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Der Wind rauschte in den Bäumen des Waldes, neben dem die Camper auf dem Freeman-Gelände ihr Lager aufgeschlagen hatten. Es war längst Herbst geworden und die Briese hatte sich mittlerweile von erfrischend zu ein wenig zu kühl gewandelt.
Skinny versuchte das Schaudern zu unterdrücken, kam aber nicht umhin, die Jacke über seinen Schultern etwas enger um sich zu ziehen. Und es war nicht nur irgendeine Jacke, oh nein, es war die Jacke der Rocky Beach High School-Basketballmannschaft.
Wenn man noch genauer sein wollte, dann war es die Jacke von Peter. Dunstan. Fucking. Shaw.
Jetzt gerade beschwerte Skinny sich ganz und gar nicht darüber, dass Shaw ihm seine Jacke vorhin umgelegt hatte, als er auch nur das klitzekleinste Anzeichen von frösteln gemacht hatte.
Anders war es hier draußen auch nicht mehr auszuhalten, während die Sonne nur noch halbherzig versuchte, warm zu sein, doch Shaw schien im Gegensatz zu Skinny nicht mal im Ansatz zu frieren. War aber auch kein Wunder, der glühte sowieso immer wie ein Ofen, was im Sommer wirklich eine Plage gewesen war. Im kommenden Winter aber deutliche Vorteile mit sich bringen könnte.
Fuck, er fühlte sich wie eines der Mädchen aus diesen kitschigen High School-Liebesfilmen. Das Cheerleadermädchen mit dem Mannschaftskapitän. Zum Kotzen. Der Drang, die Jacke von seinen Schultern zu reißen keimte in ihm auf.
Manchmal, da bekam Skinny Angst.
Shaw saß gegenüber von ihm, redete mit Paul, der ihn mal wieder mit irgendwelchen langweiligen Fakten über ewig alte Videospiele volllaberte, die wirklich niemanden interessierten. Allerdings schien Shaw doch mitreden zu können, weil das dritte Satzzeichen ebenfalls diese sonderbare Vorliebe für so alte Schinken hatte und Shaw damit vermutlich genauso zuquatschte. Umso besser für Skinny, der sich dadurch nicht an dem Gespräch beteiligen musste.
Er ließ stattdessen seinen Blick über Shaw wandern. Der war schließlich gerade sowieso abgelenkt und würde das sicher nicht bemerken. Also erlaubte er sich einfach mal, offen zu starren.
Und wie er da saß. In diesem grünen Shirt, das frecher Weise einfach genau seiner Augenfarbe entsprach, das sich leicht, kaum merklich, über die Muskeln in Brust und Armen spannte. Unverschämt, dass es das tat, wenn man Skinny fragte. Er starrte weiter.
Es sah immer noch unnatürlich aus, wenn Shaw sich eine Kippe ansteckte, auch, wenn Skinny ihm diese Angewohnheit jetzt schon vor ein oder zwei Wochen aufgequatscht hatte. Gut, nicht sein stolzestes Werk, aber immerhin kam er nun regelmäßig in den Genuss, diesen Widerspruch in Leib und Seele vor sich zu sehen.
Wie er es geschafft hatte, dass Peter Shaw, das korrekte zweite Fragezeichen, der Schisser, rauchte? Das fragte er sich selbst immer noch. Scheiße, er hatte ja noch nicht mal ganz verarbeitet, dass er es geschafft hatte, dass Shaw überhaupt Zeit mit ihm verbrachte.
Doch da saß er nun, nickte, als würde er Paul weiter zuhören, obwohl Skinny diesen Blick mittlerweile kannte – wenn er abschaltete, und eigentlich ganz woanders war. Die helle Flamme, die er gegen das Ende der Kippe hielt, flackerte Schatten auf sein Gesicht, und Skinny musste seinen Blick losreißen, dass er nicht auf dem Punkt festkleben blieb, an dem der Filter Kontakt mit seiner Lippe machte.
Okay, eigentlich hatte Skinny immer Angst. Nicht nur manchmal. Beschissen Angst, sogar.
Peter Dunstan Shaw, das wandelnde Klischee. Perfekt sportlich, in eigentlich jeder Sportart auf diesem Planeten gut (wie, fragte Skinny sich manchmal), mit perfektem Zuhause, perfekte Eltern in einer perfekten Ehe, die ihm jeden beschissenen Tag ein perfektes Frühstück servierten und ihn, perfekterweise, nicht mal verprügelten; und sogar die perfekte Detektivkarriere, mit der er regelmäßig auf der Titelseite der LA Post landete, ein perfektes Lächeln auf dem Gesicht.
Nur seine Noten waren nicht ganz so perfekt (woran Skinny wohl teilweise Mitschuld hatte), und die perfekte Freundin, mit der er sich ein perfektes Leben mit perfekten Kindern und dem scheißperfekten, weißen Gartenzaun aufgebaut hätte – die fehlte jetzt. Und stattdessen war Skinny da, hatte seine Krallen in diese perfekten Muskeln geschlagen und hielt Shaw als Geisel.
Fuck.
Skinny schob sich die Haare nach hinten, die ganz unperfekt viel zu lang geworden waren und ihm ständig ins Gesicht fielen. Er war kurz davor, sie einfach mit der nächstbesten Schere abzuschneiden.
Nervös tastete er seine Hosentaschen ab. Irgendwo mussten seine verdammten Kippen doch sein?
Gerade als er dachte, sie verlegt zu haben, fiel ihm die Packung auf dem Tisch auf. Wahrscheinlich hatte Shaw sich einfach daran bedient; es war die Marke, die dem Satzzeichen leider besser gefiel als die, die Skinny sonst immer bevorzugt hatte. Seitdem hatte er seine alte Marke nicht mehr gekauft. Aber auch nur deshalb, weil sein Stamm-Kiosk sie nicht mehr führte, damit das klar war.
Er streckte sich, um sie vom Tisch zu nehmen, schob den Papierdeckel auf, griff nach einem der orangenen Enden, die ihm entgegenstarrten. Bevor er sie zwischen die Lippen schob, verharrte er einen Moment.
Peters perfektes Leben, davor hatte er Angst. Das Leben, in das er garantiert nicht hineingehörte. Nicht mal hineinpasste, wenn man überhaupt so großzügig denken wollte.
Noch größere Angst hatte er aber davor, dass Peter das auch irgendwann auffallen würde. Dann würde er gehen, würde seine hellblaue, gemütliche, scheiß Jacke von Skinnys Schultern reißen und ihn mit einem Blick ansehen, der so viel bedeutete wie Scheiße, wieso hast du mich dazu gebracht, meine Zeit mit dir zu verschwenden?
Und dann würde er in den Sonnenuntergang verschwinden, bis Skinny nur noch seine Umrisse erkennen konnte, und würde seinem perfekten Leben wieder auf Kurs entgegensteuern.
Scheiße, er hatte so große Angst davor, dass Peter einfach verschwand.
Er steckte sich die Kippe endlich in den Mund. Seine Lippen spürten, wie das Papier und der Filter die Feuchtigkeit aufsaugten, sobald sie diese berührten, und er fühlte sich, als hätte er zwei Wochen in der Wüste gesessen.
Paul war mittlerweile gegangen, hatte offenbar entschieden, dass er Shaw genug gequält hatte. Skinny starrte trotzdem, obwohl er jetzt viel eher dabei erwischt werden konnte.
Krampfhaft versuchte er, sich dieses Bild einzuprägen: Shaw, rauchend, auf dem Platz, lachend mit den Campern, die seine neuen Freunde geworden waren. Für den unvermeidlichen Fall, dass Skinny diesen Anblick irgendwann nicht mehr hatte, musste er ihn natürlich rechtzeitig abspeichern.
Er gehörte einfach nicht in dieses perfekte Leben. Oder, Shaw nicht in seins, sein chaotisches Scheißleben. Wie rum man es auch nehmen wollte, das Ergebnis blieb das Gleiche, und Skinny hatte Angst.
Und wo war jetzt schon wieder sein Feuer? Unruhe kam in ihm auf. Besser gesagt, sie verstärkte sich eher auf ein Maximum. Seine Handflächen begannen zu schwitzen, und er hasste es, wenn seine Handflächen schwitzten.
Skinny war einfach nicht der Typ für so banale Dinge wie Bindungen.
Er war nicht der Typ der Glück hatte, dessen Leben einfach mal eine gute Wendung nahm, ausnahmsweise.
Alle verließen ihn, hassten ihn sowieso. Irgendwann hatte er beschlossen, es ihnen direkt einfacher zu machen und war zu jemandem geworden, den man ganz leicht hassen und verlassen konnte. Von Haus aus, quasi. Mit Gruß aus der Küche.
Und jedes Mal, wenn er seine Fassade dann doch mal bröckeln ließ, jemanden sehen ließ, dass er auch noch etwas anderes konnte, als jemand zu sein, den man einfach hassen musste... Dann verließen sie ihn trotzdem.
Nicht weil sie ihn hassten; er hatte sie ja hinter seine Fassade lünkern lassen, wo sich eben auch andere mögliche Verben versteckten (dulden, zum Beispiel, oder respektieren). Sondern, weil er eben einfach dieser Typ war, den man irgendwann verließ, ob man ihn nun hasste oder nicht.
Seine Hände zitterten, und er verknotete seine Finger, statt nach seinem Feuer zu suchen. Würde ihm gerade noch fehlen, wenn Shaw mitkriegte, dass er hier wie so ein weinerliches Opfer auf die Tränendrüse drückte. Gott, er brauchte jetzt wirklich diese Kippe.
„Hey.“
Shaw blickte erwartungsvoll von seinem Handy auf, hatte in der Zwischenzeit, die Skinny mit Selbstmitleid verbracht hatte, irgendeinen Livestream von irgendeinem Fußballspiel angemacht.
Die Jacke lastete auf Skinnys Schultern, als wäre sie nicht aus blauer Baumwolle, sondern aus Zement gegossen. Alles in ihm schrie danach, im Boden zu versinken. Die verdammte Kippe endlich anzuzünden würde für den Moment aber vielleicht auch erst mal reichen.
Obwohl Skinny ihn ja gerufen hatte, stockte er kurz, als Shaw ihn jetzt so plötzlich, so offen und mit diesem scheiß freundlichen Blick ansah. Sein Unterbewusstsein begann, die Sommersprossen auf den vom Sommer noch gebräunten Wangen zu zählen.
Es waren viele, wie er schnell feststellen musste, hatte sich verzählt, begann nochmal von vorne. Als hätte er das nicht schon tausend Mal gemacht.
„Hm?“, machte Shaw nach einigen Sekunden der Stille, in denen Skinny ihn wahrscheinlich angestarrt hatte wie ein Auto.
Fuck, er war so peinlich.
Er entknotete seine Finger wieder, sie flutschten ganz einfach auseinander – Schweiß sei Dank – strich sie an dem rauen Jeansstoff seiner Hose trocken.
Eine leise Stimme in der hintersten Ecke seines Gehirns wollte Nichts mehr, als seine Gedanken auszusprechen. Sie einfach mal vor Peter auszubreiten, sie ihm an den Kopf werfen, als wären sie ein Vorwurf. Du verlässt mich doch nicht, oder?, wollte sie fragen, Okay, ich geh' nur auf Nummer sicher.
Ich hab nämlich 'ne scheiß Angst davor, weißt du?
Würdest du mich auch lieben, wenn ich ein Wurm wäre?
Zum Glück war sie sehr, sehr leise. Skinny hasste das L-Wort.
Es kam ihm nur so unfassbar künstlich über die Lippen, schmeckte unnatürlich, sauer. Vor allem, wenn Peter ihn mit diesen riesigen Rehaugen ansah und einfach brav auf eine Antwort wartete, nicht eine Sorge in diesem gutaussehenden Köpfchen; nicht ein Gedanke an irgendetwas Negatives verschwendet.
„Hast du schon wieder mein Feuer geklaut?“, zeterte Skinny stattdessen, der Tonfall viel zickiger, als er hätte sein müssen. Der Klang tat ihm sogar selbst in seinen eigenen Ohren weh – abstoßend, ätzend, und so leicht zu hassen. Shaw schnaubte belustigt, schüttelte den Kopf, den Skinny ihm gerade wahlweise abreißen oder abknutschen wollte.
„Ich klau' die nie“, erklärte Shaw mit dieser Stimme, die man so auch benutzen könnte, wenn man mit einem Kleinkind sprach, dem man ganz lieb etwas beibringen wollte. Sanft und weich und voller L-Wort. „Du verlegst deine nur immer.“
Skinny hatte so verdammt große Angst.
„Hier, nimm meins.“ Peter streckte ihm das Feuer entgegen, dass er selbst gerade noch benutzt hatte. Rot war es, und Mina hatte eine kleine Blume mit Edding draufgemalt.
Angst, dass er mal wieder zurückgelassen wurde.
