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Viel zu schnell nachdem Thiel aufwachte, durchzog ihn ein Strudel der Glücksgefühle. Erst nach und nach kamen die Bilder und Erinnerungen - die Auslöser - dazu zurück.
Wie er und Boerne gestern Abend Mal wieder gemeinsam auf seinem Sofa gesessen hatten. Wie Boerne geredet und dabei zwischen den Zeilen so viel mehr gesagt hatte. Wie Boerne sich vorgelehnt, ihn geküsst hatte- (Thiel blieb bei der Erinnerung immer noch das Herz stehen) und wie Boerne ihn gebeten hatte, hier bleiben zu können, über Nacht.
Überglücklich öffnete er die Augen.
Aber das Bett war leer.
Für eine kurzen, aber viel zu realen Moment, dachte Thiel, dass es doch alles nur ein Traum war. Es zu schön sein könnte, um wahr zu sein. Der viel zu edle Herr Professor Dr. Dr. doch viel zu hochwohlgeboren war, um ihn- Mit einem viel zu heftigen Stich, der von seinem Brustkorb aus durch seinen gesamten Körper strahlte, ließ er seinen Kopf wieder schlapp in sein Kissen fallen und atmet tief ein.
Es roch noch nach Boerne.
Wehmütig und der Geste wegen ein wenig peinlich berührt drückte er sein gesamtes Gesicht ins Kissen und gerade, als er versuchte, die einzelnen Indizien zu "In was für einer Realität befindet er sich überhaupt" zu lösen, hörte er lautes Scheppern und nur minimal leiseres - so, so vertrautes - Fluchen aus seiner Küche. Thiel musste grinsen.
-
"Guten Morgen!" sprudelte es ihm entgegen, als er an den Esstisch trat und Boerne sich überraschend schnell und irgendwie ungelenk zu ihm umdrehte.
So urplötzlich mit seinem Kollegen, Nachbarn,… FrrPartner? konfrontiert, realisierte Thiel, dass er nicht wirklich wusste, was er jetzt tun..., also wie er jetzt mit Boerne...
"Moinsen", entschied Thiel sich zu antworten, ein wenig unbeholfen in Ton und Ausdruck und schien plötzlich wie angewurzelt an seinem Platz hinter dem Esstisch.
Zu lange schauten sie sich - aber doch nicht richtig - an, bis Boerne sich in zu groben und plötzlichen Bewegungen wieder wegdrehte.
"Ich hoffe, ich habe Ss-ahem Dich nicht geweckt, mit dem..." Der Satz fächerte ins Nichts.
"Ne ne, is schon in Ordnung."
"Also? Gut geschlafen?" Boerne sammelte, ihm immer noch nur mit dem Rücken zugewandt, etwas von Boden auf, dass Thiel nicht sehen konnte.
"Hmh...", brummte er nichtssagend - der Schreck eines fehlenden Boerne neben ihm beim Aufwachen noch ein wenig zu tief in den Knochen, als dass er etwas Einfallsreicheres hätte antworten können.
"Das ist doch schön!", antwortete Boerne etwas zu enthusiastisch und offensichtlich einem eigenen Skript folgend, das Thiel leider nicht erhalten hatte.
"Ich wollte uns gerade einen Kaffee aufsetzten, so zum Aufwachen. Diese Maschine hier ist zwar natürlich nicht so ausgereift wie meine, aber es wird sich doch mit Sicherheit trotzdem ein zumindest akzeptables Gebräu daraus entlocken lassen", versuchte sich Boerne am altbekannten Geplänkel.
oOo
Boerne selbst war heute Morgen recht früh in dem auf einmal gemeinsamen Bett wach geworden und blinzelte den ersten Sonnenstrahlen alleine entgegen. Er wusste nicht, für wie lange er einfach nur verliebt neben Thiel gelegen hatte, sein friedliches Atmen im Ohr. Nach einer Weile hatte er sich zu ihm umgedreht, die Kurven in den Strähnen der Haare, der vertrauten Beugung seiner Nase und dann auch seiner Lippen beobachtet. (Eingeprägt hatte er sie sich schon vor viel zu langer Zeit.)
Irgendwann hatte er vorsichtig über den Stoff an Thiels Schulter gestrichen, war einzelnen Falten nachgegangen, bis es seine Finger weiterzog. So strich er, erst mit Fingerspitzen, dann mit -nägeln seinen Arm entlang, bis Thiel sich im Schlaf ein wenig schüttelte und zur Seite drehte. Weg von ihm.
Und Boerne wusste, dass das kein bewusstes Handeln von Thiel war. Alles, was Thiels Körper im unbewussten (im Unbewussten! verdammt nochmal) Zustand hier tat, war vollkommen natürlich. Er nahm ja, wenn überhaupt, nur ein seichtes Streifen, vielleicht ein Kitzeln war und das hatte überhaupt nichts mit Boerne zu tun und Thiel schlief gerade und hatte sich nur im Schlaf bewegt und so war das eben manchmal und das war ganz natürlich und-
Trotzdem durchzuckte Boerne augenblicklich ein viel zu stechender Schmerz - eine schneidende Unsicherheit, die ihm sämtlichen Atem aus den Lungen boxte. Er war es gewohnt, um Thiels Aufmerksamkeit, seine Nähe zu kämpfen, aber nach dem vergangenen Abend...
Er hatte alles gehabt, alles in Händen halten können, was er schon so, so lange wollte und die Möglichkeit all das sofort wieder zu verlieren - es vielleicht gar nie wirklich gehabt zu haben - brach so brutal über ihn ein, dass ihm Tränen in die Augen schossen.
Was, wenn Thiel doch einfach nur ein Glas zu viel getrunken hatte? Wenn er es gar nicht ernst gemeint hatte? Es jetzt wieder vergessen hatte? Oder vergessen wollte? Wenn Boerne sich ihm einfach nur aufgezwungen hatte und Thiel ihn einfach nicht abzuweisen wusste? Wenn der Kuss-?
Er blinzelte die Tränen sofort wieder energisch weg, gemeinsam mit ein paar tiefen Atemzügen. Jetzt bloß nicht den Kopf verlieren über so eine Nichtigkeit, so etwas Albernes.
Er würde Thiel - Frank, korrigierte er sich (Schließlich hatte Frank das explizit so von ihm gewollt, gestern Abend) - er würde Frank gleich mit zwei Tassen frischem Kaffee wecken, Frank würde ihn verliebt begeistert anschauen, ihn überglücklich küssen und alles würde gut...
oOo
"Boerne..."
Ebendieser schreckte aus seiner Schockstarre hoch, Thiel stand plötzlich hinter ihm, mit einer Hand auf seinem Schulterblatt.
"Boerne, hey."
Vorsichtig nahm Thiel ihm Stück für Stück der Scherben einer Tasse, wie Thiel jetzt identifizieren konnte, aus der Hand und legte sie auf den Küchentresen.
"Boerne, schau mich bitte mal an."
Thiel legte ihm eine Hand an die Wange, zog sachte sein Gesicht zu ihm und sämtliche Reste der aufgesetzten Aufgedrehtheit von eben zerflossen augenblicklich in sehnsüchtig ängstliche Augen, die sich kaum wagten an Thiel zu klammern, es aber doch taten.
Thiel fühlte sich etwas besser, hier, mit einem unsicheren, aber ehrlichen Boerne vor ihm. Besser, weil Boerne wirklich hier war und augenscheinlich auch hier sein wollte und Thiel gerade so flehentlich anstarrte, dass er kurz selbst kaum klar denken konnte. Boerne derart verletzlich zu sehen zerbrach ihn jedes Mal aufs Neue ein bisschen.
Das mit der Hand und allem schien zumindest keine vollkommen bescheuerte Idee gewesen zu sein - gut, Idee war ein starkes Wort hier. Die Hand an Boernes Wange, das hatte sein Körper eigentlich eher von selbst getan. Aber seine eigene Unsicherheit bröckelte langsam, Stück für Stück, wieder von ihm ab.
Bis er realisierte, dass jetzt eigentlich der Moment gekommen war, indem er mit schlauen, gut gewählten Worten irgendetwas sagen sollte. Etwas, das Boerne - und damit irgendwo auch ihm - sämtliche letzte Zweifel und Ängste nehmen sollte. Etwas, was wohlformuliert und halt eben ganz das war, was Boerne jetzt hören musste und wollte und das waren Wörter, die Thiel irgendwie...
Thiel küsste ihn.
Ganz kurz nur, und sanft und vorsichtig. Legte nur seine Lippen kurz auf Boernes, mit ganz wenig Druck, federleicht. Nur zum Spüren, als Erinnerung an gestern und Versprechen für heute, als Versicherung, dass alles gut war.
Oder zumindest versuchte er das, aber er blieb irgendwie länger an ihm hängen - an diesen Lippen, die sich viel, viel, viel zu gut anfühlten, gestern wie heute, und die er gerade einfach nicht mehr loslassen wollte und so brauchte er doch noch einen Moment, oder zwei, um sich wieder von ihm zu lösen.
Gerade, als er aber seinen Kopf das Stück zurückschieben will, legte Boerne seine Hand auf die von Thiel und küsst ihn erneut. Thiel hört Boerne leise hilflos in den Kuss seufzen und war ein wenig überwältigt davon, wie Boerne sich so fundamental weigerte, ihn auf nur für eine Sekunde loszulassen.
Boerne küsste und küsste und küsste ihn, die Hand auf seiner war erst in Thiels Nacken und dann in seine Haare gerutscht. Mit seiner anderen hatte er sich in Thiels T-Shirt gekrallt und hielt ihn und sich selbst fest, vielleicht mit einer abstrakten Hoffnung ihre gemeinsamen Scherben wieder zusammen zu setzten. Und das stabiler, dieses Mal.
-
Ihre Küsse waren erst sehnsüchtig und immer inniger, aber irgendwann, irgendwie atemlos und hungriger geworden. Auch Thiels Hand war zu Boernes Taille und von da aus über seinen Rücken gewandert, wo er ihn jetzt mit ganzer Kraft an sich zog. Leises Seufzen und Keuchen erfüllte die Luft um sie herum. Thiel verlor sich immer mehr in dem Duft, dem Geschmack, dem Gefühl Boerne wirklich endlich halten zu können. Einfach so, in seiner Küche, an einem gemeinsamen Morgen. Dass Boerne ihn doch wollte und das so unfassbar sehr, dass er sich gerade mit voller Kraft ihm entgegen drückte, keinen Millimeter Luft mehr zwischen ihnen akzeptierte. Dass er Boerne trotz seiner unendlich hohen Ansprüche, seiner manchmal so vollkommen anderen Welt doch genug sein konnte.
In Sauerstoffnot hatte er sich widerwillig von Boernes Lippen gelöst, küsste sich dafür aber kurze Zeit später seinem Hals hinab, als-
"Warte!"
Boerne sich plötzlich von ihm losriss.
"Wenn wir jetzt weitermachen,..." Boerne atmete schwer "weiß ich nicht, ob ich mich weiter zurückhalten kann."
Thiel starrte ihn an, als hätte Boerne ihn mit einem Rätsel der Sphinx konfrontiert.
"Ist das Dein einziges Problem hier?", fragte Thiel ungläubig, nachdem er ein, zwei Mal geblinzelt hatte.
Fast etwas beschämt, den Blick neben Thiels Füße gerichtet, nickte Boerne.
"Mein Gott, Du machst mich wahnsinnig...", knurrte Thiel.
Unsicher schaute Boerne hoch, gerade noch rechtzeitig dafür, dass Thiel ihn in einem Ruck wieder an sich zog und küsste, als würde sein Leben davon abhängen. Und Boerne verlor sich vollends in ihm.
"Verdammt nochmal, Boerne, ich will Dich. Dass sollten doch gerade Sie, Herr sonst so allwissender Professor, langsam Mal rausbekommen haben."
Boernes erstickend sehnsüchtiges Keuchen zwischen den nächsten Küssen schwappte in ein losgelöstes Kichern um. "Das trifft sich gut, ich will Dich nämlich a-"
Thiel wollte nicht länger zuhören, noch viel weniger reden, er wollte Boerne spüren, schmecken, weiterküssen verdammt nochmal. Aber zum Glück hatte er jetzt vollkommen neue und äußerst effiziente Methoden, um Boerne zu einvernehmlichem Schweigen zu bewegen.
"Schlafzimmer, jetzt!", dirigierte Boerne, nachdem die beiden für die ein oder andere Minute noch haltlos chaotisch in der Küche übereinander hergefallen waren.
"Komm schon her!", forderte Boerne kurze Zeit später von der Mitte des Bettes aus, bereits nur noch in Einzelteilen bekleidet.
"Immer so gierig...", murmelte Thiel mit einem grinsenden Kopfschütteln.
"Nur nach dem Besten."
Boerne blickte ihn mit dunklen Augen siegessicher an, als Thiel innehielt und durchdringend - fast fragend - zurückschaute.
"Nach Dir also immer", ergänzte Boerne mit viel zu viel Ernsthaftigkeit und Überzeugung in der Stimme, sodass Thiels Gehirn vollkommen aussetzte.
Thiel brauchte einen Moment, um wieder den Ansatz eines klaren Gedankens fassen zu können, warf dann Boerne mit einer festen Handbewegung auf den Rücken und sich auf ihn.
***
