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„Ich – Ich kann nicht.“ waren die Worte, die dem Chevalier Philippe de Lorraine das Herz vor wenigen Tagen gebrochen hatten, nachdem er endlich die Chance erhalten hatte mit seinem Angebeteten, dem französischen Prinzen Philippe de Bourbon, Duc d’Orléans, endlich die ersten Worte nach dessen Heimkehr aus dem Krieg in aller Privatheit wechseln zu können.
Er hatte so gebetet und gehofft, dass sein Liebster in einem Stück zurückkehren würde. Er hatte mit dessen Tod oder schweren Verwundungen gerechnet, aber nicht mit diesem hier. Oder doch? Der Chevalier hatte seinen Prinzen angefleht gehabt nicht in den Krieg zu ziehen. Er hatte Angst vor dieser verrohten, zuweilen brutalen Version von Philippe, die aus dessen ersten Kriegseinsatz wiedergekommen war. Diese Version war empathielos und erinnerte ihn in deren Gefühlskälte zu sehr an Louis XIV und in deren Aggressivität zu sehr an seinen eigenen Vater. Und er hatte Angst, dass der Philippe, in den er sich verliebt hatte, dieses empfindungsfähige, liebevolle, scheue Wesen nie wieder zum Vorschein käme. Und nun waren seine Befürchtungen Realität geworden.
Dennoch ging er regelmäßig in dem d’Orléanschen Appartement im Schloss Versailles ein und aus. Dies lag zum einem daran, dass sein Philippe ihn mit der Organisation von dessen Finanzen und dessen Hofstaat während dessen Abwesenheit betraut hatte und weiter ausführen ließ, und zum anderen, dass er regelmäßig Zeit mit Petit-Philippe und Liselotte verbringen wollte.
Er schritt durch das Vorzimmer, um an Liselottes Zimmer anzuklopfen, als er bemerkte, dass die Tür zu Philippes Schlafzimmer einen Spalt offen stand. Der Duc d’Orléans schien das nicht bemerkt zu haben oder es kümmerte diesen nicht. Dieser war damit beschäftigt dessen Bedienstete unwirsch durch die Gegend zu kommandieren.
Lorraine blieb stehen und beobachtete die Szenerie und was er sah, brach ihm erneut das Herz.
Sein Prinz stand nackt ihm mit dem Rücken zugewandt in der Mitte dessen Zimmers. Philippes rabenschwarze Haare hingen strähnig, fettig und ungepflegt hinab. Der Teint des Duc d’Orléans war immer noch alabasterfarbend, aber dessen Haut jenseits von makellos. Allerdings war dessen Gesamterscheinung jetzt wesentlich muskulöser, wenn auch drahtiger. Die Figur des Prinzen war die eines Kriegers und nicht mehr der eines feenartigen Märchenwesens wie zu dem Zeitpunkt, wo der Chevalier ihn kennen gelernt hatte.
Lorraines Blick schweifte von oben nach unten. Über die linke Schulter des Prinzen zog sich eine fiese ovale rote Brandnarbe, die einen Ausläufer bis auf dessen Oberarm bildete. Über dessen Rücken, Hintern und Rückseite der Oberschenkel zogen sich gut verteilt große und kleine Blutergüsse in unterschiedlichen Stadien.
Über dessen linke Wade verlief eine lange Narbe von einer genähten Schnittwunde, die zwar schon am Verblassen war, aber eine Wulst gebildet hatte. Auf der anderen Wade befand sich eine münzengroße kreisrunde Brandnarbe, die aussah als ob etwas dort kauterisiert worden war und die am ältesten zu sein schien, da sie mittlerweile fast die Farbe der gesunden Haut angenommen hatte.
Dann drehte sich Philippe leicht nach rechts und es offenbarte sich eine große Narbe am Oberschenkel. Lorraine war erstaunt, dass der Prinz nicht hinkte, musste doch der Hieb, von dem diese Narbe stammte, mit Sicherheit den Oberschenkelmuskel verletzt haben.
Die andere Körperseite des Prinzen konnte der Chevalier nicht einsehen. Er hoffte, dass sich dort keine weiteren Narben und Hämatome befanden. Am liebsten wäre er in das Zimmer gestürmt und hätte seine große Liebe in den Arm genommen und dessen Körper, vor allem dessen gezeichnete Haut, liebkost, aber er war sich sicher, dass er bei dessen momentanen seelischen Zustand nur dessen Faust mitten in seinem Gesicht wiedergefunden hätte.
Kein Wunder, dass Philippes Geist so kaputt war, so geschunden wie dessen Körper aussah.
Lorraine war sich nicht sicher, ob er geseufzt oder nur zu laut ausgeatmet hatte. Jedenfalls hatte der Prinz ihn bemerkt und dessen kalter, gefühlsloser Blick traf ihn. Dann blaffte dieser nur einen seiner armen Diener an, endlich die Tür adäquat zu schließen oder Eintrittsgeld zu nehmen, wenn er schließlich schon zur Schau gestellt werden würde.
Der Diener, der die Tür schloss, blickte den Chevalier mitleidig an. Denn auch wenn keiner offen darüber sprach, alle wussten, was geschehen war. Diese Eiseskälte, die von Philippe ausging, war keinem entgangen und allen bereitete es Sorge. Nur Louis XIV schien Gefallen an der seelenlosen Maschine zu finden, zu der Philippe geworden war.
Lorraine hatte damit zu kämpfen, dass ihm nicht die Tränen in die Augen schossen, ob aus Wut, weil Philippe seine Warnung in den Wind geschlagen und als eben jenes gefühlskaltes Monster zurückgekommen war, von dem er ihn bewahren wollte, oder aus Liebeskummer wusste er nicht und es war ihm egal, aber er wollte Liselotte nicht schon wieder etwas vorheulen. Schließlich hatte sie schon genug damit zu kämpfen, dass Philippe von seinem Sohn nichts wissen wollte.
Er schluckte den Kloß in seinem Hals hinunter. Draußen war ein sonniger Tag und er wollte mit Petit-Philippe und Liselotte eine Runde durch den Park drehen. Nachdem Louis XIV ihn zu einem seiner Zeremonienmeister erhoben hatte und er nicht mehr ausschließlich auf Philippes Gnade in finanzieller oder anderer Hinsicht angewiesen war, erlaubte er sich den Gedanken, dass es vielleicht auch eine Zukunft ohne den Prinzen gab. Es war definitiv nicht seine bevorzugte Wahl, aber wenn Philippe sich nicht durchringen konnte ihre Beziehung wieder aufzunehmen, dann war es so. Er konnte und wollte ihn nicht zwingen, dazu war er sich mittlerweile zu schade.
