Chapter Text
Hunderttausende Jahre seien vergangen,
Hunderttausende versagten, den Schatz zu erlangen.
Der Schatz der Klagenden, so nannte man ihn,
Gefürchtet war er, wie er verlockend erschien.
Er sei der Schlüssel zur Seele,
Er stelle ein Desaster an, wenn er einem fehle.
Tief im Herzen versteckt, wohnte er,
Doch niemals ging er ohne Wagnis einher.
Der Schatz der Klagenden, er hatte keinen vollendeten Bestand,
War in Fragmenten in die Welt gesetzt worden, vielen Individuen zugewandt.
Man spüre der Fragmente Existenz,
Wenn man den wahren Wert der Dinge erkennt.
Führen würde er zum ew'gen Leben,
Würde des Herzens innigsten Wunsch erstreben,
Wenn der Laie unter den Wagenden,
Endlich findet den wahren Schatz der Klagenden.
{erste Aufzeichnung des Falles "Tesoro Llorando-Schatz der Klagenden"; Aragón , Spanien}
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Schleppend quälten sich die schrecklich aussehenden Gestalten heran. Behangen mit schweren Ketten, abgeschottet von der Menge die sie umgab. Ihre Haut war trocken, vom Blut und Dreck verschmiert. Das dumpfe, schwermütige Klimpern jener Ketten, die sie zu Boden zwang, kämpfte mit dem Drang ihrer Peiniger. Diese armen, willenlosen Gestalten...sie waren der Dorn im Auge der Gemeinde. Sie waren nutzlos. Sie waren unrein. Sie waren ihrer Existenz nicht würdig.
Doch was war der Grund? Woher wussten sie, dass ihre Seelen, ihre Existenz keinen Wert besaßen? Wieso waren sie fähig über andere zu urteilen? Wer gab ihnen die Erlaubnis dazu? Woher wussten sie, dass sie nicht genau so einer frevelhaften Sünde zum Opfer gefallen waren?
Menschen, nein, Schaulustige überschwemmten die sonst so ruhige Plaza, standen Schulter an Schulter aneinander und beobachteten mit purer Abscheu in ihren leeren Augen. Sie schotteten sich von ihrer Menschlichkeit ab, rechtfertigten die gerade ablaufende Ungerechtigkeit mit weißen Lügen, deren Wurzeln tiefer schlugen als die der belebten Natur.
Der Himmel, er hatte eine blutige, fast bedauernswerte Farbe angenommen, ertränkte das inhumane Ereignis in seiner eigenen Pein. Die Gestalten, so furchtbar sie auch vor aller Leut' erschienen, besaßen ein eigenes Bedauern, trugen ihr ungehörtes Leid im Gesicht. Sie waren nicht sehr viel anders als die Menschen, die sie während ihrer letzten Schritte begleiteten, sie unbeeindruckt und kalt anstarrten.
Die Ersten luden die Aufmerksamkeit der Leute mit dem trockenen Knarzen der Holzstufen ein, unmittelbar danach erwartete sie ihre letzte Bühne, ehe sie in Verdammnis geschickt werden würden. Sie knieten sich trotz wunder Knie vor die Klinge ihres Todes. Sie keuchten, stöhnten und riefen ihren letzten Hilfeschrei heraus.
Sie verlangten nach dem Leben oder verdorrten in ihrer hoffnungslosen Verzweiflung.
Dann verstummten sie, ohne ihr letztes Wort gesprochen zu haben.
Dann gaben sie sich auf und setzten den letzten Atemzug, ohne Widerstand zu leisten.
Dann verließen sie diese Welt, ohne etwas erbracht zu haben.
Das Fallbeil unterschied nicht zwischen Schuld und Unschuld; es gehorchte nur seinem Herrn, der erbarmungslos den Schlussstrich vieler Leben zog.
Er war ihr Schlachter; sie waren die Schlachttiere. Die Zuschauer jedoch...sie waren der Schlachter Verstärker. Sie dachten nicht über Recht und Unrecht nach, entweder aus Angst, selbst dort vorne auf der Erhöhung zu landen oder aus purem Egoismus, Desinteresse und dem Mangel an Kritikfähigkeit.
Oftmals war es die kindliche Unschuld, die noch am ehesten Ungerechtigkeiten erkannte und aufrichtige Sorge in sich trug. Sie kannten die Korruption der Welt nicht, waren der dunklen Seite der Welt gegenüber größtenteils unwissend. Inmitten der aufgewühlten, schweigenden Menge stolperten sie herum, wurden geschubst und beiseite geschoben. Dennoch bekamen sie einen flüchtigen Blick auf jene Hinrichtung, die sich in ihrer Anwesenheit vollstreckte.
Der Grausamkeit schutzlos ausgeliefert... Gezwungen, der schrecklichen Seite der Welt ins Auge zu blicken...Nach einem Grund suchend, der für all das Leid verantwortlich war.
Es war der quirlige, jüngere der beiden Brüder gewesen, dessen Blick auf einmal todernst wirkte; sich auf die Lippe biss. Dass es in ihm vor Schmerz und Wut brodelte, hätte jeder Laie erkennen können. Die Augen waren glasig geworden, die Augenbrauen waren zusammengezogen und die Hitze der Abendsonne schenkte ihm klitzekleine Schweißperlen auf die Stirn. Seine braunen Locken waren bereits am Ansatz feucht geworden. Seine Fäuste hatten gezittert, die hemmende Angst in seiner Brust wurde qualvoll hinuntergeschluckt, ehe er sich an seinen älteren Bruder wandte, ihn fragte, was der Grund für dieses Ende sein könnte.
Sie haben sich selbst verraten, seien schwach gewesen und seien des Verrats angeklagt, meinte der Ältere mit dem Muttermal an der Wange und den zusammengebundenen braunen Haaren. Sie seien ihrer Naivität zum Opfer gefallen, hätten selbst zu etwas Grausamen beigetragen.
Anstatt zu entgegnen, schwieg der Jüngere, ließ seinen herabschauenden Blick für sich sprechen...
Nur wenige Meter weiter entfernt, nahe einer alten, bröckeligen Hausmauer, wurde dasselbe Ereignis mit anderer Perspektive gesehen. Auch dort verweilte die Frage, weswegen das Leben anderer öffentlich beendet wurde...es wie ein Spektakel behandelt wurde.
Wie erstarrt und mit grässlich pochendem Herzen stand ein weiterer brünetter Junge auf der antik gebauten Plaza, sah in seinem inneren Auge bereits wie die blutrote Farbe der Menschen durch die feinen Ritzen der Pflastersteine rannten, obwohl sich in ihnen nichts als Schmutz befand. Lediglich ein monotones Rauschen kam ihm zu Ohren; dass sein Großvater ihm die Hand auf die Schulter legte, bemerkte er nicht. Sogar die Anwesenheit seiner jüngeren Brüder schien auf einmal zu verblassen und er fühlte sich isoliert in der endlosen, inneren Leere, die nun zu seiner Realität wurde.
Es waren die Bilder, die sich von Sekunde zu Sekunde in seinen Kopf einbrannten, die ihn fesselten; ihn schutzlos dem Schock überlieferten. Es waren die Schreie, das Flehen, der Angeklagten, deren letzter Wille kaltblütig unterdrückt wurde. Es war die Angst, die ein jeder dieses Ortes mit sich trug und für ein Kind deutlich spürbar gemacht wurde, es überlud mit Negativität und der Belastung aller Angehörigen.
Nur leise verstand er die Worte seines Großvaters, die ihm zustanden.
Sie hätten sich der Sodomie hingegeben, meinte er, deshalb würden sie nun ihr Ende finden. Sie hätten die falschen geliebt, seien vom rechten Weg abgekommen. Sie hätten gesündigt; ihre Mitmenschen elendig verraten.
Diese Worte pflanzten sich wie Gift in das Gedächtnis des Jungen ein und säten Ängste sowie Hemmungen. Sie verschlossen still und heimlich die Tür zu seiner selbst, vernichteten den wertvollen Schlüssel dazu. Sie bildeten schwere eiserne Ketten; erschwerten seine Seele mit betäubenden Qualen. Und wie ein einsamer Vogel im selbst geschmiedeten Käfig versteckte sich sein wahres Ich nun vor der Welt, vor seiner eigenen Existenz und der Wahrheit, die nie erhört werden würde...
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