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Nakamura Okuto hatte immer gewusst, dass er anders war. Nicht nur schüchtern. Nicht nur jener Junge, der sich hinter dem Pony verkroch und dessen eigentliche Begabung darin bestand, die eigene Gegenwart auszulöschen. Er war ein Vampir. Ein junger, unsicherer, beinahe überhöflicher Vampir, der Blutbeutel aus dem Kühlschrank trank, dem Licht auswich und nachts so hungrig erwachte, dass ihm die Zähne schmerzten.
Und dann war da Hirose Aiki.
An dem Tag der Aufnahmefeier sah Nakamura ihn zum ersten Mal: leicht lockiges braunes Haar, große, runde Augen, ein Lächeln, das über den Schulhof lief wie Wärme nach einem langen Winter. In diesem Augenblick zersprang etwas in ihm. Nicht nur das gewöhnliche Verlieben, das ihm sowieso schon die Kehle zuschnürte. Etwas Älteres. Etwas, das in seinem Blut aufsang, als hätte es jahrelang auf diesen einen Herzschlag gewartet.
Hirose roch nach Leben.
Nicht nach gewöhnlichem Blut. Nach Bestimmung. Nach dem einzigen Menschen, von dem ein Vampir trinken konnte, ohne je wieder wirklich zu hungern. Nakamura hatte davon in den alten Büchern gelesen, die seine Familie verborgen hielt. Die meisten Vampire suchten ein Leben lang und fanden niemanden. Nakamura fand ihn in der ersten Reihe der Aula und wäre beinahe ohnmächtig geworden.
Seitdem versteckte er sich.
Er saß drei Reihen hinter Hirose, folgte mit den Augen dem Nacken, wenn dieser lachte, und verachtete sich dafür. Jedes Mal, wenn Hirose sich umdrehte und „Nakamura!“ rief, nur um etwas Freundliches zu sagen, erstarrte er. Die Sätze, die er nachts vor dem Spiegel geübt hatte, zerfielen zu Staub.
„H-hi …“, brachte er höchstens hervor.
Hirose grinste trotzdem. „Hi! Hast du die Hausaufgaben von gestern?“
Nakamura nickte so heftig, dass ihm schwindelig wurde, und reichte ihm das Heft, ohne aufzusehen. Hirose dankte überschwänglich, und Nakamura verbrachte den Rest der Stunde damit, ein Herz zu beruhigen, das viel zu laut schlug für jemanden, der eigentlich tot sein sollte.
Der Hunger wurde tiefer.
Die Beutel schmeckten nach nichts mehr. Nach Pappe und Metall. Nachts lag Nakamura wach, die Decke bis zur Nase gezogen, und dachte an die Stelle unter Hiroses Ohr, wo der Puls sichtbar pochte, sobald er sich aufregte. Er würde niemals … Er durfte nicht. Hirose war warm und lebendig und ehrlich und hasste alles Unehrliche. Ein Vampir, der sich an ihn heranschlich, war die unaufrichtigste Gestalt, die Nakamura sich vorstellen konnte.
Also blieb er fern.
Oder versuchte es.
Hirose machte es ihm unmöglich.
„Nakamura, warte!“
Es war Freitag, kurz nach dem letzten Klingeln. Der Himmel über Hoshimi färbte sich orange. Nakamura hatte sich schon fast um die Ecke geschlichen, als Hirose neben ihm auftauchte, die Schultasche schief über der Schulter, die Wangen vom Laufen leicht gerötet.
„Du gehst immer so schnell weg“, sagte Hirose und blieb einfach stehen, als gehöre dieser Platz an Nakamuras Seite selbstverständlich ihm. „Ich wollte dich was fragen.“
Nakamura starrte auf seine Schuhe. „J-ja?“
„Magst du auch gruselige Sachen?“
Nakamura hob den Kopf so abrupt, dass ihm die Sonnenbrille beinahe von der Nase glitt, die er gegen das letzte Tageslicht trug.
Hirose strahlte. „Also, nicht richtig gruselig-gruselig. Mehr so … Vampire. Geister. Solche Spiele. Ich hab ein neues gefunden, wo man einen Clan aufbauen muss, und der Hauptcharakter ist super schüchtern, aber er hat so rote Augen, und ich dachte sofort an— also, nicht an dich! Nur so. Weil du manchmal auch so … still bist. Auf eine coole Art.“
Nakamuras Gedanken blieben stehen.
Hirose redete weiter, unbekümmert, die Hände in der Luft. „Ich find das unheimlich spannend. Was wäre, wenn es sie wirklich gäbe? Nicht die bösen aus den Filmen. Sondern so … normale. Die zur Schule gehen und Hausaufgaben machen und sich in jemanden verlieben und nicht wissen, wie sie das sagen sollen.“
Nakamura gab ein Geräusch von sich, das irgendwo zwischen einem Würgen und einem hilflosen Piepsen lag.
Hirose lachte. Nicht spöttisch. Warm. „Du bist rot. Tut mir leid, ich laber immer zu viel. Aber ernsthaft – findest du das auch interessant?“
Nakamura nickte, weil er nicht wusste, was er sonst tun sollte. Sein ganzer Körper schrie: *Sag ihm nichts. Lauf. Versteck dich.* Aber Hiroses Blick war offen und neugierig und frei von Furcht, und zum ersten Mal seit Wochen fühlte Nakamura etwas anderes als Hunger und Panik.
Hoffnung. Eine törichte, gefährliche Hoffnung.
„I-ich … mag Vampire auch“, flüsterte er.
Hiroses Augen leuchteten auf, als hätte man ihm ein Geschenk in die Hände gelegt, das er sich nicht zu wünschen getraut hatte. „Echt?! Dann müssen wir unbedingt mal zusammen zocken. Oder den Film anschauen, den ich letztens gefunden hab. Der ist irgendwie traurig und süß gleichzeitig. Der Vampir traut sich nicht, dem Menschen zu sagen, dass er ihn braucht, und der Mensch merkt es trotzdem.“
Nakamura schluckte.
Genau das war das Unglück.
Die nächsten Tage waren Folter und Gnade in einem.
Hirose suchte ihn in den Pausen. Setzte sich manchmal einfach neben ihn, ohne zu fragen, und erzählte von einem Manga, in dem ein Vampir erst dann wirklich leben konnte, wenn er den richtigen Menschen gefunden hatte. Nakamura hörte zu, die Hände unter dem Tisch zu Fäusten geballt, und dachte: *Du hast ihn gefunden. Du sitzt neben ihm. Sag etwas.*
Er sagte nichts.
Stattdessen wurde er durchscheinender.
Am Mittwoch floh er nach der dritten Stunde auf die Toilette, weil Hirose sich zu ihm gebeugt hatte, um etwas in seinem Heft zu zeigen, und der Geruch so dicht gewesen war, dass sich Nakamuras Fangzähne gegen seinen Willen senkten. Er biss sich die Lippe blutig, um sie wieder zurückzuziehen.
Am Donnerstag blieb er dem Sportunterricht fern und saß auf dem Dach, die Knie an die Brust gezogen, und versuchte, an Oktopusse zu denken. An Icchan. An alles, was nicht Hirose war.
Es half nicht.
Freitagabend blieb Hirose länger. Gesundheitskomitee. Nakamura wusste es, weil er sich alles merkte, was Hirose betraf. Er hätte nach Hause gehen sollen. Stattdessen stand er am Ende des leeren Flurs im dritten Stock und blickte auf die Tür, hinter der Hirose Listen abhakte, als hinge vom ordentlichen Häkchen das Gleichgewicht der Welt ab.
Der Hunger pochte dumpf hinter seinen Zähnen.
Er wandte sich zum Gehen.
Die Tür öffnete sich.
„Nakamura?“
Hirose stand im Rahmen, den Stift noch hinterm Ohr, den Kragen der Uniform ein wenig geöffnet. Draußen war es bereits dunkel. Nur das Licht aus dem Zimmer lag auf ihm wie eine behutsame Hand.
„Du siehst nicht gut aus“, sagte Hirose leise. Die gewohnte Lautstärke war fort. Zurück blieb Sorge. Ehrlichkeit. Genau jener Ton, den Nakamura liebte. „Bist du krank? Du bist die ganze Woche so … durchsichtig gewesen.“
„Mir geht’s … gut.“
„Lüge“, sagte Hirose sofort. Ohne nachzudenken. „Du hasst Lügen, oder? Ich auch. Also komm rein. Setz dich. Ich hab noch Wasser.“
Nakamura hätte fliehen sollen.
Er trat ein.
Das Klassenzimmer war still. Nur die Uhr schnitt die Sekunden. Hirose schob ihm eine Flasche hin und setzte sich auf den Tisch vor ihm, die Beine baumelnd, als sei dies kein Geständnis, sondern nur der Abend zweier Jungen nach der Schule.
„Du musst mir nichts erzählen, wenn du nicht willst“, sagte Hirose. „Aber ich merke, dass irgendwas ist. Und ich … ich mag dich. Als Freund. Also, mehr als nur Mitschüler. Du hörst zu. Die meisten tun das nicht.“
Nakamuras Hände zitterten.
Hirose betrachtete ihn. Nicht zudringlich. Nur genau. Dann neigte er den Kopf.
„Deine Augen.“
Nakamura zuckte zusammen.
„Manchmal“, fuhr Hirose fort, fast behutsam, „sind sie nicht ganz … braun. Oder schwarz. Vorhin, als du so schnell weg wolltest. Für eine Sekunde sahen sie rot aus. Und deine Zähne …“
Er sprach es nicht als Anklage. Eher wie jemand, der endlich das fehlende Stück eines Bildes in der Hand hielt.
Nakamura presste die Lippen aufeinander. Es nützte nichts. Die Spitzen drückten sich dennoch gegen das Fleisch.
Hirose glitt vom Tisch.
Nicht fort.
Näher.
„Du bist einer“, flüsterte er. Keine Frage. Ein Staunen. „Ein richtiger. Nicht aus einem Spiel.“
Nakamura schloss die Augen. „Tut mir leid.“
„Wofür?“
„Dass ich … in deiner Nähe bin. Dass ich das nicht gesagt habe. Dass ich …“ Die Worte stolperten übereinander. „Du riechst nach Bestimmung. Nach dem Blut, von dem ich für immer trinken könnte. Und ich wollte nie … ich wollte dich nicht erschrecken. Ich bin zu feige, um dich überhaupt anzusprechen, und trotzdem …“
Er erwartete Abscheu. Furcht. Dass Hirose zurückwich.
Stattdessen hörte er ein leises, ungläubiges Lachen.
Nakamura öffnete die Augen.
Hirose strahlte.
Nicht das große, laute Lächeln vom Schulhof. Ein kleineres. Atemloses. Als hätte jemand ihm bestätigt, dass die Welt tatsächlich so wunderbar seltsam war, wie er sie sich immer erhofft hatte.
„Das ist das Coolste, was mir je passiert ist“, sagte Hirose.
„H-hä?“
„Ein echter Vampir. Und er sitzt in meiner Klasse. Und er mag *mein* Blut. Nakamura, das ist …“ Hirose lachte wieder, diesmal leiser, und kratzte sich verlegen am Nacken. „Okay. Warte. Ich muss das richtig sagen.“
Er atmete tief durch. Farbe stieg ihm in die Wangen.
„Ich hab keine Angst vor dir. Ehrlich. Ich find Vampire gut. Ich find *dich* gut. Auch ohne das. Du bist nett und komisch und du übst bestimmt Sätze vor dem Spiegel, oder? Das merkt man.“
Nakamura wünschte, der Boden möge ihn aufnehmen.
Hirose wurde ernster. Nur ein wenig.
„Aber ich will nicht nur … Essen sein. Verstehst du? Wenn das mit der Bestimmung wirklich so ist – wenn du mich brauchst, für immer – dann will ich das auch. Aber richtig. Nicht heimlich. Nicht so, dass du dich danach schämst und wegläufst.“
Er streckte die Hand aus. Nicht den Hals. Die Hand. Die Fläche nach oben, als böte er etwas dar, das schwerer wog als Blut.
„Werde mein Freund. Also … mein fester. Mein Partner. Dann darfst du. Dann will ich das sogar. Aber nur so. Deal?“
Nakamura starrte die Hand an, als sei sie Falle und Wunder zugleich.
„Du … willst mit mir … zusammen sein.“
„Ja.“ Hirose grinste schief. „Ist das so schwer zu glauben? Du guckst mich seit April an, als wäre ich der Mond. Ich bin nicht blind, Nakamura. Nur langsam. Und jetzt, wo ich weiß, warum du immer so blass wirst, wenn ich zu nah komme … ergibt das irgendwie Sinn.“
„Ich bin schrecklich darin. Beim Reden. Beim … allem.“
„Dann üben wir.“ Hirose bewegte ein wenig die Finger. „Erst mal Händchenhalten. Das ist ein Anfang. Und wenn du Hunger hast, sagst du Bescheid. Kein Verschwinden mehr aufs Dach. Versprochen?“
Nakamura legte seine kalte Hand in Hiroses warme.
Es war, als fände etwas in seiner Brust, das jahrelang zu eng gelegen hatte, endlich Raum.
„Versprochen“, flüsterte er.
Hirose drückte leicht zu. „Gut. Und jetzt … wenn du wirklich … also, nur wenn du willst. Nicht viel. Nur damit du nicht umfällst. Ich hab gelesen, das Handgelenk geht auch.“
Nakamura wurde rot bis in die Ohrenspitzen. „J-jetzt?“
„Nur ein bisschen. Du siehst aus, als könntest du jeden Moment umkippen. Und ich hab gesagt, ich akzeptiere das. Also.“ Hirose schob den Ärmel hoch, unbeholfen, aufgeregt, das Herz deutlich unter der Haut. „Sei vorsichtig, okay? Ich bin kein Videospiel.“
Nakamura beugte sich vor, so langsam, als könne die geringste Hast alles verscheuchen. Zuerst berührte er nur mit den Lippen die Innenseite des Handgelenks. Hirose holte scharf Luft, zog die Hand aber nicht zurück.
Dann senkten sich die Zähne, behutsam wie ein Geheimnis.
Es war nur ein Tropfen. Ein winziger. Süß und warm und so vollkommen, dass Nakamura einen Laut ausstieß, den er sogleich bereute. Hirose kicherte nervös.
„Kitzelt.“
Nakamura wich zurück, die Lippen glänzend, die Augen weit. „Tut … tut mir leid—“
„Nicht entschuldigen.“ Hirose betrachtete die zwei kleinen Punkte, als gehörten sie fortan nur ihnen. Dann lächelte er, weich und selbst ein wenig schüchtern. „Schmeckt’s?“
Nakamura nickte, unfähig zu einem klugen Satz. „Wie … wie nach Hause.“
Hiroses Ohren röteten sich. „Okay. Wow. Das war … süß. Auf eine sehr merkwürdige Art.“
Sie saßen noch eine Weile so. Nakamura hielt immer noch Hiroses Hand. Draußen begann ein feiner Regen. Irgendwo im Gebäude fiel eine Tür ins Schloss.
„Wir gehen zusammen nach Hause“, entschied Hirose. „Unter einem Schirm. Und du erzählst mir, seit wann du das bist. Und ich erzähl dir von dem Spiel, das ich meine. Und irgendwann, wenn du so weit bist, küssen wir uns auch. Richtig. Nicht nur am Handgelenk.“
Nakamura verbarg das Gesicht in der freien Hand. „Hirose …“
„Aiki“, korrigierte dieser leise. „Wenn wir zusammen sind, darfst du Aiki sagen.“
Nakamura sah auf.
Aiki Hirose lächelte ihn an: der Junge, der Vampire liebte und Lügen verabscheute und dem schüchternsten Wesen der Schule angeboten hatte, für immer zu bleiben, solange man ihn nicht allein ließ.
„Aiki“, wiederholte Nakamura, und zum ersten Mal lag dieser Name in seinem Mund nicht wie eine Entschuldigung.
Sie gingen den Flur hinab. Nakamura trug den Schirm, obwohl der Regen ihn nicht nass machte wie andere. Aiki redete ohne Pause. Von Spielen. Vom Gesundheitskomitee. Davon, dass sein neuer Freund nachts Zähne bekam und dass genau das irgendwie das Beste war, was ihm je geschehen war.
Nakamura hörte zu.
Zum ersten Mal seit der Aufnahmefeier fürchtete er nicht, gesehen zu werden.
Er hatte gehungert.
Nun hatte er etwas, das schwerer wog als Hunger.
Jemanden, der blieb.
