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Category:
Fandom:
Relationships:
Characters:
Additional Tags:
Language:
Deutsch
Stats:
Published:
2026-10-08
Completed:
2026-10-09
Words:
3,557
Chapters:
2/2
Comments:
4
Kudos:
4
Hits:
25

Angst/Alles gut

Summary:

Nein, das geht da nie mehr raus. Wenn du drei Stunden mit beiden Händen im Abdomen deines Freundes versuchst sein Leben zu retten, dann bleibt dir das. Das wirst du nicht mehr los.

Notes:

Ich wollte mal was zu den beiden schreiben, was etwas mehr angsty und mit mehr hurt ist - dafür ist so 'n Krankenhaus-Setting ja eh voll perfekt.
Viel Spaß:)

Chapter Text

Kaum ist der letzte Stich fest, taumelt Paul aus dem OP. Das metallische Klirren des Nadelhalters, den er auf den OP-Tisch hat fallen lassen, hallt noch in seinen Ohren wieder, als er sich an der Tür die Einmalschürze und die Haube vom Körper reißt. Dann wird das Hallen von Knallen der Tür ersetzt und Paul Trommelfelle vibrieren förmlich. Mit seiner rechten Handfläche fängt er sich im Flur an der Wand ab, während rasend schnell alles vor seinen Augen verschwimmt und seine Beine schwer wie Blei werden. Die drei Meter zum nächsten Stuhl schafft er nicht mehr. Nur noch einen Schritt und Paul bricht auf dem Boden zusammen. 

Fuck. 

Fuck, fuck, fuck. 

Eine Weile bleibt er einfach so sitzen mit dem Rücken an die kalte Wand gelehnt und dem Kopf im Nacken. Sein Herz rast, aber der Puls ist im Keller. Die Augen sind zu, aber Paul sieht nur kurz schwarz. Dann kommen die Bilder zurück. 

Notfall. 

Verkehrsunfall.

Ein Kollege. 

Ivo. 

Komatös.

Intraabdominale Blutung. 

Verdacht auf Milzruptur. 

Sofort in den OP. 

Bauchraum voller Blut.

Gefäßligatur, Milzteilresektion.

Die Blutung steht nicht.

Vitalparameter fallen ab.

Viel zu hoher Blutverlust.

Splenektomie, es geht nicht anders.

Pauls Hände zittern.

Pauls Hände zittern in Ivos Körper.

Pauls Hände zittern in Ivos Körper drei Stunden lang. 

„Fuck“, kommt es ihm atemlos und gebrochen über die vor Panik zitternden Lippen. Vorhin hat er alles verdrängt - und jetzt geht es auf ihn nieder wie eine Flutwelle. Er kriegt kaum Luft, obwohl er verzweifelt danach ringt. Sein ganzer Körper krampft. Die Augen brennen. Paul will sich die Haare raufen, übers Gesicht fahren, irgendwas tun, doch als er die Hände hebt, sieht er rot. Dunkles, teils schon eingetrocknetes Rot auf weißem Latex. Für die Handschuhe hat‘s nicht mehr gereicht. 

Ivos Blut. 

Ivos Blut an Pauls Händen. 

Ivos Blut an Pauls Händen drei Stunden lang. 

Es hat ihn noch nie so viel Kraft gekostet, sich die Handschuhe abzuziehen, zugleich hat er es noch nie so dringend tun wollen wie jetzt. Das Latex reißt, Paul schleudert die Handschuhe so weit es geht von sich weg. Schwer atmend vergräbt er das Gesicht in den Händen, will so dringend weinen, aber keine einzige Träne kommt. 

 

Er liegt auf der Normalstation, obwohl Paul ihn lieber auf Intensiv hätte. Ivos Werte haben sich wieder stabilisiert, es gibt keine Rechtfertigung für ein Intensivbett, außer Pauls persönliche Befindlichkeiten. Er hat so scheiße viel Angst um ihn. Scheiße, wie kann man so viel Angst um einen Menschen haben? 

Es ist halb eins. Zoe und Betty kommen ihm aus Ivos Zimmer entgegen, lächeln müde, aber zufrieden. „Alles in Ordnung, er wird bald aufwachen“, sagen sie und, „ich brauch jetzt ‘nen Kaffee.“

Paul braucht keinen Kaffee. Paul hat keine Ahnung, was er braucht. Er steht mitten im Flur, kann sich nicht rühren, kann nur starren. Er bemerkt zwar Bettys und Zoes besorgte Blicke, doch kann sie nicht erwidern. Wenn er sie anschaut, schaut er durch sie hindurch. 

„Auch Kaffee?“ fragt Zoe und Paul schüttelt wie automatisiert den Kopf. 

„Du solltest dich ausruhen“, meint Betty wohlwollend, „fahr heim, schlaf ein paar Stunden.“

Paul weiß, dass sie wahrscheinlich recht hat, aber er weiß genauso, dass er nicht schlafen können wird. „Ich kann jetzt nicht… Geht ihr heim, ihr habt genug Überstunden.“

Kurz sehen die beiden so aus als würden sie protestieren wollen, aber sie ringen sich zu einem Lächeln durch, Wünschen eine gute Nacht und gehen. Paul bleibt zurück im Flur und fühlt sich so schrecklich verloren in dieser gottverdammten Klinik wie nicht einmal an seinem ersten Tag hier. 

Vor seinem inneren Auge läuft noch immer derselbe Film - literweise Blut, das nach dem Bauchschnitt aus Ivos Abdomen sprudelt, die zerrissene Milz, das grelle OP-Licht, rotgetränkte Kompressen, der scheiß Faden, der ihm mindestens dreimal gerissen ist, weil er so gezittert hat, das Dauergepiepse vom Monitoring, kalter Angstschweiß auf Pauls Stirn. Es hört einfach nicht auf. Das will nicht aus seinem Kopf, frisst sich eher immer tiefer in sein Bewusstsein. Was, wenn es da nie mehr rausgeht? 

Paul schluckt schwer. Ihm ist speiübel und schwindelig zugleich, wann immer er an das Blut an seinen Händen denkt. Eigentlich kann er Blut sehen, nur sein eigenes nicht. Und Ivos Blut. Das kann er auch nicht sehen.

Nein, das geht da nie mehr raus. Wenn du drei Stunden mit beiden Händen im Abdomen deines Freundes versuchst sein Leben zu retten, dann bleibt dir das. Das wirst du nicht mehr los. 

 

Paul weiß nicht, wonach ihm mehr ist - einfach wieder auf dem Boden zusammenbrechen und bitte endlich heulen können oder doch die Fäuste gegen den Putz donnern und schreien, schreien, schreien. Am liebsten beides gleichzeitig, doch letztendlich tut er nichts davon. 

Stattdessen schleppt er sich bis vor die Tür von Ivos Zimmer und es sind die längsten zweieinhalb Meter seines Lebens. Seine Finger zittern noch immer, als sie sich um das kühle Metall des Türgriffs legen. Zögerlich drückt Paul die Klinke runter, hat Angst vor dem, was ihn gleich hinter der Tür erwartet. Seit er vor gut einer halben Stunde den OP fluchtartig verlassen hat, hat er Ivo nicht mehr gesehen. 

Einerseits, wie viel soll sich in einer halben Stunde verändern? Andererseits, heute Abend haben wenige Sekunden über Ivos Leben entschieden. Eine Sekunde später und sie hätten ihn gar nicht mehr erst in die Klinik transportieren müssen. Eine Sekunde eher und er wäre mit einer Schramme davongekommen.

Paul muss dankbar sein, er weiß das, aber Dankbarkeit fällt einem so unfassbar schwer, wenn einem die Angst noch in den Knochen sitzt.

Die Klinke ist unten, aber Paul kriegt die beschissene Tür nicht auf. Er hat so viel Panik, dass er schon wieder keine Luft kriegt. Seine Lunge macht dicht, in seiner Brust zieht es ganz entsetzlich. Eigentlich will er doch nichts dringender als zu Ivo - er hat Zoe und Betty weggeschickt, wenn etwas passiert, geht das jetzt auf seine Kappe. Aber Paul kann sich einfach nicht bewegen. Er kann nicht. Kann nicht atmen. 

Aber er muss doch. Muss atmen. Muss zu Ivo. 

Atmen.

Ivo.

 

Es ist finster im Zimmer. Durch die zugezogenen Vorhänge schimmern gedimmt die nächtlichen Lichter Aachens. Ansonsten brennt nur die Nachttischlampe auf dem Nachttisch in warmen Orange. Die Luft riecht nach Sterilium, frischen Bettlaken und diesem Krankenhauseigengeruch, den Paul eigentlich gar nicht mehr wahrnimmt. Nur jetzt, weil er drei Stunden lang den beißenden Geruch nach Eisen von Ivos Blut in der Nase gehabt hat. 

In der Mitte des Raums steht das Bett. Eigentlich sieht man nur die riesige Decke, Ivo erkennt man erst auf den zweiten Blick. Sein Gesicht ist fast so blass wie der Kissenbezug. Kein Wunder bei all dem Blut, das er verloren hat. Ivo hängt noch an der Ringer, von den Geräten haben sie ihn abgeschlossen. Er ist wieder stabil. Er wacht bestimmt gleich auf. Eigentlich sollte er längst wach sein, aber Paul ruft sich krampfhaft ins Bewusstsein, dass sie Ivo schon komatös eingeliefert haben und die Vitalparameter während der OP für knapp eine Stunde ziemlich im Keller waren. Es ist völlig logisch, dass er da noch länger nachschläft. Außerdem hat er starke Schmerzmittel bekommen.

Aber Paul kann seine Angstgedanken trotzdem nicht gänzlich wegschieben. Was, wenn er etwas übersehen hat? Was, wenn noch ein anderes Organ Schaden genommen hat? Ja, eine Rippe ist gebrochen, aber hat sie wirklich nicht die Lunge verletzt? Sind die Schrammen im Gesicht und die Hämatome am Thorax und den Armen wirklich so harmlos wie gedacht? 

Paul merkt erst, wie fest er seine Hände zu Fäusten geballt haben, als sich seine Nägel derart tief in seine Handflächen gegraben haben, dass dort tiefrote Halbmonde zurückbleiben und es richtig weh tut. Ihm steigen Tränen in die Augen, aber nicht vom Schmerz. Wie benommen taumelt er rüber zum Bett, zieht sich seinen Kittel von den Schultern und einen Stuhl ans Bett und bricht darauf zusammen - anders kann man es nicht beschreiben. 

Mit letzter Kraft hebt er den Blick, lässt ihn über Ivos lädierten Körper unter der Decke wandern, stellt sicher, dass sich sein Brustkorb regelmäßig hebt und senkt. Erst dann erlaubt er sich den totalen Zusammenbruch.

Ein gebrochenes Schluchzen tief aus Pauls Kehle bricht an die Oberfläche, weicht in einem eiskalten Atemzug aus seinem Mund. Seine Ellbogen landen auf den Knien und das Gesicht in den Handflächen und dann weint Paul. Weint so heftig, dass sein ganzer Körper bebt und er nicht mehr atmet, sondern nur noch schluchzt. Weint, bis keine Tränen mehr kommen. Weint, bis er sich nicht mal mehr selbst stützen kann, sondern nach vorne fällt auf die Matratze von Ivos Bett. Sein Kopf landet schwer auf seinem linken Arm. Den rechten streckt er mühsam aus, tastet nach Ivos Fingern. Es kostet ihn alles an Kraft, was er noch aufbringen kann, sie miteinander zu verschränken, doch er schafft es und für eine kurze Zeit ist alles ruhig. Pauls Kopf und auch Paul selbst. Er weint nicht mehr, atmet nur leise gegen die Matratze und blinzelt mit Augenlidern wie aus Blei zu Ivo hoch, der von all dem nichts mitbekommen hat. 

Wahrscheinlich ist es egoistisch, aber Paul wünschte, er hätte es. Er wünschte, Ivo wäre bei Bewusstsein und könnte irgendwas sagen, irgendeinem dummen, unbeholfenen Spruch ausspucken, der Paul zum Lachen bringt und ihm vor allem endlich diese Scheißangst nimmt. Lange hält er das nicht mehr durch.

Kraftlos drückt Paul seinen Kopf gegen Ivos Körper, blinzelt sehnsüchtig zu ihm hoch, während seine Finger zaghaft die von Ivo drücken. „Bitte wach auf“, flüstert er mit zitternder Stimme, „bitte wach einfach endlich auf.“

Dann schläft Paul aus bloßer Erschöpfung ein.

 

Lang schlafen kann er nicht. Fünfzehn, höchstens zwanzig Minuten, da schreckt Paul schon wieder aus dem Schlaf hoch. Ivos Hand hat sich bewegt. Nur ein Zucken der Finger, doch Paul ist sofort hellwach. Panisch wandert sein Blick über den Körper des jungen Mannes, der ihm im letzten Jahr so wichtig geworden ist, auf der Suche nach irgendetwas, aber alles ist in Ordnung. Die Infusion tropft, der Venenkatheter sitzt, Ivo atmet regelmäßig, sogar etwas kräftiger als zuvor, lediglich seine Augenlider zucken gelegentlich. 

Mühsam richtet Paul sich ein wenig auf, fährt sich mit einer Hand durch die Haare und dann über die Augen, während er jede Regung von Ivo beobachtet. Jetzt huschen seine Augen unter den geschlossenen Lidern hin und her und er bewegt leicht den Kopf. Paul hält den Atem an. Mit einer Hand hält er noch immer Ivos Finger umschlossen, die andere schwebt über dem Notrufknopf, falls Ivo gleich einen Krampfanfall bekommt. 

Doch Ivo bekommt keinen Krampfanfall. 

Ivo wacht auf. 

 

Er japst leise, als er die Augen aufschlägt und sein Blick orientierungslos durch den finsteren Raum streift. Pauls zweite Hand ist sofort an seiner Schulter. „Ivo“, wispert er, „Ivo, hey. Alles gut, ich bin da.“

Ivo braucht einen Moment, bevor er zuordnen kann, woher seine Stimme kommt. Doch, als er dann seinen Kopf in Pauls Richtung dreht, erkennt er ihn sofort. Sein verlorener Blick findet ein zuhause in Pauls Augen und wird sofort weich. „Paul“, haucht Ivo und dann, „scheiße, ich… ich leb?“

„Ja. Ja, du lebst“, erwidert Paul und realisiert es erst jetzt. Ivo ist wach. Ivo lebt. Ivo, oh Gott, Ivo... Paul will schon wieder weinen, aber er reißt sich zusammen. „Wie fühlst du dich?“

Er muss kurz überlegen, presst angestrengt die Lippen aufeinander. „Ich… ähm… geht. Mein Kopf tut bisschen weh… und ich bin müde.“

„Und dein Bauch?“ hakt Paul nach. 

„Ist okay.“ Ivo stockt, sieht Paul prüfend an. „Wieso? Was is‘ damit?“

Er atmet tief durch, will eigentlich gar nicht mehr daran denken, aber es versteht, dass Ivo mehr wissen will. „Du wurdest auf dem Heimweg von einem Auto angefahren, erinnerst du dich?“ erzählt Paul mit so viel Contenance wie er nur aufbringen kann. Ivo nickt zögerlich, schaut ihn mit großen Augen an. „Du warst nicht ansprechbar, als die dich eingeliefert haben, und du… du hattest Blut im Bauch. Milzruptur. Wir mussten sofort operieren.“

Ivo sagt nichts, Ivo hebt die Bettdecke an und tastet durch den Stoff seines Krankenhemds seinen Bauch ab, bis er mit den Fingern an der Wunde ankommt. Er zischt leise. Paul schiebt sofort bestimmt, aber sacht seine Hand weg. 

„Ivo, ich… ich hab's wirklich versucht. Aber ich musste deine Milz rausnehmen. Die Blutungen waren anders nicht zu stoppen, das war alles total… zerfetzt.“

Ivo starrt ihn an als wäre er eingefroren. Paul murmelt eine Entschuldigung, doch er schüttelt den Kopf. „Warte mal. Paul, du hast mich… du musstest mich operieren?“

Er nickt, während er sich die Haare rauft. „Ja, Dr. Walden war bei einem anderen Notfall, also hab ich…“ Ihm sterben die Worte auf der Zunge. Paul weiß nicht, was er Ivo noch sagen soll außer: „Ivo, es tut mir so leid.“

Doch er glaubt, dass Ivo ihn gar nicht richtig hört. Er starrt in Pauls Gesicht als würde er durch ihn hindurch schauen. „Scheiße, Paul, du… oh fuck.“ Dann verändert sich etwas in seinem Blick und er schaut wieder Paul an. „Bist du okay?“

Diese Frage erwischt ihn kalt, so hat er doch die letzten Stunden so sehr versucht, sie zu verdrängen. Wie gerne würde er einfach alles verdrängen und Ivo sagen, dass es ihm gut geht. Dass es ihm nichts ausgemacht hat. Dass er professionell geblieben ist. Doch er schafft‘s nicht. Und als Ivo dann auch noch mit seinem Daumen über Pauls Handrücken streicht, bricht Pauls Schutzwall krachend zusammen. 

„Nein, i-ich… die Operation war schrecklich. Ivo, mir ist andauernd der Faden gerissen, da war s-so viel Blut und nach zwei Stunden, in denen ich versucht hab, diese… diese Scheißmilz zusammen zu flicken, wurden deine Werte plötzlich schlechter und i-ich… Ivo, das war so knapp… du wärst fast-“ Der Rest geht in Pauls Schluchzen unter. Vorhin hat er noch gedacht, er hätte sich leergeweint, doch da hat er sich gehörig getäuscht.

Ivo ist noch blasser jetzt, doch anders als Paul sitzt er nicht da und weint, sondern richtet sich unter schmerzvollem Stöhnen im Bett auf.

Alamiert reißt Paul den Kopf hoch. „Nicht-“

Doch Ivo schüttelt den Kopf. „Schon okay, ich bin okay“, versichert er ihm leicht atemlos und breitet die Arme aus. „Paul, komm her.“

„Ich hatte solche Angst um dich“, raunt Paul, unfähig sich auch nur einen Millimeter zu bewegen. Ivo muss seine Arme um ihn legen und ihn an sich ziehen.

„Ich weiß“, flüstert er in Pauls Ohr, während seine Hände unerwartet kräftig über seinen Rücken reiben, „ich weiß, Paul, aber es ist alles gut, hörst du? Alles gut.“

Paul hat nicht mal mehr die Energie, Ivos Umarmung zu erwidern. Er sinkt einfach gegen seine Brust, krallt sich schwach am kratzigen Stoff der Krankenhauskutte fest und atmet in rauen Zügen gegen Ivos Hals, bis die Tränen schließlich versiegen. Es dauert lange, noch länger als vorher. 

Doch als irgendwann keine Tränen mehr kommen, spürt Paul zum ersten Mal ein Gefühl, von dem er geglaubt hat, dass er es nie wieder spüren wird - Erleichterung. 

Er löst sich von Ivo, vorsichtig, um sicherzugehen, dass er sich ohne ihn aufrechthalten kann. Dass er ohne ihn kann. Paul bleibt auf der Bettkante sitzen, mit einer Hand hält er noch Ivos fest und nun ist er derjenige, der seinen Handrücken streichelt. 

„Danke fürs Leben retten“, flüstert Ivo mit dem Hauch eines Lächelns auf den Lippen. „Ich schuld dir was.“

„Versprich mir bitte einfach, dass du mir nie wieder solche Angst machst.“

„Ich versprech's.“

 

Eine Weile sitzen sie einfach so da. Zwischendurch hilft Paul Ivo, wenn auch widerwillig, aus dem Krankenhemd, weil Ivo sagt, er kann in dem kratzigen Sack nicht schlafen. Paul hilft ihm in eine Stoffhose mit weitem Bund, damit sie nicht an der Naht scheuert, und zudem leiht er Ivo sein Sweatshirt. 

Etwas später, als Ivo langsam wieder die Augen zufallen, schließt Paul ihn von der Infusion ab und hilft ihm danach, sich auf die Seite zu drehen. „Willst du nochmal was gegen die Schmerzen?“ erkundigt er sich, doch Ivo lehnt ab. 

„Ne, geht schon. Ich will einfach nur schlafen.“

„Wenn du doch was brauchst, sag mir Bescheid.“

Ivo blinzelt fragend. „Bleibst du hier?“

Paul zuckt mit den Schultern. Seine Hand wandert flüchtig über Ivos Knie. „Mir wär‘s lieber, ja - das heißt, wenn ich darf. Falls was ist.“

„Mir wär's auch lieber. Falls was ist.“

Damit ist es entschieden. Dass sie nur nicht alleine sein wollen, müssen sie beide nicht aussprechen. Paul setzt sich wieder auf den Stuhl und lehnt sich mit dem Oberkörper auf die Matratze, um seinen Rücken wenigstens ein bisschen zu entlasten. Ivo dreht sich zu ihm rüber, fährt mit seinen Fingern sacht durch Pauls wüstes Haar. „Ist das denn bequem?“

Paul lehnt sich ein wenig in seine Berührung, macht die Augen zu und brummt leise. „Nicht so sehr, aber was soll ich machen? Ein zweites Bett gibt's hier nicht.“ Er versucht das jetzt schon spürbare Ziehen im Rücken wegzulächeln. 

„Nein, aber du könntest mit in meins“, schlägt Ivo vor. Demonstrativ rutscht er zur Seite. „Ist gerade groß genug für uns beide.“

 

Ist es tatsächlich. Vorsichtig schlüpft Paul mit unter Ivos Decke und muss sich dicht neben ihn legen, weil sie sonst gemeinsam nicht ins Bett passen würden. Er schiebt seinen Körper gegen Ivos Rücken, legt zaghaft eine Hand auf seinen Oberarm. „Ist das okay für dich?“

Ivo nickt. „Ja, das ist okay.“ Zur Bestätigung schmiegt er sich dichter an Paul, seufzt wohlig, als Paul kurz seine Nase gegen Ivos Nacken drückt und seinen Geruch einatmet. „Oh Gott, Ivo…“ Die Hand auf Ivos Arm wandert tiefer, zwischen seinem Ellbogen und dem Thorax hindurch ohne dabei die verletzte Rippe zu touchieren, bis Pauls Hand über Ivos Herzen liegt. Das gleichmäßige, kräftige Pochen zu spüren, beruhigt ihn. 

Ivo scheint zu merken, wieso Paul ihn ausgerechnet dort berührt. „Paul... hey... ich bin doch da“, wispert er und meint damit, dass er noch da ist. Paul will schon seine Hand wegziehen, da legt sich plötzlich Ivos Hand über seine und hält sie an Ort und Stelle fest. „Lass ruhig. Alles, was gegen die Angst hilft, ist gut.“

„Was hilft dir dagegen?“

„Jetzt gerade? Du“, antwortet Ivo. „Deswegen darfst du auch bitte nicht weggehen“, setzt er etwas leiser nach.

Paul atmet tief durch und schiebt sich dichter an Ivo, bis seine Lippen Ivos Nacken berühren. Er haucht einen Kuss auf die warme Haut. „Ich geh nicht weg.“

„Versprochen?“

„Versprochen.“