Work Text:
“Sag mal, wann hast du eigentlich angefangen zu singen?“, fragt Malik. Sie stehen im NEON und Ruby bereitet sich gerade auf die nächste Bandprobe vor.
„Keine Ahnung“, antwortet Ruby, „Ich sing schon seit ich denken kann. Mindestens.“ Sie greift nach dem Mikrofon um es richtig einzustellen. „Meine Mama erzählt mir immer, wie ich früher ständig diesen einen Song von Rolf Zuckowski gesungen habe. Du da, im Radio, wie geht’s dir denn heut Morgen? Du da, im Radio, wie war denn deine Nacht?"
Irgendwo hat er den schon mal gehört, denkt Malik. Bestimmt eines von den zahlreichen Kinderliedern, die er in seiner Kindheit gehört hat, denn welches Kind in Deutschland ist nicht mit Rolf Zuckowski aufgewachsen? Aber so wie Ruby das singt hat es irgendwas merkwürdig vertrautes.
„Kannst du das vielleicht nochmal singen?“, fragt er.
„Klar“, sagt Ruby, „Ich kann kaum glauben, dass ich den Text tatsächlich immer noch auswendig kenne.“
Und während sie so singt, beginnt Malik plötzlich sich zu erinnern.
*
Es klingelt. Malik rennt zur Tür, so wie jedes Mal, wenn es klingelt. Vielleicht hat Mama ihm irgendwas tolles bestellt oder die Nachbarin bringt wieder Kuchen vorbei. Die Nachbarin hier ist viel besser als die an ihrem letzten Wohnort, die sich ständig über den „Kinderlärm“ beschwert hat. Er wünscht sich, dass sie dieses Mal endlich für immer hierbleiben können und nicht irgendwann wegen der Arbeit wieder umziehen müssen. Alle anderen Kinder im Kindergarten müssen das nämlich auch nicht.
Sein Vater öffnet die Tür. Davor steht eine Frau ungefähr im Alter seines Vater, vielleicht etwas jünger. Neben ihr ein kleines Mädchen im Kinderwagen.
„Markus?“, fragt sie, „Ich bin es. Zoe.“
Malik schaut fragend zu seinem Vater. Er hat diese Frau noch nie in seinem Leben gesehen, aber sie scheint seinen Vater sehr gut zu kennen.
„Ich weiß, es ist vielleicht etwas plötzlich. Aber ich habe so lange versucht, dich zu finden und jetzt bin ich gerade in der Stadt. Es gibt da etwas, das ich dir sagen muss.“
Die Frau schaut zu dem kleinen Mädchen hinüber. Es singt vergnügt. "Du da, im Radio."
„Papa, wer ist das?“, fragt Malik.
Maliks Vater schaut zwischen der Frau und dem kleinen Mädchen hin und her.
„Sie müssen sich geirrt haben“, sagt er und schließt die Tür wieder.
*
„Was ist?“, fragt Ruby, als sie Maliks verdutzten Gesichtsausdruck bemerkt, „Sing ich so schlecht?“
„Ruby?“, fragt er.
„Ja?“
„Ich glaub, du bist meine Halbschwester.“
Er setzt sich auf die Bühne und Ruby setzt sich neben ihn.
„Wie kommst du denn da drauf?“
„Als ich noch im Kindergarten war stand plötzlich so eine Frau vor unserer Tür“, beginnt er, „Sie meinte, dass sie meinen Vater die ganze Zeit gesucht hat. Er hat nur die Tür geschlossen und gemeint, dass sie sich wohl in der Tür geirrt hat. Aber ich hatte irgendwie das Gefühl, dass sie sich kannten. Und neben ihr war ein kleines Mädchen. Das hat genauso gesungen wie du. Genau dieses Lied. Und jetzt weiß ich auch wieder, wie sie aussah. Genau wie du.“
Jetzt schaut auch Ruby ihn erstaunt an. Sie kann nicht glauben, was sie da gehört hat.
„Meine Mutter hat mir nie erzählt, wer mein Vater ist“, sagt sie, „Ich hab immer wieder nachgefragt, aber sie meinte, das wäre nicht wichtig, weil er sowieso nichts mit mir zu tun haben will.“
„Da konnte er noch nicht wissen, dass wir irgendwann beide aufs Einstein gehen werden.“
Ruby lächelt ihn an.
„Weißt du, ich hab mir immer nen großen Bruder gewünscht“, sagt sie, „Jetzt hab ich einen.“
„Und ich hab endlich ne kleine Schwester“, sagt Malik und legt seinen Arm um sie, „Die verdammt gut singen kann.“
Irgendwann werden sie mit ihren Eltern darüber reden. Aber gerade sind sie einfach nur froh, dass sie sich gefunden haben.
