Work Text:
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"Na endlich! War dein Flieger verspätet?"
"Ich freue mich auch, dich zu sehen", sagte Boerne und lächelte. "Und nein, ich bin nur zuerst bei mir vorbei."
Thiel spürte einen Anflug von Verlegenheit, aber zum Glück machte Boerne keine Witze über seine Ungeduld. Immerhin war es das erste Mal, daß sie sich mehrere Tage nicht gesehen hatten, seit sie ... seit sie zusammen waren. Noch vor einem halben Jahr hätte er sicher herzlich gelacht, wenn ihm jemand gesagt hätte, daß er Boerne vermissen würde.
Er musterte den anderen aufmerksam. Boerne wirkte gut gelaunt und erholt - keine Spur des Lampenfiebers mehr, mit dem er aufgebrochen war. Er ... strahlte regelrecht.
Thiel trat einen Schritt näher und kniff die Augen zusammen.
"Ist das ... Glitter?"
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"Du hast was getan?"
Statt ihm zu antworten, warf sich Boerne in die Brust und begann zu deklamieren.
"I am that merry wanderer of the night.
I jest to Oberon and make him smile
When -"
"Jaja ... schon gut." Thiel seufzte und versuchte, die losen Enden zu verbinden. "Puck also. Aber was genau hat das jetzt mit den Überresten von Glitter-Makeup in deinem Gesicht und weiß der Himmel wo noch zu tun?"
"Ja, nun ..." Boerne wirkte kurz ein wenig verlegen, um dann zum Angriff überzugehen. "In dieser mehr als mediokren Inszinierung - gut, es handelte sich überwiegend um Erstsemester, aber trotzdem - wurde eben eindeutig mehr Wert auf special effects als auf eine präzise dramaturgische Zeichnung gelegt."
"Und jetzt das ganze nochmal so, daß ich es auch verstehe", sagte Thiel.
"Die ... Regisseurin hatte die ... künstlerische Vision, Puck als Wesen der Traumwelt optisch deutlich hervorzuheben, durch ein sozusagen überirdisches Leuchten, und Betty hatte ... Glitter."
Thiel gratulierte sich zu seiner eisernen Selbstbeherrschung, ohne die er schon längst in lautes Lachen ausgebrochen wäre. Vor allem, weil er sich gerade dunkel an eine Shakespeare-Verfilmung erinnerte, die er vor Jahren einmal im Fernsehen gesehen hatte.
"Du bist also mit nacktem Oberkörper und Glitter-Makeup über eine Cambridger Bühne gehüpft", preßte er zwischen zusammengebissenen Zähnen hindurch.
"Du brauchst dir gar keine Mühe zu geben so zu tun, als würdest du nicht lachen", entgegnete Boerne bissig. "Deine schauspielerischen Qualitäten sind nämlich praktisch nicht vorhanden, und -"
Das war endgültig zu viel. Thiel lachte, bis ihm die Tränen kamen.
Vor allem, als Boerne noch "ich war ein hervoragender Puck. Drei Vorhänge" ergänzte.
"Glaubst du mir nicht?"
"Auf jeden Fall bist du ein guter Onkel", antwortete er, als er wieder Luft bekam. Wobei ihm eine innere Stimme sagte, daß Boerne vermutlich Spaß an der Sache gehabt hatte und Bettys Überredungskünste eindeutig dramatisiert worden waren.
"Mhm ..." Boerne wirkte wieder besänftigt, aber auch ein wenig beunruhigt. "Aber jetzt habe ich das verdammte Zeug auf der Haut, und es ist einfach nicht loszuwerden! Außerdem färbt es überall ab!"
"Du hast bestimmt nur noch nicht ordentlich geschrubbt", sagte Thiel und unterdrückte ein Grinsen.
"Ich habe schon geduscht", erklärte Boerne sofort, "aber es ist immer noch nicht alles -"
"Vielleicht brauchst du ja Hilfe", unterbrach er und sah zu, wie Boerne ein Licht aufging.
***
Er schloß sein Rad an und eilte beschwingten Schritts ins Büro.
"Moin Nadeshda! Und, heute schon jemand gestorben?"
Seine Kollegin sah vom Schreibtisch auf und lächelte. "Nein, alles ruhig. Sie sind heute aber gut aufgelegt, hat St. Pauli gewonnen?"
Thiel nickte. "Eins zu Null". Das hatte er ja schon fast wieder vergessen - wirklich ein gelungenes Wochenende. Und Boerne war nicht dagewesen, um ihn während des Spiels zu nerven. Er sollte wirklich öfter seine Nichte besuchen ...
Er schaltete seinen Rechner ein und öffnete gerade seine Mails, als ihn ein überraschter Laut von Nadeshda aufblicken ließ.
"Was haben Sie denn da, Chef?" Nadeshda kniff die Augen zusammen, um ihn näher in Augenschein zu nehmen. "Ist das ... Glitter?"
* Fin *
