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Esther wollte doch einfach nur den Tag genießen. Sie hatte frei, die Sonne schien ununterbrochen, Jay und Kira liefen neben ihr, alles glitzerte, sie war umgeben von Farben. Genau da, wo sie sein wollte. Und sie hatte auch nicht vor, sich das von irgendjemandem vermiesen zu lassen. Klar gab es wieder einen Gegenprotest, lächerliche dreißig Leute gegen mehrere tausend, die bunt und laut für ihre Rechte einstanden, aber das war ja zu erwarten.
Nicht zu erwarten war dagegen die Gestalt, die gerade an Esther und ihren Freundinnen vorbei huschte, in Richtung der grimmig dreinblickenden Gegendemonstranten. Esther versuchte wirklich, den Blick abzuwenden. Sie hatte nichts gesehen, einfach ignorieren, nicht aus dem Konzept bringen lassen, lieber Jay zuhören, die lauthals I kissed a girl and I liked it mitsang.
Zwecklos. Diese Frisur hätte Esther unter Tausenden erkannt.
Scheiße. Konnte sie nicht mal einen Tag ihr Leben leben, ohne wieder auf irgendwen aufpassen zu müssen? Klar, sie könnte es einfach ignorieren, aber wenn sich da einer aus der sicheren Masse entfernte und offensichtlich auf Streit aus war...
Esther hielt inne. Oder was, wenn der gar nicht zu ihnen gehörte, sondern zu den dreißig dämlichen Faschos? Dann würde sie ihm aber ordentlich die Meinung sagen.
Entschlossen löste sie sich von Kira und Jay, gestikulierte vage, dass sie gleich zurück sein würde, und hastete dem Idioten hinterher.
"Hey!" Sie versuchte, ihn noch zu erwischen, bevor er was richtig Dummes tun konnte. "HEY!"
Er drehte sich um und blieb wie angewurzelt stehen. Gut so.
Esther stemmte die Hände in die Hüften. "Schürk, was zur Hölle treibst du hier?"
Er öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Sein Blick blieb an Esthers Gesicht hängen, dann an der orange-weiß-pinken Flagge, die an ihrem Gürtel baumelte. Die Art, wie er darauf starrte… Mit einem Mal wurde Esther richtig wütend.
"Wenn du mir jetzt sagst, dass du zur Gegendemo da bist-" Sie schnaubte fassungslos. "Ich wusste ja, dass du ein Arschloch bist, aber so eins-"
Adam starrte ihr blank in die Augen. Wortlos hob er die Hand und deutete auf sich selbst. Eyeliner, funkelnde Ohrringe, ein gewagt knappes Top – und tiefer schaute Esther mal lieber nicht, weil sie ja irgendwie ihre Professionalität behalten musste.
Adam blickte sie an, als würde er mit einem Kleinkind sprechen.
"Ich bin schwul, Esther." Er hob die Brauen und starrte sie an. "Schwul."
Ja. Das hatte sie jetzt auch kapiert.
Aber – ernsthaft? Schürk? Ausgerechnet der? Gut, im Nachhinein ergab das schon Sinn, so wie der immer dem Hölzerchen hinterherschlich und diese unsäglichen Blicke, aber... Esther konnte es trotzdem nicht fassen. Das passte jetzt absolut nicht in ihr Weltbild.
Sie schluckte.
"Meinetwegen."
Misstrauisch funkelte Adam ihr entgegen. "Was, hast du 'n Problem damit?"
Am liebsten hätte sie ihm eine reingehauen.
"Ja klar hab ich damit ein Problem, deswegen hänge ich auch hier rum und hab nen Regenbogen im Gesicht."
Adam blickte sie an, als würde er sie erst jetzt wirklich sehen. Ein Gefühl, das Esther lieber schnell wieder loswerden wollte. Wahrscheinlich war die Pride Flag auf ihrer Wange längst durch Sonnencreme verschmiert.
Adam zuckte mit den Schultern, legte den Kopf schief. "Ja, sorry."
Esther seufzte. Was machte man denn jetzt, wenn der nervige Kollege doch kein Arschloch war?
Sie zeigte auf die erbärmliche Gegendemo hinter Adam. "Halt dich fern von den Typen. Ich will hier an meinem freien Tag keine Ermittlungen haben, verstanden?"
Für einen Moment starrte er trotzig zurück. Und Esther dachte einen winzigen Augenblick lang darüber nach, wie es wohl wäre, sich gemeinsam mit Adam auf diese Arschlöcher zu stürzen. Aber nein. Sie war professionell.
Und Adam schien das jetzt auch einzusehen. Jedenfalls funkelte er nur böse zu den Typen herüber und schloss sich dann mit Esther wieder der Menge an.
"Hätte ich dir gar nicht zugetraut", sagte er mit einem Seitenblick.
Esther verschränkte die Arme. "Gleichfalls."
"Danke."
"Verpiss dich."
Esther hatte Jay und Kira entdeckt, die weiter vorn neben einem der Wagen liefen. Zum Glück. Länger wollte sie sich nicht mehr mit Schürk herumschlagen.
"Wir sehen uns im Büro!", rief Adam ihr nach. Sie schüttelte nur grinsend den Kopf über ihn. Na, wenigstens hatten sie jetzt das gleiche Geheimnis.
