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Language:
Deutsch
Stats:
Published:
2026-06-06
Updated:
2026-09-19
Words:
47,593
Chapters:
13/?
Comments:
38
Kudos:
46
Bookmarks:
3
Hits:
1,080

Clueless

Summary:

Statt im Urlaub, sind die drei Fragezeichen in ihren Ferien in das Haus von einer Prominenten eingeladen. Und anstatt dort mit ihr, wie geplant, Mystery-Spiele zu spielen, verschwindet die Gastgeberin in der ersten Nacht und hinterlässt einen Brief. Jetzt stecken sie in ihrem lebensgroßen Murder-Mystery, müssen sich in dem alten Haus zurechtfinden und mit den anderen Bewohnern rumschlagen. Nur, dass sie dabei irgendwie nicht alle am gleichen Strang ziehen. Schnell hat Justus das Gefühl, dass seine Freunde in ihren eigenen Welten unterwegs sind, Peter muss sein ganz persönliches Rätsel lösen und Bob... Wer weiß schon, was Bob die ganze Zeit macht.

aka Justus hält sich für Benoit Blanc, Peters Nerven werden echt getestet und Bob arbeitet sehr hart (für den Fall, natürlich)

Notes:

Ich serviere: Casefic! (Mit Beilagen) Lasst es euch schmecken <3

Chapter 1: Florence

Chapter Text

Die Klimaanlage des MG war heute besonders gesprächig. Sie surrte und schnaufte, sodass es beinahe nicht auffiel, dass niemand im Auto redete.

Justus war damit beschäftigt, nachdenklich dreinblickend aus dem Fenster zu starren und wahrscheinlich löste er in Gedanken schon den nächsten Fall, von dem Peter noch gar nichts wusste.

Er konnte nur einen Teil von Bob im Rückspiegel sehen, aber es sah nicht besonders bequem auf der Rückbank aus. Der dritte Detektiv schien allerdings so vertieft in was auch immer er da las, dass ihn der Gedanke an die Nackenschmerzen, die er definitiv haben würde, nicht störte.

Ehrlich gesagt hatte Peter ja auch nichts mehr zu sagen, was er nicht schon einmal zum Ausdruck gebracht hatte. Bei der Abfahrt hatte Justus seine schlechte Stimmung mit: "Ach, du kommst schon noch drüber hinweg", abgetan, Bob hatte genickt und dann waren sie beide eingestiegen. In Momenten wie diesen, fühlte sich Peter häufig weniger wie 'zweiter Detektiv' und mehr wie 'erste Begleitperson'.

"Was habt ihr denn gegen Mexiko?", fragte er jetzt erneut, einfach, weil es ihn noch immer nicht in Ruhe ließ. "Oder… Karibik? Irgendwas, wo man sich wenigstens ein bisschen wie Urlaub fühlen kann? Mit Strand und so?"

Justus wandte seinen Blick nicht einmal von den vorbeiziehenden Häusern ab, als er sagte: "Peter, du wohnst quasi am Strand. Wenn du das unbedingt willst, kannst du jeden Tag an den Strand."

Peter verdrehte die Augen. "Das ist aber was komplett anderes, Erster. Der Sinn von Urlaub ist doch, dass man mal von zu Hause wegkommt."

"Jetzt bist du ja von zu Hause weg. Du musst hier einbiegen."

Nur weil Peter einbog, hieß das aber noch lange nicht, dass er aufgeben würde. "Ich bin hier gerade fast drei Stunden landeinwärts gegurkt, um im Haus von irgendwelchen Superreichen eine Woche lang Brettspiele zu spielen. Urlaub sieht für mich irgendwie anders aus."

"Naja", sagte Justus und zählte an den Fingern ab. "Es ist nicht Rocky Beach. Wir sehen mal was anderes. Wir… mussten uns um nichts kümmern. Und wir kriegen eine Woche lang kostenlos gutes Essen. Ich versteh gar nicht, was dein Problem ist."

"Es fühlt sich wie Arbeit an", erwiderte Peter. "Und überhaupt, hast du mittlerweile eine Ahnung, wie wir an die Einladung gekommen sind? Das ist mir alles noch zu seltsam."

Bei der Einladung handelte es sich um einen Brief. Er war in einem Umschlag mit silbernen Verzierungen an den Schrottplatz adressiert gewesen. Wie jemand, der nicht einmal in ihrer Gegend wohnte, überhaupt an die Adresse gekommen war, war ihnen allen ein Rätsel. Was ausgerechnet Florence Devereaux von ihnen wollte, ein viel größeres.

"Bob hat doch am Telefon alles geklärt. Bob?", fragte Justus.

"Hm?", machte Bob.

"Erkenntnisse?"

Bob riss den Blick von seiner Lektüre. "Äh, nee. Wozu?"

Justus schnalzte enttäuscht mit der Zunge. "Man könnte wirklich meinen, 'Recherche und Archiv' stehe da umsonst vor deinem Namen. Unsere Gastgeberin?"

"Achso." Bob ließ seinen Daumen zwischen den Seiten, als er das Buch zuklappte. "Ich dachte jetzt irgendwie nicht, dass ich da gesondert nachschauen muss. Devereaux kennt doch jeder. Sie hat mir die Adresse gegeben und… ja. Außerdem hat uns die Frau für Gesellschaftsspiele eingeladen, fand ich nicht so verdächtig."

"Verdächtig?", fragte Peter alarmiert. "Ich dachte, wir machen diesmal keine Fälle."

"Ja, machen wir ja auch nicht", sagte Justus resigniert. "Aber es kann ja nicht schaden, wenn man weiß, mit wem man es zu tun hat. Vor allem, wenn die Person eben so bekannt ist."

Florence Devereaux war eine dieser Personen, die so reich waren, dass in ihrem Wikipedia-Artikel nur 'Erbin und Philanthropin' stand. Man kannte ihr Lächeln von Pressefotos, unter denen immer berichtet wurde, welch unglaubliche Summe sie wieder einmal einem wohltätigen Zweck hatte zukommen lassen. Wie die drei Fragezeichen also zu der Ehre gekommen waren, eine handschriftliche Einladung von ihr persönlich zu erhalten, galt es weiterhin zu klären.

"Da ist die Einfahrt." Justus deutete nach rechts. Die Häuser waren innerhalb der letzten paar Minuten immer weniger geworden, die Grundstücke ringsherum dafür immer größer. Jetzt lenkte Peter den Wagen auf einen gepflasterten Weg und dann durch ein großes, mit einer Kamera überwachtes Eisentor. Er hatte kaum Zeit, die Bäume und Blumen, die den Weg säumten, zu bewundern, bevor das Haus vor ihnen aufragte.

Der zweite Detektiv stellte den Motor ab und lehnte sich vor, um das Gebäude durch die Frontscheibe in vollem Glanz betrachten zu können. Säulen, Schnörkel, das volle Programm. "Ich sag euch jetzt schon, bei so reichen Leuten passiert immer der komischste Kram. Das wird interessant."

Justus hatte sich bereits abgeschnallt. "Na, das will ich ja hoffen. Los geht's!"

Er stieß die Tür auf und sprang förmlich aus dem Auto, um auf die Haustür zuzulaufen. Peter beeilte sich, seine Tür ebenfalls zu öffnen. "Hey, Just, keinen Fall, ja? Du hast es versprochen!", rief er ihm hinterher.

Der erste Detektiv wischte die Bemerkung beiseite, ohne sich umzudrehen. Peter seufzte. "Ich hätte einfach allein was planen sollen", murmelte er und schlug die Fahrertür zu.

"Nächstes Jahr." Peter hatte nicht erwartet, dass Bob schon direkt hinter ihm stand und zuckte bei seinen Worten unwillkürlich zusammen. Bob blinzelte gegen die tiefstehende Sonne zu ihm hoch. Auf Peters fragenden Blick sagte er: "Machen wir richtig Urlaub, mein ich. Nächstes Jahr. Mit Strand und so." Er grinste. "Wird gut."

Peter seufzte noch einmal. "Ja, wenn er uns denn gehen lässt."

"Ach…" Bob winkte ab. "Was soll er denn machen? Uns einschließen? Wenn wir erst mal unterwegs sind, beschwert der sich auch nicht mehr. Und andere Länder bieten komplett neue Möglichkeiten, was Fälle angeht. Lassen wir ihn einfach auf die Leute los, während wir am Strand liegen, oder so."

Peter kniff die Augen zusammen. So schön das auch klang, Justus hatte da so seine Tücken, wenn es darum ging, ihre eigentlich freie Zeit mit Fällen zu füllen. "Versprochen?"

"Klar." Bob zuckte mit den Schultern. "Ich bin ja wirklich der Letzte, der zu einer Reise nein sagen würde."

"Dann hättest du mir ruhig ein bisschen Rückendeckung geben können", maulte Peter.

"Mensch, ich hab wirklich so einen Hunger", rief Justus in dem Moment. Er stand bereits an der Haustür und sah sich betont unbeteiligt um.

"Wenn das kein Zaunpfahl ist", sagte Bob und lächelte Peter entschuldigend an. "Du hast mein Wort fürs nächste Jahr. Komm, bevor er uns verhungert."


Als Bob und Peter die Tür erreichten, betätigte Justus bereits den altmodischen Klingelknopf. "Jetzt bin ich aber gespannt", meinte er und verschränkte die Hände hinter dem Rücken.

Das Klingeln wurde schon nach wenigen Sekunden beantwortet. Die Tür ging mit Schwung auf und sie fanden sich einem kleinen Mann im altmodischen Frack gegenüber. "Sie wünschen?", fragte er, ganz unbeeindruckt und in einem Akzent, der schon fast zu klischeehaft für diese Szene war.

"Guten Tag", sagte Justus und setzte ein höfliches Lächeln auf. Die Gesichtszüge des Butlers hingegen waren wie in Stein gemeißelt. "Wir werden von Miss Devereaux erwartet", fuhr der erste Detektiv fort. "Wir sind—"

"Die Detektive aus Rocky Beach", unterbrach ihn der Mann. "Kommen Sie herein." Er trat beiseite und winkte sie durch die Tür.

Beinahe war Justus enttäuscht darüber, dass die Eingangshalle so klein ausfiel, doch dann, nachdem er die Tür geschlossen hatte, eilte der Butler ihnen voran in den angrenzenden Flur und es war direkt vorbei mit seiner Enttäuschung. Es sah aus wie ein Filmset, oder ein Museum. Die Tapeten waren vergoldet.

Der Butler hielt zielstrebig auf eine angelehnte Tür zu, klopfte kurz und mit Nachdruck, dann steckte er den Kopf in das Zimmer und verkündete mit seiner monotonen Stimme: "Die Herren Detektive sind eingetroffen, Miss."

Die Miss schien etwas zu antworten, was Justus allerdings nicht verstehen konnte. Der Butler drehte sich ruckartig zu ihnen herum, deutete auf die Tür und sagte: "Miss Devereaux empfängt Sie im Salon." Dann lief er davon und verschwand hinter einer Tür, weiter hinten im Flur.

Justus drehte sich zu seinen Freunden um, sah sie fragend an. "Wollen wir?"

"Du zuerst", forderte Peter ihn leise auf und zog die Nase kraus. Justus wusste, dass diese endlose Diskussion über Urlaub und Fälle wahrscheinlich später weitergehen würde, aber wenigstens war Peter scheinbar gerade genau so überwältigt wie er selbst und sagte nichts weiter.

Also betrat Justus den Salon. Er war grün, von oben bis unten, von der Tapete, über den Teppich, bis hin zu den Polstermöbeln. Und hell war er auch. Die eine Wand wurde fast vollständig von Fenstern eingenommen. Eine weitere war beinahe bis zur Decke mit Bücherregalen gefüllt.

Obwohl Justus sich meistens ziemlich viel Mühe gab, nicht unhöflich zu starren, so fiel es ihm jetzt doch schwer, seinen Blick von all dem loszureißen und sich stattdessen der Gastgeberin zuzuwenden.

Sie saß mit einem ihm unbekannten Mann inmitten des Grün auf einem Sofa und lächelte strahlend. Eben dieses Lächeln war es, woran er sie überhaupt erkannte. Florence Devereaux, so wie man sie von ihren Fotos kannte, in einem Kleid, dass eher für den roten Teppich bestimmt schien, als für das eigene Wohnzimmer. Oder eben den eigenen Salon.

Sie waren underdressed, das wurde Justus sofort klar. Andererseits… Selbst der Mann im Anzug sah neben Miss Devereaux irgendwie ganz glanzlos aus. Wahrscheinlich hatte das was mit ihr zu tun, nicht mit der Kleidung.

Sie stand sofort auf, als sie sie sah und umrundete das Sofa. "Ihr Lieben!" Sie schien aufgeregt, fast so als wären die drei die wichtigsten Persönlichkeiten im Raum und nicht sie selbst. "Wie schön, dass ihr es geschafft habt. Wir haben gerade noch über euch geredet." Sie streckte ihre Hand aus und Justus ergriff sie, wie auf Autopilot.

"Miss Devereaux." Den Impuls, sich ein kleines bisschen zu verbeugen, konnte er nur halb unterdrücken, überrumpelt davon, dass das mit der Einladung wohl doch ziemlich ernst gemeint gewesen war. "Ich bin Justus. Und das sind meine Freunde." Er drehte sich halb um, nur um sich zu versichern, dass sie ihn nicht einfach allein hatten gehen lassen.

Doch Bob und Peter standen hinter ihm, scheinbar genau so eingeschüchtert, wie er sich fühlte. "Peter Shaw und Bob Andrews."

"Ach, ich weiß doch", sagte Miss Devereaux und reichte auch den anderen beiden die Hand. Dabei musterte sie alle drei so aufmerksam, als könnte sie es nicht wirklich glauben, dass sie wirklich hier waren. "Ich kenne doch die Fotos. Ihr seid ziemlich berühmt, wo ihr herkommt, versteh ich das richtig? Ich bin ja so aufgeregt, euch endlich mal zu treffen."

Gut, die Frage, wie sie überhaupt an diese Einladung gelangt waren, wäre damit auch geklärt. Florence Devereaux war ein Fan der drei Fragezeichen.

"Die Freude ist ganz auf unserer Seite, Miss Devereaux", versicherte Justus. Bob machte ein schnaubendes Geräusch. Aber Justus konnte ja gar nichts dafür, dass er plötzlich in den extrem förmlichen Modus gewechselt war, er war sich eben nicht klar gewesen, wie eindrucksvoll das alles sein würde.

"Bitte, einfach Florence", sagte Miss Devereaux mit einem kleinen Lachen. "Miss Devereaux lässt mich älter wirken, als ich bin, nicht?" Zum Glück erwartete sie darauf scheinbar keine Antwort, denn sie trat ein paar Schritte zurück und deutete auf das Sofa.

"Setzt euch doch. Ich schwärme Ray hier schon seit Tagen davon vor, wie viel Spaß es sein wird, euch als Gäste zu haben, nicht?"

Ray, der streng dreinblickende Mann im Anzug auf dem Sessel, führte seinen Drink zum Mund, nickte kurz, dann nahm er einen großen Schluck.

"Raymond Cardew, übrigens", übernahm Miss Devereaux, Florence, die Vorstellung.

"Ihr seid also… Detektive?", fragte Ray skeptisch und stellte das beschlagene Glas wieder auf den kleinen Beistelltisch. Die Eiswürfel klirrten.

Justus nickte eifrig. "Ja, Sir. Hier." Gekonnt zog er eine Visitenkarte aus seiner Hosentasche und reichte sie Mister Cardew über den Kaffeetisch hinweg.

Ray nahm sie, hielt sie mit ausgestreckten Arm vor sich und las stumm. "'Wir übernehmen jeden Fall.'", sagte er schließlich. "Das find ich gut. Sehr engagiert für so junge… Menschen." Er reichte die Karte weiter an Florence, die sie so vorsichtig nahm, als wäre es ein seltenes Sammlerstück. Dann klingelte, wie auf Kommando, Raymonds Handy. "Ah, ich hab dann noch was zu erledigen", sagte er und leerte sein Glas in einem Zug, bevor er aufstand. "Bis später." Er nickte ihnen zu und verließ mit eiligen Schritten das Zimmer.

Florence seufzte. "Leider ist er ja immer so furchtbar beschäftigt", erklärte sie entschuldigend. "Sonst kann man sich ja eigentlich gut mit ihm unterhalten."

"Mr. Cardew ist Ihr…" Justus hob fragend die Augenbrauen.

"Anwalt", sagte Miss Devereaux.

"Oh." Justus lehnte sich wieder zurück.

"Ja, einer der Familienanwälte, der— Ah, du dachtest— Ach Gott, nein, das würd ich ja nicht aushalten." Sie lachte. "Ich glaube, mit dem wird niemand glücklich. Ha, nur ein Witz, ich mag ihn ja doch. Obwohl er Anwalt ist. Wir sind schon lange, lange, Freunde, müsst ihr wissen. Unsere Väter waren befreundet und dann, ja… Aber wir kommen gut miteinander aus und ich hab ja den Platz im Haus, also geht das schon so und… es tut mir jetzt schon leid, ich bin heute einfach sehr aufgeregt, sonst rede ich nicht so viel." Sie faltete die Hände in ihrem Schoß und blinzelte ein paar Mal, bevor sie wieder fotoreif lächelte.

"'Einer der Familienanwälte'", murmelte Peter sehr leise und schüttelte beinahe unmerklich den Kopf.

"Jedenfalls macht er bestimmt einen besseren Eindruck, wenn ihr ihn besser kennenlernt", sagte Miss Devereaux hoffnungsvoll. "Das wird schon, während wir zusammen spielen. Oh! Apropos, ich kann euch schon mal das Spielezimmer zeigen."

Sie stand wieder auf. "Ich bin ja wirklich ein bisschen verrückt, was das angeht. Aber ich veranstalte ganz häufig Spieleabende mit Freunden und so. Deswegen lohnt es sich. Kommt."

Anstatt zurück in den Flur zu gehen, blieb sie vor einem Wandvorhang stehen und schob ihn beiseite. Eine Tür kam zum Vorschein. Sie hielt sie auf und winkte die drei hinein.

Eine Wand war von deckenhohen Regalen voller Kisten und Kartons bedeckt. In der Mitte stand in gigantischer Tisch, den Justus erst für einen Billardtisch hielt. "Was ist das?", fragte er.

"Seit ich klein bin", begann Miss Devereaux, "ist mein Lieblingsbrettspiel Clue. Mit den kleinen Figuren und den den Zeichnungen von den Charakteren… Hach, jedenfalls dachte ich mir irgendwann: Warum kein größeres Spielfeld? Ich hab den Tisch anfertigen lassen und jetzt ist es ein ganz anderes Erlebnis. Dazu kommen wir auch noch, eine der ersten Sachen, die ich geplant habe, weil… Naja…" Sie lächelte ein bisschen beschämt. "Ich dachte mir, ihr als Detektive… Und dann so ein Spiel, das wäre doch lustig, oder?"

"Bestimmt." Justus musterte das Spielfeld genauer. "Haben Sie noch weitere Mitspieler, außer Mister Cardew?"

In dem Moment flog die Tür zum Flur auf. "Flo!" Die Frau, die jetzt heraneilte, rang die Hände. "Bestehst du auf Brasse?"

Miss Devereaux lachte kurz auf. "Natürlich nicht." Ein bisschen besorgt fügte sie hinzu: "Ich dachte, du wärst schon fertig."

"War ich ja", erwiderte die andere Frau. "Aber dann ist mir das wieder eingefallen und jetzt…" Sie seufzte gestresst, nahm ihre Brille ab und rieb sich mit Daumen und Zeigefinger über den Nasenrücken. "Ich hab schon bei so vielen Leuten angerufen, einfach niemand hat gerade Brasse? Jedenfalls nicht so kurzfristig und auch nicht für dreihu—"

Miss Devereaux packte sie an den Schultern. "Immer mit der Ruhe."

"Was ist Brasse?", flüsterte Peter Justus zu.

"Ein Fisch", flüsterte er zurück. "Speisefisch."

"Wir können doch sicher umplanen", sagte die unbekannte Frau nach zwei tiefen Atemzügen. "Vielleicht nicht unbedingt Fisch? Irgendwas, was wir nicht importieren müssen?"

Miss Devereaux lächelte nachsichtig. "Sicher, sicher. Schau du doch einfach, was am besten geht, dann schaltest du den Laptop aus und kommst runter, ja? Wir haben Gäste." An den Schultern drehte sie sie herum, bis sie die drei Jungs ansah. "Das sind die drei Detektive, von den ich erzählt habe. Jungs, das ist Georgia, meine Assistentin, meine Vertraute… der Leim, der mein Leben zusammenhält… sucht euch was aus."

"Oh." Georgia setzte ihre Brille wieder auf. "Hallo, äh... Schön euch kennenzulernen. Ihr kommt aus L.A.?"

"Nähe L.A., ja", sagte Justus.

Sie nickte, als würde das irgendetwas Wichtiges erklären. "Gut, ich hatte schon Angst, dass wir wieder mit Sybil spielen müssen und, äh, nichts gegen Sybil, aber sie kann halt nicht wirklich gut sehen und das versaut immer den Spaß."

Justus hatte keine Ahnung, wovon sie redete, geschweige denn, wer Sybil war, doch er nickte pflichtbewusst.

"Okay, dann, äh…" Georgia drehte sich zögerlich wieder zu Miss Devereaux um. "Ich geh das klären. Dann komm ich zum Essen." Und sie flitzte davon.

"Georgia kann auch einfach nicht mit dem Arbeiten aufhören. Ist hier im Haus so ein Muster, fürchte ich. Ich fall da total raus", kommentierte Miss Devereaux, dann plötzlich schlug sie sich mit der flachen Hand vor die Stirn. "Ach, ich bin so eine Nuss. Ihr müsst schon furchtbaren Hunger haben, ihr seid ja ewig gefahren. Ich sag schnell Benson Bescheid, dann könnt ihr kurz oben euer Zimmer ansehen und dann kommt ihr gleich wieder runter zum Essen, ja? Ich muss schnell in die Küche, ach du— Seht ihr, ohne Georgia läuft hier gar nichts. Benson!" Sie ließ keine Einwände zu, die sowieso nur halbherzig gewesen wären, sondern eilte zurück in den grünen Salon. "Benson!"

Als die Detektive ihr folgten, stand der Butler bereits in der Tür zum Flur. "Können Sie den dreien ihr Zimmer zeigen, Benson?"

Benson nickte stumm, dann verschwand er. Ein paar Sekunden später erschien er wieder in der Tür. "Sie müssten mir schon folgen, die Herren."


Im Obergeschoss gab es zu viele Türen. Benson lief in einer Geschwindigkeit, die Bob ihm nicht zugetraut hätte, die Treppe nach oben und blieb dort vor einer Tür stehen, die er mit genauso viel Schwung aufstieß, wie er das scheinbar mit allen Türen im Haus zu tun pflegte.

"Miss Devereaux wird Sie in zehn Minuten im Esszimmer erwarten", sagte er steif, dann ließ er sie einfach so dort stehen.

"Und wo—" fragte Justus noch, doch der Butler war bereits außer Hörweite.

"Was ein komischer Typ", bemerkte Bob und trat in das Zimmer. Wo er schwere Samtvorhänge, handgeschnitzte Tischchen und vielleicht auch das eine oder andere Himmelbett erwartet hätte, fand er dunkle Rollos, zwei weiße Kommoden und drei identische Einzelbetten, die alle mit dem Fußende zur Tür standen.

"Ist ja wie in der Jugendherberge." Peter musterte den Stapel Handtücher auf jedem Bett. "Und ich glaube fast, man hält uns für die Neffen von Donald Duck."

Bob schnaubte. Tatsächlich waren die Handtücher farblich sortiert. Blau, rot, grün. Da hatte aber jemand nicht ordentlich recherchiert. Er warf einen kurzen Blick aus dem Fenster, dann drehte er sich zu seinen Freunden um. "Denkt ihr, ich finde hier so auf die Schnelle ein Bad?"

Justus zuckte mit den Schultern. "Eine der Türen wir schon gehen. Wie kommt denn unser Gepäck hierher?"

Bob drehte sich zu ihm herum. In der Ecke neben der Tür waren ihre Taschen und Rücksäcke fein säuberlich übereinander gestapelt. "Das war bestimmt dieser Benson", grummelte er.

"Wie kommt der denn in mein Auto?", empörte Peter sich.

"Gute Frage", sagte Bob. "Können wir gleich drüber reden, wenn ich ein Bad gefunden habe. Ich muss dringend aufs Klo." Er verließ das Zimmer und begann, wahllos die Türklinken herunterzudrücken. Alle Türen waren verschlossen, selbst mit ein bisschen Rütteln ließ sich da nichts machen. Ein bisschen verärgert bog er am Ende des Ganges ab, doch wurde im gleichen Moment unsanft gestoppt.

Er brauchte einen Moment, um zu realisieren, dass das, was sich gegen sein Brustbein presste, der Lauf eines Gewehrs war. Ein echtes Jagdgewehr, das Metall war selbst durch sein T-Shirt kühl auf der Haut.

Unwillkürlich schnappte er nach Luft. Dann glitt sein Blick zu den bleichen Händen, die die blank polierte Waffe hielten, schließlich zu der Person, zu der die Hände gehörten.

Erleichtert stieß er die Luft wieder aus und entspannt sich ein bisschen. Es handelte es sich um eine alte Frau, die ihn durch dicke Brillengläser skeptisch musterte. "Du…" sagte sie und schürzte die Lippen. "Du hast sie doch gesehen, nicht?"

"Ich, äh…", machte Bob, weil er ehrlich gesagt ziemlich überfordert mit der Situation war. Lebensgefahr war ihm wirklich nichts Fremdes, aber selten war es dann doch so direkt. Der Lauf der Flinte drückte sich noch ein bisschen fester gegen seine Brust. "Gesehen?"

Da ergriff sie blitzschnell sein Handgelenk und zog ihn ein paar Meter weiter zum nächsten Fenster. "Da." Sie deutete hinaus. "Da waren sie."

Angestrengt sah Bob hinaus und versuchte, von hier oben etwas zu erkennen. Er sah die Hinterseite vom Grundstück, eine Wiese, die sich bis an den Zaun erstreckte. Nah am Haus waren einige Beete angelegt. "Wo genau?", fragte er unsicher.

Die Alte hatte ihn bis dahin aufmerksam angesehen, jetzt blickte sie selbst aus dem Fenster. "Na, jetzt sind sie natürlich weg", sagte sie patzig. "Wir waren zu langsam."

Bob befreite vorsichtig seine Hand aus ihrem Griff. "Wer ist weg?"

Sie drehte sich ruckartig wieder zu ihm, packte mit der Hand, die nicht die Schrotflinte umklammert hielt, seine Schulter und schüttelte ihn leicht. "Die Zwerge!" Dann wurde sie von einem feuchten Hustenanfall geschüttelt.

"Ah!" Bob sparte sich einen weiteren Kommentar und bemühte sich, einen neutralen Gesichtsausdruck zu wahren. Wenigstens waren es keine Einbrecher oder Schlimmeres. Warum man die offensichtlich verwirrte Frau allerdings mit einer Waffe durchs Haus streifen ließ, erklärte das immer noch nicht. "Na klar."

"Mach dich nicht lustig über mich, Junge", sagte sie jetzt heiser und drohte ihm mit dem Finger. "Vergiss nicht, ich kenn dein Geheimnis."

Okay… Er schluckte. Offensichtlich war die Arme einfach nur verwirrt, hielt ihn wahrscheinlich für jemand anderen, aber Angst hatte er trotzdem ein bisschen vor ihr. Was vermutlich auch zum Großteil an der Flinte lag, die sie noch immer in der Hand hielt.

"Ich frag mal meine Freunde, ob sie was gesehen haben, ja? Rühren Sie sich nicht vom Fleck." Rationale Erklärungsversuche würden hier bestimmt nicht viel bringen, aber er wollte ja doch sicher gehen, dass sie ihn jetzt nicht einfach abknallte, weil er ihre Hirngespinste nicht bestätigen konnte. Am besten, er machte sich aus dem Staub und fand schnellstmöglich jemanden, der die Alte einsammeln und auch gleich entwaffnen konnte.

Er machte zwei Schritte rückwärts, dann, als er sah, dass sie mittlerweile wieder aus dem Fenster starrte, drehte er sich um und rannte den Rest des Weges. Ein bisschen außer Atem blieb er in der Tür zum Gästezimmer stehen.

"Also interessant wird es definitiv", verkündete er, als seine Freunde sich überrascht zu ihm umdrehten. "Die haben hier nämlich eine Oma, die mit einem Jagdgewehr auf Zwerge im Garten schießt. Vom Fenster aus."

Die beiden sahen erst ihn, dann einander verblüfft an. "Naja", sagte Justus langsam. "Vielleicht ist es ja nicht nur ein Rohrbruch, sondern auch noch ein Gasleck." Er deutete mit dem Finger auf die Decke über einem der Betten.

Auf den ersten Blick hätte Bob geglaubt, jemand wäre beim Streichen einfach nicht besonders sorgsam gewesen, aber der dunklere Fleck entpuppte sich als feuchte Stelle. Es dauerte nur ein paar Sekunden, bis sich ein Tropfen an der Decke sammelte und dann mit einem leisen 'Platsch' auf eine bereits durchtränkte Stelle auf der Bettdecke fiel.

"Na, große Klasse."