Chapter Text
Die Selkie lag still im Wasser.
Thorsten lehnte an der Reling und spürte die Hitze, die vom Stahl aufstieg. Selbst im Schatten der aufgetürmten Container war es zu heiß. Die Luft stand — schwer und feucht — und sein Hemd klebte ihm am Rücken. Sie mussten jetzt irgendwo vor Somalia oder Kenia sein. Er war sich nicht sicher. Die Küste war nur ein dunkler Strich am Horizont, der sich verschwommen in der Mittagshitze abzeichnete.
Sie hatten eine Stunde Pause. Das war ungewöhnlich. Ivo hielt nicht einfach mitten auf dem Meer an.
Sebastian war in den letzten Tagen unruhig gewesen. Thorsten hatte es bemerkt — die Art, wie Sebastian nachts an Deck stand und aufs Wasser starrte, wie seine Finger nervös über die Reling strichen, wie er manchmal mitten im Satz verstummte und sein Blick einfach nach draußen, auf die Weite gerichtet war.
Er vermisste das Meer.
Das klang absurd, hier, auf einem Schiff, umgeben von Wasser. Aber Thorsten verstand trotzdem, wie das so sein konnte. Im Meer war etwas anderes als auf dem Meer zu sein. Sebastian musste ins Wasser.
Thorsten vermutete, dass er mit Ivo darüber gesprochen hatte und dass sie deswegen jetzt hier vor Anker lagen, aber sicher wusste er es nicht.
Carlo saß weiter vorne Richtung Bug und hatte eine Angel in der Hand. Wahrscheinlich döste er in der Sonne. Vincent und Wiktor standen einige Meter entfernt von Thorsten, teilten sich eine Zigarette und unterhielten sich leise auf Polnisch. Die anderen sah er nicht.
Thorsten selbst hatte die Hitze unter Deck nicht mehr ausgehalten und war an Deck gekommen, noch bevor die Motoren ganz verstummt waren.
Dann tauchte Sebastian neben ihm auf und zog sich aus.
Einfach so.
Sebastian stand drei Meter entfernt, den Rücken zu ihm, und streifte sein Hemd über den Kopf. Die Bewegung war so selbstverständlich und beiläufig, als wäre er allein. Die Muskeln unter seiner Haut zeichneten sich sanft ab — glatt und definiert.
Thorsten spürte, wie sein Mund trocken wurde.
Sebastian ließ das Hemd fallen. Dann die Hose und einen Moment später stieg er aus seiner Unterwäsche.
Die Hitze war plötzlich nicht mehr das Einzige, was Thorsten schwitzen ließ.
Sebastian drehte sich zu ihm um.
Thorsten hätte wegschauen sollen. Er wusste, dass er wegschauen sollte. Aber er tat es nicht. Sein Blick blieb hängen — nicht an Sebastians Gesicht, nicht an seinen Schultern, sondern tiefer.
Sebastians Stimme riss ihn heraus. "Kommst du?"
Thorsten blinzelte und zwang seinen Blick nach oben.
Sebastians Augen waren auf ihn gerichtet. Er sah darin keinen Spott oder Belustigung, sondern etwas anderes. Etwas, das seinen Puls schneller schlagen ließ.
"Zieh dich aus. Komm mit", sagte Sebastian.
Thorsten brauchte einen Moment, bevor er antwortete. "Hier? Jetzt?"
"Ja."
"Die anderen …"
Sebastian sah sich um, als wäre ihm der Gedanke, dass sich irgendjemand an seiner Nacktheit stören könnte, noch gar nicht gekommen. "Die sind beschäftigt."
Thorsten warf einen Blick zu Carlo hinüber, der immer noch zu dösen schien. Vincent und Wiktor hatten ihnen jetzt den Rücken zugedreht und diskutierten immer noch. Sebastian hatte offenbar recht.
Thorsten gab sich einen ruck. Seine Hände zitterten leicht, als er nach den Knöpfen seines Hemds griff. Er konnte nicht verleugnen, dass er nervös war.
Neben ihm bewegte sich Sebastian. Er machte einen letzten Schritt zur Reling und kletterte mit einer Leichtigkeit hinauf, die Thorsten nie besitzen würde. Seine Bewegungen waren fließend und mühelos. Für einen Moment stand er dort oben, nackt und perfekt gegen den zu hellen Himmel, bevor er sich abstieß.
Der Kopfsprung war elegant. Kein Platschen, kaum ein Geräusch. Nur das leise Geräusch des Wassers, das sich um ihn schloss.
Thorsten stand halb entkleidet da und starrte auf die Stelle, wo Sebastian verschwunden war.
Dann zog er sich den Rest aus, trat an die Reling und schaute hinunter.
Die Selkie lag tief im Wasser, schwer beladen mit Containern. Doch der Abstand zwischen Deck und Wasseroberfläche war immer noch beträchtlich. Thorsten schätzte ihn auf sechs Meter, vielleicht sieben. Das Wasser darunter war dunkel und undurchsichtig. Er konnte nicht sehen, wo Sebastian war.
Thorsten war kein guter Schwimmer.
Ja, er war mit Sebastian gemeinsam im Meer geschwommen und hatte eine wahnsinnige Strecke zurückgelegt, als sie aus der Stadt der Meermenschen geflohen waren. Aber damals hatte er das Armband gehabt, das ihn in einen Meermenschen verwandelt hatte. Damit war Schwimmen so einfach gewesen wie Atmen.
Jetzt war er kein Meermensch. Jetzt war er nur Thorsten, der nackt an Deck eines Frachters stand. Die Höhe machte ihm Angst. Das Wasser macht ihm Angst. Die Aussicht, gleich ins Meer zu tauchen machte ihm Angst.
Er atmete aus, kletterte auf die Reling und dann sprang er.
Das Meer …
Es riss ihn nach unten.
Die Panik kam sofort.
Thorsten strampelte wild und hilflos. Seine Arme schlugen durch das Wasser. Sie fanden keinen Halt. Seine Lungen brannten. Er wusste nicht, wo oben war, wo unten war. Nur, dass ihn etwas tiefer und tiefer zog und dass er ertrank.
Er war wieder in dem Sturm.
Die meterhohen Wellen, die ihn von der Selkie fort rissen …
Weiter hinaus ins schwarze Wasser…
Die See, die sich über ihm schloß wie ein Sarg …
Arme schlangen sich um ihn.
Fest.
Stark.
Sebastian.
Thorsten klammerte sich halb wahnsinnig vor Angst an ihn. Sie bewegten sich sehr schnell — da war oben?
Sebastians Körper glitt mühelos durchs Wasser und Thorsten hing an ihm wie ein Ertrinkender an einem Rettungsring.
Nur Augenblicke später durchbrachen sie die Oberfläche.
Luft, das war Thorstens einziger Gedanke.
Er keuchte, hustete, schluckte Wasser und Luft in gleichen Teilen und klammerte sich immer noch an Sebastian, der ihn ruhig, geduldig hielt, als wäre Thorsten nicht gerade völlig panisch.
"Atmen", sagte Sebastian leise. Seine Stimme war nah an Thorstens Ohr. "Einfach atmen."
Thorsten atmete. Das war das einzige, zu dem sein Körper derzeit fähig war. Grosse, hektische Atemzüge, während sein Herz gegen seine Rippen hämmerte, als wollte es ausbrechen.
"Tut mir leid", murmelte Sebsatian. "Ich hätte nicht …"
"Schon gut", keuchte Thorsten. Seines Stimme war rau. Er hustete noch einmal und spuckte den letzten Rest Meerwasser aus. "Bin nur ... reinspringen ist keine gute Idee gewesen."
Sebastian drückte ihn noch fester an sich. "Ich bin ja da."
Thorsten schloss die Augen und spürte Sebastians Haut an seiner. Sie war warm, trotz des Wassers. Er fühlte, wie sich sein Herzschlag langsam beruhigte.
"Bereit?", fragte Sebastian nach einer Weile.
"Wofür?"
Sebastian löste ein Arm von ihm und hielt plötzlich etwas in der Hand.
Das Armband.
"Dafür."
