Chapter Text
"Ich... liebe dich."
Andrés Stimme zitterte leicht, als er Oscar mit nicht allzu lauter Stimme seine Liebe schwur.
Sie lächelte ihn beseelt mit glänzenden Augen an. Ihre Wangen waren sanft rosig gefärbt. In ihrem Gesicht spiegelte sich eine Mischung aus der anfänglichen Schüchternheit und der berauschenden Erfahrung der sinnlichen Leidenschaft wider. Einige Tränen perlten sich noch an ihren unteren Wimpern ab. Es war, als schwoll ihr das Herz in der Brust und erfüllte sich mit unendlicher Liebe und Frieden. Sie schaute André weiter an. Oscar war vor Glückseligkeit zu ergriffen, um ihre Emotionen in Worte fassen zu können.
Ihr Freund und Bruder, ihr Diener und Vertrauter, ihr Geliebter und nun... ihr Ehemann.
Nicht nur platonisch hatten sie einander ihre Liebe gestanden, sondern sich heute Nacht auch körperlich das erste Mal miteinander vereint. Sie hatten somit den ewigen Bund vor Gott dem Herrn geschlossen, in einer intimen Zeremonie, nur zu zweit, wie Er sie erschaffen hatte.
Andrés Wangen waren ebenfalls noch tränennass. Während er sich über seine Frau beugte, strich er zärtlich über ihren Kopf, bevor sich sein Gesicht dem ihren näherte und er seine Augen schloss. Oscars Arme schlangen sich sofort um seinen Rücken und als seine Lippen ihren Mund erneut berührten, begannen diese die aufgestauten Gefühle wie von ganz alleine auf ihn zu antworten...
"Ich liebe dich auch..."
Eine leichte Brise ließ die langen, weißen Gardinen vor dem großen Fenster tanzen. Am Nachthimmel funkelten hell Abertausende von Sternen.
Die Tränen des vollkommenen Glücks schienen bei beiden noch nicht aufhören wollen zu fließen...
"Ist dir auch nicht kalt?", fragte André und zog gleich die Bettdecke ein Stück weiter über Oscars nackte, weiße Schultern.
"Nein...", lachte diese kurz auf und schmiegte sich an ihren Geliebten, den sie, seit sie ihn als Kind kannte, immer als "warm" empfunden hatte.
"Nicht, dass du dich erkältest..."
"Es ist Sommer, André!"
"Ja, aber die Nächte sind trotzdem frisch..."
"Mach dir keine Sorgen...", sagte sie und kuschelte sich in seine starken Arme. "Mir ist wirklich nicht kalt."
"Morgen...", begann er, während er über ihr Haar strich, "müssen wir früh raus..."
"Ja..." Oscar senkte die Lider.
"Wir sollten bald schlafen..."
Ihr Herz schlug laut auf und ihre Hand krallte sich in seinen Oberarm. "Noch nicht...", hob sie den Kopf mit flehendem Blick. "Denn morgen... morgen..."
"Ich weiß...", flüsterte er, während er sie noch enger an sich zog und sie auf die Stirn küsste.
Morgen früh, den 13. Juli 1789, würden sie zusammen mit der Französischen Nationalgarde nach Paris ausrücken. Auch wenn sie nicht beordert waren, die Waffen zu benutzen, so war ihnen und ihren Männern doch bewusst, dass sich eine kämpferische Auseinandersetzung nicht vermeiden ließe. Sie würden sich unmittelbar in den Sturm begeben, der sich bereits gefährlich zusammenbraut hatte und kurz davor stand, erbarmungslos über Frankreich hinwegzufegen. Das Regiment würde sich auch auf eine Seite schlagen müssen, auf die des Königshauses oder die der Untertanen.
Galt es das Ancien Régime mit all seiner Historie zu verteidigen oder dem Begehren nach Abschaffung des sozialistischen Ständestaates, nach sozialer Gerechtigkeit und politischem Mitspracherecht der zukünftigen "Bürger", Citoyens, wie sie sich vielerorts schon nannten, nachzugeben?
Oscar würde das Kommando leiten und André konnte mit Leichtigkeit erahnen, auf wen die Wahl träfe.
Für ihn spielte das allerdings keine wirkliche Rolle. Das einzige, das für ihn zählte, war sie zu begleiten und zu beschützen. Oscar allein war seither immer seine Priorität. In welchem Frankreich auch immer, solange er an ihrer Seite sein konnte, war ihm praktisch jede Staatsform recht. Ohne sie konnte er nicht sein, sie war das Licht in seinem Leben, das ihm Bedeutung gab, sein Ein und Alles.
Dennoch würde es wahrscheinlich das letzte Mal sein, dass sie so innig wie in diesem Moment beieinander sein konnten. Keiner von beiden wagte aussprechen, was sie bereits tief in ihren Herzen wussten: Der morgige Einsatz in Paris könnte den Tod bedeuten.
Ein Windhauch wehte durchs Fenster und die merklich heruntergebrannten Kerzen flackerten kurz auf. Der Tagesanbruch ließ noch ein bisschen auf sich warten.
"Ich...", sprach Oscar ihn an, "Ich will jeden Moment mit dir auskosten... Deshalb, liebe mich noch einmal... André!"
"Oscar..." André war die Bedeutung ihrer Worte schmerzlich bewusst. Ohne zu zögern näherte sein Mund sich ihren Lippen und benetzte diese mit einem sanften Kuss.
"Hab keine Angst, ich lass dich nicht allein.", hauchte er.
"Ja.... Lass mich nicht allein... Bleib die ganze Zeit an meiner Seite!"
"Ich hab es dir geschworen... Jetzt... und für immer... Und wenn wir uns in einem anderen Leben wiedersehen..."
Oscar unterbrach den Kuss abrupt. "Hm? In einem anderen Leben?"
"Natürlich", lächelte er.
"Wenn wir wiedergeboren werden sollten...?"
"Ja..."
"Wie... das?" Ungläubig verengte sie ihre blauen Augen.
"Das ist doch ganz einfach", schaute er sie liebevoll an, während er sich über sie beugte, "Ich werde dich Oscar, niemals vergessen. Meine Liebe für dich wird niemals vergehen. Selbst wenn ich sterbe, wird diese Liebe die Zeit überdauern, bis wir uns irgendwann wiederbegegnen."
"A-aber...", begann sie errötet zu stottern, "Woher willst das wissen?"
"Ich weiß es, ich glaube ganz fest daran. Egal, was passiert, wir werden uns wiedersehen."
"Hahaha...", begann sie plötzlich zu lachen, weil sich das zu unglaublich anhörte, aber auch ein wenig vor freudiger Hoffnung.
Er strich ihr eine Haarsträhne aus der Stirn und sah sie mit festem Blick an. "Ich werde dich suchen und finden, Oscar, ganz sicher."
Sie nickte, während ihr Herz schneller schlug. Auch sie wollte ganz fest an ein neues Schicksal glauben. "Ich werde auf dich warten..."
Ihre Lippen fanden erneut zueinander und es bedurfte keinerlei Worte mehr, um sich einander ihre Liebe zu versichern. Ihrer beider Atem wurde rauer, als sie sich ihrer Leidenschaft hingaben und ihre Körper heiß und dringlich miteinander verschmolzen.
Sie würden einander wiedersehen.
In einer anderen Zeit, unter anderen Umständen.
Ihre Seelen würden einander rufen und sie würden sich wieder ineinander verlieben.
"Ich kann ohne ihn nicht leben...", war Oscars letzter Gedanke, als Andrés Kopf auf ihrer Brust ruhte und sie zärtlich über seine Locken streichelte, bevor sie erschöpft und glücklich die Augen schloss.
Der Wind bauschte noch einmal die Gardinen auf und die Sterne funkelten weiter wunderschön am Firmament...
