Actions

Work Header

what a wicked thing to do (to let me dream of you)

Summary:

Ihre Hand strich ganz langsam über Ninas Schulter, zog sie noch ein wenig näher. Es fühlte sich an, als würde sie auf Julie zufallen, und wieder stellte sie fest, dass sie nicht stoppen wollte. Überhaupt nicht.
"Wen würden Sie vermissen?", fragte Julie, und es riss Nina kurz von den Füßen, diese Leichtigkeit, mit der sie den Spieß umdrehte und Ninas eigene Sehnsüchte zurückspiegelte.

Ninas zweite Begegnung mit Julie in der Tanzbar, nur ein wenig anders.

Notes:

Der Titel ist aus "Wicked Game", und im Oneshot kommen ein paar Zeilen aus "Liebe ist alles" vor - beide Songs sind ja in der Folge zu hören und ich finde die einfach soo passend für Nina und Julie.
Das hier setzt während des zweiten Treffens von den beiden in der Tanzbar ein und führt die Szene noch ein bisschen weiter.
Danke an Sam und Kris fürs Drüberlesen! <3

(See the end of the work for more notes.)

Work Text:

 

 

 

"Hab den Kompass verloren, Hoffnung steht mir nicht, habe kein Talent zum Glück... ich sehne mich nur danach."

Nina zuckte mit den Schultern. So war ihr Leben nun mal, das schien der Lauf der Dinge zu sein. Es war schon okay. Meistens kam sie zurecht, und nur das zählte letztendlich.

Julie sah nicht aus, als wäre sie damit zufrieden. Diese großen weichen Augen...

"Gibt's denn niemanden, den Sie lieben?", fragte sie sanft, fast schon bedauernd.

Nina senkte den Blick, zwang sich zu einem Lächeln. Es verzerrte ihren Mund, ließ die Augen unberührt. Es war nicht wie mit Viktor damals, auch nicht wie mit all ihren anderen Partnern, wenn sie an ihn dachte. Karow war halt Karow. Arrogant, verschlossen, schonungslos ehrlich. Manchmal sah sie ihn bröckeln, manchmal dachte sie, sie könnte ihm vielleicht helfen, oder er ihr, aber am Ende lief es immer auf dasselbe hinaus. Sie waren beide zu einsam und kaputt, um sich zu wehren.

Julie blickte sie immer noch an, mit dieser Neugier, die etwas Unschuldiges an sich hatte. Nina seufzte auf.

"Vielleicht", sagte sie und lächelte wieder, schmerzvoll. "Aber wir verhalten uns so, dass der eine nie was vom anderen verlangen kann. Keiner will sich die Blöße geben, womöglich eine Abfuhr zu kassieren."

Julies Gesicht war ernst geworden. Sie presste die Lippen aufeinander, Nina sah ihre Gedanken wirbeln hinter der Maske aus Makellosigkeit.

"Dann lieben Sie sich nicht", sagte Julie leise. "Dann arrangieren Sie sich nur."

Wenn da nicht eine aus Erfahrung sprach, dachte Nina. Aber sie war ja selbst nicht besser. Von dem törichten Gedanken, irgendwas an ihrer Beziehung zu Karow sei Liebe, hatte sie sich schnell verabschiedet. Und das war ihr nur recht gewesen. Vielleicht hatte sie ohnehin verlernt, wie Liebe funktionierte. Kaleb und Tolja lagen ihr am Herzen, wie könnten sie auch nicht, doch selbst die beiden waren erwachsen geworden, brauchten sie nicht mehr ständig.

Und wer sollte Nina auch wollen? Karow steckte genauso tief in der Scheiße wie sie, da war das kein Wunder, aber kein normaler Mensch konnte in dem Leben, das sie führte, einen dauerhaften Platz finden. Dann war es eben so.

Nina blickte in Julies Augen auf, die sie hineinzogen wie ein blinder Rausch. Für einen winzigen Augenblick kippte die Welt.

"Ich würde um Sie kämpfen", sagte Julie, so aufrichtig, dass es Nina einen Stich durch die Brust trieb. "Sie haben ein reines Herz."

Nina schluckte hart. Das ging nicht. Julie wusste nicht einmal, was sie hier sagte, und bei allem, was in der Welt um sie herum geschah, war das ohnehin irrelevant, aber -

Aber mit leisem Schrecken stellte Nina fest, dass sie es wollte.

Etwas zog sie hin zu Julie, das anders war als alles, was sie die letzten Jahre über gefühlt hatte. Ein Stupsen, das ihre Welt zum Kreiseln brachte, langsam erst, allmählich schneller.

Nina dachte an die Ermittlungen, das Zeugenschutzprogramm. An Karow.

Fuck. Zu viel.

"Du brauchst nen Adapter zum Kopieren der SSD-Platte", sagte sie und beugte sich zu Julie. "Den besorg ich. Morgen um zehn im Andenkenladen?"

Julie nickte bloß. Nina sah die Angst in ihrem Gesicht, die Entschlossenheit, und wollte ihr schon jetzt Glück wünschen. Wenn es ihr gelang, die Daten vom Laptop ihres Mannes zu kopieren, war das ihr Ticket in die Freiheit. Es war ein Spiel, das im Tod enden konnte, aber wenigstens hatte sie die Möglichkeit, sich für ein anderes Leben zu entscheiden. Wenigstens hatte sie den Mut dazu.

Nina presste die Lippen aufeinander. Einfach abhauen, neue Stadt, neue Identität... es wäre gelogen, zu behaupten, dass sie nicht gelegentlich über sowas fantasierte. Die Idee, sich in eine andere Abteilung versetzen zu lassen, war schnell im Sand verlaufen, und seit sie und Karow in ihrer was-auch-immer-Beziehung steckten, trieb sie sich auch weniger in Nachtclubs herum. Es fehlte ihr manchmal; das Gefühl, ihre Identität als Polizistin für ein paar Stunden ablegen zu können, einfach irgendjemand zu sein, nur auf der Suche nach Spaß, nicht nach Indizien. Aber in letzter Zeit fiel ihr auch das schwer. Wenn ihr Job das Einzige war, was ihr blieb, konnte sie das nicht so einfach ignorieren. Nicht für irgendeinen belanglosen Fremden in der Berliner Nachtszene.

Vorsichtig blickte sie zu Julie herüber, die ihre Tasche zusammenpackte. Etwas in ihr wehrte sich gegen den Gedanken, sich jetzt schon zu verabschieden. Julie hatte wahrscheinlich nicht viel Zeit, es war unverantwortlich, doch Nina hatte sich seit Langem nicht mehr so wohl gefühlt wie hier in ihrer Gesellschaft. Gestern Abend, als sie hier getanzt hatten, mit all den anderen Frauen, als wären sie nur hier, um gemeinsam auszugehen, als wären sie...

Nein. Nina schluckte heftig. Nein nein nein nein.

Wie Julie sich bewegt hatte, so natürlich, so geschmeidig im funkelnden Licht, wie die Freiheit aus ihr herausbrach, die kein Mann hatte ersticken können, wie sie Nina herumgewirbelt hatte...

Fuck

Mit den Verdächtigen was anzufangen, war doch Karows Sache. Das musste sein schlechter Einfluss sein.

Nina blickte zu Boden. Selbst der Gedanke an Karow konnte das Ziehen in ihrer Brust nicht verdrängen.

Als sie den Reißverschluss von Julies Tasche hörte, hob sie rasch den Kopf. Julie musterte sie besorgt. Nina versuchte sich an einem Lächeln, aber das schien an diesem Abend einfach nicht zu klappen.

Langsam griff Julie nach ihrer Tasche, hielt dann inne. Ihre Augen glänzten.

"Gibt es wirklich nichts, was ich für Sie tun kann?"

Nina schaute sie an. Ihr stolperte das Herz und die Worte gleich hinterher.

"Würdest du nochmal mit mir tanzen?"

Noch ehe sie hinterfragen konnte, was für eine Scheißidee das jetzt gewesen sein mochte, ließ Julie ihre Tasche wieder sinken und nickte. Merkwürdige Nervosität kroch durch Ninas Brust. Es war ihre Idee, was sollte das jetzt, sie musste schon...

Ihre Gedanken gerieten jäh ins Stocken, als Julie neben sie trat und eine Hand ausstreckte. Stumm griff sie danach und ließ sich hochziehen, führte Julie Richtung Tanzfläche. Irgendein sanftes Lied summte vor sich hin. Außer ihnen waren nur eine Handvoll Frauen da, alle über die Tische ringsum verteilt. Auch wenn niemand hinsah - Nina hatte das Gefühl, sie und Julie wären der Mittelpunkt der Welt. 

"Moment", sagte Julie und ließ ihre Hand los. "Warte."

Verwirrt blieb Nina stehen, sah zu, wie Julie zur Bar herüberging und der Frau dort etwas zuflüsterte. Als sie zurückkam, hallten die ersten Töne eines Liedes durch den Raum. Julie lächelte verlegen, und Nina fuhr ein warmer Schauer über den Rücken, als sie es erkannte.

Hast du nur noch einen Tag, nur noch eine Nacht... sang es um sie herum.

Nina schluckte die plötzliche Trauer herunter und ergriff Julies Hand. Diesmal brauchte es nichts, keine Tarnung; ihre Körper schmiegten sich so instinktiv aneinander, als hätten sie das hier schon tausendmal gemacht. Nina schlang die Arme um Julie, legte die Hände auf ihren Rücken, über den weichen Stoff ihrer Bluse. Julies Hand schloss sich zart um ihre Taille. 

Sie bewegten sich langsam, wiegend, schwebten in sanften Kreisen über die Tanzfläche. Es war alles, was Nina wollte.

Hast du nur noch eine Frage, die ich nie zu fragen wage...

"Wie fühlt sich das an?", fragte sie leise. "Dein ganzes Leben zurückzulassen?"

Julie sah sie an, schien einen Moment nachzudenken. "Leicht", sagte sie dann, und Nina stellte fest, dass sie ihr ohne zu zweifeln glaubte. "Überraschend leicht. Es ist Jahre her, dass ich so eine Hoffnung gefühlt habe."

Hoffnung war ein mächtiger Begleiter, das wusste Nina. Sie hatte nicht gedacht, dass sie ihm je wiederbegegnen würde, doch vielleicht hatte sie sich geirrt. Vielleicht war es wirklich leicht.

"Wirst du irgendetwas vermissen?", fragte sie Julie.

Ihr Gegenüber neigte den Kopf. "Ich glaube nicht."

Ihre Hand strich ganz langsam über Ninas Schulter, zog sie noch ein wenig näher. Es fühlte sich an, als würde sie auf Julie zufallen, und wieder stellte sie fest, dass sie nicht stoppen wollte. Überhaupt nicht.

"Wen würden Sie vermissen?", fragte Julie, und es riss Nina kurz von den Füßen, diese Leichtigkeit, mit der sie den Spieß umdrehte und Ninas eigene Sehnsüchte zurückspiegelte.

Nina dachte nach. Natürlich gab es Menschen, die ihr fehlen würden, aber wieder fühlten sie sich so weit weg an.

"Oh, meine beiden Jungs", sagte sie mit einem Lächeln. "Meinen Arschloch-Kollegen. Und die Arbeit, vielleicht."

Sie schluckte. Und dann legte sich die Wahrheit über ihr Herz.

"Aber eigentlich braucht mich keiner."

"Das stimmt nicht", sagte Julie, so unvermittelt, dass Nina kurz brauchte, um sie zu verstehen. Natürlich. Für Julie war sie gerade der wichtigste Mensch auf der Welt, die Einzige, die ihr helfen konnte.

Nina lächelte wehmütig. "Du bist ja morgen auch weg."

Und da blickte Julie sie an, so als würde sie doch etwas vermissen. Das Wichtigste auf der Welt. Nina konnte nur zurückstarren, ihr Herz hämmernd, und hoffen, dass Julie es verstand. Ich auch. Ich doch auch. 

Und als Julie sich zu ihr lehnte, kam Nina ihr entgegen und sie trafen sich, suchende Lippen, verzweifelte Augen. Nina wollte nicht, dass es je aufhörte. Julie schmeckte süß und nach Freiheit und Mut, und wenn sie diesen Traum teilen konnte, sei es nur für diese Nacht, dann würde sie sich ohne ein Zögern hineinstürzen. Sie hob die Hände, umfasste Julies Wangen, hielt sie so sanft, wie sie konnte, und küsste sie zurück, als hinge ihr Leben davon ab. Die Welt wirbelte um sie herum. 

Lass das alles hinter dir, fang nochmal von vorne an...

Die Musik klang in ihren Ohren, als Nina Julie festhielt. Ihr schwirrte der Kopf. Julies Arme lagen an ihrem Rücken, und auf einmal war Nina diejenige, die gehalten wurde. Sie vergrub ihren Kopf an Julies Schulter, versuchte die Tränen zu verbergen. Nochmal von vorne anfangen. Vielleicht war das doch kein unerreichbarer Traum.

Julies Hand strich über ihren Rücken. Mit aller Kraft sammelte sich Nina, drängte die Sehnsucht zurück, den Gedanken, wie sehr es wehtat. Dann hob sie den Blick, begegnete Julies funkelnden Augen.

Sie schluckte. "Du hast gesagt, du hättest nicht viel Zeit."

Wenn sie zu lange wegblieb, würde sicher jemand Verdacht schöpfen, und das gefährdete die ganze Aktion. 

Julie senkte den Blick. Dass ihre Augen schimmerten, hatte Nina trotzdem gesehen.

"Nina, ich habe nur noch einen Tag."

Nina presste die Lippen aufeinander. Nicht fallen, nicht fallen, nicht -

"Ich weiß", brachte sie hervor, und das wäre der Moment gewesen, zu gehen, Julie gehen zu lassen, es zu beenden, bevor alles noch schlimmer wurde. Einfach einen Schritt zurückzutreten.

Nina blieb stehen.

Nina legte die Hände an Julies Wangen und küsste sie, stürmisch, verzweifelt, wie sie noch nie jemanden geküsst hatte. Nur noch ein Tag.

Julie zitterte, als sie sich lösten. Ihre Schultern bebten in dem Versuch, nicht zusammenzubrechen, die Tränen nicht gewinnen zu lassen. Eine Bolschakow durfte sich das nicht erlauben.

"Geh", sagte Nina und schob sie sanft Richtung Tür. "Geh. Wir sehen uns morgen."

"Nina-"

"Geh." Nina drückte ihre Hand. Julie drückte zurück. "Ich warte auf dich."

Sie würde warten, dachte Nina, als Julie sich ihre Tasche griff und nach draußen eilte. Sie würde warten. Solange, bis Julie in Sicherheit war. Und wenn es das Letzte war, was sie tat.

 

 

 

 

 

Notes:

...und dann steigt Nina mit ins Flugzeug. 😌