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Gefallener Stern

Summary:

Am Ende aller Tage, wenn Sonne und Mond zerstört sind, wird Túrin Turambar in der Letzten Schlacht Morgoth gegenübertreten und den Feind der Welt erschlagen. In der Dunkelheit warten die Elben jedoch vergeblich auf Túrins Rückkehr. Beleg Cúthalion weiß, er wird ihn finden. Doch zuvor soll Gurthang, das schwarze Schwert aus dem Eisen eines gefallenen Sterns, neu geschmiedet werden. Als er seinen Schmied aufsucht, trifft Beleg auf jemand Unerwartetes.

Notes:

(See the end of the work for notes.)

Work Text:


Beleg Cúthalion hebt den Blick zu den Sternen. Ein Band aus Licht überzieht den Himmel auf seiner südlichen Hälfte: Ein leuchtender Pfad, der die Horizonte verbindet. Und daneben, als wäre er im Begriff, von jenem Pfad abzukommen, funkelt das Sternbild Menelmacar. Ein Stern in seiner Schulter ist rot, als hätte der Schwertkämpfer eine Wunde aus der Schlacht davongetragen. Doch er steht aufrecht und sein Gürtel und die Schwertscheide sind mit Juwelen besetzt.

Belegs Atem steigt wie Nebeldunst in der eiskalten Luft auf und verschleiert die Sterne für einen Moment, bevor sie wieder klar werden. Das erste, was seine Augen voller Wunder erblickt hatten, als sie sich an den Ufern von Cuiviénen öffneten, waren die Sterne von Menelmacar gewesen. Sie hatten ihren Platz in seiner Erinnerung gefunden, noch ehe er einen Namen für sie gekannt hatte. – Ja, sogar ehe er selbst einen Namen besessen hatte.
Doch schon in seinem Anbeginn hatte Elbereth Gilthoniel das Bild des Schwertkämpfers als Vorboten der Dagor Dagorath, der Letzten Schlacht, an den Himmel gezeichnet.

Mond und Sonne sind nun vergangen, und bald wird Beleg beides gesehen haben: Den ersten Augenblick der Eldar unter dem Sternenhimmel und das Ende von Allem im selben Zwielicht.
Die Spanne seines Lebens erstreckt sich von einem Horizont der Zeit zum anderen. Beinahe wie ein Spiegelbild des Sternenpfades am Himmel – lediglich im Zenit unterbrochen vom Schatten einer Sturmwolke, wohingegen der wirkliche Himmel klar ist. Verglichen mit der Dauer seines Lebens hat er eine kurze Zeit in Mandos' Hallen verbracht. Noch viel kürzer waren die Tage gewesen, in denen er an der Seite von Túrin, Húrins Sohn, gelebt und gekämpft, gelacht und gelitten hatte und doch: Wie ein Blitzeinschlag, abrupt und gewaltsam, hatten sie ihre Spuren hinterlassen und noch immer kann er die gezackten Linien der Erinnerung in seiner Fëa ertasten.

Beleg wendet den Blick von Menelmacar ab. Weiter oben, beinahe über seinem Kopf, leuchtet Earendils Licht und es ist das hellste unter allen Sternen. Elbereth hatte es vom Rand des Horizonts in die Mitte des Himmels versetzt, auf dass Earendil Wache über Morgoth halte und die Elben, Menschen und Zwerge und alle guten Geschöpfe unter dem Nachthimmel zu jeder Zeit aufsehen und neue Hoffnung schöpfen mögen. Beleg, der das Licht der Sterne seit jeher liebt und Sonne und Mond dennoch schmerzlich vermisst, lässt sich einen Moment lang von dieser Hoffnung erfüllen, denn er benötigt sie dringlich.
Dann setzt er seinen Weg fort.

Die Bruchstücke des schwarzen Schwertes wiegen viel schwerer als ihr eigentliches Gewicht. In geölten Tüchern sind sie säuberlich in dem Lederbeutel verstaut, den er sich über die Schulter geschlungen hat. In Momenten, in denen der Wind stillsteht und seine eigenen Gedanken schweigen, kann Beleg sein Flüstern hören. Es ist das Echo eines Kriegsgesangs, ein Lied von Blut und Verhängnis, das Beleg erschauern lässt. Schon damals war da eine Stimme gewesen, von Zeit zu Zeit, als Dor-Cúarthol mit dem Blut der Orks getränkt gewesen war. Doch sie war schwach gewesen, Beleg hatte sie selten gehört und nicht viel darauf gegeben. Er vermochte nicht zu sagen, was sie nun zum Singen brachte:
Es mochte der Tod sein, den Túrin vor unzähligen Jahren gebracht hatte, oder die Erwartung des neuen Blutes, das in der bevorstehenden Letzten Schlacht vergossen werden würde, denn Túrin hatte es Gurthang genannt, Todeseisen.
Doch Anglachel hatte es geheißen, als es geschaffen worden war, Eisen des Flammenden Sterns: Daher mochte es ebenso ein Frohlocken über die Dunkelheit sein, die sein Schmied verehrt hatte, und über das ununterbrochene Funkeln der Sterne am Himmel, von denen seine glühende Essenz einst herabgestürzt war.


Die vorsichtigen Schritte eines Jägers tragen Beleg durch den Erlenwald und weder auf dem sumpfigen Boden zwischen Tümpeln und trägen Bächen noch auf dem Schnee, der auf Pfaden mit festerem Grund nicht geschmolzen ist, verursacht er ein Geräusch. Sein Bogen ist gespannt und an seinem Gürtel trägt er ein langes Jagdmesser. Die Augen sind aufmerksam ins Unterholz gerichtet, ihnen entgeht keine Bewegung. Lange Zeit hat er seines Geschicks in dieser Hinsicht nicht bedurft. Doch abscheuliche Dinge sind in Morgoths Schatten über die Trümmer der Mauern der Nacht gekrochen und Gefahr lauert jetzt dort, wo zuvor der Frieden des Segensreiches ruhte.
Schließlich erreicht er sein Ziel jedoch unbehelligt und atmet auf.

Für einen Moment überkommt ihn der Gedanke, dass auch derjenige, den er aufsucht, ihn zumindest mit Unwillen erfüllt, wenn auch nicht mit völliger Abscheu. Es ist nicht leicht gewesen, Eols Behausung zu finden, weit ab von allen Siedlungen und Straßen. Doch Beleg ist geduldig, er hat selten eine Spur nicht gefunden und noch nie eine wieder verloren.
Vor ihm liegt ein Haus aus Bruchstein, Brombeerranken wuchern beinahe bis hinauf zur Dachtraufe. Ein breiter Schornstein ragt über dem Schieferdach auf und der hintere Teil des Gebäudes ist gleichsam mit dem felsigen Hang dahinter verschmolzen. Beleg ahnt, dass der Fels mit verborgenen Gängen und Kellern durchzogen ist, in denen Eol seine Geheimnisse verbirgt.

Vor vielen Zeitaltern hatte Beleg Eols Schmiede in Nan Elmoth ein ums andere Mal besucht, da niemand bessere Pfeilspitzen herzustellen vermochte. Ihnen war gemeinsam gewesen, dass sie beide die Abgeschiedenheit und Ruhe im tiefen Zwielicht der Wälder gegenüber den lauten, farbenfrohen Festen und den hinter lächelnden Gesichtern verborgenen Spötteleien und Halbwahrheiten von Menegroth bevorzugten. Doch darüber hinaus spürte Beleg keinerlei Verbundenheit mit Eol. Die Zaubereien und Verwünschungen, mit denen er seinen Stahl härtete, glichen in nichts dem Wirken irgendeines anderen Elben und von der schützenden Macht Melians unterschieden sie sich wie die Nacht vom Tage. Beleg hatte stets den Gedanken gehegt, dass Eol diese Künste nicht ausschließlich von den Zwergen gelernt hatte, denen er so verbunden war – sondern auch von dunkleren Kreaturen.

Nach der Wiedererweckung in Valinor hatte Beleg nicht ein einziges Mal das Bedürfnis oder die Notwendigkeit verspürt, Eol aufzusuchen. Doch wer sonst versteht die Seele Gurthangs so gut wie sein eigener Schmied? Will es nicht das Schicksal, dass Eol die Bruchstücke der Klinge zusammenfügt? ‚Das dunkle Herz seines Schmiedes wohnt noch darinnen.‘ – Die Worte Melians hat Beleg nicht vergessen und sie hatten sich bewahrheitet. Doch noch viel dunkler ist das Herz Morgoths, das die Klinge durchstoßen soll: Es scheint ihm richtig, dass dort, wo das Licht versagt, der Sieger selbst vom Dunkel geformt sein muss und ebenso sein Schwert.

Beleg entspannt seinen Bogen und klopft an die schwere Tür aus dunklen Eichenbohlen. Sie ist nur angelehnt. Als er nach einiger Zeit nicht hereingebeten wird, öffnet er die Tür und tritt ein. Er hat sich ohnehin nicht auf einen warmherzigen Empfang eingestellt, selten hatte Eol in seinem ersten Leben Besuch empfangen und in seinem zweiten, das nach dem Maß der Eldar noch nicht lange andauert … – Nun, Beleg fragt sich, ob Eol in dieser Zeit jemals einen Gast beherbergt hat. Vielleicht weckt der Gedanke sogar einen Hauch von Mitleid.
Der Raum ist dunkel, die Einrichtung kaum auszumachen: eine kalte Kochstelle, ein schlichter Tisch mit einem einzelnen Schemel. Doch im hinteren Bereich des Hauses – und es ist in der Tat größer, als es von außen den Anschein hat – fällt ein heller Lichtschein durch einen offenen Türrahmen, beinahe blendend nach der langen Zeit, die Beleg durch die Nacht gewandert ist. Das erscheint ihm seltsam, denn würde der tagscheue Eol sich nicht als einer von wenigen an der fortwährenden Dunkelheit erfreuen? Seine Werkstatt in Nan Elmoth war allenfalls von dämmrigem Kerzenschein und dem Schmiedefeuer in der Esse beleuchtet gewesen. Doch nun scheint jede Kerze und Öllampe entzündet zu sein und ihr warmer Schein vermischt sich zusätzlich mit dem blassblauen Licht einer Lampe, wie die Noldor sie herstellen.
Beleg umrundet ein Gestell, auf dem halb fertiggestellte Pfeile und Saufedern lagern. Ein Elb steht über die Werkbank an der gegenüberliegenden Wand gebeugt und studiert die Notizen, die darauf zwischen Werkzeugen und Materialien liegen. Sein Haar ist nicht silberhell, sondern rabenschwarz.
„Ich hatte erwartet, Eol hier anzutreffen. Wo kann ich ihn finden?“ Beleg glaubt, mit Eols Sohn Maeglin zu sprechen, den er nur selten getroffen hat.

Der andere hebt den Kopf, dreht sich langsam um und Beleg erkennt seinen Irrtum:
In Beleriand hatten sich ihre Wege nie gekreuzt, obwohl Beleg einigen der Söhne Fëanors begegnet ist, vor der Schlacht, die später Nirnaeth Arnoediad geheißen wurde. Damals war er noch voller Bewunderung für ihre Tapferkeit im Trotz gegen Morgoth gewesen.

Vieles aus der Zeit in Mandos' Hallen ist in seiner Erinnerung verschwommen, die Jahre und Jahrhunderte fließen anders ohne die Wahrnehmungen des Körpers. Doch gerade die frühesten Eindrücke sind ihm noch bildhaft im Gedächtnis, mehr als ein Wirbel undeutlicher Empfindungen. So wie er einst die Grenzen von Doriath entlanggestreift war, das Zauberwerk von Melians Gürtel zu seiner einen und Morgoths Schatten zu seiner anderen Seite, so war er den Wandbehängen in den endlosen Fluren gefolgt – und hatte ein Gefühl kennengelernt, das er in Doriath nie gespürt hatte: Die absolute Hilflosigkeit, nicht schützen zu können, was er einst geschworen hatte, mit seinem Leben zu verteidigen. In seiner Verzweiflung bildete er sich ein, es hätte einen Unterschied gemacht, hätte er dort verbleiben können. Doch er hatte nur ein Leben in Mittelerde besessen und dieses hatte er gegen Túrins Freiheit eingetauscht. Wie in Ketten gelegt konnte er nichts tun als ohnmächtig zu beobachten, wie Túrins Pfad ihn immer tiefer ins Verderben führte, wie Thingol fiel und Melians Gürtel schwand und seine Heimat zertrümmert wurde. Und als Doriath endlich wieder Hoffnung geschöpft hatte, als würden die Wurzeln junger Bäume Halt zwischen den Trümmern finden, hatten Fëanors Söhne ihm den Todesstoß versetzt.

Blut im Schnee unter den Buchen von Neldoreth, Blut auf weißem Marmor in den Hallen von Menegroth.

Es war der Moment gewesen, in dem seine Fëa sich von den Wandbehängen abgewendet hatte. Nichts war mehr übrig gewesen, über das er seine zwecklose Wache hätte halten können. Doch die Gesichter derer, die endgültig die Dunkelheit über Doriath gebracht hatten, hat er nie vergessen.


„Ich fürchte,“, sagt Curufin, Fëanors Sohn, ohne Bedauern, „Eol ist etwas Schlimmes zugestoßen.“

Ein plötzlicher, blendender Zorn packt Beleg. Ebenso würde er empfinden, würde er einem Ork gegenüber stehen. Er verengt die Augen zu Schlitzen, legt die Hand auf den Griff seines Messers.

Curufin hebt eine Augenbraue. „Warum so beunruhigt? Ich bin unbewaffnet“, sagt er und hebt die leeren Hände, gleichzeitig gleitet sein Blick ohne Eile über die fertiggestellten Jagdwaffen, die die Wände der Schmiede zieren.

Beleg regt sich nicht, doch jeder Muskel ist angespannt wie eine Bogensehne vor dem Schuss. Das Herz in seiner Brust schlägt in einem wütenden Rhythmus. Sein Körper ist bereits kampfbereit, während sein Geist noch nach Worten sucht. Die Aussichten, zu gewinnen, wären besser, würde Beleg zuerst den Angriff wagen, doch er ist kein Sippenmörder. Er wird sich verteidigen, wenn er muss, und er hat großes Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten. Aber er wird sich nicht von Zorn verleiten lassen, als Erster zuzuschlagen.
„Am Ende aller Tage bist du also aus dem Dunkel zurückgekehrt, um wiederum elbisches Blut zu vergießen?“
Belegs Stimme ist wie das tiefe Knurren eines Wolfes; Curufins klingt dagegen, als würde er eine angenehme Unterhaltung führen.
„Wer sagt, dass ich es war?“, fragt er mit schiefgelegtem Kopf und lehnt sich mit einer Körperhaltung gegen die Werkbank, aus der Überlegenheit spricht. „Obwohl ich zumindest dies nicht abstreiten kann: Eols Schicksal ist wohlverdient. Und ich hätte es tun sollen, schon vor langer Zeit.“
„Reut es dich etwa, dem Volk von Doriath einen Tod weniger gebracht zu haben? Ich sage dir, was ich bereue: Dass ich an jenem Mittwintertag nicht dort war, um zu beweisen, wie schnell ich sieben Pfeile durch sieben Kehlen schießen kann.“
Sobald Belegs Worte ausgespien sind, bitter wie Galle, verebbt sein Zorn zu einem Pochen am Grund seines brennenden Herzens, vermengt sich mit einer tiefen Trauer und der Sehnsucht nach etwas, das seit unzähligen Jahren unwiederbringlich verloren ist.

Zum ersten Mal sieht Curufin ihm direkt in die Augen. Beleg glaubt, in den seinen eine Reflexion von Dunkelheit zu sehen.
„Beleg Cúthalion, nicht wahr? Für mich selbst hätte es keinen großen Unterschied gemacht, ein Pfeil oder eine Klinge in der Kehle …“ Er hebt die Schultern. „Aber diese Vergangenheit ist nicht, warum wir beide hier sind. Ich habe dich erwartet, oder eher: Nicht unbedingt dich, doch zumindest das Schwert, das du bei dir trägst.“
„Es war schließlich einst mein Schwert“, sagt Beleg und spürt den Griff des Jagdmessers fest in seiner Hand, „Was willst du?“
„Ich bin nicht hier, um zu kämpfen. Ich habe ein paar Fragen. – Und ich will dir meine Hilfe anbieten. Eol hat viele Geheimnisse mit in sein einsames Grab genommen. Es würde dir schwerfallen, jemand anderen zu finden, der das Eisen eines gefallenen Sterns schmieden kann. Solches Erz haben die Meisten niemals zu Gesicht bekommen und es wird sich nur ungern formen lassen. Ich werde herausfinden, wie es Eol gelungen ist. Und falls nicht: Nun, ich habe gute Beziehungen.“

Beleg verengt die Augen zu Schlitzen. „Und der Ruhm, die Klinge neu geschmiedet zu haben, die Morgoth das Ende bringt, soll Fëanors Haus zufallen. Ist Eol dafür gestorben? Und dafür sitzt du hier, im Heim eines Toten und machst dich seines Mordes verdächtig?“
Curufins Lippen verziehen sich zu einem hochmütigen Lächeln. „Nein und nein und nein. Außerdem war es weder Mord noch hatte es mit dem Schwert zu tun.“
Beleg ist nicht geneigt, ihm zu glauben und er hat nicht die geringste Absicht, ihm Gurthang zu überlassen.
Sie sehen sich einen Moment lang schweigend an.

„Wo ist Túrin Turambar, den die Valar zum Retter von Arda ernannt haben?“, fragt Curufin dann in spöttischem Tonfall.
Beleg antwortet nicht.
Beleg wäre nicht hier, wenn er es wüsste.
Zuerst das Schwert, denn dessen Bruchstücke wurden in seine Hände gelegt. Danach würde er sich auf die Suche machen. Jedes einzelne Mal hatte er Túrin gefunden, egal wie weit er gehen musste, egal wie sehr Túrin versucht hatte, sich vor der Welt zu verbergen. Er wird ihn finden. Wird seine Hände nehmen und seine Stirn küssen. Und dann wird er ihm sagen müssen, was sein Schicksal sein soll. Es wird ihm das Herz brechen, denn er wagt nicht zu hoffen, dass Túrin aus jenem Kampf unbeschadet zurückkehren wird.

„Woher weißt du, dass er nicht längst dem Feind in die Hände gefallen ist? – Oder, wenn ihm so wenig an seinem Leben lag, es beendete, sobald es von Neuem begann?“
Beleg schweigt erneut, doch seine Kiefermuskeln spannen sich an.
„Ah,“, fährt Curufin fort, „du weißt es nicht.“
„Solltest du selbst nicht am besten wissen, dass die Worte wahr sind, die Mandos sprach?“, fragt Beleg grimmig, „Und dass Túrin Morgoth in der Letzten Schlacht unweigerlich gegenüber treten wird, wie es vorhergesagt wurde?“
„Mandos' Urteil über die Noldor und sein Fluch über unser Haus mögen sich bewahrheitet haben. Doch nun sind die Valar alt und sie können das Dunkel nicht länger aus der Welt fernhalten. Diese Wahrheit kann ich ebenso bezeugen. Wer weiß, ob seine zweite Prophezeiung mehr war als reines Wunschdenken? Sprach sie etwa davon, dass die Mauern seiner eigenen Hallen bersten und, wie manche sagen, jene Eldar für immer verloren sein mögen, die in der Letzten Schlacht fallen? Oder dass die Grenze zu jenem Ort zerreißt, an den die Fëar der sterblichen Menschen seit jeher gingen? Dass sie unsere Ländereien fluten wie ein Heuschreckenschwarm? Soweit ich mich entsinne, wurde die Rückkehr eines Menschen prophezeit und wo er ist, weiß niemand … Ich vertraue nur einem einzigen Vala, noch das ursprüngliche Thema seiner Musik zu spielen.“ Curufin hält einen Moment inne. Er hat eine Zange von Eols Werkbank genommen, öffnet und schließt sie in einem gleichmäßigen Rhythmus, als ob es ihm schwerfällt, die Hände ruhig zu halten: Klack-klack, Klack-klack, Klack-klack. „Wie auch immer, wir werden die Wahrheit sehen, wenn das Ende kommt! – Gestatte mir eine andere Frage: Wie kam Gurthang in deine Hände, wo doch alle Wege nach Endórë und zurück lange verloren sind, durch Zeit und Raum von uns getrennt? Wie gelangte es von jenen unerreichbaren Küsten nach Valinórë?“
„Die Macht, die den Ainur bleibt, mag größer sein als du glaubst“, erwidert Beleg.
Wie?“, hakt Curufin nach, doch er ist keine Erklärung schuldig.

Ein Schatten gleitet über Curufins Gesicht. Zorn oder Trauer – der Moment ist zu schnell vorüber, um es mit Sicherheit zu sagen.
„Du bist wahrlich nicht der redseligste Gesprächspartner,“, sagt er dann mit der gleichen Überheblichkeit wie zuvor, „lass uns also das Geschäftliche hinter uns bringen und dieses unselige Loch verlassen. Ich denke, alle Arbeit sollte binnen eines Monats erledigt sein. Du holst es in Tirion ab. Wenn ich einen Boten mitten ins Nirgendwo senden muss, dauert es eine Woche länger. Und wehe dir, wenn du das Gerücht verbreitest, mein Vater würde es zulassen, dass jeglicher alter Tand in seiner Schmiede wieder hergerichtet werden würde. Das hier ist selbstverständlich eine Ausnahme.“ Er streckt eine Hand aus. „Gib mir das Schwert.“
Beleg schüttelt den Kopf. „Ich bin niemand, der Gerüchte verbreitet. Sei unbesorgt. Doch genauso wenig habe ich vor, dir, oder Fëanor selbst, Gurthang zu geben.“ Er wendet sich zum Gehen. „Ich weiß nicht, was du von dir selbst glaubst, zu sein. Ein Prinz der Noldor oder der Laufbursche eines Schmieds? Doch ich sage dir, was du für mich bist und für all jene, die Doriath noch immer als ihre Heimat im Herzen tragen: Ein Dieb und ein Mörder. Lebe wohl!“

Curufin wartet, bis er an der Tür ist, an der Schwelle zur Nacht. Seine Stimme ist leise und dringt dennoch geradewegs in Belegs Seele.
„Weißt du, was Húrin Thalion zu meinem Vater an dessen Hof sagte, als sie über die Prophezeiung sprachen? – 'Du hast selbst mehr als genug Söhne, soll einer von ihnen es tun. Lass meine Kinder in Frieden!' Doch es ist nicht mein Schicksal, den Feind der Welt zu erschlagen, noch ist es das meiner Brüder. Außerdem sehne ich mich nicht nach dem Tod.
„Einige Spötter sagen jedoch, wir würden ohnehin mit Túrin gemeinsame Sache machen: Wir hätten eine gute Vorarbeit für den Untergang von Nargothrond geleistet und Túrin hätte ihn besiegelt. Und er selbst habe wiederum den Grundstein für den Fall von Doriath gelegt, den wir vollendeten. Es mag sein, dass sie nicht vollkommen Unrecht haben. Sag, Beleg, brachten wir allein das Verhängnis über dein Volk? Oder geschah es früher, als Húrin den Schatz von Nargothrond vor Thingols Füße warf? Oder vielleicht davor, als du selbst seinen Sohn über die Grenze führtest, als sie noch unüberwindlich war?“

Beleg hält inne.

„Wo ist der Unterschied zwischen Túrin und mir? Ist er nicht selbst ein Dieb und ein Mörder? Hast du nicht selbst an seiner Seite eine Bande Gesetzloser angeführt? Ist nicht ebenjene Klinge, die du bei dir trägst, mit deinem eigenen Blut getränkt und mit dem so vieler anderer, die seinen Weg kreuzten? – Und sind nicht Túrin und ich beide von einem Vala verflucht gewesen, hatten wir jemals die Hoffnung, dem Verderben zu entgehen?“


Erinnerungen, die dem Herzen nah sind, verblassen für die Eldar nicht, mögen auch viele Jahrhunderte vergehen. So klar, als wäre es erst gestern gewesen, sieht Beleg sich umgeben von den Männern, die Túrin um sich geschart hat. Ihre Gesichter sind gerötet von Feuerschein, Wein und Gesang. Beleg glaubt daran, dass sie mehr sein können als Diebe und Mörder. Dass dort, hinter ihren grimmigen Gesichtern und harten Worten, Tapferkeit und Hoffnung verborgen liegen. Unschuldiges Blut hat ihre Klingen benetzt, doch das Blut von Morgoths Orks soll sie wieder reinwaschen.
Er sieht Túrin an. Stolz und unnachgiebig ist seine Haltung, als würde er ein Heer anführen und keine Diebesbande, und in seinen Augen spiegelt sich das Feuer auf eine Weise, die Beleg an das Licht in den Augen der Noldorfürsten des Nordens denken lässt. Jahr um Jahr hatten sie in ihrem Wagemut und ihrer Wachsamkeit Morgoth getrotzt, ihr Hoher König Fingon im Westen und im Osten die sieben Söhne Fëanors.
Und sei auch ihre große Schlacht gegen den Schwarzen Feind in ungezählten Tränen geendet, so darf sie doch nicht vergebens gewesen sein! So lange Morgoth seine Hand nach der Welt ausstreckt, so lange muss Stärke aus der Niederlage erwachsen wie ein Samen nach dem langen Frost des Winters keimt.

Fünfzig Männer zählen die Gaurwaith, fünfzig Männer, deren Vergangenheit im Schatten liegt. Ebenso mögen Schatten in ihrer Zukunft liegen, doch sie werden ihnen mit einem neuen Feuer entgegentreten.
Beleg hört seine eigene Stimme einen unbrechbaren Eid vor Eru Ilúvatar sprechen, auf dessen Namen zu schwören Sünde ist. Doch es ist ein Eid geboren aus Hoffnung, nicht aus Hass, und das muss einen Unterschied machen.

Fünfzig Männer ziehen mit ihm ihre Klingen und die Gesetzlosen schwören, in Liebe zusammenzustehen, ein Bund der Schwerter gegen Schrecken und Gefahr und das Verhängnis selbst.


Beleg kehrt um und tritt zurück in die hell erleuchtete Schmiedewerkstatt.
Ein schmales Lächeln liegt auf Curufins Lippen. „Hast du deine Meinung geändert? – Eine gute Entscheidung. Ich gebe dir mein Wort, dass–“
Dann verlischt ein Licht an einem der Leuchter an der Wand. Ein sich ringelnder Rauchfaden steigt zur Decke auf. Curufin unterbricht sich, sein Lächeln gefriert. Er entzündet eine neue Kerze, bevor er weiterspricht und Beleg drängt sich die Frage auf, was das Ewige Dunkel ist, auf das Fëanor und seine Söhne ihren Eid geschworen haben und das Beleg nicht wagte, auf sich und die Gaurwaith herabzurufen. Sehr dunkel, denkt Beleg, nur nicht vollkommen ewig.
Rachsucht ist keine Empfindung, die ihm naheliegt. Nicht einmal für Doriath? – Vielleicht. Vielleicht, für Doriath. Doch die Strafe ist vollstreckt und es ist nicht an Beleg, ein weiteres Urteil zu fällen. Endlich lässt er den Griff seines Messers los.

Curufin wendet sich ihm wieder zu, als wäre nichts gewesen.
„Ich gebe dir mein Wort, dass niemals eine Klinge gemacht wurde, in deren Stahl mehr Zorn gegen Morgoth geschmiedet wurde. Gleich welchen Panzer er anlegen mag, sie wird ihn durchstoßen. Túrin Turambar wird sein Schicksal erfüllen. Ich gebe dir mein Wort. – Gib du mir deins, dass du ihn finden wirst und ihn davon überzeugst, an der Spitze unserer Heere in die Letzte Schlacht zu ziehen.“

Beleg lässt den Lederbeutel von seiner Schulter gleiten, Gurthangs Bruchstücke darin klirren.
„Ich werde ihn finden, ob ich dir mein Wort darauf gebe oder nicht. Doch ich bin mir sicher, es würde keine Überzeugung brauchen, wenn er nur von seiner Bestimmung wüsste.“

Er sieht seinen letzten Moment in Mittelerde vor sich. Túrins Gesicht ist von Zorn und Schrecken verzerrt, die Augen glänzen fiebrig. Schmerz strahlt von seiner Mitte aus durch Belegs Körper, brennend heiß bei seinem Herzen, eiskalt in den Fingerspitzen. ‚Ich habe lange nach dir gesucht‘, will er sagen und die Hand nach ihm ausstrecken, ‚ich bin froh, dich wiederzusehen.‘ Doch er kann nicht atmen, nicht sprechen und seine Glieder sind schwer, so furchtbar schwer, als läge er in Ketten aus dem Sterneneisen.
Ein Blitz zuckt über den Himmel und in seinem Licht sieht Beleg einen neuen Schrecken in Túrins Augen, einen neuen Schmerz. ‚Es tut mir leid‘, ist sein letzter Gedanke, bevor seine Fëa dem Körper mit dem folgenden Donnerschlag entrissen wird und der Sturm sie hinfortweht.

Die Suche nach Túrin wird der schwierige Teil seiner Aufgabe sein. Nichts wird ihn später davon abhalten, in vorderster Reihe gegen Morgoth zu marschieren, wo der Feind der einzige ist, dem er in die Augen blicken muss.
Beleg wird an seiner Seite sein, solange er kann.


Curufin nimmt den Lederbeutel entgegen, öffnet ihn auf der Werkbank und betrachtet die schartigen, verrosteten Bruchstücke der Klinge eingehend.
„Das war nicht so schwer, oder? Hab Dank,“, sagt er, „ich werde dein Vertrauen nicht enttäuschen.“
„Ein Monat“, gibt Beleg zurück. „Dann wird Túrin zu dir kommen, zu Füßen von Fingolfins Reiterdenkmal auf dem Platz der Hohen Könige in Tirion und alle Augen werden sehen, wie er Gurthangs schwarze Klinge zieht.“
Dann verlässt er die Schmiede um eine Last leichter, und lässt sich vom Sternenlicht in die Nacht führen.

*
***
*



Curufinwë blickt Beleg Cúthalion eine Weile hinterher, bis der Sindar zwischen den Bäumen verschwunden ist. Das Spiegelbild seines Gesichts im Fensterglas scheint von Dunkelheit umgeben zu sein. Doch auf den Schneeflecken zwischen Eols Haus und dem Waldrand bricht sich das Licht von Earendil.
Nachdenklich fährt er mit dem Daumen über die Schneide eines der Bruchstücke von Gurthang und obwohl sie stumpf ist, reißt sie seine Haut auf. Ein Blutstropfen fällt zu Boden.
Er kann die Schwingungen der Erinnerung im Stahl spüren und daraus fügt sich eine Melodie zusammen. Das Blut seiner zwei Herren, das Blut Unschuldiger, das Blut ungezählter Feinde. Eine lange Zeit im Grabesdunkel und eine längere Zeit im Dunkel zwischen den Sternen, vor dem Fall.

Wenn das Sterneneisen in der Esse glüht wie an jenem Tag, als es auf die Erde herab fiel, wird er das Wesen des Liedes entschlüsseln, das es singt und wenn die Schwertklinge neu geschmiedet ist, wird er verstanden haben, wie man einen Stern dazu bringt, vom Himmel zu stürzen.


 

Notes:

Die Geschichte ist von diesen Textstellen aus Tolkiens Werken inspiriert:

Then a song on a sudden soaring loudly --
and the trees up-looming towering harkened --
was raised of the Wrack of the Realm of the Gods;
of the need of the Gnomes on the Narrow Crossing;
of the fight at Fangros, and Fëanor's sons'
oath unbreakable. Then up sprang Beleg:
'That our vaunt and our vows be not vain for ever,
evern such as they swore, those seven chieftains,
an oath let us swear that is unchanging
as Tain-Gwethil's towering mountain!'
Their blades were bared, as blood shining
in the flame of the fires while they flashed and touched.
As with one man's voice the words were spoken,
and the oath uttered that must unrecalled
abide for ever, a bond of truth
and friendship in arms, and faith in peril.
– J. R. R. Tolkien, The Lay of the Children of Húrin: II. Beleg

 

Now Varda took the light that issued from Telperion and was stored in Valinor and she made stars newer and brighter. And many other of the ancient stars she gathered together and set as signs in the heavens of Arda. The greatest of these was Menelmakar, the Swordsman of the Sky. This, it is said, was a sign of Túrin Turambar, who should come into the world, and a foreshowing of the Last Battle that shall be at the end of Days.
– J. R. R. Tolkien, Morgoth's Ring, S. 71 § 35

 

When the world is old and the Powers grow weary, then Morgoth, seeing that the guard sleepeth, shall come back through the Door of Night out of the Timeless Void; and he shall destroy the Sun and Moon. [...] and the black sword of Túrin shall deal unto Morgoth his death and final end; and so shall the children of Húrin and all Men be avenged.
– J. R. R. Tolkien, The Lost Road and other Writings, S. 333 §31