Work Text:
Er war doch etwas nervös, und so war es wohl keine Überraschung, dass Boerne etwas merkte. Aber das war er ja gewöhnt beim Herrn Professor – kaum glaubte er, dass irgendjemand etwas vor ihm geheim hielt, ließ er nicht locker, bis er endlich wusste, worum es ging.
Und so, gerade als sie dabei waren, den nächsten Fall abzuschließen – „Was ist Ihnen denn in letzter Zeit über die werte Leber gelaufen? Ich nehme mal an, dass es nicht der exzellent Rotwein ist, den wir neulich genossen haben – “
Irgendwann würde er es ihm sowieso sagen müssen, also konnte er gleich – „Mein Sohn kommt mich nächste Woche besuchen, über die Feiertage.“
Und weil es hier eben um Boerne ging, antwortet er, „Das wird aber auch Zeit… sollte der verehrte Herr Junior nicht schon längst studieren?“
Er hatte Recht, auch wenn er ihm gerne erwidert hätte, dass es Menschen auf der Welt gab, die nicht studierten, aber das würde wohl warten müssen – „Er ist schon fertig und hat ne Konferenz in Münster, also kommt er mich besuchen.“
„Ah, gut“ Boerne rieb sich die Hände. „Na, dann werden wir wohl wieder einmal einkaufen gehen müssen – “
Er war sich relativ sicher, dass er nichts über ein gemeinsames Abendessen oder dergleichen gesagt hatte, aber ein Boerne ließ sich eben nicht beirren, und – nun – eigentlich verbrachten sie mittlerweile die meisten Abende zusammen, wenn der Herr Professor nicht gerade Operntickets oder sonst wie einen wichtigen Termin hatte – und, auch wenn es Frank nicht gerne zugab, wenn es um kompliziertere Rezepte ging, dann war Boerne doch der bessere Koch –
Und er konnte sowieso nichts dagegen tun. Es ging um Boerne – er würde auftauchen, sobald sein Sohn vor der Tür stand, und da konnte man auch nichts dagegen tun –
Also tat er sein Bestes, ihm mitzuteilen, dass er nicht davon ausging, dass Lukas irgendetwas besonderes erwartete, und sich auf den Besuch zu freuen.
Natürlich war er dann doch etwas – also als es darum ging ihn abzuholen – ob er ihn überhaupt erkenne würde? Es war so viel Zeit vergangen –
Obwohl Boerne sich einige Mühe gegeben hatte, es zu erfahren, hatte er es geschafft, seine Ankunftszeit geheim zu halten. Er hatte natürlich nichts dagegen, dass die beiden sich kennenlernten, und das würde sich auch nicht vermeiden lassen, aber nun ja, das erste Treffen nach so langer Zeit –
Und wie gesagt, sollte er Lukas nicht erkennen, wäre das ja regelrecht peinlich –
Aber dann kam er bei den Ankünften durch die Tür, und er wusste es sofort. Er war etwas größer als er – nichts dagegen einzuwenden – aber die Augen hatte er eindeutig von seinem Teil der Familie –
„Papa!“
„Hallo“ sagte er einfach und umarmte ihn fest. „Is n bisschen her.“
„Das kannst du laut sagen“ lachte Lukas, als er sich umsah. „Das ist also Münster –“
„Das ist der Flughafen, werd mal schauen, ob dein Großvater in der Nähe ist – “
„Wozu denn?“ sagte da eine Stimme, die er sehr gut kannte, hinter ihm. Verdammt – wie hatte er –
„Professor Karl-Friedrich Boerne, Leiter der Rechtsmedizin Münster“ stellte er sich vor und schüttelte Lukas die Hand, wobei sein Junge doch etwas überrascht aussah – konnte man ihm ja auch nicht übelnehmen – so etwas wie Boerne traf man nicht jeden Tag, und vermutlich war das auch ganz gut so, selbst wenn Frank –
Na ja, das hatte ja nichts damit zu tun. „Was machen Sie denn hier, Herr Professor?“
„Oh, das übliche“ sagte er leichthin. „Man muss sich eben anstrengen, um Neuigkeiten zu erfahren – Herr Schrader hat da so ein paar Andeutungen fallen lassen – “
Dafür kannte er Mirko mittlerweile zu gut – er hatte sicher nicht dagestanden und Boerne fröhlichst alles erzählt – nein, da musste Boerne irgendetwas aufgeschnappt haben, und vermutlich hatte er ihn dann überfallen und einfach nur eine Bestätigung seiner Vermutungen verlangt, was wohl – nun – Boerne eben. So war das.
Wie Boerne dann darauf gekommen war, oder begonnen hatte zu verdächtigen, dass da etwas los war – nun, darüber konnte er sich später den Kopf zerbrechen, jetzt wollte er erst einmal mit Lukas nach Hause –
Und zumindest mussten sie sich keinen Gedanken um ein Taxi machen.
Und, das musste er zugeben, Boerne ließ sie einmal in Ruhe reden, was mehr war, als er erwartet hatte.
„Da ist also Münster“ sagte Lukas. „So was haben wir in Neuseeland natürlich nicht.“
Er erwartete, dass Boerne jetzt anfing, einen Vortrag über die Geschichte der Stadt zu halten und wieso sich so etwas einfach nicht vergleichen ließ, aber nein, er war still – auch etwas ungewöhnlich, aber er hatte jetzt nichts dagegen –
„Und wie lange… kennt ihr euch schon?“ fragte Lukas dann.
Jetzt war er doch etwas verwirrt – nicht gerade das erste, was er selbst gefragt hätte – „Professor Boerne ist mein Vermieter, wie leben Tür an Tür, seit ich nach Münster gezogen bin.“
„In bester Nachbarschaf“ war Boerne ein, denn man konnte eben nicht alles – und gut, damit hatte er doch ganz recht –
„Aha“ sagte Lukas; seine Stimme klang etwas belegt, aber dann fing er sich wieder, also durfte er die Tatsache, dass er Boerne doch noch öfter sehen würde, ganz gut überstanden zu haben.
Und nun – es ließ sich auch nicht leugnen, dass Boerne zur Tür hereinkam, sobald Lukas seine Koffer abgestellt hatte, aber wenn sich Frank nicht damit hätte abfinden können –
„Also dann, gibt es irgendetwas, dass Sie brauchen?“
Lukas warf ihm einen panischen Blick zu, aber er zuckte nur mit den Schultern. Boerne – da gab es wirklich nichts, was er dazu sagen konnte.
Und überhaupt, wenigstens tauchte dann auch Mirko auf, unter irgendeinem fadenscheinigen Vorwand wegen einer Akte natürlich, aber er wollte wohl nur sehen, ob alles gut war, und dafür konnte er ihm wirklich nicht böse sein.
In den nächsten Tagen zeigte er seinem Jungen Münster und stellte schnell fest, dass sie doch wesentlich mehr gemeinsam hatten, als er gefürchtet hatte. Zugegeben schien er etwas interessiert an Boerne zu sein, aber gut, eine gewisse Neugierde in der Hinsicht war doch allzu verständlich…
Und er nahm ihn ja auch auf mit aufs Präsidium, um ihm zu zeigen, dass es auch normale Kollegen gab, auch wenn… er hatte ihm kurz von Nadeshda erzählt. Nur kurz. Aber gewisse Sachen mussten eben sein.
Womit er allerdings nicht gerechnet hatte, war, dass Boerne ihnen auch dort nachlief, als gäbe es nicht – leider – genug in der Rechtsmedizin zu tun. Als er eine Bemerkung machte, was das anging, bekam er zu hören, dass Frau Haller das regeln könnte – das war ihm allerdings neu – aber Lukas schien nichts dagegen zu haben, und immerhin, Boerne bestand immer auf die besten Lokale, wenn sie Essen gingen, und zahlte dann auch, also war er wirklich nicht sauer deswegen –
Er hatte dann doch darauf bestanden, dass Boerne seinen Opernabend nicht ausfallen ließ. Dafür gab es doch keinen Grund – er wusste, dass er sich schon seit Ewigkeiten auf diese Parsifal-Inszenierung freute, und er und Lukas würden die paar Stunden ohne ihn überstehen, auch wenn Boerne sich benahm, als würden sie verhungern – großer Gott, er gab ihm sogar seinen Schlüssel, nur für den Fall –
Nun, Frank wusste die Gunst der Stunde zu nutzen, und er hatte immer etwas Klebemasse in der Wohnung, also würde er bald genug auch einen Schlüssel für Boernes Wohnung haben –
Und dann – nun, dann kam es eben zu –
Sie hatten es sich vor dem Fernseher gemütlich gemacht – er war gerührt gewesen zu lernen, dass Lukas auch St. Pauli nach wie vor die Treue hielt – und dann –
Es war Halbzeit, und bis jetzt lief es ganz gut – wenn sie nur endlich in Führung gehen könnten, diese drei Punkte konnten sie echt gut gebrachen –
Und dann –
„Papa, kann ich – können wir reden?“
Gut, mit so etwas ähnlichen hatte er schon gerechnet. Man sah sich ja nicht jahrzehntelang nicht und hatte sich dann nichts zu sagen – und natürlich hatte er etwas gebraucht – vielleicht hatte er eine Freundin, oder auch einen Freund, das war ja durchaus –
„Sicher“ sagte er einfach.
Er druckste etwas herum – Frank erinnerte sich, dass er das als Kind getan hatte, wenn es um etwas ging, mit dem er – „Was gibt es denn?“ fragte er, damit das endlich einmal losging. Es ewig zu verschwiegen würde ja auch nichts bringen…
„Nun – es ist – was soll’s.“ Er holte tief Luft. „Papa, du weißt, dass du mir das sagen kannst? Also das mit dir und Professor Boerne?“
Er blinzelte. Ihm und –
„Mama ist schon seit über zehn Jahren wieder verheiratet, und ganz ehrlich, ich kann Professor Boerne besser leiden als – wie auch immer – “
Irgendwie fehlte ihm da der Kontext.
„Ihr müsst wirklich nicht vor mir so tun, als wärt ihr nur Kollegen. Ihr wohnt ja sowieso zusammen – “
„Wir wohnen nicht zusammen – “
Da lachte er doch tatsächlich. „Wer’s glaubt wird selig. Ihr seid doch ständig in beiden Wohnungen unterwegs, ihr verbringt all eure Freizeit miteinander…“
„Also so würde ich das nicht sagen – “
„Und wie dann?“
Nun – gut – vielleicht – und jetzt wo er so darüber nachdachte – natürlich erwähnte er Boerne des Öfteren, wenn er von ihren alten Fällen sprach, er ließ es sich ja auch nie nehmen, da irgendwie mitzumischen – und er war nun doch –
„Und wirklich, er ist ja nicht – ist ja nicht so, als hättest du dich an jeden x-beliebigen weggeschmissen“ grinste er. „Gut, er kann ein bisschen anstrengend sein, das geb ich ja zu –“
„Nur, wenn man ihn nicht näher kennt – “
Nach Lukas Gesichtsausdruck war das der falsche Text gewesen, und das konnte man jetzt wirklich als –
„Wie auch immer, also, wenn du je – meinen Segen habt ihr. Und ihr müsst wirklich nicht mehr so tun, als wär da nichts, ich meine es ernst.“
Vielleicht hätte er das alles noch halbwegs hinbekommen, aber dummerweise fiel ihm einfach nichts ein, aber gut, er hatte ja noch bis morgen Zeit, diese Opern dauerten ja ewig –
„Da ist nichts“ sagte er einfach.
„Aha.“ Nach einer kurzen Pause – „Möchtest du denn, dass da was wäre?“
Und – verdammt, Lukas hatte doch ganz recht, da war etwas, nur dummerweise nur von Franks Seite aus, und das war auch schon länger da, so sehr er sich auch bemüht hatte es zu ignorieren, aber manche Dinge… gut, der Herr Professor war nicht interessiert, das war ja eindeutig, und er war erwachsen, also hatte er das bislang alles ganz gut – aber jetzt, wo ihn sein Sohn mit der Nase drauf gestoßen hatte –
„Mach dir mal keine Sorgen, is alles gut so, wie es ist.“
„Aber Papa –“
„Wirklich“ beharrte er. „Ich mein, du siehst ja, es würde nicht wirklich viel Unterschied machen bei uns beiden – “ zumindest wenn es nach dem Tratsch in der Kantine ging.
Lukas lachte. „Nein, wohl nicht – “
„Also lassen wir das. Wär vermutlich eh zum Scheitern verurteilt – ich bin kein großer Beziehungstyp, und wir sind zu verschieden.“
Lukas schien verwirrt. „Also ich finde, ihr seid euch ziemlich ähnlich, was die wesentlichen Dinge angeht…“
Da musste er jetzt doch noch lachen.
Immerhin, sie hatten das geklärt, bevor es zu irgendeiner peinlichen Situation kommen konnte. Und Boerne spazierte am Ende des Abends noch fröhlich bei ihm hinein, natürlich tat er das, und alles war ganz normal –
Nur dass er da seinen Sohnemann doch etwas unterschätzt hatte.
Es war der erste Abend nach Lukas Abreise – wenigstens war morgen noch frei, da konnte er sich etwas – er wusste eben nicht, wann er sich wiedersehen würde, das war eben das –
Und Boerne läutete, na immerhin machte er das jetzt wieder –
„Hallo Herr Thiel, ich dachte, sie möchten vielleicht ein Gläschen trinken – “
Er wollte wirklich gerade nicht alleine sein, also –
Und so saßen sie also mehr oder weniger einträchtig nebeneinander wie schon so oft.
„Also ist der Herr Sohnemann gut weggekommen… Übrigens, hat er vorher noch mit ihnen geredet?“
„Geredet?“
„Über uns“ sagte Boerne dann einfach und er verschluckte sich dann doch und –
Boerne klopfte ihm auf den Rücken. „Nun, also nicht, ich dachte nur – na ja – er hat gemeint – und damit hat er ja nicht so Unrecht – Ostern und Neubeginn und so –“
„Ja. Und so“ brachte er heraus, und dann nahm Boerne seine Hand, und irgendwie wusste er, dass am Ende doch alles gut werden würde.
