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Deutsch
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Published:
2026-10-21
Words:
4,343
Chapters:
1/1
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2
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1
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3

Drei Millimeter Mauer

Summary:

„Paul, was zur Hölle-“ Weiter kommt er nicht, weil Paul sich schon wieder krümmt und Blut spuckt. „Oh fuck…“ Sofort sind Ivos Hände an seinem Körper, fest und unnachgiebig schieben sie ihn in Richtung B2. Paul kriegt das nur zur Hälfte mit. Das Blut rauscht in seinen Ohren und er klammert sich an Ivos Arm fest.

Notes:

Danke an meinen Bestie fürs maßgebliche Mitschreiben des Plots <3

Achtung, wird etwas heavy.

Work Text:

Er hätte rennen können, aber sie wären schneller gewesen. Er hat ihre Schritte lange Zeit vorher in seinem Rücken gehört. Schnell, zielsicher. Sie haben ihm aufgelauert, er hat versucht es zu ignorieren solange er konnte. Als ihn eine Hand an der Schulter packt, versucht er sich einzureden, dass es nichts geändert hätte, wenn er wie sonst mit dem Auto da gewesen wäre und nicht zu Fuß. Dann hätten sie ihn eben auf dem Parkplatz abgefangen und nicht in der Seitenstraße. Als dann eine Faust seine Wange trifft und eine zweite seine Nase und es laut knackt und er zu Boden geht, denkt er, dass es vielleicht doch was geändert hätte. Auf dem Parkplatz hätten sie ihn vielleicht liegen gelassen, weil da mehr Leute sind. Hier in der Seitenstraße ist niemand. Nur er mit dem Gesicht auf dem Asphalt und seine zwei Angreifer mit schweren Stiefeln und gehässigem Gelächter über ihm. Er muss sie nicht sehen, um zu wissen, wer sie sind.

Paul macht die Augen zu, bevor der erste Tritt ihn trifft. Und dann reißt er sie wieder auf. Er will schreien, doch kein Ton kommt ihm über die Lippen. Er keucht nur leise. Ein zweiter Tritt, wieder in den Rücken. Der nächste dann in die Magengrube. Paul krümmt sich vor Schmerz. Der vierte trifft ihn am Thorax, der fünfte irgendwo an der Seite und bricht eine Rippe. Der sechste geht gegen seine Schulter, der siebt trifft seinen Kiefer. „Scheiß Schwuchtel“ und der Speichel, der auf seine Schläfe tropft, trifft ihn wie ein achter. 

Dann lassen sie ihn liegen.

 

Paul hat keine Ahnung, wie lange er hier schon liegt. Die ersten Minuten atmet er einfach nur, ist froh, dass er das überhaupt noch kann. Die Kälte des Asphalts kriecht ihm in die Knochen, sein ganzer Körper fühlt sich an wie taub. Aber Paul weiß, dass da Schmerz ist. Und er spürt ihn, als er sich mühsam aufrappelt. Alles tut weh. Alles. Es gibt keinen Zentimeter an seinem lädierten Körper, der nicht brennt und schreit und blutet und ächzt. 

Er stolpert zwei Schritte, muss sich am nächsten Laternenmast abfangen, weil ihm schwarz vor Augen wird. Am liebsten würde er wieder umfallen und sich der Ohnmacht hingeben, aber er weiß genau, dass er verliert, wenn er das tut. Als Paul die schmerzhaft aufeinander gepressten Lider wieder öffnet, sieht er rot. Blutflecken direkt unter ihm auf dem Gehweg. Und es werden immer mehr. Erst allmählich spürt er, dass seine Nase sich feucht und warm anfühlt. Er schiebt seine zitternde Handfläche drunter und sofort sammelt sich darin das Blut.

Paul wird schlecht. Er unterdrückt den Würgereiz, muss husten, doch da kommt nur ein nasses, gurgelndes Geräusch aus seinem Mund. Paul beugt sich vor und spuckt Blut. Seine Hand verkrampft sich um den Laternenmast. 

 

Es sind vielleicht dreihundert Meter bis zur Klinik, doch sie fühlen sich wie Kilometer an. Paul schwankt, kann sich kaum rühren, weil alles so weh tut. Sein gesamter Körper protestiert, will sich nicht bewegen, aber er muss. Verdammt nochmal, er muss!

Pauls Sweatshirt ist blutverschmiert am Ärmel, als er in den Fahrstuhl der Klinik stolpert. Bisher hat ihn zum Glück niemand gesehen. Paul betet, dass es so bleibt. Gerade eben war Schichtwechsel, die einen sind schon auf dem Heimweg, die anderen haben gerade angefangen zu arbeiten. Jetzt muss er nur noch an der Anmeldung vorbei und dann hoffentlich auf Anhieb ein freies Behandlungszimmer erwischen, wo er sich einsperren und seine Wunden lecken kann.

Der Aufzugtür schiebt sich mit einem leisen Rattern auf, Paul sammelt seine letzte Kraft und schleppt sich nach draußen. Die Anmeldung ist gerade tatsächlich nicht besetzt. Paul atmet auf, taumelt um die Ecke und stößt dann beinahe mit Ivo zusammen.

Ausgerechnet Ivo.

Paul weiß nicht, was überwiegt - die Erleichterung oder die Panik. Panik, weil er genau weiß, dass mit irgendwo einsperren und selbst seine Wunden versorgen jetzt definitiv Schluss ist, wo Ivo ihn so gesehen hat. Erleichterung, weil es ihm so dermaßen beschissen geht und er ganz tief drin eigentlich nichts mehr will, als dass sich jemand um ihn kümmert und ihn tröstet. Und wenn das jemand tut, dann ist es Ivo.

Ivo, der ihn mit offenem Mund anstarrt. „Paul, was zur Hölle-“ Weiter kommt er nicht, weil Paul sich schon wieder krümmt und Blut spuckt. „Oh fuck…“ Sofort sind Ivos Hände an seinem Körper, fest und unnachgiebig schieben sie ihn in Richtung B2. Paul kriegt das nur zur Hälfte mit. Das Blut rauscht in seinen Ohren und er klammert sich an Ivos Arm fest. 

 

Ivo drückt ihn auf die Untersuchungsliege nieder, hält ihn an den Schultern fest. „Paul? Hörst du mich? Ich hol jetzt Dr. Sahin, okay?“

„Nein!“

Seine Hand liegt schon auf der Türklinke, doch Ivo bremst. Irritiert runzelt er die Stirn. „Nein?! Paul, du hustest Blut-“

„Hab mir auf die Zunge gebissen“, keucht er.

„-und deine Nase ist-“

„Wahrscheinlich gebrochen. Ja, weiß ich. Ivo“, fleht er förmlich mit ihm, „Ivo, bitte. Nicht Dr. Sahin.“

Unsicher kehrt Ivo zurück zu ihm. Paul entgeht nicht, wie seine Hände zittern. „Ich kann auch schauen, ob Dr. Walden-“

„Nein. Lass einfach, ich mach das schon“, versucht er ihm möglichst glaubhaft zu versichern. Dass er jetzt gerade nicht dazu in der Lage ist, weiß er selber.

Und Ivo sowieso. Er schüttelt vehement den Kopf. „No way lass ich dich jetzt allein.“ Er baut sich vor ihm auf, guckt ihn entschlossen an. „Ich kümmer mich, okay?“

Paul würde dem gerne etwas entgegen bringen, aber er fürchtet, dass das nichts bringt. Ivo ist ein unglaublicher Sturschädel und außerdem kennt er Paul mittlerweile viel zu gut. Er weiß genau, wie dreckig es ihm gerade geht. Keine zehn Pferde würden Ivo jetzt von ihm wegbringen. Also hört Paul auf, sich zur Wehr zu setzen und beobachtet Ivo dabei, wie er gehetzt durch das Behandlungszimmer läuft und alles zusammensammelt, was irgendwie nützlich sein könnte. Dann streift er sich Handschuhe über, zieht den Hocker vor die Pauls Knie und atmet tief durch.

„Okay, wir kriegen das hin“, sagt er und will damit wahrscheinlich mehr sich selbst beruhigen als Paul. Mit einem Bauschen nasser Tupfer wischt er vorsichtig das Blut von Pauls Nase weg. Nur leider bringt das nicht viel, weil es sofort weitertropft. Paul sieht, wie Ivo schluckt. Er würde gern was sagen, um ihn zu beruhigen, aber das kann er nicht. Das alles macht ihm selbst viel zu große Angst. „Das muss verödet werden“, erkennt Ivo und springt nochmal auf, um einen Silbernitrat-Ätzstift zu holen. „Ich hab das noch nie gemacht, aber… ich hab dir ja oft genug dabei zugeschaut. Und wie schwer kann‘s sein, oder?“ Hilfesuchend guckt er zu Paul hoch, findet in seinem Blick aber wahrscheinlich nichts, was irgendwie aufbauend wäre. Trotzdem lässt er sich nicht unterkriegen.

Er gibt wirklich sein Bestes und er macht es gut, dennoch kriegt er die Blutung nicht gestoppt. Dafür ist sie einfach zu stark und zu diffus, weil es sicherlich mehrere Gefäße sind, die aufgeplatzt sind. 

„Das klappt so nicht“, seufzt Ivo und drückt Paul ein frisches Knäul Zellstoff in die Hand, das er vollbluten kann. „Du brauchst ‘ne Tamponade. Entweder ich hol jetzt einen Arzt oder-“

„Mach du das.“

Ivo hält die Luft an. Paul sieht, wie er mit sich ringt, aber dann steht er auf, holt eine Klemme und eine Tamponade. Plötzlich hat er seine Finger an Pauls Kinn und Paul erschrickt fürchterlich. Auch Ivo zuckt zusammen. „Ich pass auf, versprochen“, sagt er, weil er glaubt, Paul ist deshalb erschrocken. „Leg mal den Kopf ein bisschen zurück.“

Paul hält ganz still, als Ivo die Tamponade in seine Nase schiebt. Er fragt ihn währenddessen dreimal, ob's okay ist, ob irgendwas weh tut, tastet danach ganz vorsichtig Pauls Nase ab. „Sieht wirklich gebrochen aus.“

„Heilt schon wieder“, antwortet Paul schniefend. 

Ivo nickt stumm, während er Pauls Gesicht mustert. Zum Glück nicht lange, denn sein Blick sticht fast so sehr wie die offenen Wunden in seinem Gesicht. Es wird nicht besser, als Ivo mit weiteren Tupfern und Octenisept die Schürfwunden an seinem Kiefer desinfiziert und dann Pauls aufgeplatzte Wange reinigt. Paul versucht sich zusammen zu reißen, aber hier und da entkommt ihm trotzdem ein leises Zischen, was Ivo jedes Mal mitleidig aufsehen lässt.

Als er dann noch ein bisschen Dreck und Straßenstaub von Pauls Stirn wischt, kommt über seiner linken Augenbraue auch noch ein kleiner Cut zum Vorschein. Den verpflastert Ivo mit Wundnahtstreifen.

„Oh Mann, Paul“, murmelt er, als er den letzten vorsichtig mit den Fingerspitzen festdrückt. „Wie ist das überhaupt passiert?“

Dass er das fragt, hat Paul die ganze Zeit befürchtet, und dennoch hat er sich keine gute Antwort zurecht gelegt. „Weiß nicht. Da waren plötzlich zwei Typen und die… die haben mich niedergeschlagen“, entgegnet er, weil es das erste ist, was ihm in den Sinn kommt, und außerdem keine komplette Lüge.

Irritiert hebt Ivo eine Augenbraue. „Einfach so?“

Paul zuckt mit den Schultern, senkt seinen Blick. Was soll er ihm denn sagen? Etwa, dass ein ehemaliger Patient von ihm, dem er eine Fehldiagnose gestellt hat, und sein Bruder ihm aufgelauert und ihn niedergeschlagen haben? Dass es eigentlich gar nicht um die Fehldiagnose ging, sondern viel mehr darum, dass sie mitbekommen haben, dass Paul schwul ist? Dass sie keine Behandlung von einer Schwuchtel gewollt haben, aber in der Karlsklinik freie Arztwahl nunmal keine Option ist? Dass Paul sich das irgendwann mindestens genau so gewünscht hätte und während der Behandlung immer nervöser geworden ist, bis er einen dummen Fehler gemacht hat? 

„Kanntest du die denn?“ hakt Ivo nach. „Oder hast du die vielleicht schon mal gesehen?“

Paul ist heilfroh, dass dieses Drama in den zwei Wochen, während der Ivo im Urlaub gewesen ist, stattgefunden hat. Sonst würde er jetzt nicht hier sitzen und Paul löchern, sondern wäre längst unterwegs und würde versuchen, ihn zu rächen. Aber ein Glück weiß er von all dem nichts. Paul hat es absichtlich nicht erzählt und Zoe, die währenddessen assistiert hat, schwören lassen, dass sie auch niemandem etwas sagt. Genau so Frau Puhl. Gut zu wissen, dass sie dichtgehalten haben. „Nein, keine Ahnung, wer die waren“, antwortet Paul so ruhig er kann, obwohl sich sein Magen schon wieder zu drehen beginnt.

„Hm“, macht Ivo, „du solltest das zur Anzeige bringen.“

„Lass gut sein, Ivo, das bringt doch nichts…“

„Und wenn ich mit dir zur Polizei gehe?“

„Das ist schrecklich nett von dir, aber das macht‘s auch nicht besser“, murmelt Paul, während er vorsichtig seine Nase abtastet.

Ivo senkt seinen Blick. „Ich weiß… ich dacht nur, dann müsstest du nicht alleine und- ach egal, vergiss es. Ich wollt mich nicht einmischen, sorry. Ähm, sonst bist du okay?“

„Ja.“

„Gut.“

Paul nickt nur, während Ivo sich förmlich überstürzt aufs Aufräumen der Tupfer und Desinfektion stürzt, damit seine zittrigen Hände was zu tun haben. Paul kommt das auch nur recht. Er ist Ivo zwar dankbar, dass er seine Nase versorgt hat, aber den Rest seines Körpers braucht er nun wirklich nicht sehen. Und jetzt, wo er gerade mit dem Rücken zu ihm am Wandschrank steht, kann Paul von der Liege rutschen, ohne dass Ivo sieht, wie ungelenk er sich bewegt, weil sein Körper ein absolutes Wrack ist. 

Zumindest hat Paul das gedacht. Leider hat er vergessen, wie stark seine Schmerzen sind und dass er unter ihnen nicht mal normal stehen kann. Ein leises Stöhnen kommt ihm über die Lippen, als er sich in Bewegung setzt, und Ivo wirbelt sofort herum. Aufmerksam mustern seine blau-grünen Augen ihn. Ivos Miene verdüstert sich. Sein Blick ruht auf Paul und geht nicht mehr weg. Ivo hält ihn mit seinen Augen gefangen und Paul kriegt zwischen den Blicken Platzangst. Er versucht ihnen auszuweichen, aber er ahnt bereits, dass es zu spät dafür ist. Ivo hat es längst bemerkt.

 

Langsam macht er einen Schritt in seine Richtung, versucht sich an einem sanften Lächeln, das ihm wirklich fast perfekt gelingt. Paul droht schon schwach zu werden, doch dann fragt Ivo: „Meinst du, du kannst kurz deinen Pulli ausziehen? Ich würd mir nur gern noch deinen Torso anschauen, um auszuschließen, dass irgendwo mehr kaputt ist.“

Paul mauert sofort. „Ich glaub nicht, dass das nötig ist. Die haben mich nur im Gesicht erwischt“, lügt er Ivo an. 

„Ich dachte, die hätten dich niedergeschlagen?“ entgegnet Ivo mit verschränkten Armen. Seine Muskeln spielen angespannt unter seiner Haut. Kurz ist es so still, dass man Ivos Kiefer knacken hört.

Paul gerät verbal ins Straucheln. „Ja, aber… mir tut nichts weh, versprochen.“

„Paul. Zieh bitte kurz dein Sweatshirt aus und lass mich schauen.“

 

Rotes Tuch. Ihm bleibt die Luft weg. Sweatshirt. Aus. Schauen. Auf keinen Fall. Schon gar nicht Ivo. Ivo mit seinen scheiß Muskeln und seinen schönen Augen und seinem durchtrainierten Körper, den Paul so hübsch findet. Er wünschte, er könnte auch ein bisschen so sein wie Ivo. So aussehen. Stärker. Dann würde sich vielleicht niemand trauen, ihm nach Feierabend aufzulauern und ihn niederzuschlagen. Aber alles, was Paul ausmacht, ist Schwäche. Er kann so viele Kilometer rennen, wie er will - am Ende brennt ihm die Lunge, aber es baut sich kein Bisschen Muskulatur auf. Paul ist hager, man sieht die Rippen, wenn er sich ein wenig bewegt, aber am Bauch ist trotzdem ein wenig Fett, das ihn auch stört, das er aber nicht wegbekommt. All diese Baustellen versteckt er am liebsten unter seinem Sweatshirt. Noch besser, wenn der Kittel drüber ist.

Paul will nicht, dass jemand seinen Körper sieht, schon gar nicht jemand wie Ivo, der einen so perfekten Körper hat. Er soll nicht die Rippen hervortreten sehen oder den Bauch oder die zahlreichen Blessuren, die jetzt sicherlich überall sind. Er soll ihn am liebsten gar nicht mehr ansehen. Der Gedanke lässt Paul das Blut in den Adern gefrieren, denn eigentlich wollte er die ganze Zeit, dass Ivo ihn mehr anschaut. Dass er ihn sieht wie er wirklich ist. Dass seine Blicke tiefer gehen als die von Ron oder Monti. Dass da vielleicht doch was zwischen ihnen ist und Paul sich das nicht nur einredet. Gott, wie sehr wünscht er sich, dass es so wäre. Dass ihn endlich mal jemand länger lieben kann als nur für einen Monat. Dass es nicht aufhört, wenn es tiefer wird. 

Auf den Datingapps kommt er für seinen Charakter gut an, aber sobald sie seinen Körper sehen, ist es irgendwie wieder vorbei. Dann werden die Nachrichten seltener, bis sie irgendwann ganz aufhören. Mit Monti hatte er einmal Sex, einen Tag später hat er per WhatsApp Schluss gemacht. Er suche was anderes, but thank you for the yesterday, Love! Ron hat auch was anderes gesucht, irgendwann. Mehr. Weil Paul ihm nicht geben hat können, was er gebraucht hat. Weil er nicht genug gewesen ist. Wie immer. Es liegt nicht an dir, du bist so ein lieber und guter Mensch, Paul. Aber kein schöner Mensch, oder? Das Auge liebt mit.

Aber jeder hungrige Blick verhungert an Paul. Da ist nichts an ihm, was irgendwie schön wäre. Er ist immer nur der liebe, schwule Kumpel. Hier auf Station ist es doch genau so. Als ob nicht mindestens die Hälfte der Leute hier nur nett zu ihm sind, weil sie wissen, dass er homosexuell ist. Queerfeindlichkeit will sich niemand nachsagen lassen, doch Paul ist es so leid, dass ihm alle nur was vorspielen.

Vielleicht hat er sich deshalb nicht gewehrt, als ihn die zwei Typen verprügelt haben. Weil das endlich mal was echtes gewesen ist. Weil endlich mal jemand ehrlich zu ihm gewesen ist. Auch wenn es so scheiße wehgetan hat.

 

„Ich schneid dir das Ding runter, wenn‘s sein muss“, droht Ivo und Paul befürchtet wirklich, dass er ernst macht, wenn er noch länger hier wie angewurzelt stehen bleibt.

Er muss hier weg. Sofort.

„Mir geht's gut, wirklich“, belügt er Ivo ein letztes Mal so freundlich und aufrichtig man nur lügen kann. Dann drückt er sich an ihm vorbei.

Doch Ivo ist schneller. Er schiebt seinen Körper zwischen Paul und die Tür, schneidet ihm seinen Fluchtweg ab. „Paul, lass den Scheiß. Ich seh doch, dass dir was wehtut.“

Paul sagt nichts. Sein Blick gleitet rüber zu anderen Tür. Zutritt nur für Klinikpersonal. Sein allerletzter Ausweg. Paul presst seine Lippen aufeinander und setzt sich in Bewegung.

Doch Ivo ist schneller. Ivo ist immer schneller. Er packt Paul am Arm, erwischt dabei genau einen Bluterguss. Paul zischt voller Schmerz, doch der schwingt sofort in Wut um. „Fass mich nicht an!“ faucht er Ivo an. Das wäre der perfekte Moment gewesen, um abzuhauen. Doch Paul kann nicht. Sein gesamter Körperschmerz in all seiner Heftigkeit ist wieder aufgeflammt und setzt ihn außer Gefecht. Er gerät ins Straucheln und Tränen schießen ihm in die Augen.

„Paul? Hey, was ist denn los?“ hört er Ivos Stimme ganz nah. Er streckt seine Hand nach ihm aus, doch Paul schlägt sie weg.

„Fass… mich… nicht… an…“ presst er erneut hervor und schnürt sich mit diesen Worten die eigene Kehle zu. Es ist ein letzter verzweifelter Versuch, Ivo irgendwie abzuschrecken. Wenn seine Mauer allein nicht reicht, muss Paul von oben runterschießen.

 

Nur leider prallt seine Munition an Ivo ab. Kurz meint er zwar, sie trifft, weil Ivo zurückweicht und betroffen und verletzt zugleich guckt. Aber dann ändert sich was in seinem Blick und aus Verletzlichkeit wird Weichheit.

„Wovor hast du so viel Angst?“

Paul lässt den Kopf hängen, sein Blick bohrt sich in den Fußboden. Noch ein paar Minuten weiter so und er wird Ivo gegenüber nie wieder eine Mauer aufbauen können. „Ivo, ich… ich kann das nicht. Bitte lass mich einfach…“

„Nein. Vergiss es. Ich muss wissen, ob du okay bist, Paul. Bitte.“ 

Vorbei. Verloren. Pauls Schutzwall bröckelt. Gegen Ivo hat er einfach keine Chance. Er kennt ihn viel zu gut und Paul hat ihn zu doll in sein Herz geschlossen, als dass er ihm jetzt noch etwas entgegen setzen könnte. „Aber sperr bitte wenigstens die Tür zu“, ist seine einzige Bitte, die er in die angespannte Stille haucht. 

Verwirrt runzelt Ivo die Stirn, aber ist bemüht die Entgleisung in seiner Mimik gleich durch ein Lächeln auszugleichen. „Okay. Klar.“ 

Ivo wirft ihm einen Schulterblick zu, während er sich zur Tür dreht und absperrt. Paul kann ihm nicht verübeln, dass er noch immer befürchtet, er würde abhauen. Am liebsten würde Paul ja auch, aber das würde Ivo ihm nicht verzeihen. Und lieber verliert er gegen Ivo als dass er Ivo verliert.

 

Als Ivo beide Türen abgesperrt hat, kommt er zurück zu Paul, der noch immer verloren mitten im Raum steht. Für eine Sekunde streift Ivos Handrücken seinen. „Soll ich dir wieder auf die Liege helfen?“

„Geht schon“, nuschelt Paul. Sein Blick gilt lieber weiterhin seinen Schuhspitzen. Nur leider schieben sich die von Ivo mit in sein Blickfeld. In Paul zieht sich alles zusammen, als er versucht, sich sein Sweatshirt über den Kopf zu ziehen. Doch sein Körper sträubt sich bereits, wenn er nur die Muskeln leicht anspannt. Bis etwa zum Bauchnabel kriegt er den Saum des Pullovers. Weiter nicht. Er schafft's nicht, die Schmerzen sind zu groß.

Vorsichtig begegnet er Ivos Blick. Mit großen Augen starrt er ihn an. „Dir geht's gut, ja?“ flüstert er leicht atemlos. Der Zynismus stirbt, bevor er überhaupt an die Oberfläche seiner Stimme dringen kann. Seine Angst ist viel größer. Angst vor dem, was er unter Pauls Sweatshirt finden wird. Paul weiß schon, was es ist - sieben Hämatome und einen Körper, der nicht liebenswert ist.

 

Er sitzt auf der Liege und wird ganz klein, als Ivo seine Hände an den Saum seines Sweatshirts legt. Er ist ganz vorsichtig und langsam in seinen Bewegungen, doch Paul wünschte, er würde den Pulli einfach von seinem Körper reißen wie ein Pflaster von einer Wunde. Jetzt ist es auch schon egal, wenn es weh tut. Paul ist schon kaputt. Mehr Schaden kann Ivo gar nicht anrichten. 

Sein Sweatshirt landet neben Paul. Kurz liegt es da, dann rutscht es auf den Boden. „Sorry“, nuschelt Ivo und bückt sich danach, legt es wieder auf die Liege. 

Die Papierauflage raschelt.

Paul zittert.

Ivos Blick legt sich auf ihn-

„Oh scheiße…“

- und bleibt da liegen. Egal, wie klein Paul wird. Er könnte unsichtbar sein und Ivo würde ihn trotzdem noch sehen. Diese scheiß blau-grünen Augen. Dieser verdammte durchdringende Blick. Paul schafft es nicht eine Sekunde, ihn zu erwidern.

Während Ivos Blick über seinen Torso gleitet, richtet Paul seinen in die dunkelste, fernste Ecke, die er finden kann. Er versucht krampfhaft, nicht loszuheulen, doch jedes Wegblinzeln des verräterischen Brennens in seinen Augen, verstärkt den Drang. 

Sein Körper beginnt zu zittern, doch nicht von der Kälte. Es ist die Angst, die ihm in die Knochen kriecht, sich an ihn heftet wie eine Zecke, ihn mit sich reißt wie ein Schneesturm. Finger, Hände, Arme, sein ganzer Körper bebt. Jedes Zittern lässt seine Muskeln kontraktieren und jede Kontraktion löst unsägliche Schmerzen an den Hämatomen aus, die sich dann netzartig über seinen Körper ausbreiten. Sein Herzschlag beschleunigt. Es ist wie ein Teufelskreis, aus dem er nicht rauskommt. Angst und Schmerz gehen auf ihn nieder wie ein Kugelhagel. Dabei hat er doch auf der Mauer stehen und schießen wollen. Jetzt bringt ihn sein eigener Herzschlag um.

Ivos Stimme dringt durch das Rauschen in seinen Ohren wie ein verzerrtes Flüstern zu ihm durch. Ein schwacher Kontrast, kaum wahrnehmbar. „Die haben dich niedergeschlagen und dann nach dir getreten, oder?“ Pauls Schweigen ist Antwort genug für ihn. „Paul, du musst mir sowas doch sagen, verdammt!“ Jetzt verblendet seine Stimme mit dem Rauschen.

Dieses verdammte Rauschen - ein Gewirr aus Ivos aufgebrachter Stimme, Pauls rasender Herzschlag, Pauls flachem Atem, Pauls Blut, das eiskalt durch seine Adern schießt. Sein ganzer Körper eine Fehlfunktion. Die gesamte Reizleitung ist aus der Bahn geraten. Sein Gehirn sendet Notsignale, rotes Blitzlicht, Sirenen. Pauls Herzschlag stolpert, immer und immer wieder. Er schnappt nach Luft, aber nichts kommt in seiner Lunge an. Seine Luftröhre ist wie zugeschnürt von der Angst. 

Angst, die zu Panik wird.

Schwarze Punkte tanzen vor seinen Augen, Paul wird schlecht und schwindelig gleichzeitig. Seine klammen Finger krallen sich in die Papierauflage der Liege. Er zerreißt es unter seinem Griff. Der Raum vor Paul beginnt zu flackern. Das Zittern hat seine Augen erreicht. Unkontrolliertes Blinzeln. Totaler Kontrollverlust. Absolute Todesangst. Paul will sterben.

 

Und dann nimmt Ivo seine Hände.

Keine Sekunde zu früh. Er zieht Pauls Hände in seinen Schoß und ihn vom offenen Schlachtfeld in die Sicherheit des Schützengrabens. Die Schmerzen verblassen gegenüber der Sanftheit von Ivos Fingern auf Pauls Handrücken. Der Kugelhagel wird leiser und gibt Ivos Stimme wieder Raum.

„Paul? Kannst du mich bitte mal anschauen?“

Das, was von Pauls Schutzwall noch steht, bricht jetzt krachend in sich zusammen. Ziegelsteine aus Angst, zementierte Panik, all das kollabiert. Paul hebt seinen Blick, sieht keine Mauern mehr, nur noch Trümmer zwischen ihm und Ivo - und Ivo bahnt sich seinen Weg durch all das Chaos zu ihm.

Er steht vor ihm, drückt sacht seine Hände und schaut ihn einfach nur an. So richtig. Ganz. Seinen ganzer Körper. Ihn. Ein letzter Funken Angst explodiert in Pauls Brust, flimmert zwischen seinen Rippen hindurch an seine Haut. Für einen Augenblick sieht Paul den Ivo vor sich, der ihn irgendwann genauso verletzen und verlassen wird, der ihn für seinen Charakter mag, aber niemals auch seinen Körper lieben können wird, diesen Ivo, für den er nie genug sein wird. Der Ivo, der ist wie alle anderen. 

Doch mit einem Mal verglüht der Funken, das rote Tuch fällt zu Boden und die letzte Kugel zerfetzt sich selbst lautlos in der Luft, als Ivo leise sagt: „Paul, ich bin's nur… nur ich.“

Und dann sieht Paul Ivo wirklich. Ivo, der ihn anschaut, so oft einfach nur anschaut und dann immer lächeln muss, wenn Paul seinen Blick erwidert. Ivo, der sich Pauls flüchtigen Berührungen während gemeinsamer Schichten nicht entzieht, sondern sich in sie lehnt, sie teils sogar erwidert. Ivo, der ihn letzte Woche, als Paul während seines Nachtdiensts auf der Couch im Schwesternzimmer eingeschlafen ist, nicht verjagt, sondern sich zu ihm gelegt hat, den Kopf auf seinen Brustkorb und den Arm um seinen Bauch. Und dann Pauls Arm um Ivos Schultern, weil er keine Angst hat vor Nähe und Blicken, solange da der Baumwollstoff seines Sweatshirts dazwischen ist. Drei Millimeter dünn ist Pauls Mauer gewesen, hinter der er sich versteckt hat. Ganz genau so fragil wie er. Nur hat er das vorher noch nie so gesehen.

Jetzt kann er sich in den Tränen in Ivos Augen spiegeln und sieht, wie verletzlich er ist. Wie verletzbar er sich schon wieder gemacht hat, diesmal vor Ivo. Nur ist diesmal die Angst weg, bevor es tief wird. 

„Ivo…“ flüstert er und sieht endlich. Sein Griff um Ivos Hände wird kurz fester, dann lässt er los.

 

Ivo ist sofort da. Seine Arme legen sich vorsichtig um Pauls Körper, um keinen Bluterguss zu berühren, und trotzdem ist seine Umarmung fest. Ivo zieht Paul sanft näher und er drängt sich gegen ihn, will verschluckt werden von dem Trost und der Sicherheit, die sein Herz fluten. Es schlägt wieder gleichmäßig und ruhig, jetzt wo Ivo ihn festhält. Seine Hände sind so warm auf Pauls Haut, jetzt wo da nichts mehr zwischen ihnen ist. Seine Wärme vertreibt die Kälte aus Pauls Knochen und lindert die Schmerzen von denen er geglaubt hat, dass sie nie mehr aufhören. 

„Es tut mir so leid, Ivo“, flüstert Paul gegen seine Schulter, an der er sein tränennasses Gesicht vergraben hat. „Ich hatte einfach so große Angst, dass du mich so siehst.“

„So…“ wispert Ivo und fährt mit einer Hand durch Pauls Haare. „Es ging nie um die Blutergüsse, oder?“

Als Paul vorsichtig nickt, zieht sich Ivo ein wenig aus der Umarmung. Jedoch lässt er ihn nicht los. Mit einer Hand hält er ihn an der Schulter fest und streichelt mit dem Daumen über Pauls Schlüsselbein. Die andere Hand legt er an seine Wange. 

„Du hattest Angst, dass ich dich seh, wie du bist. Dass ich… dass ich dich seh.“

Paul atmet tief durch, schließt währenddessen kurz die Augen, und lehnt sich in Ivos Berührung, schmiegt seine verletzte Wange gegen seine Handfläche. „Ich kann das nicht, Ivo… mich selbst lieben.“

„Aber hast du schon mal drüber nachgedacht, dass ich das vielleicht kann“, flüstert Ivo und ersetzt ganz kurz seine Hand an Pauls Wange mit seinen Lippen, „und dass das vielleicht reicht?“

Und dann zieht er Paul zurück in seine Arme.