Chapter Text
„Bis dann, Herr Ross“, verabschiedete sich Rogov mit einem knappen Nicken, nachdem Vincent aus dem Auto gestiegen war und sich noch einmal zu ihm umgedreht hatte.
„Bis Montag, Herr Rogov – und denken Sie dran: keine Zigarette rauchen.“ Er lächelte fein, war versucht ein schelmisches Zwinkern noch nachzuwerfen, bei dieser Aussage, entschied sich aber dann für einen fast schon mahnend Blick. Auch wenn er sich diesen vielleicht verkneifen sollte, da er seinen älteren Kollegen genug in den letzten Tagen in Verlegenheit gebracht hatte, weil er selbst des Öfteren wieder geraucht hatte.
Grummelnd stieß Rogov den Atem aus, murmelte ein „Ja, ja … Schönes Wochenende Ihnen“ und deutete Vincent vage, dass er nun die Tür schließen solle, damit sein Kollege in seinen wohl verdienten Feierabend fahren konnte. Dieser Aufforderung kam der Jüngere nun auch nach, verabschiedete sich noch einmal und schaute dem davon fahrenden Auto hinterher. Nun war er alleine auf der Straße, vor seinem Wohngebäude. Mit der auf ihn leer wartenden Wohnung.
Vincent blickte hoch, sah seinen Balkon – dort leuchtete die Kette, die David im Frühling darum gebunden hatte, mit der Begründung, dass die lauen Sommerabende doch so um einiges romantischer werden würden.
Vincent schluckte, genau wie damals, als die Worte sein Ohr erreicht hatten. War er doch an einem ganz anderen Ort mit dieser Aussage katapultiert worden, mit einem anderen Mann, der ihm am ersten Abend seine ganze Lebensgeschichte erzählt hatte und so ehrlich, so offen, so-
Er wollte nicht daran denken, wo oder mit wem er am liebsten die Sommerabende verbringen wollte. Nein, verbot sich Vincent. Dieses Kapitel hatte er geschlossen. Zwar nicht für immer, wie er leider immer wieder an seiner Telefonliste bemerkte, aber er hatte es überschreiben wollen. Mit David. Und nun …
„Fuck“, murmelte er leise, spürte, wie die Tränen, die sich schon die ganzen Tage über in seinen Augen gebrannt hatten, nun Bahn brechen wollten.
„Fuck, fuck, fuck.“ Mit schnellen Schritten stiefelte er hoch zu seiner Wohnung. Er wollte nicht auf dem Bürgersteig heulen. Er wollte nicht seinen Kajal verwischt wissen, wenn er noch eventuell Menschen treffen könnte auf dem Flur. Es fiel ihm sogar noch der Schlüssel mehrmals herunter, da seine Hände anfingen zu zittern, als er dabei war ihn ins Schloss zu stecken.
Von oben herab hörte er eine Tür zu fallen, Stimmen, die zu ihm heran drangen. Seine Nachbarn planten wohl, zu irgendeiner Party zu gehen und überlegten auch vorzuglühen. Er nahm nur Fetzen des Gesprächs wahr. Na toll. Hatte er genau die Situation jetzt hervor gerufen, die er so dringend vermeiden wollte.
Schneller, mahnte er sich. Er wollte jetzt keinen sehen. Mit keinem sprechen. Nicht mit denen, die ihn blöd fragend anschauen würden … Vielleicht auch noch fragen, ob alles okay sei und das er nicht danach klingen würde. Er könne doch mit ihnen sprechen, schließlich seien sie Nachbarn und man kenne sich doch-
Geschafft. Der Schlüssel steckte, ließ sich sofort umdrehen und Vincent schlüpfte in seine Wohnung. Die Stimmen, die Schritte wurden leiser, verstummten fast augenblicklich.
Er atmete tief durch, als er sich rücklings gegen die Tür lehnte, den Kopf entspannt in den Nacken legte. Nun konnte er den Tränen, denen er so lange Einhalt geboten hatte, freien Lauf lassen und spürte, wie sie an den Schläfen entlang liefen, in seinem Haaransatz.
Niemand war da, der ihn begrüßte. Niemand war da, um seine Arme um Vincent zu legen. Niemand, dem er erzählen konnte, wie verlassen und betrogen er sich fühlte. Niemand füllte diese Wohnung mit Leben. (Und ein Haustier wollte er sich bei seinen Arbeitszeiten einfach nicht holen.)
Er wischte sich über das feuchte Gesicht, wappnete sich für … nichts. Er wollte einfach nur seinen Zusammenbruch nicht direkt im Flur haben. Das war ihm dann doch zu klischeegetreu. Egal, ob er alleine hier war oder nicht.
Vincent schob sich seine Schuhe von den Füßen, warf die Jacke auf die Kommode sowie seine Schlüssel. Er würde später alles ordentlich wegräumen, sagte er sich. Aber jetzt hatte er keine Kraft mehr dafür. Jetzt, da er wirklich und komplett allein war.
Ein neuer Schwall an Tränen überkam ihn. Verdammt. Er war wirklich alleine hier.
Er hatte nichts dagegen mal ab und zu alleine zu sein, genoß es sogar hin und wieder in einer leeren Wohnung zu sein, aber Vincent hatte sich so sehr daran gewöhnt das David des immer öfteren hier war und … Anfangs hatte sein Freund sogar für ihn gekocht. Dann hatte die ganze Wohnung nach den wildesten Gewürzen gerochen, schon im Hausflur war ihm der Geruch entgegen gekommen. Es hatte sich endlich wie ein “zu Hause” angefühlt. Wohlig. Warm. Bis es eben nicht mehr so war. Bis die Wohnung im kalten auf Vincent gewartet hatte. Leer. So wie jetzt.
Er hatte es immer für einen positiven Aspekt gehalten, in seiner Beziehung mit David, sich den gegenseitigen Freiraum zu geben, den sie beide immer wieder verlangt und natürlich bekommen hatten. Klar war es manchmal anstrengend, da die gemeinsame Zeit weniger wurde, aber eigentlich hatte Vincent genau diese Momente dann nur noch mehr zu schätzen gewusst. Hatte er es doch einfach auf den Alltag geschoben, die Jobs, die sie Beide ausführten, das diese gemeinsamen Momente weniger wurden. David hatte damit anfangs ja auch keine Probleme gehabt, aber dann …
„Oh, du bist noch … wach?“, fragte David, als er ins Wohnzimmer kam.
Vincent saß auf dem Sofa, um ihn herum verteilt noch ein paar Akten zum aktuellen Fall. Eigentlich durfte er sie nicht mit nach Hause nehmen, weil er mit einem Zivilisten, einem Nicht-Polizisten, zusammen war, ja, fast schon zusammen wohnte, aber es ließ ihn nicht los, dass der Fall so wirklich gar keine Anhaltspunkte lieferte, um weiterzukommen. Und schließlich wusste Pawlak ja nichts davon, also … konnte man die Regeln ja etwas ausdehnen.
„Hm? Oh, ja“, lächelte Vincent seinen Partner an, als er zu ihm aufblickte. „Es ist ja schließlich noch früher Abend … oder … Nacht.“ Er lachte und schaute aus dem dunklen Fenster, dann begann er zu strahlen, weil er einfach David bei sich wusste und in der Spiegelung sah.
„Mh, wenn du das sagst … Aber Vince, es ist … gleich halb fünf. Morgens.“ Davids Stimme klang belegt, wofür der Angesprochene gerade keine Aufnahme hatte. War er doch einfach zu glücklich, seinen Partner nach fast einer Woche ohne gemeinsame Zeit wiederzusehen.
„Was!?“ Sein Blick schnellte zur Uhr an der Wand und tatsächlich: Die Zeiger standen auf 4:20 Uhr. „Mist. So lange wollte ich gar nicht mehr machen“, gähnte er und legte dann die Unterlagen weg, klaubte alles schnell zusammen, um Platz im Wohnzimmer zu schaffen. „Wollen wir dann ins Bett gehen? Oder möchtest du einen Kaffee auf dem Sofa? Auf dem Balkon?“ Vincent lächelte sanft, schlurfte geschmeidig zu David, streckte fast schon seine Arme nach ihm aus, für eine Umarmung und einen Begrüßungskuss.
„Nein, ich – ich wollte nur kurz meine Kleidung wechseln. Muss auch schon wieder los.“
„Aber du bist doch gerade erst gekommen, David.“
„Ich weiß“, sagte Vincents Partner nun bestimmender und wandte sich ab, Richtung Schlafzimmer. „Und du riechst schon wieder nach Rauch. Habe ich dir nicht gesagt, dass ich es nicht mag, wenn du rauchst?“
Und du riechst nach Alkohol und einem fremden Parfum, dachte Vincent, sagte aber nichts dazu.
„Ich habe extra auf dem Balkon geraucht“, verteidigte er sich lieber zu dem Thema, worüber sie seit Anfang an diskutierten - und Vincent doch den Kompromiss jedes Mal eingegangen war auf dem Balkon zu stehen, wenn er mal die wenigen Zigaretten ab und zu rauchte.
Waren die Anzeichen für den Bruch ihrer Beziehung nicht deutlicher da gewesen? Wollte er wirklich so blind gewesen sein? War er schon immer so gewesen in der Vergangenheit? Hatten deswegen nie lange seine Partnerschaften gehalten?
Zweifel kamen auf, als er wieder an Adam dachte. Hätte er es nicht vielleicht verhindern können, dass sein Kollege einfach so abgehauen war, damals? Hätte er es vielleicht anders angehen sollen mit dem nonchalanten Hinweis auf Adams Tablettensucht? Und hätte er vielleicht auch da nicht eher die Anzeichen erkennen können, dass Adam ihn verlassen wollte?
Er schniefte. Fühlte das Loch in seiner Brust, das David einfach nur noch breiter gemacht hatte, aber da war es schon immer gewesen. Von Anfang an.
War seine Mutter auch so blind gewesen, als sich seine Eltern getrennt hatten? Als Kind hatte er die Aussage von ihr nicht verstanden, aber jetzt, als Erwachsener, wagte er es, das Gegenteil zu behaupten.
„Du kannst jemanden verlassen, auch wenn du ihn noch immer liebst. Eine Beziehung kann ihr Ende gefunden haben, wenn sich beide Seiten nur noch wehtun, anstatt zu helfen und zu heilen. Sie dann zu beenden, ist keine Schande, sondern zeugt von Stärke.“
Sie hatte den Ring seines Vaters dabei in den Händen gehalten, ihn hin- und hergedreht.
„Und doch hoffe ich, mein kleiner Vince, dass dein Papa irgendwann wieder zurückkommen wird. Zu uns Beide. Und dann da bleiben wird.“
Doch das war nicht geschehen. Sein Vater hatte sich nicht mehr blicken lassen. Keine Karte zu den Geburtstagen oder auch nur zu Weihnachten. Nicht mal ein Anruf war durchgedrungen. Vincent hatte sich geschworen nie so eine Liebe zu finden. Er wollte eine, die für ewig hielt und sein Partner immer an seiner Seite blieb. Auch, wenn es hoffnungslos romantisch klang, nach einem Märchen, wollte er nicht diesen Schmerz in seinen eigenen Augen sehen, wie er ihn damals bei seiner Mutter erkannt hatte.
Humorlos lächelte Vincent in die Stille seiner Wohnung hinein. Hatte er nicht nur das weiche Herz seiner Mutter geerbt, nein, sondern auch die Hoffnung darauf, dass die Liebe zurückkommen mag. Bei diesen Gedanken hatte er selbst an dem Ring gespielt, der um seinen Hals hing.
Es war der von seinem Vater.
Ein Mahnmal an sich selbst, hatte er sich geschworen. Gleichzeitig auch die Erinnerung an seine Eltern das es anders sein kann. Das es immer zwei Seiten gibt.
Er atmete tief durch, besann sich, dass er etwas trinken sollte. Aber natürlich kein Wasser. Schließlich war es Freitagabend und … er hatte doch sowieso nichts Besseres an diesem Wochenende vor, als verkatert und verheult auf dem Sofa zu liegen.
Er ging in seine Küche, beließ dabei das Licht weiterhin aus und öffnete seinen Kühlschrank. Nachdem er sich seinen Wein genommen, ein Glas eingeschenkt und in tiefen Zügen daraus getrunken hatte, sah der Abend schon … etwas wankender aus. Zwar war er immer noch beschissen traurig (und auch mittlerweile wütend) über dieses „klärende Beziehungsgespräch“, aber es war besser, als … als … eben wieder bei Adam anzurufen.
Vincent seufzte bei diesem Gedanken laut in sein leeres Glas hinein.
Er würde ihm nicht wieder berichten, wie es hier in Świecko aussah.
Oder?
Wie es um Wiktor stand, dass er und Vincent mittlerweile ein echt schönes, freundschaftliches Verhältnis zueinander hatten, in dem sogar offen geflirtet werden konnte und beide wussten, dass es nicht ernst gemeint war. Oder das Pawlak davon ausgegangen war das Wiktor ganz alleine eine Räuberbande aufgedeckt hatte. Er grinste in sich hinein, als er an Rogovs Gesichtsausdruck bei dieser Aussage dachte.
Doch langsam sog ihn die dunkle Spirale immer weiter hinab.
Schön war dieser Moment gewesen auf dem Revier. Das Gefühl des Freude hatte seine Brust gefüllt, aber die Krallen der Trennung saßen tiefer. Andeutungen das es ihm nicht gut ginge in dem Moment hatte er getan, ja, sogar seine Kleidung war in einem Trauer-Schwarz gehalten, aber niemand schien es so recht sehen zu wollen, wie es ihm ging. Natürlich hatten die anderen auch ihre Päckchen zu tragen, das wollte Vincent gar nicht abstreiten und doch sehnte er sich nach jemanden der ihn sah. Der ihn wirklich, wirklich und vollkommen sah.
Vergessen war David und seine Implikation des Fremdgehens. (Beide hatten es sich gegenseitig vorgeworfen, was am Ende zu dieser “Beziehungspause” geführt hatte.) Vordergründig war die Sehnsucht nach Adam.
Adam.
Adam.
„Adam“, hauchte Vincent und hielt seinen Daumen über den Bildschirm seines Handys.
Mit viel zu schnell schlagendem Herzen drückte er auf seine Telefon-App, scrollte herunter zu den vergangenen Anrufen und …
es klingelte.
Es klingelte und klingelte und …
Sein Atem stockte, als er plötzlich ein Klicken wahrnahm, dann die raue Stimme, fragend:
„Vincent?“
