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„Paul!“ hallt eine ihm mehr als nur vertraute Stimme durch den Empfangsbereich, als Paul gerade auf den Aufzug zusteuert. Er dreht sich um, sieht Ivo im Laufschritt auf ihn zukommen und muss sofort lächeln.
„Heyyy, Ivo!“ begrüßt er seinen Lieblingspfleger freudig, als der schlitternd neben ihm zum Stehen kommt.
„Hi“, haucht Ivo grinsend, klopft ihm freundschaftlich auf die Schulter. „Na, alles gut bei dir?“
Paul erwidert die Geste, nur etwas tiefer. Seine Hand legt sich auf Ivos Rücken, reibt kurz über den Stoff seiner Jacke. „Müde von meiner Schicht, aber sonst alles gut. Schön, dich zu sehen. Auch Feierabend?“ Als Ivo nickt, bietet Paul an: „Dann bring ich dich noch bis zur Bushaltestelle, wenn du magst.“
Ivos Grinsen wird noch breiter, obwohl Paul gedacht hat, dass das gar nicht mehr geht. „Voll gern.“
Seite an Seite schlendern sie zum Aufzug, beide betont langsam, um Zeit zu schinden. Aber irgendwann muss Paul dann doch auf den Knopf drücken. Hinter der Metalltür beginnt es zu rattern. „Was treibst du heut noch?“ will er von Ivo wissen, während der Aufzug sich auf den Weg zu ihnen nach oben macht.
Ivo zuckt mit den Schultern. „Noch bisschen boxen, glaub ich. Training hab ich zwar mal wieder verpasst, aber die Halle ist ja noch bis um neun offen. Das sollt ich schaffen. Und du? Machst du heute die Kürbispasta, von der du letztens erzählt hast?“
Die Türen des Fahrstuhls öffnen sich, Paul bedeutet mit einer gentleman-haften Geste Ivo den Vortritt. „Ah, das muss ich vielleicht nochmal ‘nen Tag aufschieben. Weiß nicht, ob ich heut nicht einfach bei ‘nem Imbiss anhalte und mir was mitnehm, damit ich dann schneller ins Bett komm.“ Er folgt Ivo in den Fahrstuhl, hinter ihnen schließen sich die Türen.
„Schade, sonst hätt ich mich vielleicht nach dem Boxen noch selbst bei dir eingeladen“, meint Ivo und zwinkert ihm zu.
Und dann knallt es und im Aufzug wird es für ein paar Sekunden stockdunkel. Erschrocken zuckt Paul zusammen. Auch Ivo muss sich ordentlich verjagt haben. Den Geräuschen nach ist er gestolpert und gegen die Metallwand geknallt. „Fuck“, hört Paul ihn in die Stille flüstern.
„Das kannst du laut sagen“, brummt Paul und tastet im Dunkeln nach dem Notrufknopf. Als er ihn drückt, passiert überhaupt nichts. „Oh, bitte nicht…“
„Was ist?“ ertönt Ivos Stimme dicht hinter Pauls Schulter.
Paul drückt nochmal. „Geht nicht.“
„Was geht nicht?“
„Der Notrufknopf.“
Ivo macht ein Geräusch, das sich anhört wie eine Mischung aus Wimmern und einem verzweifelten Seufzer. „Und jetzt?!“ will er wissen, die Stimme bebend.
Paul zuckt mit den Schultern, was Ivo jedoch nicht sieht, und drückt dann verzweifelt der Reihe nach alle Knöpfe durch. Der vorletzte sorgt wenigstens dafür, dass ein rötliches Licht an der Decke angeht und sie nicht mehr im Dunkeln stehen. Paul rauft sich die Haare und guckt sich hilflos um. Dann schlägt er mit der Faust gegen die Metalltür, ruft nach Hilfe.
Es kommt keine Antwort, egal wie laut er schreit. Irgendwann muss er aufhören, weil Ivo sich schon die Ohren zuhält und die Augenlider fest aufeinander presst. Paul streicht fahrig über seinen Arm und entschuldigt sich, ohne Ivo dabei richtig anzusehen. Das ist sein erster Fehler. Er schenkt der Tatsache, dass Ivo auf den paar Quadratmetern auf und ab geht, kaum Beachtung. Nächster Fehler.
Stattdessen zieht er sein Handy aus der Tasche und versucht aus dem einen Balken, den er hier im Aufzug hat, das Beste rauszuholen. Die Feuerwehr oder Polizei zu alarmieren findet er übertrieben, also ruft er Zoe an. Die geht meist zuverlässig an ihr Handy und hat in misslichen Lagen oft die besten Lösungen parat.
„Hey! Zoe? Hörst du… hi, ja- hörst du mich?“ blafft er sein Handy an, aus dem bruchstückhaft Zoes Stimme ertönt. „Zoe, Problem. Ivo und ich stecken im Aufzug fes- wir stecken im Aufzug fest! Notrufknopf funktioniert nicht. Kannst du- ja. Ja, danke! Nein, uns geht's gut. Danke, Zoe.“
Kaum hat er aufgelegt und sich zu Ivo umgedreht, um ihm zu verkünden, dass Zoe versucht einen Aufzugtechniker hierher zu kriegen, erstarrt Paul. Ivo ist kreidebleich und zittert am ganzen Körper. Auf seiner Stirn glitzert der Schweiß. Dass es ihnen gut geht, war dann ja wohl gelogen.
„Ivo? Ivo, hey.“ Besorgt neigt Paul den Kopf zur Seite, versucht sich an einem aufheiternden Lächeln, was ihm nur bedingt gelingt. „Keine Angst. Zoe kümmert sich um einen Techniker, der uns hier rausholt. Dauert bestimmt nicht lange.“
„Wie lange?“ will Ivo wissen. Seine Handflächen versuchen sich an der Wand festzuhalten, seine Fingernägel kratzen über das Metall.
Paul hat keine Ahnung, wie lange. Aber irgendwas muss er Ivo sagen, damit der nicht völlig durchdreht. „Höchstens eine Stunde, denk ich“, antwortet er, weil das realistisch für ihn klingt.
Ivo reißt die Augen auf. „Eine Stunde?!“
„Höchstens-“
„F-fuck…“ wispert Ivo. Kurz glaubt Paul, dass er gleich an Ort und Stelle einfach umkippt. Doch dann stürzt Ivo zur Fahrstuhltür und schlägt wie besessen seine Fäuste dagegen und schreit um Hilfe als würde es um sein Leben gehen.
Für ein paar Sekunden kann Paul ihm nur erschrocken dabei zugucken, ehe er aus seiner Schockstarre bricht und beide Arme fest um Ivos Mitte schlingt. „IVO!“ Ihn von der Wand wegzuziehen, verlangt ihm alles an Kraft ab, was er in diesem Moment hat, weil Ivo viel stärker ist als er. Sobald er ihn einen halben Meter weg hat und kurz locker lässt, entreißt sich Ivo wieder seinem Griff und stürzt auf die Tür zu. Paul hechtet hinterher, schmeißt sich dazwischen und fängt Ivos Fäuste in der Luft ab. „Hör auf, du tust dir weh!“ Beinah erntet er einen Kinnhaken. „IVO, STOP!“
Erschrocken weicht Ivo zurück und das letzte bisschen Farbe aus seinem Gesicht. Er strauchelt, knallt mit dem Rücken schon wieder gegen die Wand und rutscht an ihr entlang zu Boden, wäre dort recht unsanft aufgeschlagen, hätte Paul ihn nicht an den Armen gepackt und seinen Sturz maßgeblich abgefangen. Er geht mit Ivo zu Boden, hockt sich vor seinen in der Ecke kauernden Freund.
Ivos Augen sind riesig und voller Panik. Sein Zittern ist so heftig, dass es sich auf Pauls Hände überträgt, die fest auf seinen Schultern liegen. „Ivo, durchatmen, hörst du? Du musst dich beruhigen“, redet er auf ihn ein, während seine Daumen über seine Schlüsselbeine streichen.
„Paul, ich-“ keucht Ivo, „ich kann- nicht- ich- krieg… krieg- keine- Luft!“
Scheiße. Paul hat es schon befürchtet und jetzt ist es tatsächlich so - Ivo hat eine Panikattacke.
„Okay, ganz ruhig“, redet er weiter auf ihn ein, obwohl Ivo ihn wahrscheinlich gar nicht mehr richtig hört. Er atmet viel zu laut, seine Augen rollen nach hinten, der Brustkorb pumpt in unregelmäßigen Abständen. Energisch zieht Paul ihm die Jacke aus, zieht dann das Band an seinem lila Hoodie so weit wie es geht, damit das Engegefühl weniger wird. „Ruhig, Ivo, versuch zu atmen.“
„Paul, ich k-kann nicht- ich-“
„Shh, nicht reden. Atmen, Ivo. Einfach nur atmen.“
„Ich- kann- nicht!“
Paul rutscht dichter an Ivo, legt eine Hand an seinen Hals, wo die Halsschlagader hektisch pocht. Die andere Hand schiebt er unter Ivos Hoodie und legt sie auf sein Abdomen. „Ivo, schau mich an. Spürst du meine Hand? Atme dagegen. Auf drei, ja? Ich zähl für dich.“
„Paul…“ wimmert er, wirft den Kopf in den Nacken als wäre er kurz vorm Krampfanfall.
„Ivo, ich bin da. Ich bin bei dir. Wir machen das gemeinsam“, versucht er ihn zu beruhigen. Sein Daumen fährt über Ivos schweißnasse Haut an seinem Hals, schiebt sich in seinen Nacken und zieht Ivos Gesicht näher. So nah, bis sie Stirn an Stirn sind. „Komm schon, du kannst das. Versuch mal, einzuatmen.“
Tatsächlich versucht Ivo es und scheitert krachend. Doch Paul fängt ihn sofort ab, bevor er sich noch tiefer reinsteigert, indem er einen Kuss auf seine Stirn drückt. „Alles gut, versuch‘s nochmal.“
Ivos Hand tastet unbeholfen nach Paul. Erst beim dritten Anlauf finden seine zittrigen Finger den Saum von Pauls Sweatshirt. Seine Hand ist eiskalt, als sie sich auf Pauls Bauch legt, aber er schreckt nicht zurück. Das ist Ivos erster kleiner Befreiungsschlag. Sein erster winziger Schritt raus aus der Panikattacke.
Als Paul ihn diesmal auffordert, einzuatmen, klappt es, weil Ivo Pauls Atmung unter seiner Hand spürt und ihn nur nachmachen muss. „Versuch, die Luft kurz zu halten. Eins… zwei… drei… und ausatmen. Gut so.“
Bestimmt an die dreißig Mal müssen sie es machen, bis Ivo halbwegs ruhig atmen und die Luft in seinen Lungen auch halten kann. Weitere dreißig Atemzüge lehnt Ivos Stirn an seiner und er atmet gegen seine Hand. Paul atmet mit ihm, zählt bis drei, wann immer er das Gefühl hat, dass Ivo doch nochmal ins Straucheln gerät. Erst, als Ivo irgendwann selber hochzählt, und sein Kopf bei drei mit einem müden Seufzen auf Pauls Schulter landet, rührt er sich vorsichtig.
Jedoch nur, um seine Arme um Ivos Körper zu schließen. Wie klein der werden kann, in seiner Umarmung. Wie zerbrechlich. „Du bist so tapfer, Ivo“, flüstert er ihm zu.
Ivo schluchzt leise, verbirgt sein Gesicht an Pauls Schulter. „Nicht loslassen“, wispert er und krallt die Finger in Pauls Sweatshirt, um ihn festhalten zu können.
„Natürlich nicht“, verspricht Paul und vergräbt eine Hand in Ivos Haaren, „erst, wenn du soweit bist.“
Soweit, Paul loszulassen, ist Ivo zwar nicht, aber irgendwann erschöpft genug, um sich nicht mehr an ihm festklammern zu können. Paul rutscht neben ihn, legt einen Arm um Ivo und drückt ihn sanft in eine liegende Position. Ivos Kopf ruht jetzt auf Pauls Oberschenkel und Paul krault ihm durch die Haare. Die andere Hand liegt auf seiner Schulter. Ivo zittert noch immer, deshalb hat Paul seine Jacke über ihm ausgebreitet.
„Du hast Klaustrophobie, oder?“ fragt er irgendwann vorsichtig, als Ivo ihm wieder halbwegs stabil erscheint.
Ivo schluckt schwer und nickt.
„Warum hast du das nie erzählt?“
„Weil ich mich geschämt hab“, flüstert Ivo. „Ich bin der Typ, der immer zu spät kommt, nicht richtig lesen kann und dann auch noch Platzangst hat. Das ist so…“
„Menschlich“, beendet Paul seinen Satz und beugt sich zu ihm runter, um einen Kuss auf seine Wange zu hauchen.
Ivo tastet nach Pauls Hand auf seiner Schulter. Zaghaft verschränkt er ihre Finger miteinander - seine sind an den Knöcheln blutig - und zieht sie unter sein Kinn, klemmt ihre Hände dort fest. „Danke, Paul. Für alles.“
„Jederzeit, Ivo.“
Es dauert noch gut eine halbe Stunde, bis jemand kommt. Als erstes funktioniert der Notrufknopf wieder. Der Fahrstuhltechniker gibt ihnen Anweisungen, Zoe will nur wissen, ob es ihnen gut geht. Paul schaut zu Ivo runter und drückt sacht seine Hand, bejaht dann. „Wir sind okay.“
„Gott sei Dank“, ruft Zoe nach drinnen.
Dann wechselt das Licht von rot auf weiß. Paul atmet erleichtert durch, rappelt sich auf und hilft Ivo auf die Beine. Ein bisschen schwankt er noch. Zur Sicherheit schlingt Paul einen Arm um Ivos Mitte. Und dann öffnet sich nach fast zwei Stunden endlich die Aufzugtür. Zoe umarmt sie ausgiebig, während der Techniker die Aufzugamatur auseinander nimmt.
„Geht ruhig heim“, meint Zoe und nickt lächelnd in Richtung des Technikers. „Ich warte, bis der hier fertig ist.“
Dass Ivo jetzt noch mit dem Bus zum Bahnhof und dann mit dem Zug heimfahren muss, kommt überhaupt nicht in Frage. Paul packt ihn auf seinen Beifahrersitz und nimmt ihn mit zu sich nachhause. Allein sein wollen sie heute beide nicht mehr.
Der Imbiss um die Ecke hat schon zu und für die Kürbispasta ist Paul jetzt definitiv allemal zu müde. Stattdessen schiebt er eine Tiefkühlpizza für sie beide in den Ofen, die dann fast verbrennt, weil sie beide auf Pauls Couch eingenickt sind. Stumm verschlingen sie die Margherita, Paul stellt das Geschirr nur noch in die Spüle. Das kann auch bis morgen warten. Lediglich Ivos blutige Finger verbindet er noch, greift dann nach seiner Hand und zieht ihn mit sich ins Schlafzimmer.
Sie fallen nebeneinander ins Bett. Paul schmiegt sich an Ivo, der sich eigentlich überhaupt nicht mehr rührt, weil er so fertig ist. Nur seinen Kopf legt er noch auf Pauls Schulter und schiebt seine Hand unter sein Shirt, als Paul seinen Arm für ihn ausstreckt. Dann schlafen sie aneinander gekuschelt ein und Paul wacht erst wieder auf, als am nächsten Morgen das warme Sonnenlicht seine Nase und Ivo sanft seine Schläfe küsst.
