Chapter Text
Das Beste daran, sein Leben zu hassen, ist, dass man nie so richtig enttäuscht werden kann. Man denkt sich schon das Schlimmste aus – und wenn es dann tatsächlich so kommt? Naja, dann kann einem auch nichts Schlimmeres mehr passieren.
Genau das dachte ich mir, als ich mit Kopfschmerzen aus der Hölle und einem konstanten Summen im Hinterkopf zum Toaster schlurfte, nur um festzustellen, dass mein Toast bis zur Unkenntlichkeit verbrannt war.
Es roch verbrannt, die Stille war zu laut und meine Hände waren zu unruhig, um nach dem Toast zu greifen, ohne mich mehrfach zu verbrennen. Ich bin letzte Woche von der verdammten Schule geflogen, aus „verschiedenen Gründen“, was natürlich zu Ärger mit meinem Vater führte – vor allem wegen meines gesundheitlichen Zustands.
„Solche Angewohnheiten dulde ich nicht in meinem Haus!“ – Dieser Satz hallte lautstark in meinem Kopf wider wie ein nerviger Ohrwurm.
Um das klarzustellen: Mein Vater ist keineswegs böse, und er hasst mich auch nicht (soweit ich weiß jedenfalls). Er steht halt in der Öffentlichkeit; heißt, nach außen hin muss alles perfekt wirken, sonst ziehe ich ihn mit mir in den Abgrund. Seine Lösung für das Problem besteht also darin, mich für eine Weile wegzuschicken – aus „Bildungsgründen“. Es geht um eine der ach so lehrreichen Klapsen oder so; zumindest soll es mir eine Chance geben.
Nachdem ich die Hälfte meines verdammten Unglückstoasts mit einem Stück Gurke gegessen hatte, ging ich direkt nicht weniger unzufrieden zurück auf mein Zimmer, um die letzten paar Dinge zusammenzupacken, die ich für die kommende Zeit brauchen würde.
Als ich eine kleine Schublade unter meinem Bett durchsuchte, fiel mir etwas ins Auge – etwas, das ich seit Jahren nicht mehr gesehen hatte: Es war eine kleine schwarze Sammelfigur mit einem Umhang und Totenköpfen, die um sie verteilt waren, wie in fast allen Computerspielen. Es war ein Geschenk meiner Schwester; ich nahm sie in meine zittrige Hand und erstarrte für einen Moment, bevor ich sie schnell wieder dorthin zurücklegte, wo sie hergekommen war – es war ja nur ein albernes Plastikfigürchen.
Kurze Zeit später hörte ich es an meiner Tür klopfen und mein Vater kam in mein Zimmer, um mir zu sagen, dass wir bald losmüssten.
Kurz darauf saß ich im Auto neben meinem Vater und schaute schweigend aus dem Fenster, das ich geöffnet hatte in der Hoffnung, meine Übelkeit zu mindern. Im Endeffekt machten die Straßengeräusche nur meinen brummenden Kopf schlimmer. Im Hintergrund dröhnte Radio-Gerede von dem „Smartphone-Boom“ durch mein Hirn. Jetzt nutzt wohl offiziell die Hälfte der Leute Smartphones statt Tastenhandys. Ehrlich, wen interessiert der Scheiß?
Ich lernte dann auch, wohin ich genau fahren würde: in eine Unterkunft für psychisch gestörte Jugendliche, mitten im Nirgendwo von Texas, Texas.
Südstaatenakzente gehörten zu den fürchterlichsten Dingen, die ich in meinen 16 Lebensjahren gehört hatte. Allein der Gedanke daran machte alles, was ich gerade eh schon hatte, schlimmer. Wahrscheinlich wollen die mir dort einfach nur das achso tolle Christentum (nicht bös gemeint, obwohl eigentlich doch) einflößen, statt echte Hilfe anzubieten.
„Sag mal, ich würde nochmal eine Pause vom Fahren brauchen. Hunger?"
Ich war nicht hungrig, nicht im Geringsten. Es überraschte meinen Vater auch nicht gerade, als ich darauf nur ein "Ne" murmelte.
Seit langem stand meine Ernährung schon auf der Liste meines schlechten Gesundheitszustands, genauer seit 8 Monaten und 22 Tagen.
Silvester dieses Jahr schluckte ich zum ersten Mal etwas. Nach meinem Verweis gestern nahm er mir alles weg und organisierte in Rekordzeit diesen wunderbaren Ausflug. Wie er hierauf kam, ist mir unklar, aber das haben wichtige Leute so an sich: Sie kennen überall irgendwen.
Das Käse-Sandwich, welches mir mein Vater während seiner Pause trotzdem andrehte, blieb nicht länger als 5 Minuten in meinem Magen, bevor ich mich ins nächste Gebüsch übergab.
Zum späten Nachmittag wurde es immer heißer, die Sonne blendete mich konstant, während ich mich endlich davon überzeugte, wenigstens etwas zu trinken. Die Straßen wurden langsam leerer und ländlicher.
Nur einige Minuten später bogen wir in eine Straße, welche an einem massiven, heruntergekommenen Gebäude endete. Besonders einladend waren dazu die vergitterten Fenster.
Drinnen wurden mir nach einem kurzen Gespräch und ein paar Verabschiedungswörtern meines Vaters mein Handy und meine Tasche weggenommen. Darauf wurde ich weitergeschickt, um auf alles Mögliche getestet zu werden. Es brauchte drei Ansätze, bis der Zuständige, dessen Namen ich schon wieder vergessen hatte, es schaffte, mir Blut abzunehmen. Ich spürte die Nadel in meinem rechten Arm kaum. Erst als der Schwindel eintrat, spürte ich alles. Jede kleinste Bewegung tat für einen kurzen Moment höllisch weh, danach wurde alles schwarz.
Sobald ich wieder bei Bewusstsein war, wurde mir eine Flasche mit irgendeiner Flüssigkeit gegeben und klargemacht, dass ich sie trinken musste.
Ich trank, soweit mir das jemand einflößte, würde es nicht kommen.
Der Geschmack erinnerte mich an die Himbeerpaste, womit Zahnärzte immer einen Abdruck deiner Zähne machen. Ich hatte nicht erwartet, so etwas Widerliches nochmals zu schmecken.
Ich stand auf, schaute den Pfleger genervt an: "Fertig?"
"Für heute, ja", schmunzelte der höchstens 5 Jahre ältere Mann mir entgegen, während er versuchte, seine Einweghandschuhe nebenbei in den Müll zu werfen. Er warf sie beide daneben.
"Jetzt wollen wir dich erst mal einführen."
Er sammelte die Handschuhe vom Boden und warf noch einmal daneben, bevor er sie leise fluchend vernünftig wegwarf. Keine Ahnung, ob das Absicht war, amüsant fand ich es jedenfalls nicht.
Während mich, wie ich dann doch erfuhr, Mr. Zhang, eine frisch eingestellte Pflegekraft, durch verschiedene Räume navigierte, merkte ich die Blicke der Gleichaltrigen auf mir. Ich war jetzt schließlich der Neue.
Mit meinem Glück bekam ich auch noch einen ätzenden Mitbewohner, einen etwas zu kurz geratenen Witzbold namens Leo.
"Hey du, find das echt super, Mann!", stürmte er ins Zimmer.
„Komm' echt selten neue, weißt'e? Hab's mir hart erarbeitet, dass jemand zu mir darf, mein ich“, plappernd lief er etwas planlos im Zimmer umher.
"Wie heißt du 'n eigentlich?"
Zu meiner Überraschung gab ich dem hyperaktiven Lockenkopf keine Klatsche. Das Trinkzeug, das die mir gegeben haben, schien wohl eine Wirkung zu haben, mein Kopf war nicht mehr am Explodieren.
"Nico, du Arsch."
"Uh, dacht schon, du bist stumm oder total dicht, weiß nich'", gab er zurück und setzte sich auf sein Bett gegenüber von mir.
"Woher kommst du n' überhaupt, aus der Gegend?" Er starrte mich erwartungsvoll an.
"Sioux Falls, aber erst seit Ende letztem Jahr."
„Woah, was machst du hier? Das is' 'ne halbe Weltreise! Wozu denn das?“
Damit hätte ich rechnen können. Wer war denn so blöd und fährt so weit nur für eine Heilanstalt? Jetzt durfte ich ihm meine halbe Lebensgeschichte erzählen und mich auch noch wie ein verwöhnter Schnösel dastehen lassen. Nebenbei bezog ich mein Bett mit den hässlichen Krankenhauslaken, die man mir neben meine durchsuchten Sachen mit hingelegt hatte.
Geboren bin ich in Italien. Mit gerade mal 4 Jahren flog ich nach Manhattan, wo ich bis Dezember letztes Jahr lebte. Die Details meiner Zeit dort las ich weg, ich erzählte einfach nicht von meiner Familie oder Freunden, den Nerv hatte ich nicht.
Bevor Leo mich weiter vollplappern konnte, mussten wir uns mit den anderen an einem großen Tisch zum Abendessen treffen.
Während ich mir halbherzig ein Brot schmierte, scannte ich vorsichtig die Gruppe.
Rechts von mir saß ein großes blondes Mädchen in meinem Alter. Neben ihr stapelte eine etwas jüngere mit kaugummipinken Haaren alles Mögliche an Essen übereinander, bis sie von einer Pflegerin Ärger bekam. Die nächste wirkte, als hätte sie tagelang nicht mehr geschlafen. Ansonsten war sie eher unscheinbar, daneben Leo. Er versuchte, mit ihr zu reden, aber wurde ignoriert.
Fair.
Der Stuhl neben mir war leer, warum auch immer.
Als alle etwas gegessen hatten, mussten wir eine Vorstellungsrunde machen.
Die Blonde hieß Mary, die Jüngere Lavinia und die Schlaflose Zoey. Danach wurden mir die Regeln aufgelistet:
– keine Grenzüberschreitung jeglicher Art
– freundlicher Umgang
– verbotene Themen: Diagnosen, Gewicht, Trauma etc.
– an jeder Mahlzeit teilnehmen
– kein Dating o. Ä.
– Probleme bei Erwachsenen ansprechen
– 11 bis 6 Uhr Nachtruhe
Danach gab mir Herr Zhang noch eine Art Stundenplan mit Therapien (allein oder in Gruppen), Mahlzeiten, Zimmerkontrollen und einen Zettel zum Ankreuzen anderer Aktivitäten wie Kunst oder Sportarten. Sport durfte ich wegen meines Gewichts nicht wählen. Hatte ich auch nie vor.
Mir wurde von Leo, Lavinia und Mary noch mehrfach angeboten, mit ihnen Karten zu spielen oder einen Film zu schauen, was ich klar ablehnte.
Als ich sie endlich los war, zog ich mich noch schnell im Bad um und ging sofort ins Bett.
Als ich nach einer Weile Rumliegen mich doch nochmal entschied aufzustehen, da ich eh nicht schlafen konnte.
Ich betrat den Gemeinschaftsraum. Die Wand war senfgelb, an der Wand links von mir ein schwarzes Ledersofa mit einem kleinen Tisch, gegenüber ein Regal mit DVDs, Spielen und einem Fernseher. Die drei von vorhin hatten sich fürs Uno-Spielen entschieden und waren nicht mehr drei, es waren vier.
Ein blond lockiger Junge saß mit ihnen, die wenigsten Karten über um den Tisch. Neben ihm ein Rollstuhl, wahrscheinlich seiner. Sein linkes Bein war fast völlig eingegipst und der rechte Fuß hatte so einen stabilisierenden Schuh für Fußverletzungen.
Ich mochte mir gar nicht vorstellen, wie das wohl passiert ist.
„Ich habs gesagt, Freunde! „Der ist gar nicht so tough, wie er tut!“, predigte Leo stolz.
"Na komm, wir beißen nicht."
Lavinia zeigte auf einen leeren Platz neben ihr: "Kannst nächste Runde mitspielen, wir waren alle mal neu", meinte sie, während sie auf einem Kaugummi rumschmatzte.
"Gut." Ich setze mich mit Abstand neben sie.
„Ach so, das ist Will“, sie deutete immer noch schmatzend auf den blonden Jungen. "Er war heut' weg, aber er ist auch ok."
Ich nickte ihm freundlich zu, er lächelte schüchtern zurück, bevor sein Fokus zurück zu den Karten ging.
Will war wohl eins von diesen Superhirnen, das nahm ich aus der Reaktion Leos.
"Schon wieder! Habt ihr das gesehen? Das ist das vierte Mal in Folge!" Er wurf sein Deck Karten frustriert auf den Tisch.
"Vierte Runden, Mano! Niemand hat so viel Glück, außer, man hat 'n Pakt mit dem Teufel geschlossen!"
Mary und Lavinia kicherten, während sie Will gratulieren. Selbst meine Mundwinkel zuckten. Leo war vielleicht nervig, doch sein Sprechen war grandios.
