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Zum Glück hab‘ ich dich

Summary:

Deutschland ist raus. Verloren im Elfmeterschießen gegen Paraguay. Nick hat einen der entscheidenden Elfmeter verschossen. Silas ist für ihn da.

Notes:

(See the end of the work for notes.)

Work Text:

Verloren.
Gegen Paraguay, im Elfmeterschießen. Deutschland? Ausgeschieden aus der WM.

Mit betretenem Blick sitzt Silas neben Nicks Eltern auf der Tribüne im Family and Friends Bereich.
Nicks Mama hält die Hand ihres Mannes ganz fest in ihrer und nimmt auch Silas‘ Hand kurz zwischen ihre Finger, drückt sie und versucht sich an einem aufmunternden Lächeln.

Das macht Nick auch oft, zum Beispiel als Silas sich verletzt hatte damals.
Nick hatte seine Hand genommen und sie kurz gedrückt.
Alles wird gut, wir schaffen das – so hatte er ihm das irgendwann viel später mal erklärt.

Eine Eigenschaft, die Nick von seiner Mama hat, denkt Silas, dieser unverbesserliche Optimismus.
Er lächelt zurück und lässt seinen Blick über das Spielfeld wandern.

Seine Augen schweben über den Platz, von den freudestrahlenden Gesichtern der paraguayischen Spieler zu den enttäuschten der Deutschen.
Er findet Nick, der gerade neben Kai und Maxi in Richtung der Auswechselbank läuft.
Den Kopf gesenkt, die Schultern nach unten gesackt.
So klein hat Silas ihn selten gesehen.

Als hätte Nick bemerkt, dass er ihn beobachtet, hebt er in dem Moment den Kopf und lässt seinen Blick in Richtung der Tribünen wandern.
Ihre Augen treffen sich, Silas versucht, etwas Aufmunterndes in seinen Ausdruck zu legen, weiß nicht, ob es ihm gelingt.
Nicks Lächeln ist schmal und erreicht seine Augen nicht.
Er deutet mit dem Finger zu ihm hoch, ein Zeichen, dass er nach dem Duschen nochmal raus zu ihnen auf die Tribüne kommt.
Silas nickt und beobachtet ihn dabei, wie er in den Katakomben verschwindet.

20 Minuten später kommen die ersten Spieler zurück auf den Rasen: Oli Baumann, Nadiem Amiri, Kai und hinter ihm läuft Nick.
Ganz im schwarzen DFB-Dress, die Kappe hat er sich tief ins Gesicht gezogen.
Mit immer noch hängenden Schultern kommt er die paar Stufen zu ihnen hoch, sieht so unglaublich niedergeschlagen aus.

Seine Mama nimmt ihn direkt in den Arm, drückt ihren Sohn ganz fest an sich, hält ihn einfach und streicht ihm über die Wange.
Auch sein Papa nimmt ihn kurz in den Arm, klopft ihm auf die Schulter und sagt ihm, wie stolz er auf ihn ist.

Nick versucht sich an einem Lächeln und wendet sich Silas zu.
Eigentlich beschränken sie sich im Stadion meist auf ein kurzes Abklatschen, aber heute ist es Silas ganz egal.
Er stellt sich auf die Zehenspitzen und zieht Nick zu sich herunter, drückt ihn ganz fest und streicht ihm vorsichtig über den Rücken.

„Ich hab's verkackt“, hört er Nicks Stimme ganz leise an seinem Ohr.
Silas schüttelt entschieden mit dem Kopf.
„Nein, das hast du nicht. Du warst mutig und hast Verantwortung übernommen. Ich bin so stolz auf dich, das glaubst du gar nicht.“
Silas löst sich ein Stück aus der Umarmung und sieht ihm nachdrücklich in die Augen, möchte, dass Nick ihm glaubt.
Der lächelt und diesmal sieht es schon ein ganzes Stück mehr nach seinem echten aus.

„Ich wünschte, wir würden noch eine Nacht länger hier bleiben“, erwidert er.
Und Silas weiß auch ohne weitere Erklärungen, was er damit meint.

Nick hätte alles gegeben und es am Ende wahrscheinlich geschafft, Julian Nagelsmann zu überreden, dass er die Nacht in Silas' Hotelzimmer schlafen darf.
Dass Nick, vor allem nach Niederlagen, ungerne alleine in einem Zimmer schläft, weiß Silas schon seit Jahren.
Schon damals bei Werder hat Nick sich abends rüber geschlichen und bei Silas übernachtet.

„Ruf mich an, sobald du auf deinem Zimmer bist, ja?“, Silas löst sich aus der Umarmung und streicht ihm nochmal kurz über den Rücken.

Nick macht einen Schritt zurück und nickt, seine Lippen formen ein stummes Danke.

Er lässt sich auf einen der Klappsitze sinken und wendet sich wieder seinen Eltern zu.
Sie unterhalten sich noch eine Weile, bis eine der DFB-Betreuerinnen neben ihnen auftaucht und verkündet, dass der Bus gleich abfährt und die Spieler alle wieder reinkommen sollen.

Nick steht auf, drückt seine Eltern, die er jetzt erst in ein paar Wochen wiedersehen wird, jeweils noch einmal fest an sich und bedankt sich, dass sie da waren.

Seine Mama wuschelt ihm, so gut es bei seiner Größe eben geht, durch die Haare, sagt ihm nochmal, wie stolz sie auf ihn ist und lässt ihn schließlich wieder los.

Da Nick und Silas sich morgen schon wieder sehen werden, wenn Silas ins Camp kommt, damit sie von dort aus weiterfliegen können, beschränkt Nick sich auf einen kurzen Handschlag, lächelt ihm noch einmal zu und folgt der Betreuerin in Richtung Bus.

*

Es ist schon dunkel draußen, als Silas sich auf dem Flur von Nicks Eltern verabschiedet und die Tür seines Zimmers hinter sich zuzieht.

Er lässt sich auf das Doppelbett fallen und schließt für einen Moment die Augen.

Der Tag hatte ihn doch ganz schön mitgenommen: zuerst die Vorfreude auf das Spiel, dann der pure Stolz, als Nick an der Seitenlinie stand, kurz vor seiner Einwechslung, die unglaubliche Nervosität, als er sich den Ball geschnappt und in Richtung Elfmeterpunkt gelaufen ist und schließlich die Enttäuschung über das frühe Ausscheiden.

Am meisten aber überwiegt das Mitgefühl für Nick.

Der so traurig ausgesehen hatte, so unfassbar niedergeschlagen, als er zurück zur Mittellinie gelaufen war nach dem verschossenen Elfmeter.

Der Klingelton seines Handys reißt Silas aus seinen Gedanken.

„Nick“, steht auf dem Display, dazu dieses alberne Selfie von ihm, die Zahnbürste halb im Mund, in ihrem Badezimmer in Newcastle.

Nick hatte es selber so eingestellt, damit Silas auch ja nicht vergisst, dass er selbst beim Zähneputzen „unglaublich aussieht“.
Silas hatte nur die Augen verdreht, das Bild aber trotzdem nie geändert.

Ohne zu zögern nimmt Silas den Anruf an.

„Hallo“, raunt ihm Nicks Stimme ins Ohr, so nah und klingt doch viel zu weit entfernt.

„Hey, na, bist du schon im Bett?“

„Mhmh, aber ich kann nicht schlafen“, kommt es zurück.
Und dann ein „Und du?“

„Ja, ich auch“, wie zur Bestätigung zieht Silas sich die Bettdecke über die Beine bis hoch zu seiner Brust.
Er seufzt.
Wie gerne hätte er Nick jetzt hier neben sich liegen, würde ihm das alles ins Gesicht sagen und dabei in diese hellen Augen schauen, die heute so unglaublich traurig ausgesehen hatten.

„Das ist doch alles scheiße Silas. Warum bin ich überhaupt hingegangen zum Elfmeterpunkt? Malick hätte den bestimmt reingeschossen. Und ich hab auch noch gesagt: „Ich schieß den.“ Wegen mir sind wir raus, Silas. Die ganze scheiß WM ist vorbei, weil ich zu blöd bin, nen Ball aus 11 Metern in ein Tor zu schießen. Ich –"

„Nick, stop“, fällt Silas ihm ins Wort, „jetzt mach aber mal halblang. Ich verstehe, dass du wahnsinnig enttäuscht bist, aber es ist nicht deine Schuld. Du warst doch nicht alleine auf dem Platz. Kai hat genauso verschossen und Jonathan auch. Ihr habt alle kein gutes Spiel gemacht, sonst wäre es doch gar nicht erst zum Elfmeterschießen gekommen.“

„Aber ich hab mich freiwillig gemeldet, Silas. Ich bin zu Jo gegangen und hab gesagt: „Ich schieß den.“ Ich hätte mich einfach mal zurückhalten sollen, dann wären wir jetzt noch drin und das ganze Land wäre nicht enttäuscht von mir.“

Es zerreißt Silas das Herz, wenn er Nick so reden hört.
So niedergeschlagen und unfair mit sich selbst.
„Du wolltest dem Team helfen, Nick. Dafür kann dir niemand einen Vorwurf machen.“

„Ja, ich weiß“, murmelt Nick am anderen Ende der Leitung, „aber wenn ich-“

„Kein Aber, Nick“, Silas fällt ihm schon wieder ins Wort, „ich weiß, es ist schwierig gerade, aber du kannst so stolz auf dich sein und ich sage dir das so oft, bis du mir das glaubst.“, schiebt er entschlossen hinterher.

Nick seufzt, „Ich wünschte, du wärst hier. Ich will jetzt nicht alleine schlafen.“

Und wie gerne wäre Silas jetzt bei Nick in Winston und nicht hier in Boston in seinem Hotelzimmer.

„Morgen sehen wir uns doch“, er versucht, es aufmunternd klingen zu lassen, aber sie wissen beide, dass das nicht sonderlich viel hilft.

„Und dann fliegen wir erstmal nach LA zu Jan und Mats“, ergänzt er, „da gibt’s doch diesen einen Laden, in den du unbedingt wolltest, seit du den in New York gesehen hast. Wie hieß der nochmal, A. W. E. oder so?“

„A. P. C.“, korrigiert Nick ihn und Silas kennt ihn lange genug, um zu wissen, dass er dabei spielerisch die Augen verdreht.

Nicks Begeisterung für Mode konnte Silas noch nie so ganz teilen.

Ab und zu geht er auch mal gerne shoppen, klar, aber irgendwelche „Secret Spots“ im Herzen von Los Angeles rauszusuchen, dafür reicht seine Begeisterung dann doch nicht.

Natürlich kommt er trotzdem mit und wird geduldig warten, bis Nick auch das letzte Kleidungsstück anprobiert hat.

„Zum Glück hab ich dich“, murmelt Nick und klingt auf einmal schon viel schläfriger als noch vor zwei Minuten.

Silas lächelt und lässt seinen Blick durch das Hotelzimmer streifen.
„Wir haben schon echt Glück gehabt damals“, erwidert er, „um ein Haar wäre ich statt zu Werder in die U14 von Wolfsburg gewechselt.“

Nick schnaubt: „Zum Glück hast du dich richtig entschieden“, seine Stimme klingt jetzt ganz leise: „fehlst mir hier.“

Silas spürt dieses leichte Ziehen in der Brust, das immer dann auftaucht, wenn Nick solche Dinge sagt.

„Du mir auch“, flüstert er zurück und lauscht Nicks immer gleichmäßiger werdenden Atemzügen.

„Sehen uns morgen“, Nicks Stimme ist jetzt nur noch ein verschlafenes Murmeln, „schlaf gut, Sili.“

Silas lächelt über den Spitznamen und schließt die Augen.
Träumt sich neben Nick in das mit Sicherheit viel zu große Hotelzimmer.

„Du auch“, flüstert er, nicht sicher, ob Nick ihn noch hört, dreht sich auf die Seite und gleitet in einen traumlosen Schlaf.

Notes:

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