Chapter Text
Eric
Ungeduldig wartete ich auf die neuen Initianten. Mein Blick schweifte über das Dach, auf welchem ich mich befand. Noch wenige Augenblicke und dann würden sie ankommen. Es würde so ablaufen wie jedes Jahr, ich würde versuchen so angsteinflößend wie nur möglich herüberzukommen. Nur so konnte ich herausfinden, wer es wirklich wert war, bei den Ferox aufgenommen zu werden. Mir war es egal, dass mich niemand leiden konnte. Ich konnte doch nichts dafür, als Anführer musste ich klare Richtlinien vorgeben und durfte keine Schwäche zeigen. Außerdem wollte ich es gar nicht anders. Ich brauchte niemanden, ich kam ganz gut alleine zurecht.
Als ich den einfahrenden Zug wahrnahm, drehte ich mich um. Die ersten begannen damit, auf das Dach herüberzuspringen. Die meisten der Fraktionswechsler sahen aus, als würden sie die Initiation nicht überstehen. Das war in den letzten Jahren schon oft der Fall gewesen. Es war eher selten, dass gebürtige Ferox die Fraktion während ihrer Initiation verlassen mussten, dafür waren sie schon zu gut trainiert. Höchstens Phase Zwei der Initiation konnte ihnen etwas anhaben, doch diese würde erst in ein paar Wochen starten.
Plötzlich hörte ich ein Mädchen schreien. Mit unverändert gelangweilter Miene setzte ich mich in Bewegung und ging in die Richtung, aus welcher der Schrei gekommen war. So etwas war ich gewohnt, höchstwahrscheinlich hatte irgendjemand es nicht geschafft, aus dem Zug auf das Dach zu springen. Mit meiner Vermutung sollte ich Recht behalten, weit unten in der Tiefe lag ein regloser kleiner Körper. Ich sah mich nach dem Mädchen um, welches eben geschrien hatte, sie kauerte nun am Boden und wimmerte. Jeder normale Mensch würde nun wohl zu ihr hingehen und versuchen, sie zu beruhigen. Nicht jedoch ich, ich musste meine Autorität wahren. Abgesehen davon interessierte es mich wirklich nicht. Wer schon den ersten Sprung nicht schaffte, der hätte es während der Initiation auch nicht weit gebracht. So war das nun einmal.
„Willkommen bei den Ferox“, begrüßte ich stattdessen die übrigen. „Wie ihr gerade bemerkt habt, schafft es leider nicht jeder zu den Ferox. Deshalb ist es umso wichtiger, dass ihr euch klarmacht, was euch hier erwarten wird. Das Leben bei uns ist kein Zuckerschlecken und wer damit nicht klarkommt, der kann hier und jetzt gehen und als Fraktionsloser weiterleben. Irgendjemand hier, der gehen möchte?“, fragte ich in die Runde. Niemand meldete sich, ob nun aus dem Grund, dass tatsächlich niemand gehen wollte oder weil sie alle zu große Angst vor mir hatten, um mir zu antworten. Sehr gut, dann hatte ich meinen Standpunkt wenigstens verdeutlicht.
„Schön“, meinte ich. Mein Blick fiel erneut auf das weinende Mädchen am Boden. Ein anderes Mädchen hatte sich zu ihr heruntergebeugt und flüsterte ihr beruhigende Worte zu. Sie hatte dunkelblonde Haare und während sie leise sprach, wandte sie mir ihren Blick zu. Der Ausdruck in ihrem Gesicht war mörderisch. Mir war klar, dass ich bei ihr und den anderen mit meiner Ansprache keine Sympathiepunkte gewonnen hatte, doch das war mir egal. Vor mir befanden sich bloß ein paar Initianten und von diesen musste ich nicht gemocht werden. Genau genommen musste ich das von niemandem.
Ich begleitete die Gruppe zur anderen Seite des Daches und bedeutete den anderen nach unten zu sehen. Die Augen, die der Richtung folgten, in die mein Arm zeigte, wurden mit einem Mal riesengroß. Im Boden klaffte ein gewaltiges Loch.
„Wer ins Hauptquartier der Ferox gelangen möchte, der muss hier hinunter, es gibt keinen anderen Weg“, offenbarte ich. Den geheimen Aufzug verschwieg ich, Initianten hatten zu springen, Punkt. So zeigten sie, was in ihnen steckte. Falls etwas in ihnen steckte.
„Wer will zuerst springen?“, fragte ich und schaute in die verunsicherten Gesichter. Einige hofften wohl noch darauf, dass ich einen Scherz machte. Würden sie mich kennen, was ich natürlich niemals zulassen würde, dann wüssten sie, dass ich nicht der Typ für Witze war.
„Also? Sonst such ich mir jemanden aus und schubse ihn runter“, drohte ich ihnen. Ich hasste es, wenn Menschen unentschlossen und zu langsam waren - oder zu ängstlich.
Mein Blick verdüsterte sich immer mehr, als eine Stimme leise, „Ich springe“, sagte.
„Wie war das? Hab ich richtig gehört?“, wollte ich wissen. „Geht das noch ein bisschen lauter?“
„Ich werde springen“, erklang die Stimme erneut, dieses Mal fester.
Ich richtete meinen Blick in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. Für einen kurzen Moment weiteten sich meine Augen vor Erstaunen, jedoch zu kurz, als dass es jemand hätte bemerken können. Es war das Mädchen, welches mich vorhin noch wütend angestarrt hatte. Erst jetzt fiel mir auf, dass sie von den Altruan rüber gewechselt haben musste - eine Stiff also. Bestimmt würde sie auf dem Weg nach unten schreien. Mit einem überheblichen Grinsen im Gesicht bedeutete ich ihr nach vorne zu treten.
„Du willst es also versuchen? Tu dir keinen Zwang an, ich bin gespannt“, lachte ich.
Ihr Blick verfinsterte sich wieder, sie schien ihre Unsicherheit mit einem Mal komplett verloren zu haben. Wortlos und ohne mich noch einmal anzusehen ging sie an mir vorbei und stieg auf den erhöhten Rand des Gebäudes hinauf. Die dunkelblonde holte tief Luft, sprang jedoch noch nicht. Sie zögerte, der Abgrund, der sich nun unmittelbar vor ihr befand, verschlug ihr sichtlich den Atem.
„Hast du etwa Angst? Ein Rückzieher würde sich wirklich nicht gut machen. Entweder du springst jetzt oder ich werde dafür sorgen, dass du da unten landest“, drohte ich ihr.
Sie blickte kurz nach hinten und funkelte mich grimmig an. Ich lächelte sie bloß gespielt an und nickte in Richtung des Abgrunds.
Sie wandte ihren Blick wieder nach vorne. Erneut atmete sie tief ein, machte schließlich einen Schritt nach vorn und sprang schlussendlich.
Auf dem Weg nach unten gab sie keinen Ton von sich.
