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Love Languages

Summary:

5 Mal wo Johnny und Martin sich an der Guten Freundschaft von dem Justus und dem Nichtraucher inspirieren lassen und 1 Mal wo ....?

Sechs Szenen begleiten die Unterprimaner des Johann-Sigismund Gymnasiums, ihren Lieblingslehrer und den Schularzt über ein ganzes Jahr.

Notes:

Hat angefangen als Johnny <-> Nichtraucher, Martin <-> Justus Parallelen fic und ist jetzt mittlerweile eher eine Martinjohnny <-> Justraucher Parallelen aber das ist ok..

Die Zuordnung der love languages hat keinen tieferen Sinn. Ist ja jetzt nicht revolutionär, dass da jeder jede so ein bisschen macht und das ganze konzept ist a eh pseudewissenschaftlich

(See the end of the work for more notes.)

Work Text:

Gifts

„Wer hört denn hier so Schnulzenmusik?“, empörte sich Sebastian laut, als sie auf den Eisenbahnwaggon zugingen.

Der Waggon war das Zuhause vom Nichtraucher und lag am Rand eines kleinen Schrebergartenareals. Jetzt im Spätsommer blühten in seinem Garten Herbstanemonen und Wegwarte und der Apfelbaum trug noch Früchte.

„Das ist Schubert.“ Johnny ließ sich zu Sebastian zurückfallen. „Aus der Winterreise. ‘‚Fremd bin ich eingezog–“
„Ich weiß, dass das Schubert ist. Ich will wissen, wer sich das freiwillig anhört.“ Sebastian  blieb stehen und streckte suchend den Kopf in die Höhe.

„Kommt vom Nichtraucher.“ Matz blieb neben ihnen stehen.

Sebastian verzog das Gesicht: „Warum sollte der sich einen schiefen Tenor anhören? Der hat doch sonst besseren Geschmack.“

„Ich glaub, das ist ein Bariton.“ sagte Uli spitz.

Sebastian verdrehte die Augen, aber Johnny unterbrach ihn, bevor er antworten konnte. „Aber wie soll der Nichtraucher denn Musik abspielen?“

„Vielleicht singt da jemand in echt?“

„Ach, das klingt doch viel zu blechern.“

Dann wurde die Musik lauter, und wie vier Wetterfähnchen drehten sie sich zur neuen Stimme um.
„Na? Traut ihr euch nicht mehr zu mir?“ Der Nichtraucher stand schmunzelnd in der Tür zum Waggon. 

Martin stand neben ihm, unbeirrt von ihrem Geplänkel hatte er sich den Weg zur Tür gebahnt und angeklopft.

„Sebastian hatte Angst, dass ihm bei Ihnen seine sanften Öhrchen abfallen würden“, triezte Matz und kassierte dafür einen sanften Stoß von Sebastian.

Drohend hob der Nichtraucher den Zeigefinger, als sie sich an ihm vorbei in den Waggon schoben. „Ein bisschen mehr Respekt vor dem Meister der Kunstlieder, wenn ich bitten darf.“ Die Rüge wurde allerdings durch sein Lächeln zunichte gemacht.

Staunend kamen sie vor dem Holzkasten zu stehen, der tatsächlich die Quelle der Musik war. 

Der Nichtraucher klopfte ein paar Mal stolz drauf: „Hat mir Johann, also –“,  er räusperte sich, „– euer Dr. Bökh, geschenkt.“

„Die Schallplatte auch?“, fragte Uli skeptisch.

Der Nichtraucher winkte ab und nahm die Nadel von der Platte. „Die hab ich grade unbeschriftet in einer der Schubladen gefunden“

„Na, der Vorbesitzer wird sie nicht zu sehr vermissen“, sagte Matz und beobachtete gespannt, wie der Nichtraucher die Platte – zugegebenerweise nicht sehr vorsichtig – in einer der Schubladen an dem rechteckigen Grammophonkasten verstaute und eine neue Platte auflegte.

„Ich wusste gar nicht, dass ihr so Kulturmuffel seid“, sagte der Nichtraucher und ließ die Nadel sachte auf die Platte ab.

Swing schallte jetzt aus dem Grammophon. Die Jungs grinsten sich an – das war mehr ihr Geschmack. 

„Da können Sie sich bei Herrn Schlüter bedanken –“

„Unser Musiklehrer“, unterbrach Martin.

„– der hat uns jegliche positive Assoziationen zur Kultur vermiest“, sagte Sebastian und holte sechs der zusammengewürfelten Tassen aus dem Regal.

Der Nichtraucher verzog das Gesicht. „Der Schlüter war schon zu meinen Zeiten da.“

„Der war bestimmt auch schon zu Schuberts Zeiten da“, frotzelte Uli und ließ sich ungeniert auf das Sofa fallen.

„Sie haben umgeräumt“, bemerkte Johnny auf der Suche nach Kaffeepulver.

„Oben rechts“, der Nichtraucher zog seine Pfeife aus der Tasche und deutete auf das Regal neben dem kleinen Kanonenofen. „Wie war Gran Canaria?“

„Warm.“, sagte Johnny. „Und ich hab ein neues Weihnachtsstück geschrieben.“

Der Nichtraucher nickte bedeutend und stopfte Tabak in seine Pfeife. „Nur wer schwitzt, freut sich aufs Frieren.“

Johnny grinste. „Das hab ich dem Kapitän auch gesagt.“

***
Es fing schon an zu dämmern, als sie sich auf den Rückweg machten. 

Martin trottete neben Matz. Mit einem halben Ohr lauschte er Uli und Sebastian, die in ein Fachgespräch über Grammophone verwickelt waren, das ihn – und Matz ebenfalls wie es aussah – nur bedingt interessierte. 

Johnny ging links neben ihm, er hatte sich schon länger mental ausgeklinkt, konzentriert blickte er beim Gehen auf den Wegrand. Martin konnte dort nichts erkennen. Nichts als Geröll, vertrocknete Gräser und vereinzelte Glockenblumen.

Trotzdem wartete er stumm, als Johnny abrupt stehen blieb, schließlich war er die Eigenheiten seines besten Freundes gewohnt.

„Hey!“, rief Matz, der als erstes ihr Fehlen bemerkt: „Macht hinne. Wir müssen in drei Minuten zurück sein.“

Martin winkte ihn einfach weiter und drehte sich wieder zu Johnny um, der gerade etwas aufhob und sich vom Wegrand aufrichtete.

Sie setzten sich wieder in Bewegung, um die anderen einzuholen, die inzwischen einige Dutzend Meter voraus waren. Martins Blick glitt zu Johnnys Händen hinüber.

Ein Stein.

Johnny präsentierte ihn stolz: „Katzengold!“

„Gold?“ Martin sah in der aufziehenden Dunkelheit ein Glitzern in einem dunklen Stein.

„Es ist kein wirkliches Gold, aber ich weiß nicht mehr, was es eigentlich ist.“ Johnny zog die Stirn kraus.

„Vielleicht weiß der Justus mehr?“

Johnny war damit beschäftigt den Stein mit dem Zipfel seines Hemdes zu polieren und nickte nur abgelenkt. Nach einem prüfenden Blick nickte er zufrieden und hielt Martin den Stein hin: „Mach deine Hand auf.“

Martin nahm den Stein. Die im Licht einer Straßenlampe glitzernden Kristalle schillerten tatsächlich gülden. Fasziniert beobachtet er das Glänzen. „Schön sieht’s aus.“ 

„Wenn er dir gefällt“, sagte Johnny und schaute ihm in die Augen, „dann schenk ich ihn dir“

Martin muss wohl etwas verblüfft ausgesehen haben, denn Johnny wandte den Blick ab. „Oder leg ihn einfach zurück auf den Weg.“

„Nein.“ Martin musste unweigerlich lächeln. „Er gefällt mir wirklich, Danke.“ 
Er schloss die Finger um den Stein in seiner Hand.

Johnny grinste ihn glücklich an, und zusammen schritten sie durch das Tor auf den Schulhof.





Words of Affirmation


“Warum machst du dir so Sorgen? Ich dachte, das Ganze ist ne reine Routinesache?“

Johnny hörte die Stimme, kurz bevor ihr Besitzer durch das Außentor auf den Schulhof trat und konnte sich gerade rechtzeitig hinter der kleinen Mauer auf den Boden fallen lassen. 

Es war weit nach seiner Bettruhe. 
Und das war die Stimme vom Nichtraucher gewesen. Eindeutig. Und mit wem sonst sollte dieser so spät abends über den Schulhof laufen, als mit….

„Naja, so Routine auch nicht. Davon kann wirklich abhängen, ob die Beförderung durchgeht oder nicht.“

Bingo. Der Justus. 

Johnny konnte sich nicht entdecken lassen, sonst wäre die ganze Überraschung hinüber. Er hoffte bloß, dass die anderen nicht gerade jetzt aus der Turnhalle kommen würden.

Was hatten die beiden eigentlich so spät noch außerhalb der Schule gemacht?

Johnny hörte den Justus seufzen. „Und ich dachte wirklich, ich hätte das mit den Unterrichtsbesuchen hinter mir gelassen“

„Ich dachte vor allem, du hast deine Nervosität bei Unterrichtsbesuchen hinter dir gelassen.“, der Nichtraucher klang amüsiert. Johnny konnte sich das Schmunzeln um seinen Mund vorstellen.

Die beiden waren jetzt ganz nah. Johnny hörte, wie die Herbstblätter unter ihren Schuhen knisterten – erst wurden die Schritte lauter, dann wieder leiser. Die beiden schlenderten nur wenige Meter an der Mauer vorbei, hinter der er kauerte. 

Johnny drückte sich noch tiefer in die Schatten – ein Blatt piekste ihm ins Ohr. Er griff es und drehte den Stängel zwischen den Fingern. 

„Hey, hör zu!“ Die Schritte stoppten abrupt ein paar Schritte von Johnny entfernt, „du machst dir zuviele Sorgen. Du bist ein guter Lehrer.“

„Du hast mich doch nie unterrichten sehen.“ Johnny hörte förmlich die hochgezogene Augenbraue.

Der Nichtraucher klang ernst, als er erwiderte: „So oft mir schon von dir was vorgeschwärmt wurde...“

Johnny lächelte in die Dunkelheit. Ob der Nichtraucher gerade die gleichen Geschichten im Kopf hatte wie er?
Vorsichtig hob er den Kopf und lugte über die flache Mauer. Die beiden Erwachsenen standen nur wenige Meter vor ihm. Im Licht der kleinen Lampe neben dem Portal der Schule konnte er gerade so ihre Silhouetten ausmachen

„Leider machen meine Schüler nicht die Bewertung“, erwidert der Umriss von Justus. „Da wird ja nicht drauf geguckt ob ich nett bin und ab und zu einen Witz mache, da geht‘s um pädagogische Konzepte –“

„– die du kennst.“

„– und fachliche Kompetenz –“

„– die du hast.“

„– und die Unbeirrtheit weiterreden zu können, selbst wenn mir jemand dauernd ins Wort fällt.“

„Tja, dann ist das ganze wohl ein verlorener Fall.“

Johnny grinst. Vor ihm boxt der dunkle Umriss vom Justus seinem Gegenüber in die Rippen. Es kann nicht sehr fest gewesen sein, denn der Nichtraucher schwankte nur ein klein wenig von ihm weg.

Einen Moment war Stille, in der Johnny nur seinen eigenen Atem hören konnte. 

Dann, wie auf ein unsichtbares Zeichen, setzten sich der Justus und der Nichtraucher wieder in Bewegung.

„Danke“, hörte Johnny der Justus noch leise sagen, „Nein wirklich, danke, manchmal ist es einfach schön sowas zu hören.“ Dann fiel die schwere Eisentür hinter den beiden zu.

Johnny zählte bis zwanzig. 

Als er sich gerade erhoben hatte, um die eingeschlafenen Beine auszutreten, sah er einen Schatten hinter der Turnhalle hervorkommen und quer über den Schulhof laufen. 

Martin.

„Mensch, war das knapp! Was machen die beiden so spät noch hier draußen?“, zischte Martin.

Johnny zuckte mit den Schultern, „Hat alles geklappt?“

„Eisern!“, Martin rieb sich die Hände. „Hast du die Blumen?“

Johnny hob den Strauß von hinter der Mauer auf. „Mensch der Justus wird sich freuen!“

„Lass uns erstmal hoffen, dass bis morgen alle die Choreo noch drauf haben“, lachte Martin und winkte Johnny ihm in die Turnhalle zu folgen. „Apropos – Wir wollten nochmal ein letztes Mal durchgehen, kommst du?“

„Hey“ Johnny hielt Martin am Arm zurück. „Du hast das wirklich gut geplant. Du hast dir alles ausgedacht und organisiert. Der Justus wird sich bestimmt freuen.“

Martin schaute ihn verdutzt an, bevor er seinen berühmten roten Kopf bekam.

‘Seltsam’, dachte Johnny. ‘Normalerweise kriegt er den doch nur, wenn er sich aufregt.’




Acts of Service


„Halt den Kopf nach vorne gebeugt.“ Der Nichtraucher drückte Uli vorsichtig ein neues Taschentuch auf die blutende Nase.

Martin schaute konzentriert auf die Blutstropfen, die schon auf der Bank im Krankensaal gelandet waren, auf der er mit Uli saß. Die eine Seite seines Gesichts war ganz kalt vom Eisbeutel, den er dagegen halten sollte, die andere fühlte sich ganz heiß an.

Es war so unfair!
Die Realschüler aus der Stadt unten hatten noch den kleinen, schmalen Jungen im Kopf, der Uli vor 3 Jahren war. Jetzt war er zwar immer noch schlaksig, aber auch zäh und trotzdem.Trotz all dem. Gefundenes Fressen für Jungs, die sich stark fühlen wollen.
Der Matz war natürlich angesprungen wie ein Wachhund und der Uli, der sich nicht bevormunden ließ, direkt hinterher. Und Martin? Martin hatte noch nie ignorieren können, wenn etwas nicht gerecht war.

Die Tür zum Krankensaal öffnete sich und Martin riss den Blick von dem eingetrockneten Tropfen Blut. Der Justus.

Er hielt die Tür für Matz auf, der direkt auf sie zukam. Matz sah käsig aus, war aber unverletzt. Natürlich hatte den Boxprofi kein Schlag getroffen. Sein Blick klebte an Uli.

„Lass es, Matz!“, fauchte Uli ihn an, Martin konnte fast spüren, wie es in Uli neben ihm brodelte. Matz sagte nichts, quetschte sich aber neben Uli auf die Bank und nahm seine Hand in die eigene.

Martin ließ den Blick zurück auf seine freie Hand fallen, die auf seinem Oberschenkel lag. Die Haut um die Knöchel wurde langsam blau.
Er sah aus dem Augenwinkel, wie Ulis schlanke Hand die große Faust von Matz so fest drückte, dass die zerkratzten Knöchel hervortraten.

Als der Justus vor ihnen zu stehen kam, schauten alle drei hoch. 

Der Justus sah nicht wütend aus  – er war eigentlich nie wütend – aber wenn er sie so ernst anschaute, war das fast schlimmer.

Martin grub die Fingernägel in seine Handfläche.

„G–“

„Ich finde, Uli sollte nicht bestraft werden“, brach es auch Martin heraus, bevor der Justus weiterkam. „Wenn die Realschüler anfangen, müssen sie auch damit rechnen, dass der Uli einem die Nase bricht. Das ist Notwehr.“

Langsam schloss der Justus den Mund wieder und blinzelte ihn an.

Martin runzelte die Stirn. Er hatte von Matz lautstarke Zustimmung erwartet, aber der starrte stattdessen das Schneetreiben vor dem Fenster an.

„Wie geht’s deinem Auge?“, fragte der Justus schließlich.

Martin zuckte mit den Schultern. Um ehrlich zu sein, tat es ziemlich weh.

„Ich bin nicht hier, um euch eine Standpauke zu halten.“ Der Justus schnaubte. „Ich finds natürlich nicht schön, wenn ihr euch gegenseitig die Nasen einkloppt –“

Uli hob empört den Kopf, aber der Justus unterbrach ihn mit einer Geste: „Ich find es nicht schön. Aber ich weiß, dass es manchmal notwendig ist.“ Dabei schaute er Uli an. Uli hielt seinem Blick einige Sekunden stand und nickte dann einmal fest.

Martin presste kurz die Lippen aufeinander. Er hätte es wissen müssen. Natürlich würde der Justus Verständnis zeigen, das hatte er schon oft genug bewiesen.

„Wie geht’s dem Helmut? Ist es sehr schlimm?“, fragte er.

Der Justus schüttelte den Kopf. „Der junge Herr halt wohl ein wenig übertrieben, die Nase ist nicht gebrochen. Ich habe eben mit dem Krankenhaus telefoniert.“

Neben Martin lehnte sich Uli mit einem Ausatmer zurück. Er spürte, wie die Anspannung von ihm abfiel, dort, wo sich ihre Schultern berührten.

Der Justus sah sie alle der Reihe nach ruhig an. „Ich denke, wir kennen uns jetzt lange genug. Ich vertraue darauf, dass ihr euch meldet, wenn ihr wirklich Probleme habt, ja?“

Martin nickte und sah im Augenwinkel, wie Uli und Matz es ihm gleich taten. Ja, der Justus konnte sich auf sie verlassen.

„Gut.“ Der Justus nickte zurück. 

Dann seufzte er tief. 
„Weil ihr euch verletzt habt, muss ich leider trotzdem eure Eltern anrufen“, sagte er entschuldigend und fuhr sich mit der Hand durchs müde Gesicht. 

Martins Stimmung fiel wieder. Seine Eltern würden nicht begeistert sein.

„Musst du nicht“, meldete sich der Nichtraucher wieder zu Wort, der bis jetzt alles mit verschränkten Armen beobachtet hatte. „Hab ich schon erledigt.“

Der Justus schaute ihn groß an. „Selbst die von –“, er unterbrach sich und Martin sah, wie er Uli einen schnellen Blick zuwarf. 
Dann lächelte er den Nichtraucher breit an. „Danke, Robert.“

Der Nichtraucher winkte ab, wirkte aber ein wenig geschmeichelt.

Der Justus räusperte sich und neckte: „Na, dann sagen Sie, Herr Doktor, wie steht’s um Ihre Patienten“
„Ich kann Sie beruhigen Herr Studienrat –“

„Ah ah.“ Der Justus wackelte bedeutend mit dem Zeigefinger. „Studiendirektor, wenn ich bitten darf.“

„Herr Studiendirektor“, stimmte der Nichtraucher zu und legte dem Justus onkelhaft die Hand auf die Schulter. „Die zwei sind hiermit offiziell aus meiner Obhut entlassen“

Martin sprang auf die Füße. „Danke, Dr. Uthofft. Auf Wiedersehen.“

Matz und Uli tauschten noch einen vielsagenden Blick aus, bevor sie ihm folgten.

„Wieder mal eine Meisterleistung vom Justus“, stellte Matz fest, als sie auf dem Flur waren.

Martin nickte.

Uli zerknüllte das blutverschmierte Taschentuch in seiner Hand. „Guter Mann“, nickte er anerkennend. Er hob grüßend die Hand, als Johnny und Sebastian am Ende des Flures um die Ecke bogen.

„Prügelei mit den Realschülern. Da wird man direkt etwas nostalgisch, oder?“, feixte Sebastian und kassierte dafür Bewurf durch blutiges Taschentuch von einem grinsendem Uli.

„Das sieht aus, als ob es wehtut“, sagte Johnny als Begrüßung zu Martin.

Uli gab ein Geräusch von sich, was klang, als ob er versucht einen Schwall Luft durch seine verstopfte Nase zu pusten.

„Ach, geht schon.“ Martin kratzte sich peinlich berührt an der Wange. „Habt ihr schon gegessen?“

„Bei mir tuts auch noch ein bisschen weh.“, sagte Uli laut.

Johnny schaute Uli etwas mitleidig an, sagte aber nur zu Martin, „Sebastian wollte gerade in die Mensa. Ich muss zum Direx…den Schlüssel zur Turnhalle abgeben.“ Er verzog das Gesicht.

„Hast du das immer noch nicht gemacht? Der wollte den doch schon vor 3 Wochen zurück“, sagte Sebastian, dann schaute er Martin, Uli und Matz an. „Essen?“

„Ein Mann nach meinem Geschmack“, Matz warf den linken Arm um Sebastian und den rechten um Uli und schob sie Richtung Mensa.

Johnny schaute ihnen sehnsüchtig hinterher. „Dir einen guten Appetit“, wünschte er Martin noch und drehte sich weg.

Martin runzelte die Stirn. „Komm, gib her.“

Johnny drehte sich verwirrt um.

„Ich bring ihn für dich weg. Der mag mich, er wird schon nicht zu viel schimpfen“, Martin hielt ihm auffordernd die Hand hin.

„Ach geht schon“, sagte Johnny mit einem gezwungenen Lächeln.

„Mach schon.“

„Bist du dir sicher?“ Johnny zögerte einen Moment. 
Dann kam er die zwei Schritte zurück und legte vorsichtig den großen Turnhallenschlüssel in Martins Hand.

Martin schloss die Hand darum. „Absolut“

„Danke!“ Johnny lächelte ihn breit an. 

Martin öffnete den Mund – und schloss ihn wieder. Johnny steht ihm immer noch lächelnd gegenüber und Martin lächelt zurück.

„Danke“, sagte Johnny noch einmal leise, lächelte und folgte ihren Freunden den Flur runter.

Martin runzelte die Stirn. Seit der Untersekunda hatte er keine Angst mehr vor Herrn Grünkern.
Warum drehte sich ihm also plötzlich der Magen um?




Quality Time


Johnny nippte an seiner Tasse Kaffee. Sie saßen vor dem Eisenbahnwaggon und ließen sich von der Frühlingssonne wärmen, die durch die nackten Äste des Walnussbaumes auf die Sitzgruppe fiel.
Eigentlich war er nur gekommen, um sich vom Nichtraucher einige Klaviernoten geben zu lassen, aber als er durch das kleine Gartentor geschritten war, saß dieser zusammen mit dem Justus auf der kleinen Bank vor dem Wagen. 

Unschlüssig blieb Johnny stehen, unsicher, ob er sich bemerkbar machen sollte.

Er kannte beide gut und hatte beide sehr gern, normalerweise wäre er einfach zu ihnen getreten, jetzt aber blieb er stehen, die Füße wie festgeklebt.
Der Nichtraucher war in ein Buch und der Justus in ein Aufsatzheft vertieft. ‘Hoffentlich nicht meins’, dachte sich Johnny. Der Rand war schon mit roten Anmerkungen vollgekritzelt.

Aus dem Eisenbahnwaggon erklang leise Musik – Johnny meinte in den sanften Tönen Chopin zu erkennen.

Der Justus hielt dem Nichtraucher kopfschüttelnd das Aufsatzheft hin. Der streckte den Kopf, um besser sehen zu können und lachte laut auf.

Das Geräusch schüttelte Johnny aus seiner Starre. 

Er blinzelte. Dann schlich er ein paar Schritte zurück und schritt erneut mit absichtlich lautem Quietschen des Gartentores in den Garten.
„Hallo.“, grüßte er höflich. 

Die beiden Erwachsenen drehten sich erschrocken um.

„Hallo Johnny“, grüßte der Nichtraucher lächelnd zurück. „Du bist wegen der Noten hier?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, klappte er sein Buch zu, stand auf und kletterte die Stufen zum Waggon hoch.

„Ja“, sagte Johnny trotzdem, „und Hallo Dr. Bökh“ setzte er in Richtung seines Geografielehrers hinzu, der grade tatsächlich die Hefte der Obersekundaner korrigierte – Johnny erkannte das Heft von Uli, das ganz oben auf dem einen der beiden Stapel lag. Matz hatte erst letzte Woche aus Versehen ein Stück Kirschkuchen darauf abgestellt.
„Hallo Johnny.“ Der Justus kniepte ihn gegen die Sonne an. „Schöne Idee mit dem Schaubild in deinem Aufsatz, hat mir gut gefallen“

„Danke.“ Johnny rieb die feuchten Handflächen möglichst unauffällig zusammen. 
Verzweifelt suchte er nach etwas zu sagen, um die Stille zu füllen.

Den Justus schien das Problem nicht zu haben. „Welche Noten leihst du dir?“

„Liszts Liebesträume. Dr. Uthofft meinte, es würde mir gefallen“

„Ahh, Liszt.“ Der Justus lehnte sich zurück. „Meine Mutter hat Liszt geliebt.“

Johnny wurde eine Antwort erspart, denn der Nichtraucher kam mit dem Notenheft zurück und drückte es ihm in die Hand. Er nahm es dankend an.

„Komm, trink eine Tasse Kaffee mit uns.“ Der Nichtraucher hob eine Kanne vom kleinen Tisch. „Ich seh euch ja kaum noch seitdem ihr keine Flausen mehr im Kopf habt“

„Oder zumindest weniger Flausen“, lachte der Justus und hielt dem Nichtraucher seine eigene Tasse hin.

Johnny setzte sich zu den beiden Erwachsenen und beantwortete pflichtbewusst die Fragen des Nichtrauchers. 
Sie hatten ihn wirklich lange nicht mehr besucht. Wann war er das letzte Mal hier gewesen? Als Tertianer waren sie mindestens einmal die Woche runtergelaufen.

Der Nichtraucher fragte auch nach Martin und nach Uli und Matz und nach Sebastian. Dabei schien er schon erstaunlich viel zu wissen. Auffällig viel.

Der Justus saß genügsam daneben, trank seinen Kaffee und hörte zu. 
Gelegentlich fiel er dem Nichtraucher ins Wort oder ergänzte eine Anekdote. Und immer wieder landeten sie schließlich bei Themen, die nichts mehr mit Johnny zu tun hatten.
Von seinem neusten Manuskript waren die beide auf ein Werk von Oscar Wilde gekommen, dass Johnny nur vom Namen etwas sagte, aber er war froh, dass der Fokus nicht mehr auf ihm ruhte.

Er ließ den Blick über die blühenden Birnbäume schweifen und hörte nur mit einem halben Ohr zu, weshalb er sich fast am Kaffee verschluckte, als der Justus ihn plötzlich ansprach: 
„Du bist viel mit Martin unterwegs, oder?“ Der Justus sah Johnny über den Rand seiner Tasse hinweg an.

Johnny strich mit dem Finger über den Rand seiner Tasse. Ob er viel mit Martin unterwegs war?? Aber das wusste der Justus doch?
„Ja…schon?“  

Der Justus hob leicht eine Augenbraue.

Johnny sah hilfesuchend zum Nichtraucher rüber. Aber die erhoffte Rettung blieb aus – der schaute ihn nur ebenfalls milde interessiert an.

Johnny stellte schwungvoll seine Tasse ab, ein wenig Kaffee schwappte über. „Er ist mein bester Freund?“

Er sah die beiden Erwachsenen einen Blick austauschen. Johnny öffnete den obersten Hemdknopf; die Sonne schien plötzlich viel sengender. Schließlich hob der Justus entschuldigend die Hände und lenkte das Gespräch zurück.

Johnny griff wieder nach der Tasse und verbrannte sich den Mund an einem zu großem Schluck Kaffee.

**

Nach zwei Tassen verabschiedete sich Johnny. 

Als er das Schulgelände betrat, sah er schon von weitem Martin auf der Schulhofswiese sitzen.

Auch der schien die Nachmittagssonne auszunutzen; er hatte seinen Zeichenblock auf dem Schoß und kritzelte darin herum, unbeirrt von den Oberprimanern die sich einige Meter weiter in der Sonne räkelten und den Quintanern die eine laute Runde Fußball spielten. 
Die Sonne ließ seine blonden Haare noch heller erscheinen als sonst und trieb ihm eine gesunde Röte auf die winterbleichen Wangen.

Martin lächelte ihn an, als er sich neben ihn setzte.

„Ich war grad beim Nichtraucher.“ Johnny nahm sein kleines Notizbuch aus der Tasche. „Der Justus war auch da. Ich finde wir sollten ihn wieder öfter besuchen.“ 

Johnny schlug eine neue Seite auf: „Also den Nichtraucher, nicht den Justus.“

Martin nickte zustimmend. „Ich war echt ewig nicht mehr im Waggon.“

Johnny zuckte mit den Schultern „Im Winter war der Nichtraucher ja auch fast immer nur hier oben.“

Statt zu antworten, zog Martin einen weiteren Strich auf seinem Zeichenblock und drehte ihn dann zu Johnny.

Johnny musste grinsen. Statt gemütlich am Sonnenbaden, waren die Primaner in Martins Bild offensichtlich von wild umherfliegenden Fußbällen k.o. geschlagen. Inspiriert, zog Johnny einen Stift aus der Tasche und setzte ihn auf die leere Seite in seinem Notizbuch.

Martin lehnte sich in seine Seite, um zu sehen, was er schrieb. 

Johnny konnte die billige Seife riechen, die sie immer zusammen in der Stadt kauften. Eigentlich hatte er den Geruch immer gemocht, aber jetzt fühlte sich sein Bauch bei dem Geruch ganz merkwürdig an.

Johnny seufzte. Und jetzt hatte er auch noch aus Versehen ‘Seife’ statt ‘Wiese’ geschrieben. Er kritzelte das Wort durch.

Martin lachte, als er sich wieder weglehnte. „Mit dem Kopf wieder drei Welten weiter“ und fing an, unbeschwert seine Skizzen zu verfeinern.

Erst als die Sonne unterging und es ungemütlich kalt wurde, machten sich die beiden Freunde auf den Weg in ihren Schlafsaal.




Physical Affection


Martin nahm die Aufsatzhefte in die rechte Hand, um auf sein linkes Handgelenk schauen zu können – der Justus war spät dran, es hatte schon vor 5 Minuten geklingelt. 

Ungewöhnlich. Der Justus war sonst sehr pünktlich..

Nicht zum ersten Mal lugte Martin ins Foyer herunter. Der Klassenraum der Obersekundaner lag direkt am großen Treppenhaus mit einem guten Blick auf die Eingangstür und den Flur zum Lehrerzimmer.

‘Wenn er in 2 Minuten von hier oben nicht zu sehen ist’, dachte sich Martin, ‘dann werd ich im Lehrerzimmer nachschauen müssen’. 

Er wollte den Justus nicht in Schwierigkeiten bringen, aber der Lärmpegel aus dem Raum hinter ihm stieg mit jeder fortschreitenden Minute, bald würde sicher ein Lehrer aus den naheliegenden Räumen sich erkunden kommen.
Der Sekundenzeiger seiner Uhr hatte eine weitere volle Umdrehung geschafft, als der Justus schließlich ins Foyer trat. 

Er war nicht allein – der Nichtraucher war bei ihm. 

‘Lehrer’, dachte Martin und verdrehte die Augen. ‘Aber Gott bewahre, einer von uns verquatscht sich und kommt dann mal zu spät…’

Auch jetzt wirkte der Justus nicht gehetzt. Statt die Treppen zügig hochzugehen, hielten die beiden Erwachsenen noch einen Moment vor der Treppe inne.

Martin sah nur den Rücken vom Justus, aber dem Nichtraucher konnte er ins Gesicht blicken. Als der Justus die Hände hob, als wollte er sein Gesicht berühren, konnte Martin sehen, dass der Nichtraucher kurz überrascht blinzelte, dann aber breit lächelte.

Fast schon zärtlich richtete der Justus dem Nichtraucher den Kragen und die Krawatte – die beide tatsächlich ein wenig schief saßen. Seine Hände hielten kurz inne, dann tätschelte er dem Nichtraucher zweimal die Brust.

Martin spürte, wie die Hefte ihm fast aus der Hand rutschten.

Der Nichtraucher lächelte immer noch. Dann sagte er etwas, berührte den Justus kurz am Ellbogen und verschwand unter dem Treppenaufgang.

Der Justus sah ihm einige Sekunden hinterher, bevor er sich umdrehte und die Treppenstufen zu den Lehrräumen hochging.

Ertappt sprang Martin vom Geländer zurück. Sein Gesicht brannte. Er krallte die Hefte an seine Brust und klapperte hastig mit der Türklinke zum Klassenraum. 

Kurz darauf wurde es still hinter ihm. 

Martin lächelte. Das abgesprochene Zeichen hatte funktioniert. Johnny hatte heute Wachdienst und er hatte bestimmt hochkonzentriert die Tür im Blick gehabt.

Der Justus hatte inzwischen die Stufen erklommen und kam lächelnd auf ihn zu. 
Die Verspätung muss ihm schließlich doch aufgefallen sein, denn er war ein wenig außer Atem vom schnellen Aufstieg.

„Hallo Martin. Entschuldigung – ich hab mich im Lehrerzimmer verquatscht.“ Er nahm ihm dankend die Aufsatzhefte aus der Hand. „Gibt es sonst was zu berichten?“

„Ulis Heft fehlt, er ist krank“

Der Justus wirkte erstaunt: „Komisch, Robert –“, er räusperte sich, „– also Dr. Uthofft hat mir grade gar nicht davon erzählt.“

Martin zog ein wenig unschlüssig die Schultern hoch. „Er hat nur eine Erkältung? Seit gestern schon.“

Der Justus nickt ihm zu. „Ich schau nachher mal vorbei.“ 

Er öffnete die Tür und hielt sie Martin auf.

Als sie zusammen das Klassenzimmer betraten, saßen alle artiger als sonst auf den Bänken und schauten erwartungsvoll den Justus an.  Der begrüßte sie gewohnt gut gelaunt, entschuldigte sich für die Verspätung und fing schnell mit dem Unterricht an.

Martin ging auf seinen Platz.
Johnny blickte ihn an, als er sich neben ihn auf die Bank setzte und Martin musste unweigerlich zurücklächeln. „Gut aufgepasst“,  murmelte er ihm entgegen. 

Johnny kratzte sich leicht verlegen am Hals. Martin sah, dass seine Krawatte ganz schief hing, der Knoten war halb aufgelöst

Ohne groß darüber nachzudenken, griff Martin zu und richtete sie. Zog den Knoten wieder fest und ruckelte sie hin und her, bis der Knoten mittig in Johnnys Kehle saß. So nah hörte er Johnny schlucken – sah den Adamsapfel nach unten und wieder hoch hüpfen.

Martin ließ die Krawatte los. Ihm schoss die Hitze in die Ohren.

Er drehte sich ruckartig nach vorne und holte Stift und Heft aus seiner Federmappe, bedacht darauf nicht in Johnny`s Richtung zu gucken. 

Ob der ihn gerade genauso anlächelte wie der Nichtraucher vorhin den Justus? 

Der Justus hatte längst mit dem Unterricht begonnen, doch kurz blieb sein Blick auf Martin hängen. Amüsiert sah er aus, und Martin fühlte sich ertappt, bevor der Justus sich wieder der Tafel zuwandte.

Martin schrieb mit, obwohl sein Herz lauter klopfte als die Kreide auf der Tafel.




+1


Es war der letzte Abend vor den Sommerferien. Trotz der späten Stunde war es noch warm und die Sonne gab noch einmal alles. Martin und Johnny saßen zusammen schwitzend auf dem kleinen Dachvorsprung, den ihre Schulkameraden gerne zum heimlichen Rauchen nutzen – vom Schulhof aus war man verborgen.

Morgen würde Martin direkt nach der Schule zu seinen Eltern fahren und Johnny würde erstmal einige Tage an der Schule bleiben, bevor ihn der Kapitän abholte und sie zusammen nach Amerika reisen würden.

Sechs ganze Wochen würden sie sich nicht sehen.

Sie saßen hier schon seit Stunden. Johnny hatte Martin eine Limo ausgegeben, Martin hatte ihm bei der allerletzten Hausaufgabe geholfen. Jetzt genossen die letzten warmen Sonnenstrahlen und beobachteten das Treiben auf dem Schulhof.

Vor einer halben Stunde, haben sie Uli und Matz zurückkommen sehen – seit letztem Jahr trieben die beiden sich immer häufiger allein zu zweit herum. 
Seitdem war es ruhig geworden, nur noch vereinzelt kamen einige ältere Schüler aus der Stadt zurück. 

Johnny spürte einen Stoß in die Rippen. Martin deutete ihm mit einem Nicken nach unten: Sebastian schritt gerade als einer der Letzten über den Hof, einen Wälzer in der Hand. Er hatte ihr Angebot, sich ihnen anzuschließen, abgelehnt – für melancholische Vor-Abschiede hatte er keinen Sinn.

Als sich auf dem Hof unter ihnen erneut Bewegung zeigte, war die Sonne schon untergegangen, und die Dämmerung legte sich sanft über die Schule.

Johnny lehnte seine Schulter fester in die von Martin und nickte auf den Schulhof hinunter. Es war schon recht dunkel, aber es waren eindeutig der Justus und der Nichtraucher, die langsam aus der Schule über den Schulhof schlenderten.

Man konnte nicht hören, worüber sie redeten, denn die beiden gingen nah beieinander – ihre Schultern streiften sich bei jedem Schritt – und das Zirpen der Grillen überschallte sowieso alles andere.

„Traut sich der Nichtraucher im Dunkeln nicht allein nach Hause?“, frotzelte Martin.

Johnny zog die Stirn kraus. „Bei den Temperaturen würde ich ungern in einem Eisenbahnwaggon schlafen.“ 

Martin lächelte. „Vielleicht gehen sie eher ein kühles Bier trinken.“ 

Johnny beobachtete, wie der Justus dem Nichtraucher am Arm packte und auf den Wipfel der Blutbuche deutete. Der Baum wurde schon durch viele Schülergenerationen genutzt, um sich mit Herzchen und Initialen zu verewigen.

„Nachtigall“, sagte Johnny und als Martin ihn verwirrt anschaute, zeigte er auf die Buche: „In dem Baum sitzt eine Nachtigall und singt. Ich glaub die suchen die.“

„Wo?“ Martin lehnte sich näher an Johnny, um seinem ausgestreckten Zeigefinger zu folgen. Seine Haare kitzelten Johnny am Ohr.

„Da oben auf dem Ast. Der über dem Kirchturm.“ Johnny muss sich anstrengen, den Zeigefinger ruhig zu halten.

Johnny spürte, wie Martin den Kopf schüttelte und sich noch näher lehnte. Seine Hand lag abstützend auf dem Dach hinter Johnny und sein Arm war warm dort, wo er Johnny’s Rücken berührte.

Johnny schluckte, ohne sich zu trauen, den Kopf vollständig zu drehen. Verlegen lugte er aus dem Augenwinkel nach den beiden Erwachsenen. Waren sie schon fündig geworden?

Johnny schluckte fest, und traute sich nicht, Martin anzuschauen. 
Verlegen lugte er stattdessen aus dem Augenwinkel nach den beiden Erwachsenen. Waren sie schon fündig geworden?

Aber die schauten nicht mehr in den Baum hoch.

Der Justus hatte seine Hand nicht vom Arm des Nichtrauchers genommen und Johnny sah, wie der Nichtraucher seine Hand hob, dem Justus auf die Wange legte und ihn zu sich hin zog.

Und dann schienen die beiden Umrisse zu verschmelzen. 

Johnny stockte der Atem, unbewusst fiel sein Arm locker in den Schoß zurück. Wie durch Watte nahm Johnny wahr, dass Martin ihn verwirrt ansah.
Dann folgte er Johnnys Blick.

Oh.“ 

Das gehauchte Wort strich Johnnys Wange, kaum hörbar über sein laut schlagendes Herz.

Er drehte den Kopf. Martins Mund war vor Erstaunen leicht geöffnet, seine Augen wirkten in der Dämmerung riesig. Sein Gesicht ist so nah, dass Johnny die vereinzelten Sommersprossen auf seinen hochroten Wangen hätte zählen können.

Dann trafen sich ihre Augen und auf einmal gab es da keine Nachtigall, keine Grillen und keine leiser werdenden Schritte auf Kies. 
Da ist nur Martins Knie, das sich in Johnnys Oberschenkel drückt und die Reflektion der ersten Sterne in Martins braunen Augen.

Johnny muss plötzlich an den Händedruck denken, den sie sich gegeben hatten, als sie den Nichtraucher und den Justus damals wiedervereint hatten. 
Damals hatten sie sich ein stilles Versprechen gegeben. Ein Versprechen, das sich mit Worten gar nicht ausdrücken lässt.

Notes:

Studienrat -> Oberstudienrat -> Studiendirektor -> Oberstudiendirektor
Studienrat nennt man generell alle Lehrer, die verbeamtet sind.. Ab Studiendirektor gehen da gewisse Pflichten mit einher wie z.B. Oberstufenkoordination oder Fachleitung und auch stellvertretender Schulleiter. Danach kommt dann nur noch Oberstudiendirektor = Schulleiter.
Der Justus ist in der Geschichte nach unseren Berechnungen so ca 40 ich denke dass ist realistisch, dass er schon Studiendirektor ist weil er mir vorkommt wie jemand der gerne so Verpflichtungen wahrnehmen würde (mein Vater zb ist 59 und Oberstudienrat und hat einfach gar kein Bock auf weitere Beförderung weil er keine Lust auf die Mehrarbeit hat (shout out an ihn btw weil ich ihn sneaky über das ganze Thema ausgefragt hab))