Work Text:
Es war mitten in der Nacht und Noah lag, wie so oft, mit offenen Augen in seinem Bett und starrte an die Decke.
Seit Colin fort war, konnte er nicht mehr gut schlafen. Tagsüber tat er recht erfolgreich so, als ob ihm alles egal wäre. Er spielte den emotionslosen Arsch, ließ niemanden an sich ran und zog sich so viel wie möglich zurück. Die Schule war ihm vollkommen egal geworden, seine wenigen Freund*innen, die übrig geblieben waren, vergraulte er mit seinem Verhalten auch noch, und nur Freddy brachte ihm noch Freude in seinem Leben.
Nachts konnte er nicht mehr so tun, als ob ihm alles gleichgültig wäre. Während Joel und das Mädchen, das sie zu ihnen ins Zimmer gesteckt hatten, schliefen, lag Noah wach und kämpfte mit seinen Gefühlen. Er wälzte sich oft stundenlang hin und her und versuchte, an etwas anderes als Colin zu denken, doch es ging einfach nicht.
Er hatte Colin dazu gebracht, Noah zu verlassen, obwohl das das Letzte gewesen war, was Noah gewollt hatte. Trotzdem hatte er Colin gehen lassen und bereute seit diesem Tag alle Entscheidungen, die er je getroffen hatte.
Der Schmerz, die Wut und die Traurigkeit… Was Noah fühlte, war sicherlich nicht normal. So fühlte es sich nicht an, einen guten Freund zu vermissen. So fühlte sich Liebeskummer an.
Mit jeder Sekunde, die verging, wurde Noah klarer, wie stark seine Gefühle für Colin wirklich waren. Die Freundschaft mit ihm war so unglaublich wichtig für Noah geworden, dass er sie nicht hatte riskieren wollen, doch indem er alle Anzeichen seines Verliebtseins verleugnet und unterdrückt hatte, hatte er alles verloren.
Stumme Tränen liefen über Noahs Gesicht, während er blind nach seinen Kopfhörern griff. Manchmal half es, die Musik so laut aufzudrehen, dass seine Gedanken in den Hintergrund gerieten, aber ganz verschwanden sie nie. Auch der Schmerz in seinem Herz war ein konstanter Begleiter für Noah geworden.
Noah drückte auf die Shuffle Funktion und ließ sich von einem Lied beschallen, während er nach dem Hemd unter seinem Kopfkissen tastete.
Er hatte ein ziemlich schlechtes Gewissen, weil er Colins Hemd am Tag seiner Abreise aus Colins Tasche geklaut hatte, aber er konnte diese Kurzschlussreaktion nicht bereuen. Das Hemd war neben Freddy das Einzige, das ihm Trost spendete. Es roch noch ein wenig nach Colin und wenn Noah die Augen schloss, konnte er sich vorstellen, dass Colin immer noch bei ihm war.
Meistens riskierte Noah nicht, dass Joel oder das Mädchen ihn mit dem Hemd sahen und ließ es unter seinem Kissen versteckt, doch diese Nacht wurde der Schmerz so groß, dass Noah Colins Hemd kurzerhand über sein Schlafshirt anzog.
Noah machte seine Augen zu, schlang die Arme fest um seinen Körper und stellte sich vor, dass es Colins Arme waren, die ihn hielten.
Das nächste Lied wurde abgespielt und Noah versank ein wenig darin.
I am lost in a rainbow
Now, our rainbow is gone
Overcast by your shadow
As our worlds move on
In this shirt, I can be you
To be near you for a while
In this shirt, I can be you
To be near you for a while
There's a crane knocking down
All these things that we were
I awake in the night
To hear the engines purr
There's a pain, it does ripple
Through my frame, makes me lame
There's a thorn in my side
It's the shame, it's the prize
Of you and me ever changing
Moving on now, moving fast
And this touch must be wanting
Must become through your ask
But I need, Jake to tell you
That I love you, it never rests
And I've bled every day, now
For a year, for a year
Er hatte Colin nie gesagt, dass er Colins Gefühle erwiderte. Würde er auch wie der Sänger vom Lied weiterhin jeden Tag darunter leiden? Jahrelang?
Momentan konnte Noah sich nicht vorstellen, dass es jemals besser werden würde. Dass seine Gefühle und der damit verbundene Schmerz jemals verschwinden würden.
I did send you a note
On the wind for to read
Our names, there together
Must've fallen like a seed
To depths of the soil
Buried deep in the ground
On the wind, I can hear you
Call my name, held the sounds
Noah hatte sich nicht mehr bei Colin gemeldet. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Nichts wäre gut genug. Nichts konnte entschuldigen, wie er sich verhalten hatte. Wo sollte er bloß anfangen?
I am lost
I am lost in a rainbow
Now, our rainbow is gone
I am lost in a rainbow
Now, our rainbow is gone
I am lost, I am lost
I am lost, I am lost
I am lost
Noah konnte ein Schluchzen gerade so unterdrücken, doch sein Körper bebte unter der Anstrengung, während Tränen schier endlos auf sein Kissen fielen.
Er fühlte sich vollkommen verloren ohne Colin. Er vermisste ihn so sehr. Er wünschte, er wäre so mutig gewesen und hätte Colin gesagt, dass er in ihn verliebt war. Natürlich war Noah verliebt. Wie konnte man Colin auch nicht lieben? Er war einfach der beste Mensch, den Noah je getroffen hatte, und Noah hatte das unglaubliche Glück gehabt, dass Colin sich in ihn verliebt hatte.
Und Noah war zu feige gewesen und zu überrumpelt, um Colin zu gestehen, dass er auch mehr als Freundschaft für Colin empfand. So viel mehr.
Immer und immer wieder dachte Noah an ihren Kuss, den er nicht mal erwidert hatte, weil er so sehr in Panik geraten war und nicht hatte glauben können, was gerade geschah.
Wie dumm er gewesen war. Er hätte niemals mit Colin nur befreundet sein können. Er hatte all diese Gefühle noch nie für jemand anderen gespürt und sie hatten ihm Angst gemacht, aber es war doch schließlich Colin! Sie hätten gemeinsam einen Weg gefunden. Colin, der liebevollste und verständnisvollste Mensch der Welt, wäre unendlich geduldig mit Noah gewesen. Sie hätten es langsam angehen lassen können. Sie hätten es schaffen können.
Gott, Noah wollte Colin so sehr! Und er hatte alles zerstört.
Vermutlich für immer. Noah hatte sicher keine zweite Chance verdient und es war sicher zu spät, aber…
Noah dachte nicht weiter nach.
Er griff nach seinem Handy, öffnete den Chat mit Colin und schickte eine Nachricht ab.
Ich vermisse dich.
Fuck. Er hatte es einfach getan.
Noahs Herz schlug schnell in seiner Brust, doch er löschte die Nachricht nicht. Er atmete einmal tief durch und wollte sein Handy gerade wieder beiseitelegen, als er auf einmal sah, dass Colin online war.
Fuck, fuck, fuck, fuck!
Noahs Puls schoss weiter in die Höhe, während er mit angehaltenem Atem auf Colins Antwort wartete.
Ich vermisse dich auch.
Noah las Colins Nachricht immer wieder. Er rieb sich die Augen und kniff sich einmal fest, um sicherzugehen, dass er nicht träumte, aber die Nachricht schien echt.
Wieso bist du wach?
Es war eine dumme Frage, aber Noah wusste einfach nicht, was er schreiben sollte und er war wirklich erstaunt, dass Colin mitten in der Nacht am Handy war.
Warum bist du wach?
Kann nicht schlafen
Ich auch nicht
Ob sie wohl aus demselben Grund nicht schlafen konnten? Lag Colin auch wach, weil er an Noah dachte? Fühlte er sich genauso schlecht wie Noah?
Noahs Herz zog sich beim Gedanken daran zusammen.
Es tut mir alles so leid.
Noah hatte zwar gehofft, es Colin persönlich sagen zu können, aber es war trotzdem das Wichtigste im Moment und musste einfach raus.
Können wir vielleicht telefonieren?
Ja
Gib mir eine Minute, ich schleich mich raus
So leise wie möglich schlich sich Noah aus dem Bett und nahm seine alte Route aus dem Fenster. Er entfernte sich ein bisschen vom Internat, sodass man ihn nicht mehr hören oder sehen konnte, und ließ sich in der Nähe des Waldrands auf den Boden sinken.
Er holte sein Handy wieder raus und tippte dann mit zittrigen Händen auf das Anrufsymbol.
Es klingelte kaum einmal, dann hörte Noah Colins Stimme und musste hart seine Lippen aufeinanderpressen, um nicht direkt wieder weinen zu müssen.
„Noah“, sagte Colin leise und fast ein bisschen ungläubig, als ob er nicht damit gerechnet hatte, dass Noah wirklich anrief.
„Hey“, erwiderte Noah ebenso leise.
„Ich hoffe, du kriegst keinen Ärger, weil du dich rausschleichen musstest. Ich hatte kurz vergessen, dass du ja nicht einfach so telefonieren kannst“, meinte Colin entschuldigend.
„Kein Problem, ich hab das ja schon oft genug gemacht“, lächelte Noah und Colin schnaubte belustigt. Noah wünschte sich, dass er Colins Lächeln sehen konnte.
„Können wir vielleicht das Video dazuschalten? Ich würde dich gerne sehen“, sagte Colin da, als ob er Noahs Gedanken gelesen hätte.
„Okay“, wisperte Noah aufgeregt und kurz darauf sah er endlich wieder in Colins vertraute Augen.
Colin war offenbar in seinem Gästezimmer bei Julia. Er saß in seinem Bett, hatte eine Nachttischlampe an, die warmes Licht auf ihn warf, und er trug ein buntes Schlafshirt.
Noah konnte sich kaum sattsehen an Colins Anblick. Colins Locken waren ein bisschen zerzaust, aber in Noahs Augen war Colin einfach perfekt.
Colin lächelte Noah etwas unsicher an und als Noah die Grübchen sah, kribbelte es ziemlich doll in seinem Bauch.
Noah wollte gerade das Wort ergreifen, als Colins Blick etwas tiefer glitt und er verwirrt die Stirn runzelte.
„Noah… ist das mein Hemd?“, fragte Colin langsam und Noahs Herz rutschte in seine Hose.
Fuck! Fuck! Fuck! Fuck! Fuck!
Wie hatte er nur vergessen könne, dass er immer noch Colins Hemd über seinem Shirt trug?
„Ähm… vielleicht“, stammelte Noah, sein Kopf sicher knallrot. Es war sinnlos, es zu leugnen, aber wie sollte Noah das nur erklären?
„Und wie ist das zu dir gekommen?“, fragte Colin mit hochgezogenen Augenbrauen. Noah konnte ihm nicht in die Augen sehen, aber er meinte, dass Colin gleichermaßen irritiert und amüsiert klang.
„Vielleicht hast du es hier vergessen?“, druckste Noah rum.
„Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich es eingepackt hatte“, entgegnete Colin.
„Vielleicht… bin ich aus Versehen gegen deine Tasche gestoßen und dann ist es rausgefallen und du hast es nicht mehr gesehen?“, murmelte Noah, während seine Wangen immer heißer wurden.
„Weil es vielleicht in deinen Händen gelandet ist und du es versteckt hast?“, grinste Colin und Noah nickte beschämt.
„Warum?“, fragte Colin schließlich.
Noah biss sich auf die Unterlippe, bevor er Colin schließlich wieder ansah.
„Ich wollte nie, dass du gehst. Ich… ich konnte mich nicht von dir verabschieden. Ich wollte das nicht wahrhaben. Ich wollte nicht, dass es real ist. Ich wusste nicht, wie ich das überstehen soll, wie ich dich gehen lassen soll. Und dann wollte ich zumindest einen Teil von dir behalten“, erklärte Noah mit rauer Stimme. Er blinzelte heftig, um seine Tränen loszuwerden, die Colin aber vermutlich schon gesehen hatte.
„Noah“, wisperte Colin sanft, doch Noah wollte jetzt alles loswerden.
„Ich hasse es, dass ich dich angeschrien und von mir weggestoßen habe. Ich hatte solche Angst, zu werden wie meine Eltern. Ich bin auf dem besten Weg dorthin. Sie haben sich ja auch gestritten. Ich hätte einfach mit dir reden sollen. Ich war so überfordert und dann habe ich alles falsch gemacht. Ich wollte dich nie verletzen. Ich wollte dich nicht verlieren. Es tut mir alles so leid“, sagte Noah und gab den Kampf gegen seine Tränen auf.
„Mir tut es auch leid. Ich hab dich einfach mit allem so überfahren. Ich war so überzeugt, dass du auch… dass du auch in mich verliebt bist.“ Colin schluckte schwer. „Das war nicht fair und es tut mir leid, dass ich einfach abgehauen bin und dir die Schuld an allem gegeben habe. Ich wusste nur nicht, wie ich es weiter aushalten sollte. Ich hatte gehofft, dass Abstand helfen würde, meine Gefühle für dich zu vergessen. Aber du machst es mir wirklich nicht leicht. Vor allem, wenn du solche Sachen sagst und mein Hemd trägst“, murmelte Colin.
„Ich will nicht, dass du deine Gefühle vergisst“, sagte Noah und Colin sah überrascht auf.
„Du willst also, dass ich weiter darunter leide? Ich wusste gar nicht, dass du ein Sadist bist“, meinte Colin trocken und Noah verdrehte grinsend die Augen.
„Nein, du Idiot. Ich…“ Noah stockte. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals.
Colin sah ihn geduldig an und irgendwie beruhigte es Noah, dass Colin einfach da war.
„Es war gelogen. Als ich gesagt habe, dass ich nicht in dich verliebt bin. Das stimmt nicht“, flüsterte Noah schüchtern.
Colins Augen wurden groß und sein Mund fiel leicht auf.
„Noah“, hauchte Colin und Noahs Herz schmerzte vor Sehnsucht nach ihm. Er wünschte sich so sehr, Colin jetzt berühren zu können, doch alles, was er hatte, war sein Handydisplay.
„Ich weiß, dass es viel zu spät ist. Ich wollte mich schon so oft bei dir melden, aber ich wusste nicht, wie du mir je verzeihen könntest. Ich liege fast jede Nacht wach und denke darüber nach. Heute musste ich dir einfach schreiben. Ich wollte dir zumindest sagen, wie leid mir alles tut und dass ich dich vermisse“, sagte Noah und wischte sich eine Träne von der Wange.
„Ich vermisse dich auch so sehr. Jeden Tag. Jede Sekunde“, sagte Colin und Noah sah, dass auch Colins Augen inzwischen feucht glitzerten.
„Ich wünschte, ich wäre jetzt bei dir“, gestand Noah.
„Das wünschte ich auch. Dann könnte ich deine Hand nehmen und dir direkt in die Augen sehen, wenn ich dir sage, dass es nicht zu spät ist. Dass du nicht nur einen Teil von mir behalten kannst. Du kannst alles von mir haben. Ich bin immer noch Hals über Kopf in dich verliebt und ich will dich immer noch so sehr. Wenn… du mich auch möchtest“, sagte Colin mit so viel Hoffnung, dass Noahs Herz einfach davonfliegen wollte, damit es endlich bei Colin war.
„Ich will dich auch! Ich will mit dir zusammen sein! Mehr als alles andere“, gab Noah endlich zu und Colin strahlte ihn an.
„Gott, ich würde dich jetzt so gerne umarmen“, lachte Colin unter Tränen und Noah nickte stumm, während sein Herz einen Freudentanz aufführte.
Er würde auch gerne noch mehr machen, als Colin zu umarmen, aber das würde leider warten müssen.
„Was machen wir jetzt? Wie soll es weitergehen?“, fragte Colin schließlich leise und sprach damit erneut Noahs Gedanken aus. „Ich würde am liebsten sofort zu dir kommen, aber das geht nicht so einfach.“
„Ich weiß“, seufzte Noah deprimiert. Hätte er sich nicht schneller über seine Gefühle klarwerden können? Dann wäre Colin vielleicht noch in Erfurt und nicht in Köln. „Weißt du… die Filmschule, für die ich mich bewerben wollte, die ist in Köln.“
Colin sah Noah überrascht an.
„Echt?“
Noah nickte.
„Ja, aber ich könnte erst nächstes Schuljahr dorthin wechseln, falls sie mich überhaupt annehmen“, erklärte er.
„Klar werden sie das!“, sagte Colin ohne Zweifel und Noah lächelte leicht.
„Aber was machen wir bis dahin?“, fragte Noah traurig.
„Uns so oft wie möglich besuchen?“, schlug Colin vor.
Es war nicht genug, aber besser als nichts. Eine wesentliche Verbesserung zu dem, was Noah vorher gehabt hatte.
Noah nickte immer noch etwas traurig und Colin sah ihn ganz sanft an.
„Ich weiß, es ist nicht optimal, aber wir schaffen das. Das weiß ich einfach“, sagte Colin überzeugt.
„Ich glaube dir“, sagte Noah und sie lächelten sich an.
Noah würde sich nicht nochmal unterkriegen lassen. Er würde dafür kämpfen, eine richtige Beziehung mit Colin zu führen und er würde ihn nie wieder gehen lassen.
Sie würden das schaffen, ganz sicher.
