Chapter Text
„Was macht der denn hier?“, fragt Franziska mit gerümpfter Nase, als Leo sie in den Flur begleitet. Auf ihrem Rücken ihr Rucksack für die Schule, in ihrer Hand ihre kleine Giraffe, ohne die eigentlich so gut wie nie irgendwo anders übernachtet wird. Nicht mal bei Onkel Leo.
Sie hatte am Ende des Flurs mittlerweile ihr eigenes Zimmer. Ein Schreibtisch stand im Raum, ihr eigenes Bett, ein kleines Bücherregal und ein Schrank mit Anziehsachen. Das Einzige, das nicht ins Bild passte, war das große Bett, in dem sie jedes Mal versank, da es ursprünglich mal ein Gästezimmer werden sollte. Nur war Franzi der einzige ‘Gast’, und wenn doch mal Gäste kamen, wollte Leo diese auch nicht in ihr Zimmer schicken. Irgendwie war es ihr Raum geworden; er wollte nicht, dass sie das Gefühl hatte, andere Leute würden an ihre Dinge gehen. Als würde Leo ihren Raum nicht respektieren. Nur manchmal sortierte er die Spielsachen neu, faltete Wäsche auf und bezog das Bett neu.
Aber jetzt war ein vermeintlicher Gast da, und das war einer, den Leos Nichte auch nicht gerade zu wertschätzen scheint. Während Franziska die Nächte, in denen Caro die Nachtschicht arbeitet, seit Jahren bei Leo übernachtet und morgens von ihm zur Schule gebracht wird, hat Adam bisher nur die Nächte hier verbracht, die sie nicht da war. Natürlich wusste er von der Abmachung und er kannte auch Franziska bereits, aber heute war es das erste Mal, dass sie beide in der Wohnung übernachten würden.
„Der heißt Adam und wohnt ab jetzt hier“, mit einem strengen Gesichtsausdruck legt Leo ihr seine Hände auf die Schultern. „Und darüber hat deine Mutter auch schon mit dir geredet.“
Adam war erst vor zwei Wochen aus dem Gefängnis gekommen, aber es wurde relativ schnell klar, dass zurück in das Haus seiner Mutter zu gehen keine Option mehr war. Leo hatte gar nicht lange gezögert und Adam bei sich einquartiert.
Adam hatte erst noch mit Caro sprechen wollen; er wollte sichergehen, dass es für sie wirklich in Ordnung war, wenn ein doch ziemlich fremder Mann in derselben Wohnung schläft wie ihre Tochter, und so wurde Adam bei ihr gestern Morgen vorstellig. Doch gab es eigentlich nicht viel zu besprechen, sie kannte Adam seit ihrer Kindheit und hatte ihn seit seiner Rückkehr schon einige Male auf Familienfeiern der Hölzers gesehen. Außerdem ist es doch auch seine Nichte, betonte sie noch einmal, als Adam immer noch verunsichert mit der Kaffeetasse in seiner Hand spielte. „Du bist doch auch Familie“, erläuterte sie und Leo nickte bestärkend während er von einem Ohr zum anderen strahlte.
„Ich mag Adam nicht“, erläutert sie noch einmal für den Raum mit verschränkten Armen, während sie Adam anstarrt. Das war der einzige Haken, den Caro angebracht hatte. Seit dem Geburtstag von Leos Mutter, auf dem Adam unwissend die letzten sauren Würmer gegessen hatte, schien der Name wie ein rotes Tuch für sie zu sein. Bei Familienfeiern setzt sie sich demonstrativ ans andere Ende des Tisches, beschwert sich, dass Adam nach Zigaretten stinkt, und betont wiederholt, dass sie nicht mit ihm, sondern nur mit Leo spielen will.
„Ich mag Adam aber, und ich habe entschieden, dass Adam hier wohnt“, erinnert Leo sie.
„Dann will ich hier nicht mehr schlafen“, fix windet sie sich aus Leos Halt und steuert auf die Wohnungstür zu, aber Leo greift nach ihr am Träger ihres Rucksacks.
„Das darfst du leider nicht entscheiden“, mit einem entschuldigenden Blick geht Leo vor ihr in die Hocke. „Ich weiß, du findest das blöd, dass Adam hier ist. Aber ich habe dich und Adam nun mal ganz doll lieb und ich will doch gar nicht immer meine Zeit zwischen euch aufteilen müssen.“
„Wieso kann Adam nicht hier schlafen, wenn ich nicht da bin?“
„Weil Adam hier nun mal wohnt. Wo soll er denn schlafen?“
„Vielleicht bei seinem eigenen Onkel“, gibt sie sicher zurück, ihre kleinen Arme noch immer vor ihrem T-Shirt verschränkt. Adam muss über die Schlagfertigkeit schmunzeln, auch wenn er die ganze Situation gar nicht zum Lachen findet. Aber er sieht, wie auch Leos Ohr kurz zuckt, sein Gesicht aber nicht abweicht von dem mahnenden Ton, den er ihr gegenüber anschlägt.
„Es gibt keinen Grund dafür, dass Adam bei seinem Onkel schläft. Das hier ist nun Adams Zuhause, genauso wie es dein Zuhause ist. Du kannst ihn den ganzen lieben langen Tag blöd finden, aber daran wird sich nichts ändern“, erklärt er erneut und wünscht sich, Caro hätte etwas mehr Vorarbeit geleistet und das Ganze nicht einfach abgewinkt. „Wieso sagst du Adam nicht erst einmal Hallo und dann sprechen wir drei gleich mal darüber, wieso du das so blöd findest?“
„Weil ich Adam nicht mag.“
„Okay, wieso nicht?“
„Weil Adam einfach blöd ist. Adam ist ein richtiger – Adam ist ein richtiger Blödmann!“, betont sie noch mal und löst sich dann aus Leos losem Griff, um an Adam, den sie leicht gegen das Bein schubst, vorbei in ihr Zimmer zu gehen. Aber nicht, ohne die Tür nach dem Knallen noch einmal zu öffnen, um zu rufen, dass in ihr Zimmer Adam schon mal gar nicht rein darf.
„Super, das läuft fantastisch, Leo“, gibt Adam mit sarkastischem Lächeln zurück. „Ich gehe mal eine rauchen.“
„Adam, es tut mir –“
„Schon okay, sind ja nur was? 10 Nächte im Monat? Manchmal mehr, manchmal weniger? Das wird bestimmt super für mich und das Kind“, zynisch gibt er einen Daumen hoch und rempelt ebenfalls Leo an, während er an ihm vorbei Richtung Garten geht.
„Gut, dass ihr so verschieden seid“, murmelt Leo und zögert für einen Moment, wem der beiden er denn jetzt hinterhergeht, bevor er sich entscheidet, sich in die Küche zu setzen. So würde Franzi ihn finden und auf Adam hat er auch einen Blick.
Er war überrascht gewesen, dass Adam in all seinem Stress und seiner Verzweiflung, als er ihm angeboten hatte, hier einzuziehen, als Erstes nach Franzi gefragt hatte. Gefragt hatte, ob das nicht viel zu viel Stress für sie ist, wenn immer jemand da ist, den sie nicht leiden kann. Aber Leo, so wie der Rest, wussten nicht ganz, woher die Antipathie rührt, und so waren er und Caro sich schnell einig gewesen, dass sie einfach etwas Zeit zusammen brauchen, damit sie sich an Adam gewöhnt.
Für Franzi war es normal, diese Nächte und mindestens eine Woche der Sommerferien hier zu verbringen. Seit Caro aus der Elternzeit war und zurück in ihren Beruf in einem Krankenhaus gegangen war, bestand diese Abmachung. Für Franzi war das Alltag, wie es das eben auch für Leo war. Für sie war das die Art und Weise, wie sie aufgewachsen war und wie sie das kannte. Wenn Caro den Schichtplan für den Monat bekommt, trägt sie Franzi die Nächte in den Kalender ein, die sie bei Leo verbringen würde. Am Anfang war die Idee, dass Leo in diesen Nächten bei ihnen zu Hause schlafen würde, aber die beiden Geschwister gingen sich schnell gegenseitig auf die Nerven mit dieser Vereinbarung und so entstand die Routine, dass Franzi zu Leo gebracht wird. Meistens verbringt sie den Nachmittag mit ihrer Mutter und wird dann, wenn diese auf dem Weg zu ihrer Nachtschicht ist, bei Leo vorbeigebracht. Manchmal holt Leo Franzi auch vom Fußballtraining ab. In jedem Fall ist Leo derjenige, der Franzi, wenn diese bei ihm schläft, am Morgen auch zur Schule bringt.
Leo kann sich nicht an eine Zeit erinnern, in der Franzi nicht genau gesagt hat, wenn ihr etwas nicht gefällt, und war auch eigentlich froh darüber. Caro ist das Gegenteil. Sie steht selten für sich ein, nickt vieles weg, was sie stört, möchte es immer allen recht machen. Adam würde sagen, Leo sei auch so. Er fand es erfrischend, dass es eine Hölzer gab, die genau aussprach, was sie dachte. Die sich ganz sicher nicht von Opa den Mund verbieten ließ, wenn sie das nicht wollte. Die auf der Schaukel saß und Hexe-Lilli-Bücher las, obwohl ihre Oma betonte, dass das Teufelszeug ist, und die zur Familienfeier mit einem Fußballtrikot über dem Kleid erschien, weil sie das eben so wollte. Adam hatte von Anfang an Gefallen an dem mutigen und selbstsicheren Mädchen gefunden.
Vielleicht war es auch deshalb etwas, was ihn so sehr verletzte, als sie direkt bei der ersten Interaktion ihre Nase rümpfte und entschied, dass dieser Mann ganz sicher nicht ihr Freund wird. Nie hatte er Kinder in seinem engeren Umfeld gehabt, bei denen es erstens wichtig war, dass er sich mit ihnen versteht, und er es zweitens auch unbedingt wollte.
„Ich kann auch fahren, Leo“, bietet er an, als er wieder in die Küche kommt.
„Wo würdest du denn hinwollen –“
„Ich finde schon etwas“, versichert er ihm und will weiter in den Flur laufen, um seine Sporttasche zu suchen, aber Leo folgt ihm.
„Ich weiß, es ist unangenehm, aber du musst hier bleiben. Ihr habt beide zu lernen, dass das dein Zuhause ist, dass du hierhingehörst. Sie kriegt sich schon wieder ein.“
Adam vertraute Leo, was das Ganze anbelangt. Caro und Leo. Sich selbst konnte er wohl kaum vertrauen. Kinder auf der Arbeit waren nicht sonderlich Fan von ihm und von seinen Eltern wusste er nur, wie er es auf jeden Fall nicht zu machen hat. Also saß er gegenüber von dem kleinen Mädchen, das Leo mit Pizza zum Abendessen bestochen hatte, und sah skeptisch dabei zu, wie ihr die Cocktailsauce aufs T-Shirt tropft, während sie Leo begeistert von ihrem Tag erzählt. Adam wurde einfach nicht adressiert, und wenn er doch etwas tat, so wie ihr ein Becher Wasser einzuschenken, dann wird betont, dass sie das alleine kann. Nachfragen von Adam werden grundsätzlich ignoriert, also erzählt Adam irgendwann einfach seine eigenen Geschichten von seinem Tag, ohne auf sie einzugehen. Woraufhin sie bei der Erwähnung eines Eichhörnchens, das er angeblich beim Joggen gesehen hat, erstaunt nachfragt, wo er es gesehen hat. Mit einem gespielt ernsten Gesichtsausdruck ignoriert Adam sie und erzählt Leo bereits vom nächsten Ereignis.
„Ich hab dich gefragt, wo du das Eichhörnchen gesehen hast?“, unterbricht sie deutlich, als Adam nicht aufhört zu reden.
„Hast du was gesagt?“, erkundigt Adam sich gespielt verwirrt und Leo atmet genervt ein.
„Ja!“
„Tja, blöd, dass ich ein Blödmann bin und gar nicht mit dir rede“, gibt Adam zurück. Franziska zieht ihre Augenbrauen zusammen und mustert ihn skeptisch.
„Wo hast du das Eichhörnchen gesehen?“
„Im Park.“
„Wo genau?“
„Hinter dem Spielplatz“, erläutert Adam, legt seine Hände übereinander und sieht sie auffordernd an.
„Was machst du denn auf dem Spielplatz? Bist du nicht zu alt?“
„Ich bin daran vorbeigejoggt.“
„Du rauchst doch, du kannst doch gar nicht joggen.“
„Ich kann genauso gut joggen wie Onkel Leo.“ Leo lacht amüsiert auf.
„Niemand kann so schnell joggen wie Onkel Leo“, verteidigt Franziska ihn. „Du erzählst Blödsinn, Eichhörnchen habe ich da noch nie gesehen.“ Augenverdrehend sieht sie zurück zu Leo. „Können wir noch ein bisschen Detective Sally schauen?“
„Sicher, aber erst Hände waschen, umziehen und Zähne putzen, okay?“
„Mach ich.“ Mit einem sanften Lächeln streicht Leo ihr eine Strähne hinters Ohr. Sie hatte strohblonde Haare, so wie Adam. Und Adam hatte sich schon mehr als einmal dabei ertappt, darüber nachzudenken, wie wohl ihr Vater eigentlich aussieht.
Adam weiß von Leo, dass er Caro noch während der Schwangerschaft verlassen hatte und dass bis auf ein paar Wochenendbesuche, als Franzi kleiner war, keinerlei Kontakt bestand. Zu ihrem Geburtstag hatte selbst Adam mit dem Drei-Ausrufezeichen-Buch, für das er von Caro ermahnt wurde, da sie doch noch zu klein sei, besser abgeschnitten als dieser Mann.
„Meinst du, ich darf mitschauen?“, erkundigt sich Adam mit einem Schmunzeln, während er zuhört, wie sie polternd im Bad das Wasser aufdreht.
„Vielleicht sagst du ihr gleich Gute Nacht und dann reicht es erst mal für den Tag“, entschuldigend sieht Leo ihn an.
„Alles gut, hilf ihr doch, dann kümmere ich mich um den Abwasch“, beruhigt Adam Leo und gibt ihm einen Kuss auf die Stirn.
„Du brauchst doch den Abwasch nicht zu machen –“
„Natürlich, auch mein Zuhause“, gibt Adam mit einem provozierenden Schmunzeln zurück und lässt beim Aufstehen seine Hand über Leos Rücken fahren.
„Touché.“
„Brauchst du noch was?“
„Ich mach mich auch schon mal bettfertig“, kündigt er an. „Danke, Adam.“
„Nicht dafür.“
Während er die Küche aufräumt, kann Adam ins Wohnzimmer hinübersehen. Franziska sitzt mit angezogenen Beinen unter der viel zu großen, flauschigen Decke, die sonst immer aufgefaltet auf der Lehne der Couch liegt, in ihren Armen die kleine Giraffe, die ebenfalls ihren Blick auf den Bildschirm gerichtet hat. Leo hat einen Arm um die beiden gewickelt, auch er sieht müde auf den Fernseher und so langsam erklärt sich auch für Adam die absurd frühe Zeit, zu der Leo ins Bett geht. Das Mädchen ist völlig in den Bann gezogen, als Adam seine Hände abtrocknet und langsam hinübergeht. „Ich würde ins Bett gehen, ich wünsche euch schon mal eine gute Nacht.“ Obwohl er weiß, dass er Leo noch sieht, gibt er ihm einen Kuss auf die Wange. Leo gibt demonstrativ das „Gute Nacht“ zurück und sieht auffordernd zu Franzi, die immerhin ein „Gute Nacht, Adam“ murmelt.
„Wie heißt die eigentlich?“, fragt Adam und zeigt auf die Giraffe.
„Amanda.“
„Na, dann auch gute Nacht, Amanda.“ Adam will sich hinunterbeugen und das Kuscheltier streicheln, aber Leo greift dazwischen, noch bevor Franzi versteht, was er vorhatte, und schüttelt bittend den Kopf.
„Ist Adam morgen früh wieder da?“, erkundigt sich Franziska erschöpft, als Leo sie am Abend zudeckt.
„Adam ist morgen früh wieder da, ja.“
„Bringt Adam mich mit zur Schule?“
„Nein, Adam fährt dann schon mal ins Büro“, versichert Leo ihr. „Dann sind wir alleine.“
„Gut, weil ich mag Adam nicht.“
„Das hast du heute oft gesagt.“ Etwas niedergeschlagen streicht Leo ihr eine Strähne hinters Ohr. „Mag Amanda ihn?“
„Die kennt ihn ja kaum, aber ich werde es ihr erzählen.“
„Was erzählst du ihr denn dann?“, hakt Leo vorsichtig nach. Seine Hand bleibt an ihrem Kopf liegen, während sein Daumen vorsichtig über ihre Wange fährt. Er ist immer wieder erstaunt, wie weich so eine Kinderhaut doch ist. Wie zart doch alles ist. Wenn er zu lange darüber nachdenkt, würde er sie am liebsten in die sicherste Kleidung wickeln und zurück zu Caro geben, damit ihr bloß nichts passiert.
„Dass Adam frech ist.“
„Frech? Wieso ist Adam denn frech?“
„Ich weiß nicht, Adam ist einfach frech.“
„Weißt du, was ich ziemlich frech finde?“, fängt Leo an und sieht ihr in die Augen. „Wenn du meinen Freund als Blödmann bezeichnest, das finde ich ziemlich frech.“
„Aber das ist er doch“, gibt sie trotzig zurück.
„Wir nennen niemanden einen Blödmann und das weißt du auch. Du kannst mir ehrlich sagen, wenn Adam blöde Dinge macht, da kannst du immer mit mir und Mama drüber reden. Aber hier in diesem Haus wird nicht beleidigt und auch nicht geschrien. Ich habe das heute toleriert, weil alles ganz neu ist, aber ab morgen möchte ich, dass du dich wieder an die Regeln hältst.“
„Aber heute noch nicht?“
„Das ist wohl das, was ich gesagt habe“, gibt Leo geschlagen und auch etwas zu müde für eine Diskussion zu.
„Dann sag ich dir jetzt noch mal: Amanda und ich finden, Adam ist der blödeste Blödmann, den es gibt, und wir sind sauer auf dich, weil du Adam viel lieber magst als uns!“, schreit sie, und Leo hört, wie die Dielen im Flur knarren und weiß, dass Adam gelauscht hat und wahrscheinlich immer noch nicht damit aufgehört hat.
„Aber das stimmt doch gar nicht.“ Erschrocken sieht Leo auf das Mädchen hinab. Sie windet sich aus seiner Hand und stützt sich auf ihren Ellbogen ab. „Wieso denkst du denn, dass ich Adam mehr lieb habe als dich?“
„Du verbringst immer Zeit mit Adam, ich darf nur hier schlafen“, fängt sie an, während sich Tränen in ihren Augen sammeln. „Und mit Adam machst du alles Mögliche. Adam siehst du den ganzen Tag und Adam – wenn Adam da ist und wir bei Oma und Opa sind, dann beachtest du mich gar nicht so, wie wenn ich hier übernachte.“
„Findest du?“, geschockt sah Leo auf sie hinab.
„Du findest Adam viel besser als mich.“
„Das stimmt wirklich nicht“, versichert Leo ihr und öffnet seine Arme, in die sie sich verzweifelt fallen lässt. „Ich habe dich genau so lieb, wie ich Adam lieb habe. Mir tut es leid, dass es den Eindruck macht, dass ich lieber Zeit mit Adam als mit dir verbringe, weil das stimmt ja gar nicht. Ich hab dich doch immer so gerne hier, ich freue mich dann immer ganz doll, wenn ich aufstehe und weiß, dass du auch da bist. Und der Adam, der hat sich auch ganz doll auf dich gefreut. Ihr braucht euch beide gar nicht so anzuzicken, ich hab euch doch genau gleich lieb.“
„Aber mich schon länger?“, fragt sie nach und schnieft in Leos Oberteil.
„Dich natürlich schon länger“, lügt Leo mit einem Schmunzeln. „Dich lieb ich doch schon, seitdem du noch klein genug warst, dass ich dich so in den Arm nehmen konnte.“ Mit einem Schwung nahm er das Mädchen hoch und manövriert sie so, dass sie komplett auf seinen Armen liegt, was sie in ein Kichern versetzt. „Da warst du noch so winzig, und ich hab dich den ganzen Tag hin und her geschaukelt.“ Während sie in ein weiteres Lachen ausbricht, steht Leo vom Bett auf und schwingt sie demonstrativ durch die Luft und weiß, er schießt sich gerade ein Eigentor damit, dass er sie nun so aufwirbelt. „Und dann hast du auch genau hier geschlafen“, mit dem Satz platziert er sie zurück auf die Matratze, auch wenn das nicht wirklich stimmte. „Und Amanda auch.“ Vorsichtig platziert Leo die Giraffe in ihre Arme und deckt sie erneut zu.
„Das kannst du nicht mit Adam machen“, stellt sie lachend fest.
„Nee, niemals“, stimmt Leo zu und stemmt seine Hände in seine Seiten. „Stell dir das mal vor, Adam ist doch riesig.“
„Größer als du.“
„Das stimmt.“ Schnell lehnt er sich runter und presst einen Kuss auf ihre Stirn. „Soll ich vorlesen oder willst du selber lesen?“
„Du!“
„Okay, dann rück mal ein Stück.“ Routiniert stellt Leo die kleine Lampe auf Franzis Schreibtisch an, die die ganze Nacht lang Sterne an die Decke projiziert, und greift nach ihrem Buch vom Nachttisch. „Aber leg das Lesezeichen nachher richtig rein.“
„Mach ich“, versichert er ihr und fängt an zu lesen, bis ihre Atmung immer sanfter wird und Leo sich schließlich sicher ist, dass sie in den Schlaf gefunden hat. Nach Anweisung legt er das Buch zurück und verlässt die Tür nach einem weiteren prüfenden Blick, ob alles sicher im Zimmer ist.
