Chapter Text
Die Sonne war bereits untergegangen, als Schiffe verbündeter Piraten in den Hafen einliefen. Es regnete in Strömen und der Wind wirbelte selbst die ansonsten ruhige Bucht auf. Wellen schlugen sowohl gegen die Bordwand als auch den Steg, an dem zwei dunkle Gestalten ein kleines Beiboot vorläufig vertäuten.
Eine dritte, größere Gestalt stieg aus. Der Mann trug einen langen Mantel aus braunem, dicken Leder, der schon in die Jahre gekommen war, jedoch immer noch treu seine Aufgabe erfüllte. Jener hob seinen Kopf und sein Blick fiel auf die hohen Zinnen der Burg, die sich bedrohlich vor ihm erhob. Ebenso bedrohlich blitzten seine Augen unter den buschigen Brauen hervor. Schnellen Schrittes machte er sich auf den Weg.
Hunderte Piraten störten die stille Nacht und begannen, die Burg zu überfallen. Es war als hätten sie nur darauf gewartet, dass der Mann ausstieg, als wäre es ihr Zeichen um die Stille in Chaos zu verwandeln.
Wenn man Jonathan Blackbeard, den Kapitän der Flotte, sah, würde man sich wundern. Denn er nahm keine wertvollen Gegenstände mit sich, mit niemandem suchte er den Kampf. Es schien fast, als wäre er auf der Suche nach etwas ganz bestimmten.
Es tönten Schreie durch die Nacht. Menschen wurden gwaktsam aus ihren Zimmern gerissen. Säcke mit Gütern wie Kaffee und Tabak wurden von seinen Männern aus der Burg mitgenommen. Blackbeard sah wie der Quartiermeister seines Schiffes eine Truhe voller Perlen bestickter Stoffe trug. Direkt vor ihm ging ein Mann zu Boden. Niemand aus seiner Crew, wie er schnell erleichtert feststellte, und machte einen Schlenker um dem Körper auszuweichen.
Wenn sie Glück hatten, würden sie sogar weit aus Wertvolleres als die Güter finden, die Blackbeard bis jetzt bei seinen Männern gesehen hatte. Die Burg gehörte immerhin dem Herzog von Richmond. Er beschäftigte sich allerdings nur kurz mit dem Gedanken. Er war schließlich nicht primär wegen den Gütern hier. Sie waren allerdings ein netter Nebenverdienst.
Er rannte in den Fluren eines Turms umher, öffnete Türen, rannte weiter. Hinter der nächsten Tür würde er es finden, wonach er suchte. Die Tür war schwer und aus fast schwarzem Holz. In sie war ein Blättermuster hineingeschnitzt. Seines Glückes noch unwissend, riss er auch diese Tür auf.
Da war sie, eine junge Frau. Doch nicht irgendeine junge Frau. Sie hatte langes lockiges Haar, dessen Farbe der Holztür glich. Sie war etwas dick und hatte Sommersprossen auf der Nase. Für einen Moment blickte sie den Mann aus ihren großen, rehbraunen Augen an, fast hypnotisierend.
Die Hände waren vor ihr auf dem Tisch. Sie hatte wohl irgendwelche Papiere in Eile zusammengesammelt. Ihre Haare waren zerzaust. Schnell packte sie ein paar der Papiere und sah sich hektisch um. Ihr einziger Ausweg wäre die Tür, in dessen Rahmen der große, dicke Pirat stand. Es gab noch ein Fenster, doch von dem aus ging es 100 Meter in die Tiefe.
Das Mädchen schien es sich anders zu überlegen und sie eilte, in die entgegengesetze Richtung der Tür, auf das Fenster zu. Denn sie befürchtete, dass sie ein schlimmeres Schicksal erleiden würde als den Tod, wenn der Pirat sie zu fassen bekäme.
Bevor sie springen konnte jedoch, packte der Mann sie. "Lass mich los!", schrie das Mädchen. Sie schrie und schrie, doch was sollte das schon nützen? Hatten Männer je Rücksicht genommen auf die Meinung ihrer Beute?
"Ich tu dir nichts!", rief der Mann mit rauer Stimme, während er sie mit Leichtigkeit vom Fenster wegzerrte: "Sei froh, dass ich dich gefunden habe und nicht ein anderer! Andere Piraten würden dich gefangen nehmen, wie irgendwelche Leute. Aber du bist nicht irgendwer… Nein, du bist Justitia."
Nun hörte das Mädchen auf sich zu wehren. Böse blickte sie den Mann an. Ihr Herz raste vor Adrenalin. Ihr Atem war nun ein Schnaufen durch ihre Nase. Sie fühlte sich wie ein wildes Tier. Ihr Brustkorb hob und senkte sich heftig mit jedem Atemzug.
Sie hätte eigentlich erwartet, dass ihre Ausbildung ihr irgendwann mal den Tod bedeuten würden -vor allem als Frau- , nicht dass sie ihr ein Vorteil wäre. Sie dachte an Hypatia, die Mathematikerin, die in der Spätantike von religiösen Männern auf grausamste Weise ermordet wurde.
Der Pirat trug eine Augenklappe. Er roch nach Fisch und sein durchnässter Bart, sein Haar und seine Klamotten stanken ebenfalls und sahen ungepflegt aus. "'Die Gerechte'", sprach er, fast wie eine Verkündung: "Die klügste Gelehrte dieses Landes. Und das bloß als Jugendliche. Der einzige Punkt, in dem ich dich wie eine Gefangene behandeln werde, ist, dass ich dich zwinge, mit mir zu kommen. Doch wenn wir auf dem Schiff sind, wirst du ein vollwertiges Mitglied meiner Mannschaft sein. Sieh es als Angebot. Wenn du hier zurückbleibst, werden andere dich in den Trümmern finden, und dann wird es dir wohl sehr viel schlechter ergehen."
. ݁₊ ⊹ . ݁ ⟡ ݁ . ⊹ ₊ ݁.
So kam es, dass das Mädchen auf dem Schiff des Piraten endete. Genau als die Mannschaft versammelt war, stoppte der Regen. Doch Justitia war bereits völlig durchnässt. Sie blickte auf zu den Wolken, die den düsteren Nachthimmel bedeckten. Da konnte man den Sichelmond sehen, der hinter den Wolken hervorschien.
"Das ist ein gutes Omen! Lasst uns abfahren", rief ein blonder Junge und rannte übers Deck. Justitia verlor ihn schnell wieder aus dem Blick. "Das ist meine Tochter, Barbara", hörte sie plötzlich die Stimme des Kapitäns. 'Ein Mädchen, also', dachte Justitia, erleichtert darüber, dass sie nicht nur von Männern umgeben war. "Sie ist so alt wie du."
Den nächsten Tag verbrachte Justitia mit Jonathan, der unter anderem eine Route plante. Es kamen und gingen verschiedene Männer, die mit Blackbeard irgendwelche Angelegenheiten besprechen mussten. Irgendwann waren er und Justitia jedoch alleine.
"Wenn wir Richtung Nordwesten fahren, kommen wir an einer Inselgruppe vorbei. Die meisten davon unbewohnt", erzählte der Pirat und zeigte dem Mädchen die Landkarte. "Dort können wir anlegen, wenn uns danach ist. Außerdem vermute ich, dass es bald wieder stürmen wird. Dann ist es besser, wenn wir eine Möglichkeit haben, Halt zu machen."
Konzentriert hörte Justitia ihm zu und betrachtete die Karte. Sie dachte sich gerne in neue Themen hinein. Vermutlich wollte Jonathan sie als eine Art Beraterin an Deck haben. Auf Grund ihrer hohen Intelligenz sah er ihre Anwesenheit wohl als potentiellen Vorteil.
"Vieles von unserer Fracht können wir dann verkaufen, wenn wir bald bei dieser Insel ankommen. Dort wird in einpaar Wochen unser richtiger Halt sein." Der Mann zeigte auf die Insel, über die er sprach, nahm sich eine Pfeife und tat vorne Tabak herein. Dann zündete er sie an und zog daran.
"Meine Tochter ist auch mein bester Mann hier an Deck. Sie wird das Schiff übernehmen, wenn ich es nicht mehr leiten kann." Justitia reagierte nicht, doch blickte den Piraten immer noch aufmerksam an. Sie folgte seinem Blick und bemerkte, dass er durch die offene Tür aufs Deck sah. Er beobachtete seine Tochter, die dort irgendetwas zu schaffen war.
Sie war nicht sonderlich groß und, dafür dass sie eine Piratin war, auch nicht besonders kräftig. Ihre blonden Haare waren sehr kurz und sie trug eine schwarze Kappe. Ihre Klamotten waren ähnlich ranzig wie die ihres Vaters. Doch dynamisch und gemütlich sahen sie aus. Mit Leichtigkeit lief sie auf ihren Stiefeln umher.
"Vor vielen Jahren fand ich sie; als kleines Kind zurückgelassen. Ich konnte es nicht übers Herz bringen, sie dem Tod zu überlassen, also nahm ich sie mit." Ihre Haut war braungebrannt. Gerade lachte sie über irgendetwas. Sie war wirklich hübsch.
"Ich machte mir Sorgen um sie; nicht weil sie ein Mädchen ist, sondern weil sie mein Kind ist. Eigentlich darfst du niemanden so lieb haben, denn als Pirat lebst du immer gefährlich. Dein eigenes Kind willst du keinen Gefahren aussetzen. Als sie jünger war, habe ich ihr gesagt, sie solle nur den Ausguck übernehmen. Sie konnte klettern wie ein kleines Äffchen. Doch je älter sie wurde, desto schlechter wurden ihre Augen. Daher beschränkte sie sich auf den Nahkampf, in dem sie nun die Beste ist."
Justitia konnte Menschen schon immer gut lesen und somit sah sie die vorsichtige Zuneigung, die der Pirat in seinen Augen trug, als er seine Tochter beobachtete. Sie merkte wie sich ein Teil der Anspannung löste, die sie in ihren Schultern getragen hatte, seit der Mann in ihrem Zimmer aufgetaucht war. Sie hätte definitv von schlimmeren Menschen mitgenommen werden können.
