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For the Dancing and the Dreaming [GER]

Summary:

Es war Mitte August und die Sonne schien auf die beiden unzertrennlichen Männer herab. Gilbert hatte einen Ausflug zu einer alten stattlichen Burg mit seinem liebsten Gabriel geplant, um ihm daraufhin die Frage aller Fragen zu stellen.
Doch ein Antrag war schwieriger zu formulieren als gedacht!
Wird Gilbert es schaffen, Gabriel auszufragen und wird dieser den Antrag auch annehmen?

Chapter 1: Kornblumen

Chapter Text

Die warme Abendsonne tränkte die endlosen Weiten aus Feldern und Wäldern in ihr goldenes Licht. Gelbgrüne Grashalme, reifes Korn und Mais wogen sich in der frischen Brise, die sie umgab. Zwischen ihnen blitzten magentafarbene und blaue Blüten hervor und fügten so einen Tupfer Farbe in das sonst so erdig neutrale Bild. Man nannte sie Wiesenflockenblumen und Kornblumen. Das Rascheln der Blätter und das Zirpen der Grillen vollendeten diese spätsommerliche Idylle, die an vergangene Tage aus der Kindheit erinnerte.

Ein schmaler Pfad, gezeichnet von niedergetrampelter Erde, Kieselsteinen, Sand und hier und da auftauchenden Büschel Gras, führte zwischen den Feldern vorbei, hinein in einen dichten immergrünen Wald, der sich über Hügel und kleinere Berge erstreckte. Auf der Spitze eines Berges thronte eine Burg. Trotz ihrer teilweise verfallenen Mauern wachte sie stattlich über ihr Umland; hatte sie doch bereits Jahrhunderte und zahlreiche Kriege überlebt.

„Jetzt komm schon!“, hallte es plötzlich zwischen Korn und Mais auf dem schmalen Pfade. Es schreckte einige Vögel auf, die auf bereits gemähten Wiesenfleckchen nach Insekten und Würmern suchten. „Sonst wird es dunkel, bevor wir überhaupt die Burg besichtigt haben!“

„Ich komm ja schon!“, ächzte eine dünne Stimme. Sie gehörte einem jungen Mann von vierundzwanzig Jahren. Seine güldenen Locken umrahmten sein androgynes, von der Sonne geküsstes Gesicht und seine himmelblauen Augen strahlten hell und aufgeweckt wie eh und je. Seine Lippen waren wie üblich in einem sanften Lächeln gefangen, obwohl sein restlicher Körper vor Erschöpfung und Hitze gepeinigt war.

„Es ist Sommer, Gilbert, die Sonne wird nicht sofort verschwinden und wir haben doch keinen Stress, oder etwa doch?“ Endlich erreichte Gabriel seinen Freund, der schon den ganzen Tag unsagbar hibbelig war. Hibbeliger als sonst!

„N-Nein“, gab der Mann mit dem schneeweißen Haar etwas peinlich berührt zu, „Stimmt schon. Ich kann’s nur nicht erwarten, dir die Burg zu zeigen! Das wird unglaublich cool! Ich schwör!“ Doch da war sie wieder: Seine Hibbeligkeit. Und diese Ungeduld. Mittlerweile sollte es Gabriel nicht mehr überraschen. Sein Geliebter war doch schon seit klein auf ein kleiner Wirbelwind. Eine Eigenschaft, die Gabriel einerseits den Kopf schütteln ließ, andererseits auch noch näher an Gilbert anzog. Es war niedlich, wie viel Energie und Begeisterung er an den Tag legen konnte, wenn ihn einmal etwas mit Leidenschaft und Tatendrang erfüllte.

„Das bestimmt, mon coeur, aber gehört unser Weg dorthin nicht auch zu dieser wunderbaren Reise? Wenn du lediglich von A nach B läufst, verpasst du doch die Hälfte des Spaßes.“

„Sagt der, der in der Sonne gerade dahinschmilzt. Bist du sicher, dass du das Spaß nennst, Gabriel?“, gab Gilbert konternd zurück und hob skeptisch eine Augenbraue, während sie nun im gleichen Tempo den Pfad zwischen den Feldern entlangschlenderten.

„Ach, du weißt doch, was ich meine!“, Gabriel wurde etwas rot an den Wangen, hoffte aber, dass Gilbert dies nicht mitbekam. „Und tu nicht so, als würdest du nicht ebenfalls fast verbrennen, wenn ich dich nicht gezwungen hätte, genug Sonnencreme aufzutragen! Das hast doch genug Sonnencreme genommen, oder? Auch im Gesicht? An den Schultern? Nicht, dass du dich zuhause wieder wegen einem Sonnenbrand beklagst!“

Gilbert kicherte leise. Es war niedlich, wenn Gabriel verlegen wurde, ihn dann versuchte auszuschimpfen, nur um dann wieder fürsorglich wie eh und je zu sein.

Gott, wie er seinen Freund nur liebte…

„Ja-haaa!“, Gilbert riss im Vorbeigehen einen Getreidehalm ab und ließ dessen Ähre beim Vorbeigehen an den anderen Halmen anschlagen. Er spürte das gleichmäßige Pochen in seiner linken Hand. „Falls du es vergessen haben solltest, hast du mich heute Morgen schon damit belästigt. Wie jeden Morgen. Jeden Morgen lässt du mich auf der Badewanne wie ein Kind sitzen und schmierst mir diesen klebrigen stinkenden Dreck ins Gesicht.“

Das sagte Gilbert zwar grob und überspitzt; insgeheim genoss er aber diese kleinen Momente der Fürsorge mehr als alles andere.

Gabriels sanfte Hände auf seinem Gesicht…die zärtlichen Berührungen…

Nein, Gilbert verlor sich schon wieder in Tagträumen. Heute hatte er keine Zeit zum Tagträumen. Er hatte eine unsagbar wichtige Mission zu erfüllen! Wichtiger als jede Botschaft, die er jemals einem König, Bischof oder Kaiser überbringen musste!

Diese Mission war…persönlicher Natur.

„Ich mache das nur, weil ich nicht will, dass du dir die Haut ruinierst! Glaub mir. Ich weiß, wovon ich rede.“

Oh-oh, gefährliches Territorium. Rückzug! Rückzug!

Ein nervöses Lachen entfloh dem größeren Mann und er entschied sich zu seiner eigenen Sicherheit, für einen Moment wegzusehen. Lange genug hatte Gabriel mit den Nachwirkungen gewisser Brandwunden auf seinem Körper zu kämpfen. Mittlerweile hatte sich seine Haut durch zahlreiche moderne Therapien erholt, doch einige Wundmale würde er wohl für den Rest seines Lebens behalten und seine Haut blieb empfindlicher denn je. Ein heißes Sonnenbad am Strand war für ihn – aber auch für Gilbert aufgrund seines Albinismus‘ – tabu.

Die beiden Männer gingen still voran und richteten ihre Kappen. Doch Gilbert versank doch einmal mehr in Gedanken, als er seinen Partner aus dem Augenwinkel beobachtete.

Gabriel konnte wirklich von Glück reden, dass er kein Normalsterblicher war. Ein Mensch wäre an seinem Verbrennungsgrad verstorben oder er wäre für den Rest seines Lebens maßlos entstellt. Als Personifikation war er robuster und auch, wenn nicht jede Wunde reversibel war (Gilbert selbst hatte jahrhundertealte Narben) verheilten sie doch tendenziell besser.

Ich danke Gott und all seinen Engeln und Heiligen, dass sie ihn mir nicht genommen haben…

Das schoss Gilbert durch den Kopf, als er die roten Flecken auf Gabriels linker Gesichtshälfte und seinen Armen erblickte.

Fast hätte er ihn verloren…Vor über 700 Jahren, als sie beide noch Kinder waren. Wären…wären Antonio und João nicht gewesen…Gott, Gilbert verdankte ihnen mehr als er jemals zurückgeben könnte.

Gabriel war als Personifikation des Templerordens geboren. Damals im Jahre 1118 in Jerusalem, der heiligen Stadt so vieler Religionen…1307 wandte sich das damalige Abendland gegen seine Ritter und ihn. Sie seien Häretiker, Sodomiten, blasphemische Monster, die es auszumerzen galt. In Wirklichkeit stimmte all dies nicht. Es waren erfundene Anschuldigungen aus dem Hof der Kapetinger, der einerseits den Templern Geld schuldete, selbst aufgrund von idiotischen Kriegen knapp bei Kasse war und zusätzlich zum Größenwahn des Königs Stress mit dem Papsttum suchte. Gabriel…hatte keine Chance. Auch wenn Papst Clemens V. nicht an die Vorwürfe glaubte, war der Ruf der Templer so geschädigt, dass er nicht mehr zu retten war und der Orden wurde 1312 aufgelöst. Gabriels Lebensgrundlage war erloschen. Er wurde…sterblich. Eine gefährliche Lage, denn er war mit seinem Großmeister und einigen hochrangigen Rittern noch immer in Gefangenschaft der französischen Krone. Und dann…das Jahr 1314, in dem alles in Flammen aufgehen sollte. Der König agierte einmal mehr außerhalb seines Rechts. Er wartete nicht auf das Urteil der Kirche und ihrer Repräsentanten, sondern verurteilte die restlichen Templer zu Tode. An jenem Tag im März wäre Gabriel im Feuertod umgekommen und kein Fitzelchen seines Körpers wäre übriggeblieben. Doch wie ein Wunder…ein gnadenvolles Zeichen und Geschenk des Gottes, den Gabriel aus ganzem Herzen liebte und ehrte, überlebte er. Wie, wusste Gilbert nicht. Niemand hatte ihn fliehen gesehen. Jeder Schaulustige hatte beobachtet, wie sein goldenes Haar und pfirsichfarbene Haut von den Flammen vernichtet wurde. Jeder. Jeder war sich sicher: Das war es. Es war vollbracht. Es war vorbei.

Dennoch…

Dennoch…kurze Zeit später…fand man seinen Körper weit weg an der Küste zum Königreich Kastilien. Es konnte nie belegt werden, wie er dort ankam. Antonio sowie João konnten lediglich bestätigen, dass er scheinbar angespült wurde und wie eine Wasserleiche am Strand gefunden wurde. Doch aufgrund seiner furchtbaren Brandwunden war schnell klar, dass dieser junge Bursche einst ein Opfer des Feuers geworden war. Man nahm an, er sei tot, doch unter den Menschen, die ihn fanden, bemerkte wohl jemand, wie sich seine Brust langsam, aber stetig, auf und ab bewegte. So wurde er in das nächstgelegene Spital gebracht, das den Hospitallitern unterstand. Die Brüder und Schwestern des Ordens kümmerten sich um ihn, auch wenn sie im ersten Moment nicht daran glaubten, dass dieser schlimm zugerichtete Junge jemals die Augen öffnen würde. Doch dann geschah ein Wunder. Die allerschlimmsten offenen Wunden und Brandblasen schlossen sich schneller als bei jedem normalen Menschen. Und obwohl der Körper des jungen Mannes in seinem Koma kaum Nährstoffe zu sich nehmen konnte, magerte er nicht. Er blieb robust. Zur Überraschung seiner Pflegerinnen und Pfleger. Sie benachrichtigten ihren Repräsentanten des Ordens– Johannes, von allen jedoch Joan genannt – über diese Anomalie der Genesung. Schneller als jeder hätte ahnen können, tauchte dieser auch schon in den Iberischen Ländern auf, als hätte er bereits bei der Ankunft ihres Briefes sofort alle seine Sachen gepackt und auf seinem tapferen braunen Ross davongeritten.

Vielleicht war an ihrer Vermutung auch etwas dran, denn Joan war nicht nur eine Personifikation…Er war Rivale und Freund Gabriels. Die Beschreibung des Patienten musste ihn an Gabriel erinnert und Hoffnung gesät haben, seinen Freund vielleicht doch wiedersehen zu können. Und tatsächlich: das schlafende Dornröschen auf dem Bette war sein Freund aus Kindestagen gewesen. Joan erzählte, dass ihm augenblicklich Tränen in die Augen schossen, er auf die Knie sank und Gott lobte und dankte, seinem Freund eine zweite Chance und einen Hoffnungsstrahl gegeben zu haben. Von diesem Tag an blieb Joan in diesem Hospital an der kastilischen Küste und kümmerte sich persönlich um seinen im Koma liegenden Freund, um seine Ordensbrüder und -schwestern zu entlasten. Doch auch ein Repräsentant mit mehr Freiheiten als ein normaler Bruder hatte Pflichten zu erfüllen. Joan musste regelmäßig zurück nach Rhodos zu seinem Hauptsitz und Gabriel zurücklassen. Er benachrichtigte also João und seinen Bruder Antonio, beides Repräsentanten von Teilen der Iberischen Halbinsel, die durch Gerüchte bereits von dem besonderen Pflegefall gehört hatten. Auch sie brachen in Tränen aus, als sie von ihrem langen Ritt bis zur Küste endlich vor dem Bett ihres geliebten Freundes standen. Denn auch, wenn sie kein Blut mit ihm teilten, liebten sie sich als wären sie Brüder.

Und sie und ihre Könige hatten während des Templerprozesses versucht, die Ritter in ihren Ländern zu schützen und den Papst und andere von der Unschuld des Ordens zu überzeugen. Zu sehen, wie ihre Bemühungen…Joãos und Antonios persönliche Gebete um die Rettung ihres Freundes…Früchte trugen…das war überwältigend.

Während Joans Abwesenheit, kümmerten sie sich um Gabriels regenerierenden Körper.

Das Jahr 1316 und 1319, jeweils der spanische und portugiesische König gründeten Orden, die auf dem Besitz der Templer in ihren Ländern basierten. Die überlebenden Templer, die in diesen Regionen Europas sicher geblieben waren, bildeten die erste Generation. Vielleicht war diese Idee und die Ambitionen der Iberischen Halbinsel in den vorherigen Jahren der Grund dafür, weswegen Gabriels Körper überlebt hatte. Wer auch immer das Schicksal der Welt in der Hand hatte, sei es Gott oder wie man die große unsichtbare Macht im Universum auch nennen möchte, dieser jemand hatte Gabriel noch nicht aufgegeben. Der Christusorden sowie der Orden von Montesa…einer der beiden oder vielleicht beide hatten ihm eine neue Lebensgrundlage geschenkt.

Eine Grundlage, die ihn trotz Säkularisierung des ersteren und strikten Exklusivität des zweiteren am Leben hielt.

Es war und ist kompliziert.

Aber Gilbert war unendlich…unendlich dankbar, seinen Gabriel, seinen Engel nach all dem Chaos noch immer an seiner Seite haben zu dürfen. Dass er als Letztes von Gabriels Überleben erfuhr, vergaß der Dreiundzwanzigjährige ständig, denn das Glück, ihn überhaupt in seine Arme schließen zu können, überdeckte jeglichen Groll, den er hätte haben können.

(Zudem hatte man sich bewusst entschlossen, Gilbert als Letztes von Gabriels Überleben zu beichten, für den Fall, dass Gabriel nicht mehr aus dem Koma erwachte und da Gilbert unmittelbar nach Gabriels Hinrichtung sich selbst in absolute soziale Isolation begab und das Baltikum in seinem Frust und aufgrund von Befehlen brutal aufmischte.)

 

„Hm?“, den Kopf schieflegend blinzelte Gabriel seinen Freund an, der ihn schon eine ganze Weile anstarrte. Er wusste, Gilbert hatte so seine Momente, in denen er gedankenverloren ins Nichts starrte, doch wenn ihn seine rubinroten Augen so direkt durchbohrten, fühlte er sich so, als könnte Gilbert tief in seine Seele schauen und wer weiß was darin finden! Zwar hatte er nichts zu verbergen, dachte er, aber dennoch löste es Unbehagen in ihm aus.

Das gar niedliche Geräusch seines Partners und ihr flüchtiger Augenkontakt riss Gilbert augenblicklich aus seinen Tagträumen und er schüttelte den Kopf. Dennoch spürte er, wie das heiße Blut in seinen Kopf stieg und sich über seine Wangen ausbreitete und gerade das konnte er Gabriel nun wirklich nicht sehen lassen!

„Ätsch!“ Ohne eine Sekunde länger zu warten, rempelte er also Gabriel von der Seite (mehr oder weniger sanft) an und schubste ihn somit in das goldgelbe Weizenfeld. So sehr es Gabriel überraschte und erschreckte, ließ er Gilbert ebenso wenig mit der Rempelei davonkommen. Während seines Falls krallte er sich an seinen Unterarm, zog den jüngeren, aber größeren Mann mit seinem Gewicht mit sich und sie beide fielen in das Weizenfeld, dass es nur so staubte. Gabriel landete rücklings auf den reifen Kornähren. Sein goldenes Haar war nun völlig zerzaust und er schmeckte den trockenen Staub auf der Zunge. Gilberts Körper war dem seinen gefolgt, kauerte nun auf allen vieren über ihm und nieste leicht, als der feine Staub in seiner Nase kitzelte. Für einen Moment blieb es still zwischen ihnen. Himmelblau traf auf Rubinrot; und niemand wagte, sich zu bewegen oder ein Wort von sich zu geben. Ein warmes Gefühl umgab sie.

Was macht man nur in so einer Situation?

Beide wussten nicht weiter und je länger sie so verweilten, desto stärker schlugen die Herzen in ihrer Brust. Erst, als auch Gabriel ein Nieser entfloh, der in einem herzlichen, aber auch verlegenen Lachen mündete, lachte auch Gilbert und er setzte sich auf. Seine weißen Haare standen wirr in allen Richtungen ab, genauso wie früher in ihren Trainingseinheiten als junge Ritter. Gabriels Lippen formten sich zu einem Schmunzeln.

Eine Szene wie diese kam ihm bekannt vor. Wie oft waren sie als Kinder bereits durch das Gras und durch Felder getollt, wenn ihnen ein kurzer Genuss der Freizeit möglich war. Gabriel erinnerte sich gut an diese kostbaren Kindheitserinnerungen, waren sie doch gerade die wenigen sorgenfreien Lichtblicke des Alltags, in denen er einfach Kind sein durfte.

„Hach!“, Gabriel legte die Arme hinter seinen Kopf und schloss für einen Moment genüsslich die Augen, während er den altbekannten Duft der Natur einatmete, „Weißt du, Gil? Das hier erinnert mich an früher, als wir Kinder waren…Das Rascheln der Bäume, das Zwitschern der Vögel, der Geruch von reifem Korn und die sommerliche Brise, die sich um uns schmiegt? Obwohl die Welt ein grausamer Ort sein kann, sind es doch gerade diese kleinen zeitlosen Wunder, die diese Erde und das Leben wundervoll machen…Findest du nicht?“

„Du redest wieder wie ein alter Sack am Sterbebett, Schatz…“, dennoch konnte Gilbert nicht anders als schmunzeln und selbst die Augen für einen Moment zu schließen, um auch nur einen Funken von Gabriels Wahrnehmung der Welt zu erschließen. Sein Sonnenschein hatte wohl eine Gabe, die Dinge positiv zu sehen, egal wie viel Scheiße und Gräuel in seinem Leben geschah.

Doch wenn er so die Augen schloss und seinen anderen Sinnen, die Oberhand walten ließ, schien er zu verstehen. Er spürte es in seinem Herzen. Und seine sonst so wilde Natur wurde sanfter, ruhiger…

Momente wie diese…sie waren wie ein Himmel auf Erden. An Gabriels Worten war etwas dran.

„Aber du hast recht, Gabriel“, ein leises Lachen entkam ihm, „Zumindest glaube ich das…“

Gabriel grinste daraufhin, öffnete neugierig ein Auge und entdeckte Gilberts liebevollen Blick auf sich.

Wie wunderbar warm und weich seine rotvioletten Augen funkelten…Sonst sprühten sie vor Energie und Kraft…diesmal aber vor Ruhe und Zuneigung. Es ließ Gabriels Herz einmal mehr höher schlagen.

„Komm her“, wisperte der blonde Mann und legte eine Hand an Gilberts Oberarm, „Leg dich zu mir…“

Das ließ er sich nicht zweimal sagen. Auch, wenn der Zielpunkt Burg noch immer in seinem Hinterkopf spukte. Aber wenn Gabriel ihn mit diesen wunderbar funkelnden Augen und seinem unwiderstehlichen Lächeln ansah, konnte er nicht anders, als sich dem Willen seines Partners zu beugen.

Er hasste und liebte es, wie schwach ihn sein Ritter machte.

Gilbert legte sich neben Gabriel in das Feld hinein, legte seine Kappe neben sich und drehte sich seitlich zu seinem Geliebten, dessen Haar ja schon fast mit der Farbe des goldenen Weizens verschmolz.

Ach, verdammt. Sie waren schon so lange ein Paar und dennoch ließen ihn Gabriels Anblick und seine Art wie einen kleinen Jungen fühlen, der gerade seine erste Liebe erlebte. Wie peinlich!

„Angenehm, nicht? Die kleine Pause tut uns bestimmt gut. Immerhin sind wir schon eine Weile unterwegs…“, Gabriel blickte in Gilberts Augen, ein Fünkchen Sorge blitzte in ihnen auf, „Und du wirkst schon den ganzen Tag so hibbelig und gestresst.“

Scheiße.

„Hibbelig und gestresst? Ich? Ich bin nie gestresst oder hibbelig! Ich bin gechillt, wie sonst was! Wieso sollte ich aufgeregt sein? Es ist doch alles gut! Wer hat gemeint, dass ich hibbelig bin? Also ich nicht!“

…

Gabriel ließ das mal so im Raum stehen. Allein wie er sich gerade zu rechtfertigen versuchte, verriet ihm, dass er doch etwas ausheckte. Wenn er nur wüsste, was es war? So gut er ihn auch kannte, sein Kopf war und blieb ihm ein Enigma. Alles wäre möglich.

„Na gut! Wenn eh nichts los ist, dann ist ja gut. Ich hab mir nur Sorgen gemacht.“ – „Um mich hat man sich keine Sorgen zu machen!“

„Das…denke ich eher weniger. Wenn du das sagst, mach ich sie mir gleich noch mehr, mon coeur.“ Liebevoll lächelnd strich er ihm eine weiße Strähne hinters Ohr, was Gilberts Wangen sofort rot aufglühen ließ.

„Ach was…“, nuschelnd blickte Gilbert mit den Augen zur Seite, doch Gabriels Hand liebkoste sein Gesicht weiter. Sachte strich er ihm weiter durchs Haar, mit den Fingerspitzen über sein Ohr und schließlich über seine Wange und sein Kiefer. Dann umschloss er seine Wange und streichelte diese langsam und zärtlich mit seinem Daumen. Gilbert dachte, in jenem Augenblick wie Eis in der Sonne zu schmelzen, bis er lediglich nicht mehr als eine Pfütze war.

Gott…dieser Engel…

Gilbert schloss die Augen, denn wenn er Gabriel weiter im Sonnenlicht anstarren würde, vergäße er ohnehin alles um sich herum und weswegen er eigentlich hier war.

„Chouchou…“, wisperte Gabriel nahezu lautlos, doch Gilbert konnte dieses Wörtchen auf seinen eigenen Lippen spüren, hauchzart wie einen Schmetterlingsflügel.

Sollte Gilbert seine Pläne verwerfen und Gabriel gleich fragen?

Nein, für was hatte er denn sonst die Idee mit der Burg…?
Oh, hoffentlich bereute er diese Entscheidung später nicht.

Für einen flüchtigen Moment bildete sich Gilbert ein, eine wohlige Wärme auf seinen Lippenspitzen zu spüren. Sie kribbelten angenehm, als klebte Knallbrause an ihnen und dieser Zwischenspalt an Nähe und Freiheit machte ihn verrückt. Was auch immer dieses Gefühl war, ob es ein Phantom war oder Wirklichkeit, es fühlte sich an, als balancierte er eine Daunenfeder auf seinem Mund.

Als Gilbert die Augen einen müden Spalt öffnete, berührten sich beinah ihre Nasenspitzen. Sie waren sich so nah, aber auch so fern.

Gabriels Augen waren geschlossen und er ruhte friedlich an seiner Seite wie ein schlafendes Dornröschen.

Hatte er sich den Kuss also nur eingebildet?

Gilbert drehte den Kopf zur Seite.

Mein Gott…Es hatte ihn schlimm erwischt. Davon durfte niemals jemand erfahren. Der unglaublich coole und lässige und fantastische Gilbert war zu einem peinlichen Softie geworden. Möge man ihn doch endlich ins Grab bringen!

Gabriel öffnete die Augen und blickte zu ihm hoch.

Ja, okay, dann vielleicht doch nicht.

Um einmal mehr zu vertuschen, wie schwer verknallt er doch war, schnappte er sich Gabriels Strohhut, der seit dem Aufprall am Boden neben ihm lag und hielt ihn schützend über dessen rot geflecktes Gesicht.

„Erst belehrst du mich wegen Sonnenbrand und dann liegst du mit deinen Flecken in der prallen Sonne“, maulte Gilbert zwar, aber zeigte in seinen Taten dennoch starke Fürsorge.

Mann, er wollte doch auch nicht, dass sein Goldie noch einmal Schmerzen miterlebte.

„Hm? Oh, stimmt ja…“, Gabriel lachte leicht verlegen und legte seine Hand auf die von Gilbert, die seinen Hut festhielt. „Danke dir, Gilbert, sonst wäre ich erst darauf gekommen, wenn es zu spät ist.“

Wie niedlich er doch war, wenn er mal sein Herz sprechen ließ…

Gabriel konnte nicht anders, als verliebt schmunzeln, wohl wissend, dass es Gilbert womöglich noch mehr die Haare im Nacken aufstellen ließ. Aber er war einfach zu liebenswert, um es nicht zu tun.

„Jaja, wenn du mich nicht hättest…“, nuschelte Gilbert einmal mehr, „dann wärst du genau so massiv am Arsch wie ich ohne dich.“ Dann wurde er still. Hoppla, das war vielleicht zu viel. Mal wieder.

„Stimmt…“, Gabriel seufzte auf und nahm noch eine Nase voll Landluft, „Ohne dich, wär mein Leben grau und trist. Da hast du schon recht. Deshalb bin ich froh, dass wir wieder zueinander gefunden haben.“ Wieder einmal lächelte der junge Mann niedlicher denn je. „Der Herr meint es wohl doch gut mit uns, nach all den Plagen, die wir ausharren mussten.“

„Gabriel, du philosophierst wieder“, doch der Albino lächelte mild, „Aber ja, ich denke, ich stimme dir da mal zu.“

Gilberts Blick schweifte ab auf das Feld um sie herum. Zwischen den goldenen Ähren wuchsen allerlei Blumen, auch solche, die er auf dem ersten Blick nicht entdeckt hatte.

„Weil während der Zeit, als ich dachte, du seist für immer fort, wollte ich von der Welt nichts mehr wissen. Sie konnte mir gestohlen bleiben. Ich wollte nur noch schlafen, für immer.“

Furchtbare Erinnerungen kamen in ihm hoch. Diese Zeit wollte er nur noch vergessen.

Das stechend schöne Blau einer Kornblume fiel ihm ins Auge. Gilbert atmete sanft ein und aus, während er die Pflanze im Augenwinkel betrachtete.

„Gilbert…“ Gabriel wollte nicht, dass sich ihr Gespräch so verdunkelte. Vor allem fühlte er sich schuldig…Er war so lange fort…So lange lag er im Koma und auch als er erwachte, hatte er lange nicht die Möglichkeit, sich bei ihm zu melden. Die Welt war noch nicht sicher genug gewesen und Gilbert hatte sich bereits abgekapselt.

Der Blonde senkte den Blick.

„Es tut mir leid.“ – „Ach, dafür konntest du ja nichts…“, entgegnete Gilbert prompt, die Augen noch immer auf die Kornblume gerichtet. Gedankenverloren spielte er mit ihrem Stängel, ihren Blättern.

„Ich bin dir für nichts böse. Das waren Dinge, die außerhalb deiner Macht lagen, mein Spatz.“ Noch immer auf die Blume fixiert, pflückte er sie, bewunderte ihren prachtvollen sternförmigen Blütenkelch. „Wenn ich an deiner Stelle gewesen wäre, hätte man mich doch auch gezwungen, mich erstmal zu erholen…Denn wer wusste schon, ob man überhaupt noch derselbe war nach so einer beschissenen Aktion? Und ob…man sich erinnert…“

Für einen Wimpernschlag lang dachte er an seinen Bruder.

Gabriel sah nun auch zur Seite und hörte auf, gefühlt nur gegen Gilberts Seite zu labern.

„Stimmt. Weißt du…?“, Gabriel ließ seine Hand über die Weizenhalme gleiten, „Ganz am Anfang, wusste ich wirklich nicht mehr, wer ich war oder wer all die Leute um mich herum waren. Es kam erst mit der Zeit…Genauso wie ich das Sprechen und Laufen und Schreiben erneut lernen musste. Aber Joan hat mir dennoch viel von uns erzählt, egal, ob ich mich erinnerte oder nicht. Und irgendwann kamen sie wieder…fragmentarisch, aber real.“ Seine himmelblauen Augen blitzten auf, als ihm die wilde magentafarbene Wiesenflockenblume entgegenstrahlte. Ihr Kern glühte fast so rot wie…

„Ich bin froh, wieder ich selbst zu sein.“ – „Ich bin froh, dass du wieder du selbst sein kannst.“

Diese Worte kamen schier aus einem Mund und ihre Köpfe drehten sich in einem Atemzug wieder zueinander. Leise lachten sie auf und ihre Wangen färbten sich dabei leicht rot. Dann sah Gilbert einmal mehr in die himmelblauen Augen seines Partners und erinnerte sich an die Kornblume in seiner Hand. Ein Schmunzeln blieb ihm auf den Lippen hängen.

„Heh…schau mal…“, begann er ruhig, drehte seinen Oberkörper zu ihm und zeigte Gabriel die Blume. „Die Kornblume? Das ist doch deine Lieblingsblume, oder nicht?“ Gabriel betrachtete sie geduldig in Gilberts Hand, welcher wiederum nur Augen für Gabriel hatte. „Ja, das stimmt schon, aber mir fällt gerade auf…“, geschwind strich er Gabriel einige goldene Locken hinters Ohr und steckte die Blume in sein Haar, „Sie hat dieselbe Farbe wie deine Augen…“

„Wa-“, dieses Mal war es Gabriel, dem die Sprache geraubt wurde und sein Gesicht wurde innerhalb von wenigen Sekunden hochrot. Er spürte die Hitze in sich hochkommen und seine Wangen brannten wie Feuer. Gilbert dagegen grinste frech und selbstgefällig, während in seinen magentafarbenen Iriden nicht weniger als vollkommenste Verehrung widerspiegelten.

„Hmpf“, verlegen zog sich Gabriel seinen Strohhut weiter ins Gesicht, um seine Röte zu verstecken.

Wieso startete er solche Aktionen immer aus dem kompletten NICHTS?

„Hehe“, Gilbert hielt sich den Handrücken vor den Mund, dämpfte sein Lachen, „Ach komm, Goldie, das war jetzt wirklich nicht der Rede wert. Kein Grund gleich so verlegen zu sein!“

Na toll, jetzt stichelte er auch noch darauf rum! Aber Gabriel konnte ihm trotzdem nicht böse sein.

„Bin ich nicht!“, log der Blonde und drückte seinen Hut umso fester in sein Gesicht, je heißer ihm wurde.

Dieser Vollidiot! Bestimmt grinste er auch noch dreckig!

„Ach ja? Warum versteckst du dich dann so?“, vorsichtig hob Gilbert den Hut an einer Stelle an, um darunter einen Blick auf seinen Partner zu erhaschen. Für einen Augenblick trafen sich ihre Blicke und Gabriel lockerte den Griff um seinen Hut; Gilbert entfernte ihn aus seinem Gesicht. Gabriel war tatsächlich so rot geworden, dass man kaum mehr unterscheiden konnte, was seine heile Haut war und was seine Wundmale.

Süß…

„Du machst das immer so aus dem Nichts“, murmelte Gabriel, ohne ihm direkt in die Augen zu blicken. – „Hehe, natürlich! Muss doch auch so sein, dann ist es am effektivsten!“

„Ach, sei doch still!“, unterbrach ihn sein Geliebter sogleich, doch das Lächeln in seinem Gesicht konnte er beim besten Willen nicht mehr zurückhalten. Er hasste und liebte es, wie er ihm damit schmeichelte. Warum war er nur so unverschämt charmant.

Den Kopf zur Seite drehend, sah Gabriel kurz von Gilbert weg und beäugte die Wiesenflockenblumen, die ihm schon zuvor ins Auge gesprungen waren.

Sie hatten wirklich Gilberts Augenfarbe. Sie waren nicht völlig rot, doch eher magenta. Und ihre Blüten waren wilde Fäden, die ihn an Gilberts struppiges Haar erinnerten. Wenn seine Augen laut Gilbert wie Kornblumen waren, dann waren seine…

Während Gabriel so abgelenkt war, fummelte Gilbert heimlich in seiner linken Hosentasche. Ja, es war noch da.

„Du, Gabriel-“ – „Gilbert!“

Gabriel unterbrach ihn und Gilbert legte seine Hand weg.

Später.

Gabriels immerwährendes Lächeln war zurückgekehrt. Wenn Gilbert es sah, vergaß er sogleich alle Sorgen der Welt. „Ja?“

Schon steckte ihm Gabriel eine Flockenblume in sein weißes Haar. Gefolgt von mehreren Blütenkelchen, die er zwischen seinen Strähnen verteilte, als wären Gilberts Haare seine Leinwand und die Blumen kleine bunte Sterne. „Die hier sehen aus wie deine Augen. Sie sind magenta, doch ihr Kern leuchtet so rot und warm wie deine Augen, wenn du mit Leidenschaft über etwas sprichst…Und gerade diese hier“, er zeigte eine einzelne Blume hervor, deren fransigen Blüten schneeweiß waren, während ihre Mitte rubinrot leuchtete, „erinnert mich am meisten an dich.“

Gilbert sagte nichts. Doch das Herz in seiner Brust drohte zu explodieren und seine Wangen, seine Nasenspitze, seine Ohren und sogar sein Nacken glühten wie die feuerrote Abendsonne. Seine Augen weiteten sich und er hielt die Luft an.

„Hehe, die Blumen stehen dir wirklich…Sie leuchten wie Sterne und bringen deine Augen zur Geltung. Du siehst wunderschön damit aus, wie ein dem Frost trotzendes Büschel Blümchen im tiefsten verschneiten Winter…“, sprach Gabriel leise, aber aus tiefstem Herzen und ehrlich. Der Kontrast der Blumen zu seinem Haar und seiner Haut machte den Anblick beinah märchenhaft und es ließ seine Augen umso strahlender und kraftvoller erscheinen.

Weiterhin starrte Gilbert seinen Partner ungläubig und mit kochend roten Wangen an. Kein sinnvolles Wort wollte über Gilberts Lippen kommen. Er begann furchtbar zu stottern; jeder seiner Töne war wie abgehackt! Und er spürte, wie sich rote, heiße Flecken über seinen Hals ausbreiteten.

Das gibt es doch nicht! Er hat doch tatsächlich seine Geste kopiert und Gilbert nun ein Eigentor beschert. Und zwar ein gewaltiges! Verdammt! Das war nicht fair!

Und nun kicherte Gabriel auch noch so unbescholten! Was sollte das denn?

„Lach nicht!“, maulte der Albino lautstark und zog die Augenbrauen grimmig zusammen.

Doch Gabriel ließ sich seine gute Laune nicht nehmen. „Wie soll ich denn nicht lachen, wenn du doch gerade so niedlich bist?“

„Ts, niedlich“, Gilbert schüttelte gespielt angewidert den Kopf, „Deine Augen sind vielleicht kaputt. So einer wie ich ist nicht niedlich, sondern cool, stark und absolut geil.“ Beschämt und unfassbar verlegen setzte sich der junge Albino auf und wollte die Blumen bereits aus seinem Haar reißen, doch er hielt in der Bewegung inne.

Gabriels Geste allerdings…die war wirklich niedlich.

Er wollte diese Aufmerksamkeit – und wenn es nur irgendwelche Blumen im Haar waren– nicht wegwerfen. „Egal“, seufzte er, stand auf und streckte sich erstmal ausgiebig. Dann wanderte er heute halt mal niedlich umher. Wenn es seinen Partner glücklich machte, dann soll es so sein. Er war immerhin ein fantastischer Freund! Und das wollte er heute doch sowieso beweisen, oder etwa nicht?

Die Blumen trug er nun entschlossener mit sich und er hielt Gabriel die Hand hin. „Wir sollten langsam weitergehen. Kommst du, Goldie?“

Einmal mehr lächelte dieser und nahm Gilberts Hand dankend an. „Klar doch!“