Work Text:
An manchen Tagen ist alles scheiße.
Heute ist so ein Tag.
Es ist schon losgegangen, als Ivo aufgestanden ist - besser gesagt, als er aus dem Bett gesprungen ist um zehn vor acht, weil er seinen Wecker mal wieder nicht gehört hat, und dabei auf dem Parkettboden ausgerutscht und sich das Knöchel verknackst hat. Für Frühstück ist keine Zeit mehr gewesen, also schnell zur Bushaltestelle humpeln, da keinen Sitzplatz erwischen und bei der nächsten Kurve mit der Fresse an der Scheibe landen. Und das alles vor dem ersten Kaffee.
Frau Puhl hat ihn am Empfang dann gleich mit grimmiger Miene hinsichtlich seines Zuspätkommens und einer Hiobsbotschaft begrüßt. Assistenz bei Dr. Brand statt Dr. Eckart. Nur, weil Paul für den Sahin im Spätdienst einspringen muss, weil der abends spontan wegmuss.
Als Ivo dann mittags am Kiosk steht und endlich, endlich seinen ersten Kaffee und was zu essen kriegt, wird das Leben ein wenig leichter. Bis Betty angestürmt kommt und ihn anschreit, dass er schnell zurück in die Klinik kommen muss, weil gleich ein Notfall reinkommt und sie alle Hände dafür brauchen. Verkehrsunfall mit drei Schwerverletzten. Sein halbes Brötchen bleibt traurig zurück.
Die Hälfte, die er zu essen geschafft hat, kommt fast wieder hoch, als Ivo die klaffende Fleischwunde am Bein eines der Unfallopfer sieht. Frida neben ihm klappt direkt mal zusammen. Das macht dann eine Schwester weniger für die Behandlungsassistenz. Also kann Ivo jetzt einer kratzbürstigen Dr. Brand und einem gestressten Dr. Sahin gleichzeitig helfen. Vier Stunden später ist er völlig nassgeschwitzt, hat natürlich sein Ersatzkasak gerade in der Wäsche.
Der Rest seiner Schicht kriecht dann vor sich hin. Es kommt noch ein älterer Patient mit Kopfschmerzen und leichter Dehydration rein. Ivo weiß nicht, wer fiesere Kommentare ihm gegenüber macht - die Brand oder der Alte. Beim Venenzugang legen machen sie ihn dann beide so nervös, dass er mehrmals daneben sticht. Später bricht die Kunststofflasche von der der Infusionsflasche ab und die Flasche reißt beim Runterfallen fast den Zugang raus. Dass man Ivo selbst dafür die Schuld gibt, ist klar.
Sehnsüchtig schaut er auf die Uhr. Noch eine Viertelstunde bis Feierabend. Ivo will nur noch kurz was aus dem Materialraum holen, knallt auf dem Weg dorthin voll in einen Kollegen, der ihn auch noch anpampt, weil die jungen Leute nie aufpassen können. Dann sind auch noch die orangenen Kanülen leer, die Dr. Sahin vorhin verlangt hat. Da ist der Ärger für morgen früh schon wieder vorprogrammiert.
Es ist ein wahrer Segen, als Ivo sich um siebzehn Uhr endlich umziehen kann. Nur sein Handy findet er nicht. Eine weitere halbe Stunde vergeht, er sucht die Behandlungsräume ab, nochmal seinen Spind, läuft sogar zum Kiosk runter, wo ihm dann einfällt, dass er es vorher am Empfang zum Laden angesteckt hat. Also nochmal über's halbe Klinikgelände.
Ivo schnappt sich sein Handy und zieht den Stecker aus der Steckdose, übersieht, das irgendjemand einen ganzen Stapel Formulare auf das Kabel gelegt hat. Die segeln jetzt alle zu Boden, verteilen sich auf dem ganzen Boden.
„Scheiße!“ kann Ivo fluchen, weil niemand in der Nähe ist. Klar, jetzt wo er Feierabend hat, ist es natürlich ruhig in der Klinik. Seufzend bückt er sich und sammelt die Blätter zusammen, sortiert sie dann wieder so gut er kann.
Ivo will wirklich gerade gehen, da zieht es ihm plötzlich den Boden unter den Füßen weg. Er hat zwei Blätter übersehen, direkt hinter der Ecke der Anmeldung, und auf denen rutscht er aus. Legt sich volle Kanne auf‘s Maul.
Jetzt kann Ivo nicht mal mehr fluchen. Er bleibt einfach auf dem Rücken liegen, kneift die Augen zusammen, bis der Schmerz in Rücken und Steißbein langsam wieder verschwindet, und wimmert ein bisschen.
Dass Schritte näher kommen, hört er gar nicht. Er bemerkt erst, dass da jemand ist, als sich ein Kopf in sein Blickfeld vor die Leuchtstoffröhre an der Decke schiebt.
Paul.
„Ivo?“ Er legt den Kopf schief. „Was machst du auf dem Boden?“
„Liegen“, antwortet Ivo schlicht.
„Ja, das seh ich. Ist alles in Ordnung bei dir?“
„Mhm“, macht er, obwohl er sich da nicht so sicher ist.
Paul hebt eine Augenbraue. „Soll ich dich hochziehen?“ bietet er an.
Doch Ivo lehnt ab. „Ne, ich bleib lieber liegen. In der Senkrechten ist mir heut schon genug Mist passiert.“
Paul muss lachen und schüttelt amüsiert den Kopf. „Ohje, du Armer. Klingt nach einem Scheißtag.“
„Klingt nicht nur so“, entgegnet Ivo und macht die Augen wieder zu.
Er öffnet sie wieder, als irgendetwas leise knackt, und stellt verwundert fest, dass Paul entgegen seiner Erwartung nicht weitergezogen ist, sondern sich neben ihn auf den Boden gesetzt hat. Das Knacken waren seine Knie. Ivo blinzelt irritiert. „Was machst du?“
„Dir Gesellschaft leisten“, kommt die Antwort als wäre es ganz selbstverständlich.
„Hast du denn nichts Wichtigeres zu tun?“
„Schau dich doch mal um“, schmunzelt Paul und lässt seinen Blick durch den Empfangsbereich schweifen. „Ist ja wie ausgestorben hier. Und ob ich jetzt hier sitze oder im Büro, ist egal.“
Ivo brummt zustimmend. Da hat er wohl Recht. Und Ivo ist dankbar für seine Gesellschaft hier auf dem Boden. Da kommt er sich weniger blöd vor, wenn er hier so liegt.
Nach einer Weile rutscht Paul dichter an ihn heran und streckt seine Hand aus. „Darf ich?“ fragt er. Ivo nickt nur, weiß nicht, was er meint, aber lässt ihn einfach mal.
Pauls Hand kommt auf seinem Kopf zum Liegen. Erst tätschelt er ein bisschen, dann streifen seine Finger durch Ivos Haare.
„Sag Bescheid, wenn ich aufhören soll“, sagt Paul.
Dass Ivo nicht Bescheid sagen wird, ist klar. Er genießt die Streicheleinheiten viel zu sehr. Dass Paul ihm durch die Haare krault ist das erste wirklich gute an diesem Tag heute.
Irgendwann läuft Zoe im Flur vorbei, kommt dann im Rückwärtsgang wieder zurück. „Paul? Ivo? Alles okay bei euch?“
Ivo brummt nur. Paul lächelt nickend zu ihr hoch. „Alles gut. Ivo braucht nur Pause.“
„Achso. Na dann“, sagt sie, noch immer etwas irritiert, aber läuft weiter.
Und Paul streichelt weiter Ivos Kopf. Irgendwann wechselt er in den Schneidersitz und tippt auf seinen Schoß. „Komm mal her, das kann man ja nicht mitansehen, wie du hier auf dem harten Boden liegst.“
So unbequem hat Ivo das gar nicht gefunden, aber mit dem Kopf in Pauls Schoß liegen ist natürlich noch komfortabler. Zumal er ihm zusätzlich zu seinem Kopf nun auch mit der anderen Hand die Schulter krault.
Irgendwann kommt Zoe nochmal vorbei, kommt zu ihnen rüber und hält ihnen eine dampfende Tasse hin.
„Oh, Kaffee?“ fragt Paul.
„Besser“, antwortet Zoe und gibt Paul die Tasse, „heiße Schoki. Ich dacht mir, eine Tasse reicht euch, oder? Ihr teilt bestimmt.“
„Tun wir“, bestätigt Paul und Ivo grinst. „Danke, Zoe.“
