Chapter Text
***
Und nicht alleine wach zu werden.
Thiel schmiegte sich näher an den Körper, den er im Arm hielt, und ließ seine Hand sachte tiefer gleiten, um Boerne zu wecken. Sie hatten es heute beide nicht eilig, keine dringenden Termine, dafür aber unzählige Überstunden, die abgebaut werden wollten. Also alle Zeit der Welt, um -
Er wurde unsanft weggestoßen und riß überrascht die Augen auf. Das war noch nie passiert, seit er mit Boerne zusammen war.
"Stimmt was nicht?"
"Migräne."
"Was?" Im ersten Moment dachte er, Boerne wolle sich einen schlechten Scherz mit ihm erlauben, aber dann sah er im hellen Morgenlicht, daß Boerne beunruhigend blaß war und die Augen krampfhaft zusammenkniff.
Verdammt.
"Kann ich irgendwas für dich tun?" fragte er mit leichter Verspätung und schlechtem Gewissen.
"Mhm ..." Boerne drehte sich vorsichtig auf den Rücken und blinzelte ihn an. "Wasser."
***
"Kannst du Alberich anrufen?" murmelte Boerne, und er nickte. Bis ihm einfiel, daß der andere das ja nicht sehen konnte, weil er die Augen wieder geschlossen hatte.
"Klar." Er hatte automatisch leiser gesprochen, aber Boerne kniff trotzdem die Augen wieder fester zusammen und wurde noch blasser.
***
Er hatte sich gar nicht überlegt, was er sagen sollte, aber schließlich war das etwas, was man für seinen Nachbarn schon einmal tun konnte, ohne daß es komisch aussah.
"Boerne ist krank und kann nicht telefonieren. Migräne", sagte er deshalb einfach.
"Oh je. Hat es ihn wieder erwischt?"
"Sieht so aus." Offensichtlich kam so etwas öfter vor, dann mußte er ja nicht viel erklären. "Ich wollte nur Bescheid sagen, daß er heute nicht kommt."
"Danke." Frau Haller zögerte kurz. "Kennen Sie sich aus mit Migräne?"
"Nö, ich hab' sowas zum Glück nicht." Thiel grinste. "Ich hab' höchstens Kopfschmerzen, wenn ich zuviel getrunken habe."
"Das kann man nicht vergleichen, glauben Sie mir", seufzte Frau Haller. "Ich spreche aus eigener leidvoller Erfahrung. Hat er schon ein Schmerzmittel genommen?"
"Ja."
"Gut. Dann sehen Sie zu, daß er dunkel und ruhig liegt, frische Luft bekommt, und ansonsten lassen Sie ihn am besten ganz in Ruhe. Helfen kann man da nicht, und alle Störungen, Geräusche, Gerüche, Licht, machen die Sache nur schlimmer. Und stellen Sie ihm einen Eimer nebens Bett, falls er sich übergeben muß."
"Wegen Kopfschmerzen?"
"Eine Migräne, Herr Thiel, ist nicht dasselbe wie ordinäre Kopfschmerzen", erklärte Frau Haller leicht tadelnd. "Und bei den meisten Migränepatienten gehören Gleichgewichtsstörungen, Sehstörungen und Übelkeit zu den Symptomen eines akuten Anfalls."
"Oh." Er sagte ihr lieber nicht, daß er Migräne bisher nur aus schlechten Witzen gekannt hatte. "Wie lange dauert sowas denn?"
"Unterschiedlich. Wenn Sie großes Pech haben, kann ein Anfall mehrere Tage dauern. Bei Boerne sind es aber normalerweise nur einige Stunden. Sie können ruhig zur Arbeit und ihn alleine lassen, Ruhe ist jetzt sowieso am besten."
***
"Frau Haller weiß Bescheid", flüsterte er.
"Danke", murmelte Boerne, öffnete langsam die Augen und lächelte. Es war ein fiebriges, abwesendes und ein wenig unheimliches Lächeln, aber trotzdem ein Lächeln. "Du hast da eine Aureole ..."
"Was?"
"Leuchtend blau ...", flüsterte Boerne und schloß die Augen wieder. "Das ist schön."
"Ähm ..." Er hatte keine Ahnung, worum es gerade ging. Am liebsten wäre er ja bei Boerne geblieben, aber er hatte Frau Hallers Ratschläge noch im Ohr. Und tatsächlich wirkte Boerne nicht so, als könnte er ihm irgendwie helfen. "Frau Haller meinte, ich soll dich am besten in Ruhe lassen ..."
"Mhm ..." Boerne blinzelte noch einmal. "In ein paar Stunden ist alles wieder gut."
***
Frau Haller weiß Bescheid.
Thiel fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare. Der Satz traf anscheinend weit mehr zu, als er das in dem Augenblick gedacht hatte. Lange Diskussionen darüber, wann und wie sie die Kollegen einweihen sollten, konnten sie sich wohl sparen.
Einen kurzen Moment hatte er ein flaues Gefühl im Magen. Aber dann fühlte er sich merkwürdig erleichtert, als ihm auffiel, daß Frau Haller überhaupt nicht überrascht gewirkt hatte. Oder so, als sei irgendetwas ungewöhnlich. Sondern so, als sei alles in Ordnung. Und das war es ja auch.
* tbc *
