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The Season's upon us

Chapter 4: Johann

Notes:

(See the end of the chapter for notes.)

Chapter Text

“Wir kommen zu spät, wenn du dich nicht beeilst!”, rief Johann durch die geöffnete Tür des Nichtraucherwagens.

“Ich hab’s gleich!”, hörte er Robert von innen murmeln. “Dieses dumme Portemonnaie.”

Johann seufzte und setzte sich auf die schmalen Treppenstufen. Die Büsche des verwilderten Grundstücks waren vereist. Es war kalt geworden innerhalb der letzten paar Tage, der Wintereinbruch, der erst für Anfang Januar vorhergesagt worden war, hatte sich jetzt schon angekündigt. Ein seltsamer Winter war das bisher gewesen, vollgestopft mit Konzerten, Klassenarbeiten und kranken Kindern – einer ungünstigen Kombination. Es war wenig Zeit geblieben, um das kalte Wetter zu genießen oder Zeit mit Robert zu verbringen.
Der war nun endlich wieder aufgetaucht, sein Portemonnaie in der einen und seine Mütze in der anderen Hand. Arm in Arm stapften sie los.

“Was haben sie dir eigentlich geschenkt, die Jungs?”, fragte Johann.

“Eine Karte, von Martin selbst gemalt. Und eine Trainingsjacke. Hat bestimmt Matz ausgesucht.”

“Na schön, dass sich zumindest irgendjemand um deine Garderobe kümmert.”

“He, was soll das denn heißen? Ich dachte, du magst meine Strickpullover?”

“Das habe ich dir gesagt, als wir Teenager waren... Vielleicht hättest du sie in den letzten 20 Jahren mal austauschen können.”

“Was man nicht alles tut, um dir zu imponieren... Und dann erfährt man so etwas.”

Robert schüttelte beleidigt den Kopf. Wenn Johann ehrlich war, mochte er Roberts Pullover immer noch, trotz der ausgeblichenen Nähte. Es fügte sich sehr gut in das Bild des aufregenden Abenteuerreisenden ein, dass sich Robert nicht sehr um seine Kleidung scherte. Aber das würde er natürlich nicht gestehen.
Die Stadt war leer. Die meisten Geschäfte hatten geschlossen. Sie erinnerte Johann an das kleine Dorf, in dem er aufgewachsen war. Johann mochte Leipzig, den Trubel und die Anonymität, die das Leben in der Großstadt mit sich brachten, aber gerade war es schön, die weiten Straßen mit ihren Altbauten für sich allein zu haben.
Sie bogen in eine kleinere Gasse ab und blieben vor einem Programmkino stehen. Johann tastete in seinen Taschen nach seinem Geldbeutel und schüttelte genervt den Kopf.

“Nicht dein Ernst.”, lachte Robert und schob Johann durch die Glastür in den Eingangsbereich. “Und du beschwerst dich, weil ich so lange brauche, um meinen Geldbeutel zu suchen? Dann werde ich dich wohl einladen müssen.”

Sie hatten eigentlich abgemacht, sich nichts zu Weihnachten zu schenken, wie erwachsene Paare, die miteinander kommunizierten, das taten. Es war albern, sich wegen einer solchen Kleinigkeit Gedanken zu machen, vor allem vor der jungen Kassiererin, die ihnen genervte Blicke zuwarf und augenscheinlich sehnsüchtig auf ihr Schichtende wartete.

“Danke.”, sagte er schlicht.

 

Bis auf sie war der Kinosaal leer. Sie saßen trotzdem ganz in der letzten Reihe, aus Gewohnheit. “Nachts im Museum” hieß der Film, und ein bisschen so fühlte sich der ganze Abend an. Die leeren Straßen, der Stuck an der Decke des Kinosaals, die roten Samtvorhänge. Es war ein Kinderfilm, das hatte Johann nicht gewusst. Sie waren einfach in ihr Stammkino gegangen, ohne sich Gedanken zu machen, ob ihnen der Film, der gezeigt wurde, gefallen würde. Wie von selbst fand Roberts Hand in seine, und Kopf an Kopf saßen sie da und sahen zu, wie ausgestopfte Tiere lebendig wurden und Museumspersonal von einem Dinosaurierskelett verfolgt wurde.
Manchmal fühlte sich Lehrer sein genauso an. Nichtsahnend betrat man ein Gebäude voller versteinerter Wesen, zu misstrauisch, um sich einem zu zeigen, wie sie wirklich waren. Aber später dann... Dann waren sie laut und anstrengend und bereiteten einem schlaflose Nächte.
Was für ein merkwürdiges Leben er doch führte. Bürgerlicher, als er es sich als Teenager gewünscht hatte und trotzdem freier als je zuvor.

 

Es hatte wieder angefangen zu schneien. Robert musste sich unterstellen, um sich eine Zigarette anzuzünden. Als er Johanns pikierten Blick bemerkte, erklärte er: “Nur zu besonderen Anlässen, weißt du doch.”

“Ich sage doch gar nichts.”

Früher hatten sie gemeinsam geraucht. Sie hatten heimlich in ihren Pausen das Schulgelände verlassen oder sich nach einem Konzert eine Zigarette geteilt. Gott, was war heute nur los? Sonst dachte er nicht so viel an seine Jugend.
Die hell erleuchteten Fenster waren lange, große Lichterketten, nur durch eine Hofeinfahrt oder eine Straßenecke unterbrochen. Kleine Parzellen, Einblicke in fremde Leben, Leben von Menschen, die seinem vielleicht gar nicht so unähnlich waren.

“Johann?”

“Ja?”

“Ich habe etwas mit dir zu besprechen.” Die Spitze von Roberts Zigarette glühte in der Nacht und erhellte sein nervöses Gesicht.

“Ich möchte nicht mehr Schularzt sein. Weißt du, Grippen oder verstauchte Ellenbogen zu kurieren, war eigentlich nicht der Grund, weshalb ich Arzt geworden bin.”

Johann versuchte, eine neutrale Miene beizubehalten, aber sein Herz schlug unregelmäßig gegen seinen Brustkorb. Unterbewusst hatte er in den letzten paar Jahren stets Angst gehabt, dass Roberts Freiheitsdrang größer war als das Gelände des Gymnasiums und allem, was Johann ihm bieten konnte. “Was bedeutet das?”

“Mir wurde ein Job angeboten. Hier in Leipzig. In einer Einrichtung für Drogenabhängige.”

Erleichtert atmete Johann durch. Doch er bremste seine Freude.

“Ich meine - es wird eine Herausforderung. Ich habe mich in Gambia ein bisschen auf Drogen spezialisiert, aber das hier wäre ein ganz anderes Kaliber.”

“Du willst das wirklich machen, oder?”

Robert drückte seine Zigarette am Mülleimer neben der Ampel aus und nickte. Er drehte sich in seine Richtung, nun nur eine Handbreite entfernt von ihm. Johann hoffte, dass seine Erleichterung ihm nicht allzu sehr ins Gesicht geschrieben stand.

“Ja. Aber da ist noch eine Sache. Der Wagen wird mir zu klein. Und ich müsste jeden Tag eine halbe Stunde lang den Park durchqueren, nur um zur nächsten U-Bahn-Station zu kommen.”

“Du willst umziehen?”, fragte Johann erschrocken.

“Ja, ich meine – der Wagen bleibt natürlich, wo er ist. Die Jungs werden sich freuen, ihn wieder ganz für sich allein zu haben.”

Da war sich Johann nicht sicher. Aber er wusste, wie der Wagen war. Im Sommer so heiß, dass man sich nur nachts darin aufhalten konnte, und im Winter eiskalt oder viel zu stickig vom Heizen.
“Ich werde ihn vermissen. Ich habe mich gefreut, wieder öfter dort zu sein. In deiner Nähe zu sein.” Es war schön gewesen, abends nach getaner Arbeit gemeinsam zum Nichtraucherabteil zu laufen und seltsam tröstlich zu wissen, dass Robert nur wenige Hundert Meter von ihm entfernt wohnte. Manchmal, in besonders klaren Winternächten, hatte Johann, von seinem Schafzimmerfenster aus, das brennende Licht des Wagens erspähen können.

“Ich glaube, wir sind beim Thema.”, seufzte Robert. “Ich habe eine Wohnung gefunden, nicht weit von hier. Fünf Minuten entfernt von der Schule. 55 Quadratmeter, Wohnzimmer, Schafzimmer, Dachterrasse.”

“So schnell?”

“Sagen wir so, ich habe schon länger mit dem Gedanken gespielt. Worauf ich aber eigentlich hinauswill – hast du schonmal darüber nachgedacht, nicht länger im Internat zu wohnen?”

Die Ampel schaltete auf Grün, aber die beiden Männer blieben noch eine Weile an der Straßenkreuzung stehen, ganz nah beieinander, sprachlos, verfroren, zufrieden.

 

“Dann ist das also unser letztes Weihnachten im Nichtraucherwagen.”, stellte Johann fest, während Robert den Ofen in Betrieb nahm. Er durchsuchte Roberts Plattensammlung. Darunter befanden sich ihre gemeinsamen Anschaffungen als Jugendliche, aber den größten Teil hatte Robert auf seinen Reisen zusammengesammelt. Johann war es ein Rätsel, wie er es geschafft hatte, eine so riesige Menge an Platten über mehrere Kontinente zu schleppen. Er wählte ein Leonard Cohen – Album, das er nicht kannte.

“Weißt du was?”, fragte Robert, als er sich neben ihm auf das Sofa fallen ließ. “Wer hindert uns denn daran, am Weihnachtsabend hierherzukommen? Für einen Abend im Jahr.” Er nippte an seinem Glühwein.

“Dann müssen wir aber auch durch das Loch im Zaun kriechen.”

“Und Fertigeintopf vom Herd essen.”

“Und heimlich auf dem Sofa rumknutschen.”

“Und ein neues Theaterstück schreiben.”

Johann sah sich um. Habseligkeiten aus knapp 25 Jahren, von mehreren Generationen an Thomanern.

“Das würde ich in Kauf nehmen.”

Sie küssten sich. Robert schmeckte nach Asche und Alkohol. Für eine Weile war nur Cohens schnarrende Stimme zu hören.

“If you want a boxer
I will step into the ring for you
And if you want a doctor
I’ll examine every inch of you
If you want a driver, climb inside
Or if you wanna take me for a ride
You know you can
I’m your man.”

Nach einer langen Zeitspanne trennten sie sich.

“Und in der neuen Wohnung? Was machen wir dort?”, fragte Robert.

“Mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren.”; schlug Johann vor. “Und dir ein Regal für deine Platten kaufen.”, fügte er mit einem Blick auf das Durcheinander auf dem Fußboden hinzu.

“Damit kann ich leben.”

“Und du?”

Robert brauchte eine Weile, bis er eine Antwort gab.

“Ich weiß es nicht. Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung, was andere Leute in unserem Alter machen.”

Johann schmiegte sich an Roberts Seite. “Tja, du wirst es herausfinden müssen.”

Noch lange lagen sie so da und sahen dem Schnee dabei zu, wie er die Waggonfenster verklebte.

Notes:

Der Song am Ende ist "I'm your Man" von Leonard Cohen.

Es war mir eine Freude, diese Fic zu schreiben, ich hoffe, für euch war es zumindest zu einem Bruchteil genauso spaßig, sie zu lesen!

Notes:

Der Song, der bei Justus im Büro läuft, ist natürlich "Merry XMas Everybody" von Slade.

Schreibt mir, falls ihr Gedanken oder Feedback habt! :)