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Language:
Deutsch
Stats:
Published:
2026-04-28
Words:
814
Chapters:
1/1
Comments:
2
Kudos:
12
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1
Hits:
65

"Meine Mutter hat gesagt, ich bin unherzlich"

Summary:

Wegen Andreas Kullmann beliest Boerne sich etwas zu Autismus. Nur viele Symptome kommen ihm viel zu bekannt vor.

Notes:

Ich wollte etwas mit Boernes Autismus im Fokus schreiben, habe an der Story doch ein bisschen zu knabbern gehabt und musste ein paar Mal neu anfangen.

Work Text:

"Du guckst, als ob du einen Geist gesehen hast", sagte Thiel und riss Boerne damit aus seinen Gedanken. Boerne sah auf und blinzelte ihn ein paar Mal an.

Thiel hatte sich schon gewundert, warum Boerne ihm nicht wieder zu den Ermittlungen nachgelaufen war. Er befürchtete, dass er seine eigenen Ermittlungen anstellte. Boerne saß auf dem Sofa, vor ihm ein aufgeschlagenen Buch, daneben ein Glas Wein und Boerne hatte einfach nur ins Nichts geguckt. Boerne schüttelte sich kurz und holte tief Luft, dann trank er einen Schluck Wein.

Thiel setzte sich neben ihm und legte ihm eine Hand auf die Schulter.

"Was ist los?" fragte er besorgt.

Boerne griff nach dem Buch, blätterte eine Seite zurück und reichte es ihm, dann deutete er auf einen Paragraphen unter der Überschrift "Autismus Spektrum Störung".

Okay, Boerne hatte sich also offenbar über Kullmanns Krankheit informiert und Thiel hatte eine Befürchtung, warum er so verstört aussah.

Er begann die Einleitung zu lesen.

"Die Autismus-Spektrum-Störung ist gekennzeichnet durch anhaltende Defizite in der Fähigkeit, wechselseitige soziale Interaktionen und soziale Kommunikation zu initiieren und aufrechtzuerhalten, sowie durch eine Reihe von eingeschränkten, sich wiederholenden und unflexiblen Verhaltensmustern, Interessen oder Aktivitäten, die für das Alter und den soziokulturellen Kontext der Person eindeutig untypisch oder exzessiv sind."

"Hmm", machte Thiel. Das erinnerte ihn irgendwie durchaus an jemanden, den er kannte. Und er war auch nicht vollkommen überrascht.

"Was 'Hmm'?" fragte Boerne ein bisschen gereizt.

"Klingt ein bisschen nach dir", sagte Thiel vorsichtig.

"Ich bin nicht autistisch", antwortete Boerne.

"Und warum wolltest du dann, dass ich das lese?" fragte Thiel.

Boerne antwortete gar nicht mehr und Thiel las weiter.

"Fehlender Augenkontakt", sagte Thiel.

"Ich halte Augenkontakt", gab Boerne trotzig zurück.

"Du guckst mir maximal auf die Stirn."

"Machen das nicht alle so?"

Sie sahen sich für einen Moment schweigend an. Dann verzog Boerne das Gesicht.

"Karl-Friedrich, Du sollst mich angucken, wenn ich mit dir rede", äffte Boerne nach. Vermutlich seine Eltern oder Lehrer. "Wie oft ich das als Kind gehört habe." er klang ein bisschen resigniert. Thiel legte ihm eine Hand auf den Oberschenkel.

"Soziales Bewusstsein, das zu einem Verhalten führt, das nicht angemessen an den sozialen Kontext angepasst ist", las Thiel vor.

"Was ist damit?" fragte Boerne.

"Ich hab dich wirklich gern, aber du liegst schon manchmal sehr daneben mit deinem Verhalten. Ich sag nur, einfach in meine Wohnung kommen und dir Sachen aus meinem Kühlschrank holen, als wir noch nicht zusammen waren. Und ich könnte dir diverse andere Beispiele geben."

Boerne machte ein gequältes Geräusch.

"Fähigkeit, sich die Gefühle, emotionalen Zustände und Haltungen anderer vorzustellen und darauf zu reagieren."

"Ich bin unempathisch?"

Thiel seufzte, er wollte Boerne ja auch nicht verletzen. "Das musst du doch sehen, dass du oft nicht merkst wie sich andere fühlen."

"Meine Mutter hat gesagt, ich bin unherzlich."

Thiel seufzte, er wollte Boerne ja auch nicht verletzen. "Manchmal schon ein bisschen."

Thiel sah Boerne an, der in sich hinein gesunken wirkte. Er legte das Buch weg und nahm Boerne in den Arm.

"Es stört dich, dass du autistisch sein könntest?" fragte Thiel sanft.

"Es ist ein Störung" murmelte Boerne und lehnte sich noch etwas mehr gegen Thiel.

"Und das geht natürlich nicht, weil ein Karl-Friedrich Boerne muss perfekt sein", antwortete Thiel ironisch.

"Und das klingt alles so negativ."

Das musste Thiel zustimmen, es war alles sehr negativ formuliert.

"Die Diagnosekriterien bei sowas beziehen sich immer am Meisten darauf, wie es den Umgang mit der Person für andere schwer macht", erklärte Thiel.

Boerne sah überrascht auf.

"Woher weißt du sowas?" fragte er, offensichtlich irritiert, dass Thiel etwas über Krankheiten wusste, das er nicht wusste.

"Lukas ist autistisch, er hat die Diagnose bekommen, als er acht war. Da haben wir uns natürlich ausführlich darüber informiert", erklärte Thiel. "Und ich hab mir schon gedacht, dass das auch auf dich zutrifft, nachdem wir uns eine Weile kannten."

"Du wusstest es?" fragte Boerne.

Thiel zuckte mit den Schultern. "Ich hatte einen Verdacht", sagte er.

Es war offensichtlich, dass Boerne mit der Erkenntnis ziemlich unglücklich war.

"Was da aber nicht drin steht, du bist begeisterungsfähig, liebst was du tust, kämpft für das woran du glaubst, dir ist die Wahrheit wichtiger als alles andere. Und auch wenn du es nicht sagst, dir ist vor allem wichtig, dabei zu helfen, für Gerechtigkeit zu sorgen. Das ist wer du wirklich bist. Und wenn du dabei ins eine oder andere Fettnäpfchen tapst, dann ist das so."

Boerne guckte nicht mehr ganz so unglücklich, aber Thiel hatte schon den Eindruck, dass es noch etwas dauern konnte, bis Boerne das akzeptiert hatte.

"Aber du findest schon, dass ich sehr nervig bin."

Das konnte Thiel nicht wirklich leugnen, hatte er ihn oft genug wissen lassen.

"Und ich könnte mir ein Leben nicht mehr vorstellen, in dem du mich nicht jeden Tag nervst", sagte er.

Boerne schob schmollend die Unterlippe vor und sah dabei viel zu niedlich aus und Thiel musste ihn einfach küssen.