Work Text:
Irgendwo hat Noah mal gelesen, dass die meisten Unfälle im Haushalt passieren und seit dem heutigen Tag ist er davon vollends überzeugt.
Im Wartezimmer der Notaufnahme rumzuhocken, weil man sich beim Gemüse hobeln die Fingerkuppe abgeschnitten hat, hat definitiv nicht zu seinen Plänen für das Wochenende gehört. Dabei hatte er nur Joel helfen wollen. Wenigstens passt der jetzt auf Freddy auf.
Der brünette Typ, der gerade reingelaufen kommt und sich ein blutiges Tuch an den Kopf hält, hatte wohl auch ganz andere Pläne. Er scheint in seinem Alter zu sein. Noah ist froh, dass er jetzt zumindest nicht mehr nur von Kindern und alten Leuten umgeben ist. Irgendwie findet Noah ihn sogar ganz süß.
Der Brünette geht zur Anmeldung, dann setzt er sich neben Noah hin. Nicht gerade der beste Moment für Smalltalk. Aber wer weiß, wie lange sie hier warten müssen?
„Und was machst du hier?“, fragt der Brünette.
„Gemüsehobel“, erwidert Noah, „Du?“
„Auflaufform.“ Noah zieht eine Augenbraue hoch. „Ich wollte sie aus dem Küchenschrank holen, da ist sie mir entgegengefallen.“
„Aua.“
„Jup“, entgegnet der Brünette, „Zum Glück wohn ich gleich um die Ecke.“
„Ich bin übrigens Noah.“
„Colin.“
Er lächelt. Sind das etwa Grübchen? Noah hat das bisher nicht gewusst, aber er scheint definitiv eine Schwäche dafür zu haben.
Aber was bildet er sich ein?
Als ob er ausgerechnet im Wartebereich der örtlichen Notaufnahme auf die Liebe seines Lebens trifft. Das Leben ist schließlich keine Krankenhausserie.
Und dann wird Colin auch schon aufgerufen. Klar. Ne Kopfverletzung ist immer wichtiger als eine Fingerkuppe weniger.
Jetzt kann er auch aufhören, sich unnötig Hoffnungen zu machen. Er und Colin haben nur kurz nett geplaudert, um die Wartezeit zu überbrücken. Als ob sie sich nochmal wiedersehen werden. Er kennt jetzt zwar Colins Nachnamen, aber wer weiß, ob er überhaupt etwas findet, wenn er seinen Namen googelt. Das hier war eine einmalige Begegnung. Nichts weiter.
🩹
Mit einem Verband um seinen Finger tritt Noah zurück in den Eingangsbereich des Krankenhauses. Sie haben die Wunde gespült und desinfiziert, aber jetzt ist eine seiner Fingerkuppen eben etwas kürzer. Was soll’s. Ein Kaffee wäre jetzt gut, denkt er. Also macht er sich auf den Weg ins Krankenhauscafé.
Gerade will er sich einen Platz suchen, da traut er seinen Augen nicht.
Colin!
Der ihn jetzt sogar zu sich herwinkt!
Das muss ein Zeichen sein!
„Mussten sie doch nicht amputieren?“, fragt Colin belustigt, als sich Noah mit seinem Kaffee neben ihn setzt.
„Nein“, entgegnet Noah, „Aufgrund der exzellenten fachliche Expertise in diesem Krankenhaus konnte mein Finger doch noch gerettet werden.“
Colin lächelt. Grübchen!
„Und bei dir?“, fährt Noah fort, „Kein Schädelbasisbruch?“
„Nein“, erwidert Colin und nimmt einen Schluck von seinem Kakao. Auf seiner Stirn ist eine frisch genähte Wunde sichtbar, „Aber wenn es mir in den nächsten 24 Stunden schlechter geht, soll ich noch mal wiederkommen. Die haben extra gefragt, ob jemand auf mich aufpassen kann.“
„Und?“, fragt Noah. Auch, um damit indirekt zu erfahren, ob Colin vielleicht vergeben ist. Wenn ja, hat er eh keine Chance.
„Meine beste Freundin kommt vorbei“ Colin grinst, „Oder hättest lieber du auf mich aufgepasst?“
Flirtet Colin gerade mit ihm oder sind das Spätfolgen seiner Kopfverletzung? Vielleicht hat Noah auch einfach viel Blut verloren und halluziniert das hier gerade.
„In meiner Lage?“, entgegnet er charmant, „Ich kann froh sein, dass ich überhaupt noch lebe!“
Jetzt müssen sie beide lachen.
Colins Lachen ist auch süß, stellt Noah gerade fest.
Alles an ihm ist süß.
„Hast du denn jemanden, der auf dich aufpasst?“
Hilfe!
Wenn er wegen Colins Geflirte einen Herzinfarkt bekommt, ist er wenigstens schon im Krankenhaus.
„Ich hab nen Mitbewohner“, sagt er, „Aber mehr Hilfe kann nicht schaden. Nicht, dass sich das noch entzündet und sie doch amputieren müssen“
„Wenn das so ist, sollten wir uns vielleicht über unseren Gesundheitszustand auf dem Laufenden halten“, sagt Colin und holt sein Smartphone aus seiner Hosentasche.
Hallo?
Passiert das hier gerade wirklich?
Noah kneift sich. Kein Traum. Aber wer weiß, ob das eine medizinisch anerkannte Untersuchungsmethode ist?
Colin schiebt ihm sein Smartphone rüber, damit er sich seine Nummer einspeichern kann. Danach ruft er Colin kurz an, damit der seine Nummer ebenfalls hat.
„Also dann“, sagt Colin, als sie ihre Getränke fertiggetrunken haben, „Gute Besserung.“
„Dir auch“, erwidert Noah.
Sie lächeln sich an und Noah ist sich sicher, dass das nicht das letzte Mal gewesen sein wird.
Er wird noch viel öfter in den Genuss dieser Grübchen kommen.
