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Die beste Zeit auf Allenstein war für Friedrich immer, wenn er Zeit mit Albrecht in der Zeitungsredaktion verbringen konnte. Die Zweisamkeit in dem gemütlichen Raum, die endlosen Herbstnächte, gezeichnet von Albrechts Tippen auf der Schreibmaschine und dem Rascheln von Papier - für Friedrich gab es nichts Schöneres.
Oft Albrecht lächelte Friedrich an, die Augen warm im Schein der Stehlampe in der Ecke und dem schönen Band der aufblühenden Freundschaft zwischen ihnen.
Friedrich hatte noch nie einen Freund wie Albrecht gehabt. Natürlich hatte er andere Jungen in seinem Alter gekannt und sich mit ihnen gut verstanden, doch mit niemandem war es jemals so gewesen, wie mit Albrecht. Sein Freund war - und das hatte er ab dem ersten Moment zwischen ihnen, als Albrecht ihm gezeigt hatte, wie man sein Bett ordentlich zurecht machte, gespürt - etwas Besonderes. Oder er gab Friedrich das Gefühl, dass jeder Moment zwischen ihnen ganz besonders kostbar war. Dem war auch so.
Albrecht war anders - er war leise, wo andere laut waren und trotzdem sprach seine Ruhe Bände und es lag so viel Tiefgang darin, dass Friedrich sich nach einem Tag mit Albrecht so fühlte, als hätte er die komplexesten, interessantesten Gespräche überhaupt geführt, auch wenn sie eigentlich den Großteil der Zeit nur nebeneinander gesessen hatten und nur ab und an gesprochen hatten.
Er war schmal, leicht und um fast einen Kopf kleiner als Friedrich, mit einem schmalen Gesicht, feinen Wangenknochen und einem paar hellblauer Augen, strahlend und voll mit etwas, dem Friedrich sich nicht entziehen konnte. Als ob er das jemals gewollt hätte.
Albrecht schrieb, anstatt sich sportlich zu verausgaben. Er lächelte sein feines Lächeln, statt lauthals los zu brüllen.
Er war mutig, ohne draufgängerisch zu sein. Seine Talente lagen nicht auf der Hand, sichtbar für alle, wie Friedrichs Boxkünste, doch je mehr Zeit Friedrich mit Albrecht verbrachte, desto überzeugter war er, dass sein Freund einer der besten und brillantesten Menschen war, die er jemals getroffen hatte.
Auch wenn er sich tagein, tagaus fragte, was Albrecht eigentlich auf der Napola tat. Er war nicht gemacht für das Gedankengut und den strengen Tagesablauf hier. Die Sporteinheiten und den Drill. Das alles war Albrecht nicht. Und an einigen Tagen wusste Friedrich nicht, ob er überhaupt zu ihm selbst passte. Doch darüber sprach er mit niemandem.
Friedrich war klar, dass er vom regulären Unterricht profitierte - sein Schulabschluss hatte gezwungenermaßen schon stattgefunden und er war nie besonders gut in der Schule gewesen. Keine Katastrophe, aber auch kein Genie. Besonders das Schreiben war nicht seine Stärke, auch wenn er gerne las, wenn auch nicht rasch, doch ihm gefiel es.
Genau aus diesem Grund, war es auch für ihn keine große Sache, als er zum ersten Mal Albrechts Aufsätze in die Hand nahm und einem erstaunten Albrecht erklärte, dass er vorhatte, sie zu lesen. Albrechts Augen waren groß geworden, das Blau noch intensiver als sonst.
Dann hatte Albrecht ihn mitgenommen zu dem kleinen Felsvorsprung vor dem Badezimmer der Mädchen, wo sie Katharina beim Baden beobachtet hatten. Beide schworen steif und fest, sie hätten nichts gesehen, aber Friedrich hatte ganz deutlich gespürt, wie Albrecht erstarrt war, jede Luft aus seinem Körper gewichen war, als Albrecht das halbnackte Mädchen sah. Denn Friedrich hatte sich genau so gefühlt.
Er hätte gerne Albrechts Talent gehabt und diesen Moment literarisch festgehalten, über den Anblick des Mädchens geschrieben oder über das Blitzen in Albrechts Augen, sein keuchender Atem an Friedrichs Hüfte, als er ihn nach oben gestemmt hatte, seine schmale, klamme Hand, als er ihn hinter sich her in den Kellereingang gezogen und wo sie sich gegen die Wand drückten. um nicht von der Nachtwache erwischt zu werden. Albrechts Lächeln im Halbdunkeln, als er flüsterte, "Schade, dass es nichts zu sehen gab," würde er nicht so schnell wieder vergessen.
Doch abgesehen vom Deutschunterricht und den Boxeinheiten, dem Mathematikstunden und dem Fremdsprachenunterricht - Englisch und Französisch - was wurde ihnen beigebracht?
Friedrich lernte gerne mit den Händen, arbeitete gerne mit ihnen - doch, dass er eines Tages in der Schule seine Unterrichtszeit damit verbringen würde, Gewehre zu reinigen, zu laden und zu entsichern, um hinterher auf dem Schießplatz zu üben, wie man richtig zielte, abdrückte, sich gegen den Rückprall wappnete, damit hatte er nicht gerechnet.
Auch die Morgengymnastik war ihm mehr zuwider, als dass er angetan gewesen wäre. Das lag nicht an der Bewegung selbst, sondern an der unglaublichen Grausamkeit des Sportlehrers den Schwächeren und Stilleren gegenüber. Friedrich hasste, wie sehr Peiner Siegfried fertig machte, wenn dieser in der Nacht wieder eingenässt hatte. Es war die absolute Erniedrigung und Friedrich ekelte die Grausamkeit an, mit welcher Peiner und Jaucher damit umgingen.
Etwas, das Friedrich jedoch gefiel, war die Möglichkeit, ein Freifach zu belegen. Jedem Schüler auf Allenstein war es gestattet, ein Fach seiner Wahl zu belegen, das die kreativen Fähigkeiten schulte. Dieser Unterricht folgte keinem spezifischen Nutzen oder Zweck, doch war sich die Schulleitung und das Lehrpersonal einig, dass eine Stunde an kreativer, schöpferischer Inspiration gut für das Heranwachsen des jugendlichen Geistes war. Keiner der Zöglinge würde später eine künstlerische Richtung verfolgen, dafür waren sie nicht auf der Napola, aber man war sich einig, dass man junge Männer auch in den schönen Künsten unterweisen sollte.
Zur Auswahl standen Musik, Kunst, Fotografie und der Schulchor. Ihre Stube verteilte sich auf alle vier Fächer - Christoph fotografierte, Siegfried lernte Trompete, Hefe und Tjaden besuchten den Schulchor und Friedrich entschied sich für Kunst.
Er hatte nicht die finanzielle Unterstützung seiner Eltern, um die jährliche Leihgebühr für ein Musikinstrument der Schule, geschweige denn die Kosten für ein eigenes Instrument aufzubringen. Genauso verhielt es sich mit dem Fotografieren, es war sogar noch kostspieliger und das konnte sich bei ihnen auf der Stube nur Christophs Familie leisten. Friedrich hasste, wie seine Stimme klang, wenn er sang, also entschied er sich gegen den Chor und dafür für Kunst. Die Schule stellte freundlicherweise das Material zur Verfügung und die Zahl der Schüler, die dieses Fach wählte, war gering.
Albrecht entschied sich ebenfalls für Kunst. Er sagte, sein Vater hielt nichts von der Kunst, deshalb würde er Albrecht hierfür keine einzige Mark zukommen lassen. Und auch Albrecht hatte kein Interesse am Schulchor.
So fanden sie sich am Freitagnachmittag der zweiten Schulwoche, nach Ende des regulären Unterrichts, in dem kleinen Atelier ein, wo die Kunststunden abgehalten wurden.
Sie waren die ersten und auch als der Kunstlehrer den Raum betrat, waren nur wenige weitere Schüler dazugestoßen.
Albrecht und Friedrich sprachen in den Minuten, in denen sie nur allein warteten, kaum ein Wort miteinander. Nicht weil sie sich nicht mochten, doch sie kannten sich kaum. Albrecht war schweigsam und zurückhaltend und sagte nur dann etwas, wenn er direkt angesprochen wurde und Friedrich war glücklich, dass er für einige Minuten seinen eigenen Gedanken nachhängen konnte.
Die ersten beiden Schulwochen auf Allenstein war intensiv gewesen. Friedrich hätte nicht nur das Wochenende, sondern noch eine ganze Woche zusätzlich gebraucht, um sich von den vielen Eindrücken zu erholen: Ein neues Zuhause, neue Mitbewohner - Freunde? Vielleicht eines Tages - ein Stundenplan, den es einzuhalten galt, was ungewohnt war, da die Schulzeit bei ihm schon etwas zurücklag. Weiters die Lerninhalte der Napola, die so ganz anders waren, als was er in Berlin in der Schule gelernt hatte.
Der Tagesrhythmus war auch ungewohnt, die Sporteinheiten am frühen Morgen, die Schießübungen am Nachmittag,...die gemeinsamen Mahlzeiten im vollen Speisesaal, noch mehr neue Gesichter, die Lehrer und anderen Institutsangestellten. Dann gab es da noch die Mädchen aus der Küche, die für besonders viel Aufregung sorgten. Ungewohnt auch die Dynamik in der Stube, die Kontrollinspektionen von Jaucher und die vielen, vielen Regeln die es zu lernen und befolgen gab.
Es war alles nicht einfach für Friedrich. Er hatte davor noch nie eine Nacht von zuhause weg geschlafen, er kannte das Leben nicht durchgetaktet von früh bis spät, gespickt mit Regeln, Geboten und Verboten.
Es begann schon morgens an seinem zweiten Tag, nachdem Jaucher sie aus dem Bett jagte, dass Friedrich Probleme hatte, den spezifischen Abfolgen der Napola zu folgen. Nicht, dass ihm der Drill missfiel, nein, ganz und gar nicht. Friedrich mochte alles an der Napola und er war stolz, Teil der Schülerschaft zu sein. Auch die penible Ordnung, die sie halten mussten, in ihren Schränken, Stuben, Kleidung, Schulutensilien, Haltung und Verhalten, alles war neu, aber Friedrich gefiel das.
Nach dem Aufstehen hatten sie sich für den Morgensport anzukleiden und ihre Betten zu machen. Das bedeutete, die Decke fein säuberlich zu falten. Genau wie in ihren persönlichen Schränken, hatte alles auf eine bestimmte Art zu liegen, perfekt auf Kante, sorgfältig gefaltet. Nie zuvor hatte Friedrich sich auf diese Weise um seine Habseligkeiten kümmern müssen, doch er störte sich auch daran nicht.
Die Decke bereitete ihm allerdings Schwierigkeiten. Er verstand einfach nicht die spezifische Art, wie sie zusammengelegt werden musste.
"Beeil dich, Friedrich!" zischte Christoph, was ihm auch nicht damit half.
Doch da war plötzlich Albrecht Stein an seiner Seite, wie ein Engel in der Not und er langte beherzt nach Friedrichs Decke. In wenigen Handgriffen war das Bett tadellos gemacht.
"Wie?" wollte Friedrich schon fragen, denn Albrecht war genauso neu wie er - woher wusste er, wie das Bett gemacht gehörte, er war ja erst mitten in der Nacht angekommen.
"Das hab ich schon an meiner alten Schule gelernt," erklärte Albrecht, bevor Friedrich seine Frage stellen konnte.
Friedrich wurde aus seinen Gedanken gerissen, als der Lehrer den Raum betrat und die Tür hinter sich schloss,.
"Guten Tag," eröffnete der Kunstlehrer den Unterricht. "Willkommen zum freien Wahlfach "Kunst und Gestalten."
Er stellte sich vor, besprach was er für dieses Jahr mit ihnen geplant hatte, erklärte das Verhalten für das Atelier und den Umgang mit den Materialien.
Es war interessant, auch wenn Friedrich sich bei den meisten Utensilien, die Herr Tiedemeier ihnen erklärte, nicht vorstellen konnte, was er damit anfangen sollte. Das letzte Mal hatte er einen Pinsel in der Hand gehalten als..? Hatte er das überhaupt jemals?
Tatsächlich ein einziges Mal, als er seiner Mutter geholfen hatte, seine alten Babysachen für die Ankunft seines Bruders zurechtzumachen. Seine Mutter hatte mit ihrem geschwollenen Bauch nicht mehr viel heben und herumtragen können. Es war Friedrich gewesen, der die Wiege aus dem Keller holte und auch Friedrich war es gewesen, der das Holz neu bestrich und mit Blumen und Schmetterlingen bemalte. Anschließend hatte er das Holz noch lackiert. Er konnte sich noch an die lobenden Worte seiner Mutter erinnern, auch wenn er sie sich nicht verdient hatte. Friedrich hatte sein Bestes gegeben, aber zeichnen konnte er nun mal wirklich nicht. Doch sein kleiner Bruder hatte sich nicht daran gestört - wie auch, er war ein Baby - und Mutter hatte wohl wirklich eine Freude an den Blumen gefunden. Immer wieder hatte Friedrich beobachtet, wie sie an der Wiege des Kleinen saß, sie sanft schaukelte und ihre Finger dabei über Friedrichs Klecksereien gestrichen waren.
Die Anforderungen des Kunstlehrers für diese Stunde gaben keine Blumen und Insekten vor. Als erste Unterrichtseinheit sollten sich die Schüler in Paaren zusammentun und sich zeichnen. Zuerst ein Selbstporträt, dann ein Bild voneinander.
Die Schmetterlinge waren einfacher gewesen, als seine eigenen Gesichtszüge im Spiegel zu betrachten und dann das Gesehene auf Papier zu übertragen.
Herr Tiedemeier hatte jedem Paar einen Spiegel zur Verfügung gestellt und so fand sich Friedrich dicht neben Albrecht wieder. Ihre Ellbögen stießen aneinander und so mussten sie die Plätze tauschen. Friedrich hatte gar nicht gewusst, dass Albrecht Linkshänder war. Es war ihm nicht aufgefallen, obwohl sie auch im regulären Unterricht nebeneinander saßen. Es war wohl einfach unter den vielen Eindrücke und der Überforderung, die Friedrich von seiner ersten Woche als Schüler auf der Napola erst verarbeiten musste, untergegangen.
Später, viel später, würde er sich an dieses Detail erinnern können, genau so wie tausend andere kleine Dinge, die in seiner Erinnerung den Namen Albrechts wie ein Echo atmeten.
Friedrich fiel es nicht nur schwer, zu Papier zu bringen, was er im Spiegel sah. Es war auch nicht leicht, seine Konzentration nur bei sich behalten. Immer wieder driftete sein Blick zu den anderen Schülern im Raum und er versuchte, einen Blick auf deren Selbstporträts zu erhaschen. Das Kratzen der Bleistifte auf dem Papier war laut in der Stille der Konzentration im Raum. Auch die Augen von Herrn Tiedemeier auf seiner Arbeit, als er durch den Raum schritt und ihre Zeichnungen begutachtete, während sie werkten, konnte er schwer ausblenden.
Am schwersten aber fiel ihm, nicht ständig zu Albrecht zu sehen.
Sie kannten sich tatsächlich kaum und doch war ihm wohl in der Nähe des anderen Jungen. Fast war es, als wären sie doch besser miteinander vertraut, es tatsächlich der Fall war.
Nicht nur hier, sondern auch sonst, wanderte Friedrichs Blick oft zu Albrecht. Seine Augen suchten Albrecht im Raum, sobald er ihn betrat, war es der Speisesaal, das Klassenzimmer, das Badezimmer oder ihre Stube. Es war fast so, als würde etwas in ihm genau wissen wollen, wo sich der Junge befand, wie weit sie im Raum voneinander entfernt waren. Ob Albrechts Blick auch über die Köpfe ihrer Mitschüler wanderte, bis er auf Friedrich traf? Ob sich auch das Gefühl von Erleichterung in ihm breitmachte, sobald er sein Bedürfnis befriedigt hatte, genau Bescheid zu wissen, wie es um Friedrich stand?
Friedrich wusste nicht, wann es angefangen hatte. Gab es überhaupt eine Zeit, einen Augenblick, in dem Albrecht nicht seine Aufmerksamkeit gehabt hatte?
Schon in der ersten Nacht, als Friedrich so unruhig geschlafen hatte und ihn dann die Ankunft des Autos von Familie Stein aus dem leichten Schlummer gerissen hatte, war sein Blick wie von selbst zu Albrecht gewandert.
Besonders in Erinnerung war ihm der Moment im Speisesaal geblieben, als der Schulleiter Albrecht vor der gesamten Schülerschaft vorgestellt hatte. Alle Augen waren auf Albrecht gerichtet gewesen. Offen und neugierig. So war es auch nicht aufgefallen, wie viel Interesse in Friedrich gebrannt hatte, als er den Moment nutzte, um seinen neuen Stubenkameraden zu mustern.
Albrecht Stein war nicht, was sich Friedrich unter dem Sohn eines Gauleiters vorgestellt hatte. Er hätte mit einem jungen Mann gerechnet, der entweder ihm selbst ähnelte - "nordisch", oder wie ihn die Schüler auf der Treppe genannt hatten bei seiner eigenen Ankunft, "einen Vorzeige-Arier".
Vielleicht hatte er auch einen Jungen erwartet, wie der Napolaschüler, gegen den er geboxt hatte, als seine Boxkünste Heinrich Vogler ins Auge gesprungen waren. Groß gebaut, körperlich stark und einschüchternd, grobschlächtig und mit einem kalten Blick in den Augen. Eine selbstbewusste, starke Körperhaltung. Vielleicht riesige, brutale Hände, einen abschätzigen Zug um die Mundwinkel und eine unangenehme Stimme.
Albrecht war das absolute Gegenteil.
Friedrich schien nicht der Einzige zu sein, den Albrechts Erscheinung verwirrte.
"Der Sohn von Gauleiter Stein?" murmelte jemand neben ihm. "Einen Gauleiter Sohn habe ich mir anders vorgestellt," sprach jemand anderer flüsternd Friedrichs eigene Gedanken aus.
Albrecht war vieles, aber sicher nicht das, wie man sich den Spross eines hohen Tiers im Regime vorstellte, vor allem hier auf einer militärischen Institution.
Der Junge war filigran, sein Körper zart, alles, von der feinen Nase, über die schmalen Hände und den vorsichtigen Blick, den er über die Reihen seiner neuen Mitschüler gleiten ließ. Er erwiderte die öffentliche Begrüßung mit einem sachten Nicken und ließ sich dann wieder auf seinen Platz sinken, sichtlich erleichtert, nicht mehr im Fokus der Aufmerksamkeit des gesamten Saales zu stehen.
Nach der Handvoll Schultage wusste Friedrich über seinen Stubenkameraden unter anderem, dass er 16 Jahre alt war, genau wie Friedrich und die anderen aus der Stube und er war gut in Sprachen.
Es war nicht, dass er aktiv Informationen über seinen Mitschüler gesammelt hatte, eher so, dass er alles, was er über ihn erfahren konnte, aufsog wie ein Schwamm. Friedrich wusste selbst nicht, was es an dem anderen Jungen war.
Und so war ihm Folgendes nach zwei Wochen bekannt: Albrecht sprach nicht viel, doch gab er im Unterricht kluge und überlegte Antworten, wenn er aufgerufen wurde. In der Stube lachte er mit den anderen, doch machte er selbst keine Witze oder erzählte Anekdoten, über zuhause oder seine alte Schule vielleicht. Er war davor auf einem anderen Internat, bevor sie von Berlin hierher gezogen waren, weil Albrechts Vater zum neuen Gauleiter ernannt wurde. Er hatte irgendwann im Winter Geburtstag - es würde der erste in der Stube sein, der 17 wurde und die Bewohner der Stube 7 hatten schon begonnen, Pläne zu schmieden, wie sie diesen großen Tag feiern würden.
Albrecht hatte sich ihre Ideen mit einem feinen Lächeln angehört, hatte Fragen beantwortet - Mochte er Musik? (Ja) - Würde er die ganze Nacht wach bleiben wollen (Ja, wenn am nächsten Tag kein Test anstehen würde) - Welchen Kuchen aß er am liebsten? (Schwarzwälderkirsch, aber wie würden sie das auf die Beine stellen wollen?) - Wie hatte er seinen Geburtstag in der alten Schule gefeiert (Albrecht fragte stattdessen, wie hier an der Schule Geburtstage gefeiert wurden, gab es öffentliche Gratulationen - seine Augen bekamen einen stumpfen Ausdruck bei dieser Frage) und dann gesagt, dass er sich darüber freute, einfach überrascht zu werden. Über Albrechts alte Schule bekamen sie nur wenig aus ihm heraus, doch das war nicht weiter verwunderlich, denn anscheinend hatte Albrecht schon öfters die Schule wechseln müssen, da die militärische Laufband seines Vaters immer wieder verlangte, umzuziehen. Albrecht wohnte zwar über das Schuljahr hinweg ohnehin im Internat, doch seine Eltern wollten ihn nicht zu weit weg wissen.
Wieder war da dieser distanzierte Blick in seinen hellen Augen als er es ihnen erzählte, doch Friedrich traute sich nicht zu fragen. Er verstand gut, nicht über alles reden zu wollen.
Albrecht war gut in Sprachen, anders als in den anderen Fächern meldete er sich im Französischunterricht oft zu Wort, sein Englisch war besser als das seiner Mitschüler und im Deutschunterricht sollte er schon in der zweiten Unterrichtsstunde seinen Aufsatz vorlesen. Die Klasse hatte gebannt zugehört. Albrecht hatte eine ruhige Stimme. Er stand nicht gern im Mittelpunkt, das hatte Friedrich sofort gewusst, als er im Speisesaal vorgestellt wurde, doch wenn er vor der Klasse stand, sein Aufsatzheft in der Hand und die Worte aus seinem Mund voll tadelloser, fließender Prosa, dann sprach er in vollem, selbstbewusstem Ton.
Wenn Abrecht aufgeregt oder unsicher war, kaute er auf seiner Unterlippe herum. Er wirkte still und zurückhaltend, doch ließ sich nicht einschüchtern, brach keinen Blickkontakt. Selbst Jaucher konnte Albrecht keine Angst machen.
Der Junge tat alles mit großer Sorgfalt: Das Kämmen und Zurechtmachen am Morgen. Das Packen seiner Schulsachen. Ordnung in seinem Schrank. Seine Kleidung saß stets tadellos, ohne eine einzige Falte oder losen Faden.
Das Falten der Decke auf den Betten von sich selbst und Friedrich erledigte er ebenfalls mit Präzision. Friedrich hatte immer noch Schwierigkeiten damit, also hatte Albrecht diese Aufgabe kommentarlos übernommen. Im Gegenzug sorgte Friedrich dafür, dass Albrecht immer die beste Auswahl an Marmeladen beim Frühstück bekam, denn der Junge war morgens noch ungesprächiger als sonst und aß sein Brot nur mit Butter, anstatt sich ins Stimmengewirr der anderen zu mischen und danach zu fragen. Friedrich sorgte dafür, dass immer Marmelade zwischen ihnen am Tisch stand, selbst wenn er selbst keine nahm.
Als Albrecht es das erste Mal bemerkt hatte, hob er die Augenbrauen in einer stillen Frage.
Friedrich hatte die Schultern gezuckt, dann hatte er sich zu ihm gelehnt und gesagt: "Ich habe einen kleinen Bruder, der gerne Marmelade zum Frühstück hat und einen lauten Vater, den man schwer unterbrechen kann." Das habe ich schon in meinem letzten Zuhause gelernt, war was er damit sagen wollte und Albrecht verstand es als die dankbare Geste, die es war.
Friedrich fiel auf, dass Albrecht sein Besteck stets sorgfältig ablegte, sobald er mit dem Essen fertig war. Das Messer und die Gabel auf seinem Teller, auf 5 Uhr gestellt, Messer oben, Gabel daneben, darunter.
Ohne es groß zu bedenken, kopierte Friedrich die Geste schon bei der nächsten Mahlzeit.
Und auch beim Zeichnen legte Albrecht eine solche Genauigkeit in seine Striche, dass Friedrich nur schwer den Blick abwenden konnte, um sich auf sein eigenes Porträt zu konzentrieren.
Friedrich konnte ihm die Konzentration nicht verübeln. Albrecht hatte Talent zum Zeichnen oder zumindest lag es ihm wesentlich mehr als Friedrich.
Er mochte die hellen Augen, die feinen Gesichtszüge, die dunklen Haare. Und soweit er es beurteilen konnte, gelang es Albrecht recht gut, sein eigenes Antlitz auf Papier zu bringen. Man konnte ihn durchaus erkennen.
Friedrich musste nur einmal auf seine eigenen Zeichnung schauen um festzustellen, dass die bei ihm nicht der Fall war. Ein Künstler würde nicht aus ihm werden. Aber es bereite ihm Freude, den Stift aufs Papier zu bringen. Und das war eben auch im Sinne des Lehrplans, weshalb diese kreativen Wahlfächer angeboten wurden - Freude am Tun und die Möglichkeit, sich zu entspannen und neue Seiten an sich kennenzulernen.
“Und die Zeit ist um,” verkündete Herr Tiedemeier. Gehorsam legte Friedrich den Stift nieder. Der Lehrer ging nun durch die Reihen und begutachtete ihre Arbeiten, an manchen Tischen blieb er etwas länger als an anderen, sagte hier und da etwas, stellte eine Frage, sprach Lob oder Kritik aus. An Friedrich und Albrechts Tisch kam er als letztes.
“Hmm.” Viel mehr hatte er nicht zu sagen, als er sich Friedrichs Werk ansah. “Das wird schon.”
Bei Albrecht blieb er länger stehen. “Da ist noch reichlich Luft nach oben, aber du hast Talent,” sagte der Lehrer. “Hast du schon öfter gezeichnet?”
“In meiner alten Schule hat Kunstunterricht zum regulären Lehrplan gehört,” nickte Albrecht.
“Dass ich Talent hätte, ist mir aber neu,” flüsterte er Friedrich zu, nachdem ihnen Herr Tiedemeier den Rücken zugedreht hatte. “Mein Kunstlehrer fand meine Zeichnungen nie gut, immer schrecklich.”
“Du musst schon verstehen, die Latte liegt hier nicht besonders hoch. Die meisten hier haben sicher noch nie was Kreatives gemacht.”
“Du teilst also die Meinung meines alten Kunstlehrers?” fragte Albrecht mit hochgezogener Augenbraue.
“Das hab ich nicht gesagt,” protestierte Friedrich, immer noch flüsternd. “Ich mag deine Zeichnung. Und ich freue mich, wenn du mich gleich nur halb so gut hinbekommst.” Er lächelte, als er es sagte. Er freute sich tatsächlich darauf, von Albrecht gezeichnet zu werden und auch darauf, den anderen Jungen zu malen.
Albrecht lächelte zurück. Friedrich mochte die Grübchen in Albrechts Wangen, die er dabei bekam. Er wusste nicht, warum es ihm auffiel, aber er hätte nichts dagegen, Albrecht noch viel öfter lächeln zu sehen, vor allem wenn es wegen ihm war.
Herr Tiedemeier wies sie an, sich nun mit ihrem Partner zusammenzutun und sich gegenseitig zu zeichnen.
“Wechselt euch ab, erst der eine, dann der andere. Ihr habt jeweils 25 Minuten Zeit, dann tauscht ihr.”
“Möchtest du beginnen?” fragte Albrecht. “Du kannst gerne anfangen,” sagte Friedrich im selben Augenblick und sie lachten zusammen. Noch mehr Grübchen.
Sie waren nun allein in dem Atelier. Herr Tiedemeier hatte erlaubt, dass sie sich für die Partnerporträts verteilten und niemand wollte in dem kleinen Atelier bleiben und sich stattdessen draußen auf dem Gang einen gemütlichen Platz zum Zeichnen finden.
Auch Herr Tiedmeier war auf den Gang hinausgetreten, vermutlich um genau das zu beaufsichtigen.
Friedrich wartete, bis Albrecht die letzten Striche an seinem Selbstporträt fertig hatte. Insgeheim fand er es toll, dass er sich nicht durch den Lehrer stressen ließ und erst in Ruhe seine erste Arbeit abschließen wollte, bevor er sich ihrer Partnerübung widmete. Hätte er es auch gemacht mit Herrn Tiedemeier im Raum? Möglicherweise. Irgendwas in Friedrich sagte ihm, dass in dem schmalen Jungen eine Menge Mut steckte, zu den Dingen zu stehen, die ihm wichtig waren.
Außerdem bedeutete der Zeitaufschub, dass er ihnen die Frage abnahm, ob sie auch das Atelier verlassen würden – so viel Zeit hatten sie nicht.
Friedrich verstand Albrechts konzentriertes Arbeiten als Aufforderung, dass Friedrich mit dem Zeichnen beginnen sollte. So nutzte er diese Momente nicht nur dafür zu beobachten, wie Albrechts Hand geschickt über das Papier glitt und er immer wieder ein Auge zukniff, was ihm einen schrullig liebenswerten Gesichtsausdruck verlieh. Er legte sich die Malutensilien zurecht und begann seinen Stubenkameraden mit dem Blick des Künstlers zu betrachten.
Wie fiel sein Haar ihm in die Stirn, wo gab es in den dunklen Strähnen einen Haarwirbel, der sich nicht in den streng gekämmten Seitenscheitel fügen wollte?
Was war der Abstand zwischen den Augen, welche Form hatten sie, wie waren seine Wimpern geschwungen, wie die Augenbrauen und wie die Lippen? Welchen Schatten warf seine Nase aufs Gesicht? Wie konnte er Albrecht dazu bringen, dass er so glücklich aussah, dass er die Grübchen lange genug studieren konnte, um sie auf Papier zu bringen?
Fragen, so viele Fragen und vielleicht würde er ja Antworten finden, sobald er den Stift aufs Papier setzte. Denn Albrecht hatte mittlerweile seine Zeichnung weggelegt, sich aufrecht hingesetzt und den Blick zu Friedrich gewandt, offen und mit einer ehrlichen Verletzlichkeit in dem hellen Blau seiner Augen.
“Gut so?” fragte der andere Junge. “Soll ich mich anders hinsetzen oder so?”
“Nein, passt sehr gut,” antwortete Friedrich und setzte seine Stift an, um mit der Arbeit zu beginnen.
Schon nach einigen wenigen Minuten konnte Friedrich bemerken, wie er sich zu entspannen begann. Seine Schultern, die seit zweinWochen durchgehend voller Spannung gewesen waren, lockerten sich etwas. Seine Augen durften länger auf etwas verweilen, kein rasanter Ansturm aus neuen Eindrücken die ganze Zeit. Es gefiel ihm, wie die sanfte Nachmittagssonne durchs Fenster schien und den Staub in ihrem Strahl tanzen ließ. Ein wenig kitzelte das Licht die Schultern von Albrecht und ihm. Seine Ohren genossen die Friedlichkeit und Stille im Raum.
Ihm wurde plötzlich bewusst, dass er das erste Mal seit Tagen Zeit für sich hatte. Er war nicht mehr allein gewesen, für mehr als ein paar Minuten, außer wenn er zur Toilette ging, seit er sich vor der Schuljahresansprache das erste Mal seine Uniform angezogen hatte.
Die Schüler verbrachten den gesamten Tag miteinander, von morgens bis abends: Sie gingen gemeinsam in den Waschraum, wuschen sich zusammen, putzten sich die Zähne und kämmten sich nebeneinander. Dann gingen sie zusammen zum Morgensport, danach duschten sie zusammen, aßen Frühstück und gingen zum Unterricht. Und auch der Rest des Tages fand zusammen statt, bis sie abends in der Stube das Licht löschten. Ihnen standen einige Nachmittagsstunden zur freien Verfügung, doch einen Großteil der Zeit mussten sie für Hausaufgaben aufwenden, über die sie natürlich auch zusammen im Studienraum brüteten.
Natürlich ging Friedrich auch zu den ersten Boxstunden, doch diese waren mental und körperlich herausfordernd und natürlich war Vogler die ganze Zeit über bei ihm.
Wenn er vom Boxen zurück in die Stube kam, saßen die anderen dort beisammen, spielten Karten, kämpften immer noch mit den Schularbeiten, brachten Ordnung in ihren Sachen (Siegfried) heckten Streiche aus (Tjaden), schmiedeten Hochzeitspläne mit diversen Mädchen (Hefe und Christoph, auch wenn ihre Pläne einander ausschlossen).
Friedrich wusste nicht, wo er hinging oder was er tat, aber Albrecht war selten dabei. Er stieß entweder kurz vor dem Abendessen, auf dem Weg zum Speisesaal oder direkt an ihrem angestammten Tisch zu ihnen. Und Friedrich hatte bisher keine Gelegenheit gehabt, ihn danach zu fragen.
Wo konnte man auf Allenstein sonst Zeit verbringen? Es war so viel los gewesen in den ersten Tagen, dass er noch nicht mal Zeit gehabt hatte, die Schlossgründe eingehend zu erkunden.
Gab es Aufenthaltsräume, von denen er nichts wusste? Einen geheimen Garten vielleicht? Er könnte sich Albrecht gut vorstellen, wie er in einer Laube saß und konzentriert las, langsam die Seiten seines Buches umblätterte und die Stille genoss, seine Sehnsucht nach Ruhe genau so groß wie bei Friedrich.
Es war irgendwie einfacher, ein Porträt von Albrecht zu zeichnen, als von sich selbst. Vor allem war er wohl weniger ablenkt, denn das Zentrum seiner Aufmerksamkeit saß ihm gerade gegenüber und hielt sich diszipliniert still und aufrecht. Es geschah mit einer Eleganz und Mühelosigkeit, die Friedrich faszinierte. Wie war es wohl, als der Sohn eines wichtigen militärischen Mannes aufzuwachsen? Wurde ihm sein akkurates Verhalten, die tadellose Körperhaltung und der Gehorsam in die Wiege gelegt oder war es anerzogen?
Friedrich kämpfte tagein, tagaus damit, sich an die Gepflogenheiten einer militärischen Bildungsanstalt zu gewöhnen, die richtige Anreden zu finden, das Salutieren, die Spannung im Körper so zu halten, dass er nicht mehr Rüge einstecken musste, als er es ohnehin schon tat. Besonders Jaucher hatte stets nur Schlechtes an ihm auszusetzen und wenn keiner der Lehrer in der Nähe war, triezte und bestrafte er Friedrich dafür, dass sein bisheriges Leben fernab von Drill und Disziplin verlaufen war.
Seit seinem ersten Morgen hier, hatte Albrecht ihm wortlos den Rücken gestärkt. Er stand ihm zur Seite, wenn Friedrich an den Gepflogenheiten der Elite verzweifelte. Kein einziges Mal hatte Friedrich Mitleid oder in Albrechts schmalem Gesicht lesen können. Er war einfach da, mit allem seinem Mitgefühl, seinem Verständnis und seiner Toleranz. Woher war er nur gekommen und hatte sich einfach so an Friedrichs Seite gepflanzt? Es musste ein wahres Wunder sein.
Natürlich war Albrecht nicht ohne Schwächen. Er war ein starker Denker, aber nicht kraftvoll bei den Sportübungen. Er war rasch von Begriff, aber nicht schnell im Laufen. Er war geschickt im Argumentieren, aber verloren auf dem Schießübungsplatz. Er war aufmerksam, aber konnte sich keinen Überblick verschaffen, wenn es darum ging, eine Waffe auseinanderzunehmen, zu reinigen und wieder zusammenzusetzen. Er war trickreich und genial im Kartenspiel, aber eine Niete im Zweikampf.
Einmal, ein einziges Mal, hatte Albrecht darauf reagiert, als die anderen in der Stube ihn damit aufzogen, warum er auf eine Militärschule ging, wenn er jeden Tag den Ärger und den Tadel des Sportlehrers auf sich zog. Natürlich bekamen sie hier auch eine generelle Schulbildung, doch der Fokus lag doch auf sportlicher Stählung und dem Schärfen des Geistes auf die militärischen Wirren des Kriegs.
“Das haben sie mich auf der letzten Schule auch schon gefragt. Mein Vater war nicht begeistert,” murmelte er. Weiter wollte er aber nicht darauf eingehen und hatte wieder einmal die Stube verlassen, um stundenlang zu verschwinden.
“Kann mir auch Lustigeres vorstellen, als Sohn von 'nem hohen Tier zu sein,” sagte Hefe. “Ich weiß ja, wie viel meine Eltern schon an mir auszusetzen haben, wenn ich keine Bestnoten bekomme. Und Papa ist Fabriksbesitzer, nicht Gauleiter. “
“Wann hattest du jemals gute Noten hier?” fragte Christoph in dem neckischen Ton, den er immer für Hefe reserviert hatte.
“Du kannst mich mal,” zuckte Hefe die Schultern und damit war das Gespräch erledigt.
Ja, es stimmte, Albrecht war vieles, aber sicher nicht, wie man sich den Sohn eines Gauleiters vorstellte. Eine Waffe sah schlichtweg falsch aus in Albrechts zierlichen Händen mit den schmalen Handgelenken und Friedrich hatte schon bemerkt, wie der Junge beim Schießtraining versucht hatte, seine zitternden Hände zu verstecken.
Auch der Rassenkundeunterricht ließ Albrecht stets blass und schweigsam zurück, das Gesicht fast schon grünlich und Albrecht sprach danach oft für den Rest des Unterrichtstages kein Wort mehr.
Doch in anderen Momenten, wenn er vor der Klasse stand und ganz in der Prosa seiner eigenen Worte aufging oder wenn er der einzige war, der in der Dunkelheit des Abends noch bereit war, mit ihm zu flüstern und seine Stimme so beruhigend auf ihn wirkte, dass Friedrich jedes Gefühl nach Heimweh, Sehnsucht nach dem kleinen Bruder und der Mutter besser ertragen konnte. Dann wusste Friedrich, dass Albrecht etwas Besonderes war.
Wenn die Schüler nach dem Mittagessen in den Schulgarten geschickt wurden, um frische Luft zu tanken und Albrecht sich ins Gras setzte, den Kopf zur Sonne gewandt, der Frieden des Moments klar und frisch auf seinem Gesicht, dann könnte Friedrich sich keinen besseren Menschen vorstellen.
Er konnte es nicht anders sagen: Er fühlte sich wohl, mit Albrecht. Der Junge war ihm nach so kurzer Zeit bereits so vertraut, als würden sie sich schon viel länger kennen. Vielleicht, vielleicht hatte Friedrich auch sein Leben lang auf jemanden gewartet, der sich anfühlte, wie der Hafen, auf den man zusteuerte, wenn das Leben einen hin- und herwarf wie die stürmische See.
Seine Augen studierten Albrecht, huschten immer wieder zwischen Papier und Gesicht des Jungen hin- und her und eine Ruhe durchströmte ihn. Albrecht sah ihn an, sah ihn einfach nur an. Friedrich hatte ehrlichen und offenen Augenkontakt schon immer geschätzt und freute sich darüber, wie Albrecht seinen Blick bei ihm nicht abwandte. Friedrich war schon aufgefallen, dass Albrecht das nicht bei vielen Menschen tat, am liebsten still und für sich blieb.
Schade, dass es sich um eine Bleistiftzeichnung handelte. Zu gerne hätte Friedrich versucht, das faszinierende Blau von Albrechts Augen einzufangen. Es wäre vermutlich schlicht unmöglich, vor allem für einen Laien wie Friedrich, aber er konnte Schönheit wertschätzen, wenn sie direkt vor ihm war.
Albrecht war schön, daran gab es nichts zu diskutieren. Es war nicht nur die innere Harmonie, Feinfühligkeit und das Facettenreichtum, das Friedrich an Albrecht so schätzte. Er hatte Augen im Kopf. Der Junge war sehr hübsch anzusehen. Er war ungefähr das genaue Gegenteil von Friedrich und den meisten anderen Schülern. In vielen Momenten erschien er beinahe fehl am Platz in der Schülerschaft von Alleinstein - in seiner gesamten Erscheinung und Friedrich konnte sich gar nicht sattsehen. Wo Friedrich groß und muskulös war, so wie die meisten der Napola Schüler, war Albrecht feingliedrig und mindestens einen halben Kopf kleiner. Albrechts dunkler Haarschopf stand in starkem Kontrast du Friedrichs blonden Haaren, nur die blauen Augen hatten sie beide.
Friedrichs Gesicht war breit und kantig, der Bart begann zu sprießen und bald würde er sich regelmäßig rasieren müssen. Albrecht hatte schmale Züge und glatte Haut an Wangen und Kinn. Friedrich gefiel, wie sein Haar ihm über Ohren und in die Stirn fiel, wenn es spät wurde und in der Stube sich niemand mehr um eine perfekt sitzende Frisur bemühte. Um die Nase hatte er vereinzelt Sommersprossen, hellbraun wie heiße Milchschokolade, die er nur selten in seinem Leben bisher getrunken hatte und ihm jedes Mal wie eine Kostbarkeit erschien.
Zart und nur wie die Andeutung eines glücklichen Gedankenblitzes, deutete Friedrich die Male an, doch er setzte so viel Genauigkeit und Liebe für die Sommersprossen aufs Papier wie die geliebten, edlen Details, die sie waren.
Er versuchte sich auch an Albrechts langem, eleganten Hals und stellte das erste Mal, mit großer Freude fest, dass es auch hier die ein oder andere Sommersprosse gab. Es war wie ein gut gehütetes Geheimnis zu lüften. Friedrich lächelte. Das Zeichnen ging ihm tatsächlich leichter von der Hand als gedacht.
Ob es wohl an Albrecht lag und wie angenehm es war, ihn so eingehend und ungehetzt betrachten zu dürfen? Friedrich hatte natürlich schon oft zu ihm geschaut, doch niemals war es gestattet, nein sogar gefordert gewesen, jede Feinheit im Gesicht des Jungen zu entdecken und zu katalogisieren. Friedrich fühlte sich beinahe so, als würde er etwas Verbotenes machen. Er hatte nicht gewusst, wie sehr er sich danach gesehnt hatte, Albrecht anzusehen.
Es war möglicherweise die beste halbe Stunde, die er bisher auf Allenstein verbracht hatte – und das beinhaltete die Boxstunden mit Vogler, die Friedrich große Freude bereiteten und ihn sehr beschäftigten.
Die Minuten verstrichen und der Bleistift kratzte beständig und sachte über das Papier, als Albrechts Züge nach und nach Form annahmen auf dem Blatt vor Friedrich. Er arbeitete die letzten Details heraus – ein Geburtsmal hier, eine widerspenstige kleine Haarsträhne dort, knapp über Albrechts linken Ohr. Gerne hätte Friedrich die Hand ausgestreckt und das störrische Büschel zurecht gestrichen und hinter Albrechts Ohr geschoben.
Immer wieder war ihm das jetzt schon aufgefallen. Irgendetwas war da an dem anderen Jungen, der in Friedrich den Drang auslöste, ihn zu berühren, ihm nahe zu sein.
Er hatte so etwas bisher erst selten erlebt. Er war eng mit seinem kleinen Bruder, natürlich. Und es gab nichts Schöneres, als mit ihm herumzualbern, sich spielerisch kämpfend auf der Wiese vor dem Haus zu wälzen oder ihn in der Nacht im Arm zu halten.
Dann hatte es da noch Luise gegeben, dann Anna-Lisa und bis vor kurzem Karolina, alles Mädchen aus seiner Nachbarschaft, mit denen er gerne Zeit verbrachte. Er mochte es, ihnen körperlich nah zu sein, ihre weichen Körper in den Armen zu halten, die Nase in ihre Halsbeuge zu drücken, ihren kitzelnden Atem im Ohr zu haben, wenn sie über seine Scherze kichterten oder ihm “ja, ja, ja” entgegenwimmerten, wenn er die richtige Stelle zwischen ihren Beinen fand.
Aber das waren seine Freundinnen gewesen, süße und hübsche Mädchen, die er schon lange kannte. Mit langem, seidigem Haar, sanften Kurven und hohen Stimmen, einladendem Kichern, Augen mit langen Wimpern und weichen Lippen.
Kein harter, schmaler Körper, keine militärisch trainierte Körperhaltung, kein kurzer dunkler Haarschopf und definitiv hatten seine Freudinnen nicht – nun ja, die Jungen der Stube duschten alle zusammen und auch wenn Friedrich versuchte, sich nur auf das Waschen seines Körpers zu konzentrieren... manchmal wanderte sein Blick nun mal. Albrecht hatte keine sanften Rundungen, keine vollen Brüste, dafür – Friedrich errötete nur bei dem Gedanken, dass er seinem Stubenkameraden beim Waschen auf den Schritt starrte. Aber er war schlichtweg fasziniert und manchmal, wenn er nachts doch einmal gut schlief und träumte – Albrecht war ihm schon das ein oder andere Mal im Traum erschienen.
Sie waren dann immer allein. Einmal waren sie wieder gemeinsam in der Dusche gewesen in diesen Träumen. Nur sie beide und Albrecht hatte Friedrich dabei erwischt, wie er ihn musterte. Albrechts Reaktion hatte ihn überrascht. Anstatt wütend oder beschämt zu sein, hatte er Friedrich fest in die Augen gesehen, dann gelächelt und seinen eigenen Blick wandern lassen. Sie hatten lange unter dem Wasserstrahl gestanden und sich einfach gemustert. Nicht gesprochen, nur geschaut, Zentimeter für Zentimeter nackter Haut aufgesogen. Irgendwann waren sie dann voreinander gestanden. Sie hatten beide die Hand nacheinander ausgestreckt und dann ihre Finger miteinander verwoben. Albrecht war noch näher gekommen, bis sie unter dem selben Strahl standen. Ganz ruhig hatte er dagestanden und zu Friedrich aufgeblickt, bis er den Kopf gegen Friedrichs Schulter lehnte und ihm seinen Hals darbot.
Friedrich beobachtete die Wassertropfen auf der freigelegten Haut, schaute zu, wie sie auf der langen, blassen Bahn herunterollten. Dann beugte er sich vor und folgte ihnen, erst mit der Nase, dann mit den Lippen, von Albrechts Kiefer bis zur Halsbeuge.
“Friedrich...”, hatte Albrecht geseufzt, ihm die freie Hand in den Nacken gelegt und ihn noch näher gezogen. Es war ein unglaubliches Gefühl gewesen, den anderen Jungen so eng an sich zu spüren, aufregend und komplett neu und -
“Schön da, wo du bist?” fragte Albrecht in die Stille hinein. Er musterte Friedrich neugierig.
Albrechts Anwesenheit war so angenehm und die Erinnerung an den Traum so umfassend, dass er für einen Augenblick vergessen hatte, dass er ja gar nicht komplett allein war.
“Wo ich bin?” Friedrich war verwirrt.
“Du hast gerade so ausgesehen, als wärst du meilenweit weg,” erklärte Albrecht.
“Oh.” Verlegen lächelte er. Er hoffte inständig, dass Albrecht seine Gedanken nicht lesen konnte, als er spürte, wie im das Blut in die Wangen schoss. Sie waren hier im Zeichenunterricht! Albrecht saß direkt vor ihm! Albrecht, sein Stubenkamerad, den er kaum kannte! Und er hing seinen Träumen nach, wo Albrecht ihm noch viel, viel näher gewesen war. Von seinen eigenen Fantasie irritiert, schüttelte er den Kopf, wie um die Gedanken loszuwerden. Dann zuckte er die Schultern. Albrecht sah ihn immer noch neugierig an und legte den Kopf leicht schief.
“Ja,” sagte Friedrich dann und auch wenn Albrecht nicht wusste, welche der beiden Fragen Friedrich da beantwortete, er nickte und erwiderte das Lächeln.
Friedrich war enttäuscht, dass ihm nicht genug Zeit blieb, die Grübchen auf Papier zu bringen. Doch als Herr Tiedemeier verkündete, es wäre Zeit, sich abzuwechseln, war es ihm gelungen, Albrechts Gesicht so auf dem Zeichenblock abzubilden, dass er nicht vollendens unglücklich damit war.
War es kompliziert gewesen, auf dem Papier etwas weiterzubringen und Albrecht nicht die ganze Zeit anzustarren, so war es eine ganz neue Herausforderung, für den anderen Jungen Modell zu sitzen. Seine einzige Aufgabe war nun, stillzusitzen und auch seinen Blick zur Ruhe zu bringen. Und genau das erwies sich als Schwierigkeit, denn es gab viel an Albrecht zu beobachten, wie er konzentriert dasaß und zeichnete.
Jedes Mal, wenn Albrechts helle Augen ihn studierten, konnte Friedrich nicht umhin, seinem Blick auszuweichen und er hoffte, dass Albrecht die Röte in seinen Wangen, die er so deutlich spüren konnte, entweder nicht bemerkte und wenn doch, nicht darüber weiter nachdachte.
“Alles gut bei dir?” fragte Albrecht wie beiläufig. Er schaute ihn nicht an, sondern konzentrierte sich gerade auf ein Detail in seiner Zeichnung, Friedrich konnte nicht gut aufs Blatt sehen, aber vielleicht waren es seine Augenbrauen? Hatte er schöne Augenbrauen? Hoffentlich.
Albrechts Hand schob sich gewandt über die Zeichung während er arbeitete. Er hatte hübsche Handgelenke, blass und sehr schmal und irgendwie elegant. Friedrich konnte kein besseres Wort finden. Zerbrechlich, aber stark. So wie Albrecht. Woher er das wusste, obwohl er Albrecht kaum kannte?
“J-ja,” sagte Friedrich verlegen. Er sollte Albrecht wohl wirklich nicht so anstarren. Oder sich dabei nicht erwischen lassen. “Heiß hier drinnen,” setzte er noch nach. Hoffentlich war die Lüge gut genug als Ausrede, warum er so rot im Gesicht war. Er langte nach seiner Krawatte und lockerte sie, dann öffnete er die ersten beiden Knöpfe von seinem Hemd.
Als er wieder aufsah, bemerkte er Albrechts Augen auf der freigelegten Haut seines Halses und Schlüsselbeins und ihm wurde noch ein bisschen wärmer. In Albrechts Augen lag ein Ausdruck, den er nicht deuten konnte, doch sein Herz klopfte stärker als noch Momente zuvor.
Sie starrten sich einen Moment an, dann nickte Albrecht. “Hmm,” machte er zustimmend und wandte sich dann wieder der Zeichnung zu. Friedrich warf Albrecht zwar immer wieder verstohlene Blicke zu, wenn er nicht über dessen Schulter hinweg ins Leere starrte, doch sie sprachen nicht mehr, bis Herr Tiedemeier sie alle wissen ließ, dass die Zeit um war.
Gemeinsam lehnten sie sich über die beiden Porträts. Auch wenn Friedrich mit seiner eigenen Arbeit nicht unzufrieden war – sie erschien ihm stümperhaft, als er sah, wie gut Albrecht seine Züge getroffen hatte und wie sehr er sich in dessen Zeichnung erkannte.
“Wie machst du das, dass du alles so perfekt hinkriegst?” murmelte Friedrich. Zu seiner Überraschung brach Albrecht in ungläubiges Gelächter aus. “Perfekt? Ich?” Friedrich sah zu Albrecht. Da waren sie wieder, die Grübchen.
“Ich finde schon.” Nun war es an Albrecht, rot anzulaufen und er sah verlegen zur Seite.
“Wo gehst du nachmittags hin, wenn wir Freizeit haben?” brach es aus Friedrich heraus, als sie auf dem Weg zurück in die Stube waren. Gerade befanden sie sich auf dem Wehrgang und keiner der beiden hatte die letzten Minuten etwas gesagt. Es war eine angenehme Stille. In Friedrich brannte die Neugierde und etwas sagte ihm, dass jetzt ein guter Moment wäre, um zu fragen. Das nächste Mal würden sie wohl erst wieder nächste Woche beim Zeichenkurs Gelegenheit haben, sich fernab der neugierigen Stubenkameraden zu unterhalten. Und Friedrich wollte die angenehme Wärme, die er so ungestört um Albrecht herum spürte, noch nicht verlassen.
Albrechte schenkte ihm ein kleines Lächeln. “Ich mache nicht alles perfekt,” sagte er dann. “Frag nur meinen Vater,” fuhr er leise fort. “Der wäre komplett anderer Meinung.”
Friedrich hatte es sich bereits gedacht, aber die Traurigkeit und Resgination in Albrechts Stimme machte ihm das Herz schwer.
“Albrecht -” begann er.
“Aber dafür kenne ich den perfekten Ort, um seine Ruhe zu haben,” sprach Albrecht weiter, die Stimme etwas schwerer, leiser als sonst. Er überlegte kurz, dann klärte sich seine Miene und er sah Friedrich offen und direkt an, nur noch ein Hauch Unsicherheit in der Stimme. “Wenn du willst, zeig ich ihn dir.”
Albrecht führte ihn einen Gang entlang, in den Friedrich sich sicherlich schon ein paar mal verirrt hatte, aber die Tür, vor der sie stehenblieben, war ihm bisher nicht aufgefallen. Sie war unscheinbar, nur ein kleines Schild auf Augenhöhe, das Friedrich bisher entgangen sein musste, wies auf den Zweck des Raums hin.
“Da wären wir,” sagte Albrecht halb feierlich, halb belustigt und öffnete die Tür.
Die Redaktion der Schülerzeitung war klein und gemütlich und im warmen Schein der Stehlampe fühlte sich Friedrich gleich behaglich.
“Es gehört noch einiges aufgeräumt, bin noch nicht sehr weit gekommen. Ich hab bisher nur daran gearbeitet, mir einen ersten Überblick zu verschaffen,” erklärte Albrecht und machte sich am Teekessel zu schaffen. “Kräutertee in Ordnung?”
“Hm,” machte Friedrich zustimmend und sah sich weiter im Raum um. Es herrschte hier wirklich ein großes Durcheinander, auch wenn von den Stapeln an alten Ausgaben überall im Raum und eine gewissen Ordnung auf dem Schreibtisch zu sehen war, dass Albrecht schon einiges an Arbeit geleistet hatte.
“In meiner letzten Schule habe ich bei der Schülerzeitung gearbeitet,” erklärte Albrecht. “Und wie mein Vater mich hier angemeldet hat, war die Schulleitung daran sofort interessiert. Gibt hier niemanden, der sich besonders darum reißt, mitzuarbeiten. Die letzten beiden Jahre gabs wohl gar keine Schülerzeitung.” Er deutete auf die verstaubten Papiere auf, in und unter den Schränken. “Und so lang war hier anscheinend auch niemand mehr drin.”
“Wirst du es machen?”
“Ich weiß noch nicht. Vielleicht ist es mir zu viel, ohne Unterstützung. Es ist viel Arbeit.” Er ließ seinen Blick durch den Raum schweifen und runzelte die Stirn. Eine Ecke des Raums war noch komplett unangetastet und aus den Regalen und Schränken und Kisten auf dem Boden quoll das Papier.
“Spaß würde es mir auf jeden Fall machen, ich habs gern gemacht an meiner alten Schule.”
“Vermisst du es dort?” fragte Friedrich.
“Nicht sonderlich. Die anderen in meinem Zimmer waren allesamt Hohlköpfe. Hier ist es auf jeden Fall schon mal besser.” Er warf Friedrich ein kleines Lächeln zu und Friedrichs Magen überschlug sich, als ihm überraschende Wärme in den Körper schoss. “Ja?”
Albrechts Lächeln wurde noch breiter und erreichte seine Augen. Es war ein sehr hübscher Anblick.
Leider dauerte der Moment nicht lange, denn Albrechts Miene verdüsterte sich wieder.
“Vater sagt, er erlaubt es nur, wenn ich mich hier gut mache. Meine Noten dürfen nicht darunter leiden, besonders nicht die im Sportunterricht.” Er zuckte die Schultern. “Es interessiert ihn offen gesagt herzlich wenig, wie ich meine Zeit hier verbringe, solange ich mich tadellos benehme und keinen Unsinn mache. Er meinte, Ende des Monats würde er mit der Schulleitung telefonieren und sich über mich informieren. Dann sehen wir weiter.”
Der Teekessel pfiff und Albrecht wandte sich um, klapperte mit den Tassen.
Das war eine interessante Information. Friedrich fragte sich ernsthaft, was für eine Art Unsinn Albrecht anstellen könnte, dass sein Vater so darauf bedacht war, ihn so genau im Auge zu behalten.
Es brannte ihn danach zu fragen, aber er traute sich nicht, die angenehme Stimmung die sie schon den ganzen Nachmittag zwischen sich hatten zu zerstören, indem er Albrecht Fragen zu seinem Vater stellte. Das Thema schien ihn zu bedrücken.
“Mein Vater ist genau anders rum. Mein Verhalten in der Schule war ihm egal, aber meine Freizeitaktivitäten hat er mit Adleraugen überwacht. Mein kleiner Bruder und ich haben immer drüber Witze gemacht, wie unmöglich es ist, auch nur irgendwas vor dem Mann geheim zu halten,” erzählte er, anstatt seine Neugierde mit ihm durchgehen zu lassen. Er würde zu einem anderen Zeitpunkt sich noch Gelegenheit haben, mehr zu erfahren. Er bemühte sich um einen lockeren Tonfall und hoffte, es würde die Stimmung im Raum etwas aufhellen.
Albrecht, sichtlich erfreut über den Themenwechsel, kam mit zwei Teetassen auf ihn zu und reichte ihm eine davon. “Du hast einen kleinen Bruder? Ich hab mir immer Geschwister gewünscht!” Seine Augen leuchteten interessiert. “Erzähl mir von ihm?”
Fast hätten sie das Abendessen vergessen, so vertieft waren sie in ihr Gespräch gewesen. Sie hatten es sich zusammen auf dem Ecksofa bequem gemacht, ihren Tee getrunken und Friedrich gab Geschichten über die schönsten Momente seiner Kindheit zum Besten, von Streichen und dem Fantasiereich, das er sich für seinen Bruder ausgedacht hatte, von dem er ihm jede Nacht erzählte, damit der Kleine besser einschlafen konnte.
Sie ignorierten beide den Fakt, dass Albrecht nur sehr wenig von seiner eigenen Kindheit erzählte und Friedrich beantwortete gerne alle Fragen, die Albrecht ihm zu seiner Familie, der Schule, seinen Freunden und dem Boxen stellte, während sie gemeinsam einige der Kisten durch den Raum schleppten und den schlimmsten Staub von den Regalen entfernten.
“Etwas karg hier, findest du nicht?” fragte Albrecht und ließ den Blick über die kahlen Wände schweifen.
Es stimmte. Viel Dekoration gab es in dem Raum nicht, wenn man von dem Bild des Führers hinter dem Schreibtisch einmal absah.
“Ein Bild dort drüben fände ich ganz nett,” meinte Friedrich und zeigte Richtung Wand bei der Tür. “Vielleicht kannst du eins im Kunstunterricht malen und dann hier aufhängen?”
“Genau,” lachte Albrecht. “Oder wir nehmen eins von dir, du malst doch so gerne.”
“Wenn du jedem Besucher hier erklären möchtest, was für einen miesen Kunstgeschmack du hast, ist das eine gute Idee.” Auch Friedrich musste lachen.
Dann sahen sie sich an. Und brachen in noch größeres Gelächter aus.
Als sie wenig später das Licht löschten und den Raum verließen, betrachtete Friedrich glücklich die beiden Porträts voneinander, die sie vorhin Seite an Seite an der Wand über dem Regal mit dem Wasserkocher befestigt hatten.
Aus ihnen würden keine großen Künstler werden - aus Friedrich noch weniger als aus Albrecht – und es waren keine Meisterwerke. Aber sie passten gut hierher, in Albrechts Rückzugsort. Er hatte Friedrich auch eine offene Einladung ausgesprochen, ihn hier zu besuchen, wann immer er wollte.
Vielleicht konnte das kleine, gemütliche Redaktionszimmer auch für Friedrich zu einem Ort werden, an den er sich zurückzog, wenn ihm alles zu viel wurde, er sich deplaziert und ungenügend für das elitäre Leben fühlte, von dem er nun Teil war. Egal ob er sich an der Schülerzeitung beteiligte oder nicht. Und solange Albrecht auch hier war, könnte er gar nicht fehl am Platz sein.
