte, unverständliche Schreie.
Linda weiß nicht, ob die Sterne, die sie plötzlich sieht, von den neonpinken Lichterketten sind, die irgendwas von einem „Where there is beet, there is root“ an die Wand schlagen.
„Liv“ stöhnt sie kurz aus, dreht sich zu ihrer Kollegin um und sieht nur, wie diese an ihre Waffe greift.
„Liv“ pustet sie wieder angestrengt und streckt ihre linke Hand zu Livs Waffe aus.
Von hier an sieht Linda gar nichts mehr. Alles vor Ihren Augen ist schwarz.
„VERPISS DICH ODER ICH KNALL DICH AB“ hört sie nur.
Sie spürt, dass sie die Augen aufreißt, sie hört alles, aber sie hat keine Chance. Sie sieht nichts.
„Linda, fuck, LINDA! Du bleibst jetzt hier, LINDA!“ Liv schlägt ihrer Kollegin leicht an die Wangen.
„Linda, man, FUCK. Scheiße, Scheiße, Scheiße.“ Liv fängt an zu verzweifeln. Aber sie hat keine Zeit, Rommerts kommt immer näher.
„Linda, bleib, hier, ich komme zurück, okay? Aber bleib hier verdammt noch mal!“
Linda spürt nur Livs Hände auf ihren Knien, spürt ihren aufgeregten Atem, der angenehm nach Zitrone riecht?
Ein leises Aufstöhnen von Linda sagt Liv, dass sie verstanden hat.
Liv schießt in die Luft, bevor sie mit aller Kraft aufsteht.
„So mein Freund, jetzt lass mal die Waffe runter!“
Standhaft zielt sie auf Rommerts. Doch der lässt nicht ab. Langsam geht Liv auf ihn zu.
Sie wird ruhig. „Du hast, was du wolltest, ich versteh’s nicht.“
Erwartungsvoll schaut Rommerts zu Liv.
„Neee.“ Erwidert sie. „Hier ist Schluss.“
Stille. Dann ein Schuss. Linda versucht sich am glatten Boden festzuklammern. Sie sieht immernoch nichts. Fuck.
Noch ein Schuss.
Linda blinzelt. Sie erblickt eine pink-orange beleuchtete Stirnfalte, die ihr bekannt vorkommt.
„Linda, ey, Hallo?“
„rote Burger“ stammelt Linda.
„Wä, Was? Linda?“
Die Sterne verschwinden langsam und zu der Stirnfalte nimmt sie die passende Stimme wahr.
„Mehr Wasser, WASSER und `nen Riegel oder so, SCHNELL!“ Liv schaut immernoch panisch zu allen Seiten.
Liv zittert so, dass sich das meiste Wasser in Selbs Gesicht verteilt. Linda reißt ihre Augen auf. Liv leichtert auf und setzt ihre Knie zurück, sodass sie wieder auf Lindas Becken sitzt.
„Tschuligung.“ Nuschelt Liv.
Langsam stützt Selb sich auf ihre Ellenbogen auf und erkennt, wie Liv gerade auf ihr sitzt und noch voller Schock die Wasserflasche hält.
Selb schmunzelt, Liv ist etwas peinlich berührt „Sorry, ehm, es ging nur, also. Egal“ und kniet sich von ihrer Kollegin runter auf den Boden.
„Du bist zurück.“ Stellt Linda erleichtert fest und setzt sich nun gerade hin.
„Du auch, wieder.“ Entgegnet Liv.
„Ich hatte es im Griff. Es ist nichts passiert.“
„Dass nichts passiert ist und dass man etwas im Griff hatte sind manchmal zwei ganz unterschiedliche Sachen.“ Schnaubt Linda. „Das war mehr als nur fahrlässig von dir. Man. Der hatte ne geladene Waffe und ne Bombe unterm Shirt!“
„Ich hatte ihn unter Kontrolle, ich wusste was ich tat!“
„Nee, dir blieb keine andere Wahl, weil du die Kontrolle schon viel früher verloren hast!“
Liv guckte eingeständig grimmig. „Und du? Was sollte ich machen? Ich musste irgendwas tun? Du musst mir auch mal vertrauen, Linda!“
Linda drehte ihren Kopf zum Fenster zurück. Sie war enttäuscht. Irgendwie hatte Liv ja recht, aber sie tat auch nicht unbedingt viel, um das Vertrauen aufzubauen.
Liv war noch nicht fertig. „Ne ehrlich Linda. Es kotzt mich manchmal echt an. Du bist mir wichtig, ich will nicht, dass dir was passiert. Aber ich will auch, dass meine Entscheidungen ernst genommen werden. Von dir.“ Liv merkte, wie ihre Wut sich langsam in eine Träne umwandelte. Sie ärgerte sich, weil Linda auch irgendwie recht hatte. Die Aktion war riskant, sie hätte vorsichtiger sein müssen. Irgendwie mochte sie es auch, eine Situation kontrollieren zu können. Ohne, dass Selb ihr dazwischenredet. Aber doch nicht so, nicht, wenn das Bedeutet, dass sie Linda nicht mehr hätte.
„Man.“ Beendet Liv ihre Gedankenspirale.
„Es tut mir leid, Okay? Ich bin jedenfalls froh, dass du wieder da bist.“ …
„Ich auch. Also, dass… du weißt.“
„mmh.“ Schloss Liv ab und sie fuhren schweigend zum Präsidium zurück.
