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Cynosure

Summary:

Ausschnitte vom ersten Band der zweiten Reihe, aus Nolans Perspektive.

Notes:

Warum macht es so viel Spaß seine POV zu schreiben.

Obviously: Spoiler Warnung für die Beute des Fuchses.

(See the end of the work for more notes.)

Work Text:

Nolan war wütend. Das war, an sich, nichts besonders Außergewöhnliches. Sein Temperament war schon als Kind unglaublich kurz gewesen. 


Nichtsdestotrotz war sich Nolan sicher, dass er eine solche Wut wie diese schon lange nicht mehr verspürt hatte. Sie breitete sich durch seinen Körper aus wie ein Feuer, das ihn jeden Moment von innen aushöhlen würde. Die zittrigen Atemzüge, die Nolan nahm, um sich zu beruhigen, halfen nicht wirklich. 

 

Diese gesamte Situation, entschied er, während er sein zerzaustes Aussehen im Spiegel betrachtete, war eben, objektiv gesehen, einfach nur Simons Schuld. Und, nein - das war nicht nur Nolans persönlicher Bias gegen seinen höchst verwöhnten Bruder, der da sprach. Sondern rationaler Fakt. Nolan wäre nicht hier, hätte Simon sich nicht eingemischt. Nolan wäre nicht hier, hätte Simon mal wenigstens für fünf Minuten sein komplett unsinniges Stigma gegen Nolan runtergeschluckt und sich auf seine Seite gestellt. Hätte Simon doch einfach nur zugegeben, dass Nolan Recht hatte -

 

Nolan schnaubte verächtlich. Und Simon glaubte ernsthaft, Nolan wäre hier der Böse.

 

Das Urteil war also ganz einfach: es war alles seine Schuld. Klar, Nolan hätte vielleicht nicht so gereizt werden dürfen, dass er mit der Faust auf dem Tisch schlug, und, na schön, Nolan hätte eventuell nicht unbedingt auf Winter losgehen müssen, aber jede Tat, die Nolan gemacht hatte, war bloß eine Reaktion auf seine Umstände. Seine Familie konnte nicht erwarten, dass er ihnen ihre Ausreden um die “potentielle Gefahr” abnahm, wenn sie die letzten anderthalb Jahre damit verbracht hatten, seinen Zwilling auf ein Podest zu stellen. Genauso wenig konnte Winter erwarten, dass Nolan ihre Provokation einfach durchgehen ließ. 

 

Nolan hob sein Kinn. Sein Spiegelbild auch. Nein, schlussfolgerte er verächtlich und strich sich das verstrubbelte Haar glatt, Nolan selbst hatte nichts falsch gemacht. Die anderen waren alle Schuld. 

Vor allem Simon. Nolan wusste jetzt schon, dass er morgen dazu gezwungen werden würde, sich zu entschuldigen. Was absolut absurd war. Simon war nicht die Zielscheibe gewesen - was konnte Nolan dafür, wenn er sich selbst zu einer machte? 

 

Trotzdem hatte ihre Rauferei (die Nolan gewonnen hätte übrigens, hätte Malcolm sich nicht eingemischt) Spuren hinterlassen. Nolans Ellenbogen blutete. Sein Ärmel war schon durchtränkt. 

Nolan tat das Vernünftige: Er schlug nicht gegen den Spiegel, oder die Wand, oder das Waschbecken und genau so wenig schrie er aus vollem Halse. Stattdessen nahm er noch einmal einen tiefen Atemzug, der genauso nutzlos war wie alle anderen davor und drehte sich zu dem kleinen Schrank, in dem Zwillinge ihre Erste-Hilfe-Sachen aufbewahrten. Als wäre sein Tag noch nicht schlimm genug gewesen. 

 

Während Nolan frustriert nach einem Haufen Taschentücher griff, traf ihn erneut der Gedanke, dass alles besser wäre, wäre sein Bruder einfach nicht da. Dann würde er nicht  täglich in Gefahr laufen, von einem arroganten, heuchlerischen Möchtegern-Superhelden ständig überschattet zu werden . Dann wäre Nolan der Mittelpunkt - so wie es auch eigentlich sein sollte. Er, allein, das Besondere. Der Gedanke, der einst für ihn etwas Banales gewesen war, klang nun fast wie ein Wunschtraum. 

 

Nolan machte den Schrank wieder zu und betrachtete sich im Spiegel. Seine Haare waren, obwohl er sie gerade glatt gestrichen hatte, immer noch zerzaust, sein Mund zu einer dünnen Linie verzogen. Sein T-Shirt war blutig. Auf seiner Wange bildete sich da, wo Simon ihn gehauen hatte, ein roter Fleck. Nur seine Augen strahlten genau so hell und entschlossen wie immer.  

 

Nein, dachte Nolan erneut, diesmal aber etwas milder. Wäre er allein, hätte er all diese Sorgen nicht. Er wäre Nolan Thorn, der Alphaprinz und Erbe des Bestienkönigs. Sein einziger Erbe. Der mächtigste Animox überhaupt.

 Nolan war absolut egal, was Malcolm über seine Kräfte sagte. Es war ja nicht Nolans Schuld, dass sein Vater wegen ihnen gestorben war. Außerdem war Malcolm selbst nichts als ein einfacher Wolf. Was wusste er schon über die Mächte des Bestienkönigs? 

 

Bist du damit auch nur einen Deut besser als Orion?

 

Nolan schnaubte und setzte sich auf den Badewannenrand. Natürlich war er das. Den Nerv, den Malcolm hatte, das überhaupt zu sagen! Orion hatte mehrere ihrer Familienmitglieder gnadenlos ermordet. Aber nein, natürlich, Nolan ging ein Mal auf eine bewusste Provokation seiner “Schwester” (Nolan unterdrückte ein Würgen) ein und schon war er der Böse. 

 

 Klar, vielleicht war Nolan manchmal tatsächlich ein Idiot - nichts von dem, was er jemals getan hatte, war aber auch nur einigermaßen vergleichbar mit Orions Straftaten. Malcolm hatte es, wie Nolan langsam begriff, als er seinen Ärmel hochkrempelte, nur gesagt, um ihn zu kränken. Ein Moment der Wut, vielleicht? Ein ungerechter Satz, um Nolan aus seiner Rage zurückzuholen? Was auch immer es war, es hatte funktioniert. 

 

Das ist alles Simons Schuld, dachte Nolan wieder, während er vorsichtig begann, die Wunde abzutupfen. Es war ein bisschen schwer, weil seine Sicht verschwommen war. Nicht, weil Nolan weinte, natürlich, das wäre doch absolut lächerlich. Nolan war der Alphaprinz und ein Erbe des Bestienkönigs und als solcher weinte er nicht wegen solcher Kleinigkeiten. 

 

Und trotzdem fühlten sich solche Kleinigkeiten im Moment ziemlich groß an. Nolan wollte sich gar nicht ausmalen, wie sein morgiger Tag verlaufen würde. Seine Familie würde wahrscheinlich ein langes “Gespräch” über sein “inakzeptables Verhalten” mit ihm führen wollen und seine Freunde - 

Nolan stoppte. Bis jetzt hatte er es gekonnt vermieden über die anderen Animox nachzudenken, die seine heutige Niederlage in der Grube mitbekommen hatten, doch jetzt traf ihn die Erkenntnis, dass er sich ihnen morgen allen stellen musste, mit voller Wucht.

 

Der ganze Raum hatte seinen Namen gerufen. Sie hatten seinen Sieg für sicher gehalten.  Simon hatte schließlich  seit einem Jahr nicht gekämpft, Nolan dagegen fast jeden Tag. Simon wollte doch nicht einmal kämpfen! Wie zur Hölle hatte Nolan verloren? Das war doch - das war doch unfair!

Er begann wieder, die Wunde abzutupfen, diesmal aber nicht so sorgfältig wie zuvor. 

 

Nolan hatte das letzte Jahr damit verbracht, zu trainieren. Und klar - er konnte nicht richtig fliegen, aber das sollte neben jemandem, der seit einem Jahr keinen einzigen Schritt mehr in die Grube gemacht hatte, nichts ausmachen! Was wusste Simon überhaupt von Kampftheorie? Nolan war im L.A.G.E.R. aufgewachsen, nicht er. Er war derjenige, der sich seine gesamte Kindheit lang die Kämpfe anderer Animox angeschaut hatte. Er war derjenige, den es tatsächlich etwas scherte! Was war es denn, was Simon so sehr von ihm unterschied? Wieso konnte Simon dort siegen, wo Nolan versagte? Das Fliegen allein war kein triftiger Grund. Nolan hätte trotzdem - was bildete er es sich überhaupt ein - 

 

Gerade als Nolan das blutige Taschentuch von seiner Wunde nehmen und endlich in sein Zimmer verschwinden wollte, ging die Tür auf und zu Nolans Grauen stand kein anderer als Simon davor. 

Wenn man vom Teufel spricht, schätze ich. 

Sein Bruder hatte offensichtlich auch nicht damit gerechnet, Nolan hier zu sehen. “Oh- Entschuldigung!”, sagte er rasch und drehte sich weg, aber allein dieses Wort war genug, um Nolans Wut zu erneuern. 

“Wofür?”, fragte er verbittert. Seine Stimme hörte sich selbst in seinen eigenen Ohren dumpf an.

 “Dafür, dass du reinplatzt, ohne anzuklopfen? Dafür, dass du mich vor all meinen Freunden lächerlich gemacht hast? Oder dafür, dass - “, Nolans Stimme stockte ein wenig, “ - dass du nie zu mir hältst, nie, selbst wenn du genau weißt, dass ich Recht habe?”.

Simon wollte etwas antworten, aber Nolan hatte heute schon genug von ihm gehört. Er sprang schnell auf, stürmte in sein Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu. 

 

Simon versuchte es nicht nochmal, mit ihm zu reden. 

 

 

~ * ~

 

 

Okay, vielleicht war Nolan tatsächlich etwas zu weit gegangen, als er seinen Bruder als „böse“ bezeichnet hatte. Nicht, dass er das nicht gemeint hätte - das hatte er! Simon war, zumindest aus Nolans Perspektive, in diesem Fall eben „böse“. Das war nur eine Tatsache. Kein Grund, so extrem zu reagieren.

 

Und es war auf jeden Fall kein Grund, einfach so davonzustürmen. Der Trick war nur gut, wenn Nolan derjenige war, der ihn ausführte. 

 

„Simon! Komm schon, Simon, ich hab’s  nicht so gemeint!“, rief Nolan ihm hinterher und beschleunigte den Gang. Simon drehte sich nicht einmal zurück. 

 

„Denkst du nicht, du bist ein wenig dramatisch?“, versuchte Nolan erneut, „ich meine,das war jetzt doch nicht so - Simon!“

 

Fehlanzeige. Sein Bruder würdigte ihn keines Blickes. Und, okay, vielleicht war Nolan ein wenig gemein gewesen, aber das war doch echt übertrieben. Nolan hätte viel gemeiner sein können. 

 

Na schön, dachte Nolan grimmig und hielt inne. Wenn sein Bruder eben so sein wollte - bitte. Nolan würde ihm nicht ewig hinterherrufen wie ein Loser. 

 

Nolan öffnete gerade den Mund, um ihm sowas in der Art zuzurufen, als ihn plötzlich aus dem Nichts jemand von hinten packte. 

 

„Hey! Was -“

 

 Nolan versuchte sich zu wehren, aber der Griff des Fremden war halt wie Stahl. Nolan wollte gerade in  einen Wolf animagieren und dem Mann mal erklären, was Sache war, als er plötzlich einen Stich in der Nähe seines Halses spürte.

 

Eine Spritze?, dachte Nolan verwirrt. Dann wurde alles schwarz und er dachte gar nichts mehr. 

 

 

~ * ~

 

 

Nolan hatte seit Beginn seiner Gefangenschaft drei Feststellungen gemacht.

 

Erstens: Er konnte hier nicht animagieren. So viel hatte Nolan direkt festgestellt, nachdem er aufgewacht war. Die milde Irritation, mit der er zum ersten Mal  seine gefesselten Hände und Beine gemustert hatte, hatte sich relativ schnell in Panik und Angst umgewandelt, als ihm bewusst wurde, dass er auf keine einzige seiner Animox-Gestalten Zugriff hatte.  Der Grund dafür war, soweit Nolan es aufgeschnappt hatte, der sogenannte Raubstein - ein schwarzer, gruseliger Stein, den die Hüter auf einem Sockel platziert hatten, der sich über der Öffnung im Boden befand, in der man Nolan gefesselt hatte.  Aus seiner niedrigen und unglaublich unpraktischen Position bekam er das blöde Ding nur begrenzt zu sehen. Das änderte jedoch nichts an der Sache, dass Nolan es absolut verabscheute.

 

Zweitens: Nolan befand sich nicht mehr in Nordamerika. Er war in einem Thronsaal in der Zitadelle, die dem Imperium angehörte - derselben Animox-Organisation, von der Charlotte Roth auch gemeint hatte, sie würden nichts tun, um ihre vermisste Schwester zu finden. Ja, wieso wohl. 

Außerdem war Nolan war sich immer noch nicht ganz klar, wieso genau man ihn überhaupt entführt hatte. Die Hüter waren nicht gütig genug gewesen, ihn aufzuklären, und seine eigenen Theorien waren noch fehlerhaft.

 

Das einzige, was Sinn ergab und sich auch mit den Gesprächen der Hüter deckte, war, dass man Nolan wegen seiner Kräfte entführt hatte. Die Hüter erwähnten sehr oft das Wort „Abkömmling“ - das gleiche Wort, dass Charlotte auch verwendet hatte, um die Entführten zu beschreiben. Aber was zur Hölle waren Abkömmlinge? Klar, damit musste seine Korrelation zum Bestienkönig gemeint sein, aber wieso verwendeten die Hüter und Charlotte das Wort dann im Plural? Nolan und Simon waren doch die einzigen. Und wenn das stimmte - warum war Simon dann nicht auch hier? Nicht, dass Nolan wollte, dass sein Bruder entführt wurde, aber es kam ihm irgendwie unfair vor, dass er hier der einzige war, der an Händen und Füßen gefesselt war. 

 

Drittens: Nolan war, um es mild auszudrücken, am Arsch. Eine Flucht schien unmöglich. Obwohl sich nicht immer ein Hüter im Thronsaal befand, so gab es trotzdem immer Soldaten, die die Türen zum Ausgang bewachten. Nolan war nie allein. Und selbst, wenn er es raus schaffen würde - Nolan hatte nicht die geringste Ahnung, wo er sich befand. In welche Richtung würde er rennen? Wie würde er nach Hause kommen? 

 

Fazit: Er saß fest.

 

Nolan lehnte seine Wange an den kalten Stein und dachte nach. Viel Anderes gab es eh nicht zu tun. Seine Fesseln zu lösen hatte er schon mehrmals versucht - vergeblich. Das einzige, was er dadurch erreicht hatte, war es, sich das Handgelenk aufzuschürfen. 

 

Trotzdem - Nolan war vieles, aber er war kein Aufgeber. Und er hatte auch nicht vor, jetzt einer zu werden, egal, wie aussichtslos seine Situation war. Was auch immer diese Leute für ein Problem mit ihm hatten, er würde einen Weg hier raus finden. Nolan weigerte sich, mit dreizehn Jahren in einem fremden Land zu sterben. 

 

Da Sterben also keine Option war, blieb ihm nur eine zweite: irgendwie doch einen Fluchtweg finden. Egal, wie unwahrscheinlich er war. Zum x-ten Mal an dem Tag fummelte Nolan wieder mit seinen Fesseln. Und hörte, wie auch alle x-ten Male zuvor, sofort auf, als diese an die irritierte Haut rieben. 

 

Nolan unterdrückte ein Seufzen und sah wieder auf. Von seinem Blickwinkel hatte er ausreichendes Blickfeld auf die fünf Throne, auf denen die Hüter saßen. Gerade war nur einer von fünf da - ein Mann mit akkurat geschnittenen schwarzen Haaren. Er hatte vor ein paar Minuten noch ein flüsterndes Gespräch mit einem der Soldaten geführt, die am Eingang positioniert waren, aber jetzt war der Raum still. Der Mann schien nachzudenken. 

 

Nolan versuchte, ihn mental explodieren zu lassen. Vergeblich. 

 

Nolan wendete den Blick von ihm ab und schaute sich erneut im Saal um. Irgendetwas musste es doch geben, was er tun konnte, um seine Haut zu retten. Es gab immer irgendwas. Seine Geschichte würde nicht hier enden. Das war nicht erlaubt. 

 

Aber egal, wie lange und ausführlich er schaute, er sah immer das gleiche: zu pompöse Throne, kalte Steinwände, die aber zumindest hübsch dekoriert waren, große Türen und natürlich der Raubstein. 

 

Das war eine weitere der unzähligen Sachen, die Nolan nicht verstand: Wieso waren all diese Hüter so besessen vom Raubstein? Klar, er konnte Nolans Kräfte eindämmen, aber ihm blieb trotzdem unklar, was es für einen Nutzen es hatte, ihn so zu vergöttern, wie die Hüter es taten.

 

Moment. Nolan hielt inne und setzte sich etwas gerader hin. Nutzen. Eine Idee begann langsam aber sicher in seinem Kopf Form zu nehmen. Natürlich! 

 

Es gab keinen Fluchtweg: so viel war offensichtlich. Nolan konnte sich weder aus seinen Fesseln lösen, noch die Soldaten ablenken und sich durch diese gesamte Zitadelle durchkämpfen konnte er, ohne Kräfte, erst recht nicht. Aber - Nolans Blick richtete sich auf den einzigen Ort, der hier wichtig war: die Throne - er könnte etwas anderes tun. 

 

Es war unwichtig, dass er wegen des Raubsteins keine Kräfte hatte - sie waren trotzdem noch da. Sein Status als sogenannter „Abkömmling“ auch. Vielleicht konnte er das ja zu seinem Gunsten nutzen. Er könnte den Hütern…helfen?  Sich auf ihre Seite stellen? Oder zumindest nur so tun. Diese Leute schienen  ja besessen von diesen Erben zu sein. 

 

Bestimmt, dachte Nolan, während er immer noch hoch zu dem Hüter starrte, bestimmt würden sie es ja gar nicht so schlecht finden, einen von ihnen auf ihrer Seite zu haben. Nolan konnte kämpfen und er war mächtig. Wenn er seine Karten richtig spielte, konnte er sie überzeugen, dass er ihnen von Nutzen war - dass es für sie von größerem Vorteil war, ihn am Leben zu lassen, als es war, ihn umzubringen. 

 

Nolan hatte zu lange gestarrt. Der Mann, der kurz zuvor noch in Gedanken versunken gewesen war, drehte sich neugierig zu ihm. Der plötzlich entstehende Augenkontakt überrumpelte Nolan kurz, aber er hielt seinem Blick gekonnt statt. Der Mann möge auf seinem großen und prächtigen Thron sitzen, aber er sollte den Eindruck bekommen, dass Nolan keine Angst vor ihm hatte. Und Nolan war vieles, aber ein Feigling war er auch nicht.

Nach ein paar Sekunden, die sich eher wie eine halbe Ewigkeit anfühlten, schüttelte der Hüter belustigt den Kopf und wandte sich wieder ab.

 

Keine Sorge, dachte Nolan und entspannte sich langsam auch wieder, ihr werdet es alle noch bereuen, mich hier gefesselt zu haben.

 

~ * ~

 

Nolan  war offensichtlich verrückt geworden, denn er hatte tatsächlich vor, seinen Plan umzusetzen.

 

Die Hüter, diesmal alle fünf, führten mal wieder ein hitziges Gespräch, von dem Nolan ungefähr nur zwanzig Prozent verstand. Es ging aber auf jeden Fall um Familiendrama, stellte er fest und schenkte dem Mädchen neben ihm einen Seitenblick. Charlotte sah bei weitem nicht so gefasst aus, wie als er sie zum ersten Mal kennengelernt hatte. Sie leidete offensichtlich noch unter dem Betäubungsmittel, das sie gespritzt bekommen hatte: ihr Kopf sackte immer wieder nach unten. Ihr Blick war jedoch so trotzig wie eh und je und sie betrachtete den europäischen Hüter (ihren Vater, anscheinend?) so, als wäre er nichts als ein Stück Dreck. Ihr schien dabei gar nichts auszumachen, dass sie damit ihr eigenes Todesurteil unterschrieb.

 

Nolan überlegte. Die Wendung, die das Gespräch nahm, gefiel ihm gar nicht. Die australische Hüterin - Yvonne - wollte sie beide umbringen. Wenige waren dagegen. 

Wollte er das wirklich durchziehen? Das Imperium war ihm so schon unheimlich genug. Er musste es wirklich nicht von näher aus erleben. Andererseits blieb Nolan aber eh nicht mehr viel Zeit, egal für was er sich entschied.

 

Eine Tür des Saals öffnete sich und Nolans Blick wurde auf einen blonden Mann gelenkt, der mit entschlossenen Schritten den Saal betrat. Er kam ihm vertraut vor. Nolan hatte ihn schon mehrmals mit dem europäischen Hüter reden gesehen. 

 

„Hohes Gericht“, sagte er, „Ich bitte die Unterbrechung zu entschuldigen. Meine Soldaten haben die ganze Stadt auf den Kopf gestellt, aber der vermisste Abkömmling ist spurlos verschwunden.“

 

Es gab einen vermissten Abkömmling? Nolan runzelte die Stirn. Aus mehreren weiteren Gesprächsfetzen der Hüter und seiner eigenen Gehirnkapazität hatte er sich zusammenreimen können, dass es sehr wohl überall auf der Welt Leute gab, mit denen er die Kräfte teilte. Nolan war sich zwar immernoch nicht ganz sicher, wie sehr er das glauben sollte, schließlich war er mit der Idee aufgewachsen, er sei der einzige überhaupt. Aber so, wie Wadim redete, schien es keine Lüge zu sein. Trotzdem - ein Abkömmling? Hier? Nolan erschrak.

 

Sie meinten doch wohl nicht - 

 

„Wadim tut sein Bestes, so wie immer.“, sagte der Mann mit den schwarzen Haaren - Nolan mochte diesen Typen wirklich gar nicht - gerade betont gelangweilt. 

 

„Und das ist oft nicht gut genug“, fauchte Yvonne. „Aber du bist ja sowieso ein großer Befürworter von Unfähigkeit, Qiang. Davon haben wir letztes Jahr alle profitiert.“

 

So, so. Nolan sah interessiert zurück zu dem Mann mit den schwarzen Haaren - Qiang. Obwohl er sichtlich keine Regung zeigte, hatte Nolan das Gefühl, er war genervt. 

 

„Wir kriegen ihn noch!“, versicherte Wadim rasch. „Wegen seines Bruders wird er über kurz oder lang sowieso hier aufkreuzen, und dann schlagen wir zu.“

 

Wegen seines Bruders? Oh, nein. Nolan unterdrückte ein Fluchen. Das bedeutete, der vermisste Abkömmling war kein anderer als -

 

„Simon?“, fragte Nolan ehrlich überrascht. „Ist er etwa der…“, er zögerte. Das Wort fühlte sich fremd an. „…der Abkömmling, von dem ihr redet?“

 

Alle ignorierten ihn, außer Qiang, dessen Augen nun interessiert funkelten. Nolan bereute es irgendwie, sich eingemischt zu haben.

 

„Dein Bruder heißt Simon?“ , hakte er - Nolans Meinung nach viel zu eifrig - nach. Nolan biss die Zähne zusammen. Die Hüter waren jetzt verstummt. Alle Augen waren auf ihn gerichtet. Obwohl Nolan es normalerweise liebte, wenn die Aufmerksamkeit komplett auf ihn gerichtet war, so bevorzugte er es, wenn sie nicht von Leuten kam, die ihn tot sehen wollten.

 

„Ihr dürft ihm nichts tun!“, rief Nolan und hob sein Kinn unbewusst ein bisschen höher, damit sie nicht so sehr auf ihn herabblickten. „Ich mache, was ihr wollt, aber lasst meinen Bruder in Ruhe!“

 

„Ach ja?“ Qiang hatte sich auf seinem Thron vorgebeugt und sah ihm jetzt direkt in die Augen. Nolan wünschte sich plötzlich, er hätte einfach geschwiegen. „Und was kannst du uns anbieten, Nolan Thorn?“

 

„Ich…“, er zögerte. Sobald er das Angebot machte, gab es keine Möglichkeit, es wieder zurückzunehmen. „Ich helfe euch, die anderen zu finden“, presste er heraus, „Die anderen…Abkömmlinge.“

 

Stille. Nolan wandte betont seinen Blick nicht von den Hütern ab, sondern starrte zielstrebig zu ihnen hoch. Sie sollten nicht merken, wie viel Angst er vor ihnen hatte. So energetisch, wie sie jetzt aber miteinander tuschelten, war es klar, dass sie ihn jetzt sehr wohl ernst nahmen. 

 

Wadim war dagegen und meldete sich auch als erster zu Wort, um das anzukündigen. Allgemein, stellte Nolan fest, während er ihm zuhörte, schien der Typ ein großes Ego-Problem zu haben.

 

„Aber wenn man nichts gegen diese jungen Leute unternimmt, werden sie sich ausbreiten wie eine Seuche“, sagte er gerade, „schon ein einziger kann ein ganzes Heer besiegen und wenn sich zwei  oder noch mehr zusammentun wären wir über Generationen auf ihre Gnade angewiesen.“

 

Naja. Ganz Unrecht hatte er ja nicht. Wäre Nolan nicht an Händen und Füßen gefesselt, würde er Wadim und die anderen Hüter jetzt liebend gern „auf seine Gnade angewiesen machen”. Das änderte jedoch nichts daran, dass Wadim hier enorm generalisierte -und maßlos übertrieb. Leute in Nolans Alter hatten ganz andere Gedanken als Weltherrschaft.

 

„Dann lasst mich euch helfen, sie zu finden“, mischte Nolan sich wieder ein. Niemand (außer Qiang, schon wieder) schien wirklich überzeugt, deswegen fügte er rasch hinzu: „Wenn wir sie zusammengetrieben haben, könnt ihr gern wieder über mich zu Gericht sitzen und…und entscheiden, was ihr mit mir macht. Aber lasst meinen Bruder in Ru-“

 

Weiter kam er nicht. Plötzlich schrillte eine unglaublich laute Sirene durch den ganzen Saal und die Hüter sprangen auf. Nolan sah perplex zu, wie vor seinen Augen alles in Chaos versank - Wadim verschwand hastig aus dem Saal, irgendwas von den „Ungezähmten” murmelnd und bei den Hütern begann rasch eine hitzige Diskussion über…irgendwas. Nolan hörte nicht zu. Alle fokussierten sich auf diese Sirene. Niemand beachtete ihn gerade.

Vielleicht gab es ja doch einen anderen Weg - jetzt, im Chaos, wäre es die perfekte Möglichkeit, sich aus dem Staub zu machen. Nolan ließ seinen Blick erneut auf seine Fesseln fallen. Dann, auf Charlottes. War sie wach genug, um ihm zu helfen? Er wollte sich gerade zu ihr drehen, um ihr das zuzuflüstern, als sein Blick auf die Stufen fiel, die zu der Öffnung im Boden führte, wo er sich befand. Auf ihnen stand kein anderer als Simon.

 

~ * ~

 

Das war die schlimmste Befreiungsmission jemals. Was zur Hölle war Simons Plan gewesen? Nicht, dass Nolan sich über seine eigene Rettungsmission beschweren wollte, aber das Chaos hier war wirklich unerträglich. 

 

Sein Blick fiel auf den Raubstein, den sein Bruder immer noch in der Hand hielt. War es wirklich nötig gewesen, ihn mitzunehmen? Die Explosion hatte zwar schon unglaublich cool ausgesehen, aber die Tatsache, dass Simon wegen ihr jetzt so schwach war und sich größtenteils auf ihn stützen musste, war im Moment unglaublich unpraktisch. Nolan musterte ihn erneut. Hatte der Raubstein ihm doch was angetan? Simon sah wirklich schrecklich aus. 

 

„Los jetzt!“, drängte er und zog seinen Bruder am Ellbogen mit. „Halt dich an mir fest und…“

 

Er wurde von dem europäischen Hüter unterbrochen, der einer Frau in grauer Uniform (einer Ungezähmten, anscheinend - wer waren diese Leute überhaupt?) etwas zurief. Simon hatte sich zu ihr gedreht und rief ihr etwas über Charlotte zu. Nolan unterdrückte einen bissigen Kommentar. Dafür hatten sie doch keine Zeit! 

 

Als sie endlich oben waren, stockte Nolan der Atem. Es war ein einziges Blutbad. Die Kampf - und Schmerzensschreie hatte er von unten nur gedämpft wahrgenommen, aber jetzt wurde ihm plötzlich bewusst, in was für einer prekären Lage sie sich eigentlich befanden. Überall kämpften Soldaten in Imperiumsuniformen mit Menschen in grauen. Es war kein symmetrischer Kampf. Obwohl keiner animagieren konnte, war sofort klar, dass die Imperiumssoldaten mit viel besseren Waffen ausgestattet waren. 

 

Egal. Darauf konnte Nolan jetzt nicht achten. Das waren alles nur Fremde. Da mussten sie jetzt durch. So besessen, wie sie kämpften, würden sie sie vielleicht gar nicht bemerken. 

 

Nolan sah zu seinem Bruder rüber. Simon hatte die Augen weit aufgerissen und war ganz blass. Sein Atem kam nur stoßweise. Zitterte er etwa? Nolan runzelte die Stirn. Sie hatten jetzt wirklich keine Zeit für Panikattacken. Die konnte er später haben.  

 

„Komm endlich!“, Nolan packte ihn wieder an den Arm - etwas schroffer, als er es vielleicht hätte tun müssen - und zerrte ihn hinter sich durch die Kämpfenden. Nolan versuchte, sie so gut wie möglich auszublenden und so wenig wie möglich hinzuschauen. Sie waren unwichtig. Es ging hier nur um sich und seine Familie. 

 

Sie würden es schaffen, dachte Nolan mit neuem Schwung, während rechts von ihm ein Mann in grauer Uniform  brutal aufgespießt wurde und mit einem schrecklichen Schmerzensschrei zu Boden ging. Sie würden es schaffen, und in ein paar Tagen war er dann wieder mit seinem Bruder zu Hause in New York und sie würden reden und lachen und all das wäre vergessen.

 

~ * ~

 

„Ich würde gerne auf dein Angebot zurückkommen, Nolan Thorn.“

 

Natürlich - Nolan hätte eigentlich wissen müssen, dass es nicht so einfach war. Dass es nie so einfach war. Dumm, dachte er wütend. Dumm, dumm, dumm. Natürlich würde man ihn nicht einfach so gehen lassen. 

 

„Nolans Angebot hat sich erledigt“, sagte Simon neben ihm bestimmt. Seine Augen funkelten wütend. 

 

Simon war naiv und Nolan ein Idiot. Wieso hatte er nicht einfach den Mund gehalten? Ihm war schon da aufgefallen wie entzückt Qiang von seinem Angebot gewesen war. Er hätte mit so was rechnen müssen.

 

 

„Charlotte ist längst weg“, fuhr Simon fort, „und wenn Sie Winter loslassen...“

 

„Welchen Teil davon?“, unterbrach Nolan. So ungläubig, wie Simon ihn anstarrte, schien er das nicht erwartet zu haben. 

 

„Alles“ Qiangs Augen schienen im Kerzenlicht zu leuchten. „Wenn du uns bei der Suche nach den Abkömmlingen hilfst, lasse ich eure Freundin laufen. Du hast mein Wort, dass keinem von euch ein Haar gekrümmt wird, solange uns dein Bruder in Ruhe lässt.“

 

Das war ja wunderbar. Nolan schluckte. 

 

„Das…das kannst du nicht machen!“ so fassungslos hatte Nolan seinen Bruder noch nie gesehen. 

Nolan -!“

 

„Tu‘s nicht“, sagte auch Winter genervt. „Der Typ blufft.“

 

Tat er das? Nolan konnte Qiang nicht richtig einschätzen. Würde er Winter wirklich umbringen, wenn er nein sagte? Verglichen mit den anderen Hütern, hatte er irgendwie schon vernünftiger gewirkt. Zumindest hätte Nolan ihn nicht als Kindermörder eingeschätzt, aber  andererseits war Nolan selbst auch  nicht gerade die aufmerksamste Person. 

 

„Und wenn ich nein sage?“, fragte er vorsichtig. 

 

Qiang reagierte kaum. „Dann bin ich gezwungen, eure Freundin zu töten, und ihr seid gezwungen, mich umzubringen. Aber ich warne euch:” Sein Blick schien sich gerade so durch Nolan zu bohren. „Einen Hüter zu ermorden ist in unserer Welt das aller schlimmste aller Verbrechen, und man wird euch beide jagen wie Tiere. Euer Zuhause wird verwüstet, eure Familie wird gefangen genommen und gefoltert. Alle eure Freunde und Bekannten sind in Gefahr, und während ihr beide nur zu zweit seid, ist unsere Streitmacht gewaltig. Unsere Soldaten werden nicht ruhen, bis ihr beide tot seid.”

 

Ja, ist ja gut, dachte Nolan, verängstigt und jetzt auch langsam genervt. Ich glaube, wir haben es alle schon verstanden. Simon neben ihm sah nun dezent panisch aus. „Nolan -”, sagte er brüchig. 

 

„Wir machen den Typen fertig.”, meldete Winter sich wieder zu Wort. „Wir sind zu dritt, und er ist allein.”

 

Hatte sie seinem Monolog nicht zugehört? Selbst, wenn sie gewannen - das Imperium würde ihnen nie Ruhe geben. Nolan hatte keine Wahl.

 

Qiang war keine große Hilfe. So ruhig, wie er jetzt nur Nolan anschaute, fühlte es sich beinahe so an, als würde er ihn verspotten.

 

“Na, was ist dir wichtiger?“, fragte er, um Salz in die Wunde zu streuen. „Das Leben einiger Unbekannter oder das Leben aller, die dir etwas bedeuten?”

 

Arschloch. Nolan ballte die Fäuste. Das war doch keine Frage. Die Antwort war offensichtlich. 

 

Nolan öffnete resigniert den Mund, um zu antworten, als Simon ihn am Ärmel packte. “Das ist ein Trick! Die Hüter machen Jagd auf Jugendliche - solche wie uns. Und sie entführen sie nicht nur, sondern bringen sie um!”

 

Ja, ach was, dachte Nolan und starrte immer noch auf Qiang.  Simon klang verzweifelt, aber darauf konnte Nolan gerade keine Rücksicht nehmen.

 

“Weiß ich”, sagte Nolan leise. “Aber es geht nicht anders, Simon.” Siehst du das denn nicht?

“Ich kann nicht zulassen, dass sie dir oder Winter oder Mom und Malcolm etwas tun. Oder jemand anderem aus unserer Familie.”

 

“Wir beide können untertauchen! Sie finden uns nie!”

 

“Vielleicht nicht. Trotzdem wäre Winter tot.”

 

Das hatte offenbar gesessen. Simon war jetzt ganz still und Nolan spürte einen Stich. Er hatte nicht gewollt, dass das so endete. Eigentlich hatte er sich noch sogar bedanken wollen, dass sein Bruder sich überhaupt die Mühe gemacht hatte, nach ihm zu sehen, nachdem sie sich so gestritten hatten. Und er hatte fragen wollen, wie er das überhaupt geschafft hatte, und sich beschweren wollen, wie blöd es ihm hier ergangen war, aber jetzt - 

 

Jetzt war das doch alles bedeutungslos. Eine Abmachung war nun mal eine Abmachung. 

 

Nolan drehte sich mit einem zittrigen Seufzer zu seinem Bruder um. Simons Blick war schwer zu deuten. Verzweiflung spiegelte sich darin. Und Angst. Und irgendwo dazwischen auch Frustration.

 

Schau mich nicht so an, wollte Nolan blaffen. Du würdest doch auch nicht anders handeln als ich. 

 

„Jetzt bin ich mal an der Reihe, uns zu beschützen“, sagte er leise. Er meinte es gut. Er wollte Simon mitteilen, dass er diesmal nicht für all das verantwortlich sein musste - dass Nolan auch bereit war, seinen Teil zu übernehmen. Dass er auch gut genug war, selbst, wenn Simon das anders zu sehen schien. So gequält, wie Simons Blick jedoch wurde, schien sein Bruder was komplett Anderes zu verstehen. 

 

„Lass mich - bitte“, beharrte er. Aber Simon war schon immer stur gewesen. Er schüttelte den Kopf und Nolan spürte dieselbe Bitterkeit, die er auch in New York gespürt hatte. Na schön. Wenn Simon so sein wollte, dann konnte Nolan ihm halt auch nicht helfen. Nolan drehte sich wieder um und lief auf Qiang zu.

 

„Sobald Simon und Winter in Sicherheit sind, gilt unsere Abmachung. Sie haben mein Wort.“

 

Qiang sah ihn prüfend an, dann ließ er endlich das Messer sinken. 

 

„Das“, sagte er, „freut mich außerordentlich.“ 

 

Natürlich tat es das. Nolan vermied Augenkontakt mit Winter, als Qiang ihr einen leichten Stups gab und er vermied auch den Augenkontakt mit seinem Bruder, als dieser sie festhielt. Wann würden sie sich wiedersehen? Nolan schob den Gedanken so schnell weg, wie er auch aufgetaucht war. Bald. Sie würden sich bald wiedersehen, weil Nolan ab jetzt alles richtig machen würde. 

 

„Geh jetzt.“, selbst in seinen eigenen Ohren hörte sich Nolans Stimme unglaublich kalt an. „Bring Winter hier raus.“

 

„Aber -“

 

Los jetzt!“

 

Nolan hatte gehofft, das wäre das Ende, aber kurz bevor sein Bruder das Höhlenlabyrinth betrat, drehte er sich nochmal zu ihm um.

 

„Und was soll ich Malcolm und Mom sagen?“

 

Was für eine absurde Frage.

 

„Was du für richtig hältst. Geh einfach nach Hause und…such nicht nach mir. Das hier kannst du nicht in Ordnung bringen. Jetzt nicht mehr.“ Bevor Simon noch etwas anderes sagen, oder eine andere Reaktion von sich bringen konnte, lief Nolan vor und schloss die Tür.

 

 

~ * ~

 

 

„Glückwunsch“, murmelte Nolan bitter und funkelte Qiang wütend an. „Sie haben einen Teenager überlistet. Wir sind alle sehr beeindruckt.“

 

„ Überlistet ist ein starkes Wort.“, schmunzelte Qiang. „ Du hast das Angebot gemacht, nicht ich.“

 

Mit einer kleinen Geste bedeutete er Nolan, ihm zu folgen. Nolan rührte sich nicht vom Fleck. „Aber du hast recht. Ich entschuldige mich, dass es soweit kommen musste.“

 

Nolan schnaubte. Es gab rein gar nichts auf der Welt, was ihn gerade weniger interessierte, als diese Entschuldigung.


Draußen konnte er immernoch die Schreie der Kämpfenden hören. Nolan schluckte und schaute zu Qiang rüber. Der sah, wie immer, seelenruhig aus, aber Nolan spürte, wie seine Unruhe wuchs. Sein Angebot war vage gewesen - er sollte den Hütern helfen, die Abkömmlinge zu finden. Aber was bedeutete das eigentlich? Zu was würden sie ihn zwingen?

 

Würde er - würde er töten müssen? 

Nolan schüttelte den Kopf, als wolle er den Gedanken abwerfen. Das war jetzt nicht wichtig. Seine Familie war in Sicherheit. Wenn es zu so einer extremen Situation kam, würde Nolan sich eben was überlegen. 

 

Aber egal was geschah - Nolan würde damit umgehen können. Das würde er beweisen.

 

Mit neuer Entschlossenheit begann Nolan, Qiang zu folgen. 

 

„Was muss ich tun?“

 

Notes:

Kurzer Rant: ich finde, Nolan ist tatsächlich eine viel interessantere Figur als Simon. Nicht, dass Simon nicht ein cooler Protagonist wäre aber ich hab immer das Gefühl er ist manchmal zu perfekt??? Like, ich hab gestern nochmal die Rache des Tigers gelesen und wieso wird Simon genuinely alle zwei Seiten gefühlt von jemandem gelobt?? Aber Nolan dagegen ist SOWAS VON nicht perfekt & außerdem moralisch ambivalenter und ich finde das macht ihn viel interessanter.

 

Ich hab beim Schreiben dieses fics übrigens auch gemerkt wie gut Nolan actually informiert war?? Like woher wusste bro das alles?? Hallo??