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The Fine Art of Bullshit

Chapter 6: VI

Chapter Text

Sie hatten sich ausgemacht, sich beim Restaurant zu treffen. Der Umweg zum Camp würde sich nicht lohnen, hatte Flos Vater gesagt. Also wurden Jamal und Flo von einem Mitarbeiter ans andere Ende der Stadt gefahren. Schon im Auto merkte Jamal, dass Flo minütlich nervöser wurde.

Er nahm Flos Hand, streichelte den Handrücken und drückte leicht zu. ‚Ich bin hier‘, sagte er ohne Worte. Flo schaute zu ihm, lächelte und erwiderte den Druck. Sein Kopf drehte sich mit rasendem Tempo, doch Jamal stoppte alles, ließ alles klein und unwichtig erscheinen. Er hatte ihn, egal, wie der Abend ausgehen würde.

Die Sache war, Flo musste nicht nervös sein, sich mit seiner Familie zu treffen. Er musste sich keine Fragen anhören, warum Lena nicht da war, jetzt wo alle wissen, dass sie getrennt waren. Warum Jamal mit war, war auch geklärt. Jamal war ein guter Freund, zumindest in den Augen seiner Eltern, und sein Vater freute sich bestimmt darüber, einen weiteren Spieler des Kaders kennenzulernen.

All da sprach dafür, dass der Abend reibungslos vergehen könnte, Flo wusste es. Immerhin war auch seine ganze Familie da, der Fokus würde weder auf ihm noch auf Jamal liegen. Zumindest nicht den ganzen Abend lang.

Jamal hielt die restliche Autofahrt Flos Hand in seiner. Flo fühlte sich sicher so. Jamal war da für ihn. Stoppte das Karussell, in das sich seine Gedanken verwandelt hatten. Die Stadt zog an ihnen vorbei. In den meisten Häusern brannte Licht, die Sonne war beinahe schon hinter dem Horizont verschwunden.

Flo schaute aus dem Fenster. Während er an den Häusern vorbei sah, fragte er sich, wie viele Familien wohl gerade zusammen aßen. Wie viele Teenager, wie er, überlegten, wie sie ihren Eltern je beibringen wollen, dass sie nicht hetero sind. Wie viele Eltern sich Gedanken über ihr Kind machen, das nicht mehr mit ihnen redete. Fragte sich, ob seine Eltern merkten, dass Flo nicht mehr so mit ihnen redete, wie noch vor einem Jahr.

Wenn er ehrlich war, mit seinem Vater hatte er nie geredet. Nur über Fußball oder seine Karriere oder das Training. Was auch eben beides Fußball war, also zählt es nicht. Aber mit seiner Mutter hatte er geredet. Auch so, wie er mit Juli redete. Er hatte ihr sagen können, wenn es ihm nicht gut ging, wenn ihn etwas belastete. Oder wenn etwas schönes passierte, etwas, das ihm zu diesem Zeitpunkt so bedeutend erschien, dass er es mit seiner Mutter teilen wollte.

Das Telefonat vor einer Woche hatte ihm gezeigt, dass sie lange nicht mehr alles über ihren Sohn wusste. Sie war so überrascht, als er sagte, dass er und Lena sich getrennt hatten. Wirklich überrascht, sie hatte nicht die leiseste Ahnung. Sie war fast trauriger als Flo selbst.

„Wir sind da“, meinte Jamal plötzlich. Er ließ Flos Hand los, um auszusteigen. Flo vermisste die Wärme sofort. Er unterdrückte den Impuls, einfach wieder danach zu greifen, auf Jamals Seite mit auszusteigen und sich seiner Familie so zu zeigen. Aber ein wenig Selbstbeherrschung hatte er noch.

Eins. Zwei. Drei. Vier. Einatmen.

Eins. Zwei. Drei. Vier. Halten

Eins. Zwei. Drei. Vier. Fünf. Sechs. Sieben. Acht. Ausatmen.

Das hatte ihm Juli mal beigebracht. Sie meinte, sie tue das vor jedem Spiel. ‚Hilft, um den Fokus zu behalten. Nervosität hat dann keine Chance mehr‘, sagte sie. Sie hatte es ihm erzählt, als Flo ein Spiel hatte, bei dem Scouts von großen Vereinen zuschauen. Es war ein offenes Geheimnis, dass sie für Flo da waren. Vor Aufregung hatte sich Flo nicht aus der Kabine getraut und im Klo eingesperrt. Juli hatte ihn dort gefunden. Es hatte sie nicht gestört, dass es das Jungsklo war.

Flo öffnete die Tür, nuschelte ein Danke in Richtung ihres Fahrers und stieg dann aus dem schwarzen Auto. Er trat auf die Straße. Auf der Spur gegenüber fuhr ein Auto vorbei. Der Fahrtwind fuhr durch Flos Haare. Dann ging er ums Auto herum, wo Jamal auf ihn wartete. Das Restaurant lag vor ihnen. Es war hell erleuchtet und der Name leuchtete über dem Eingang. Es sah einladend aus, das Backsteinhaus, die gedämmte Beleuchtung und der Duft, der durch die Tür zieht. Jemand musste sie wohl gerade geöffnet haben.

Wieder nahm Jamal Flos Hand, nur kurz. „Bist du bereit?“, fragte er. Flo nickte. Dann ließen sich ihre Hände wieder los. Jamal ging voran, tat größere Schritte als Flo. Er kam zuerst an der Tür an und zog sie auf. Hielt sie offen, damit Flo das Restaurant zuerst betreten konnte.

Ihn empfing ein Geruch von Tomaten, Knoblauch, Pizza und Olivenöl. Es war wärmer drinnen als draußen. Es war auch lauter. Nahe dem Eingang war eine vierköpfige Familie. Die Kinder stritten sich um einen Buntstift, während die Eltern ihre Weingläser aneinander stießen.

An einem einem Tisch in der Ecke saß ein junges Paar. Die Frau spielte an ihren Ketten und Armbändern. Der Mann nahm alle paar Sekunden einen Schluck seines Weins. Flo erkannte schnell, dass es sich um eins ihrer ersten Dates handeln muss. Ob er mit Jamal auch so normale Dates machen könnte? Wenn sie sich nicht mehr versteckten.

Jamal stand hinter ihm. Sie stellten sich an ein kleines Podium, wo Speisekarten und ein Gästebuch lagen. Ein Kellner war allerdings nicht da. Flo nutzte die Zeit, um sich noch ein wenig umzuschauen. Das Restaurant war wunderschön. Die Bartheke hinter dem Podium, die wenigen Tische im Eingangsbereich, die allesamt mit einer weiß-rot-karierten Tischdecke und einer Kerze dekoriert waren. Die Backsteinwand, der dunkle Holzboden und die Lampen, die gelblich leuchteten. Der Geruch, den man schon aus der Straße riechen konnte.

Die Kellnerin, die kam, trug ein weißes Hemd, eine schwarze Hose und um die Hüfte eine weinrote Schürze gebunden. Ihre Haare waren zusammengesteckt. Sie fügte sich nahtlos ins Bild ein. Ihr Namensschild verrät ihren Namen, Giulia.

„Hallo. Kann ich euch helfen?“, fragte sie. Ihre Stimme war freundlich.

„Meine Familie hatte reserviert. Auf Wirtz, 19 Personen“, erkundigte Flo sich dann. Jamal musste kurz über die Zahl staunen. 19 Leute waren ungefähr 15 mehr als er es von seinen Familienessen gewohnt war. Wenn man neben ihm und seinem Vater noch seine Großeltern dazu rechnet.

„Ah, okay“, antwortete Giulia mit einem Blick ins Gästebuch. „Folgen Sie mir bitte“. Sie nahm zwei der Speisekarten und schritt dann voraus in den hinteren Teil des Restaurants. Flo und Jamal beeilten sich, ihr zu folgen. Giulia führte die beiden durch eine Tür, die einen Raum vom restlichen Restaurant abtrennte. Der Raum war wohl für genau solche Veranstaltungen wie „eine Mutter mit einer Großfamilie feiert Geburtstag“, ausgelegt. Mitten im Raum stand eine lange Tafel, an der die 20 Personen aus Flos Familie gut Platz fanden. Da keine weiteren Gäste da waren, hatten sie auch ihre Ruhe.

Flos Familie war schon vollständig da, bis auf Flo und Jamal. 2 Plätze bei Juli und Sophie, eine weitere Schwester, die 6 Jahre älter als Flo war, frei geblieben, für die beiden Fußballer reserviert. Die Blicke aller richteten sich zur Tür. Giulia hatte die Speisekarten bereits an die leeren Plätze gebracht und war verschwunden, während alle plötzlich aufstanden. Das Stühle Rutschen erfüllte die Stille des Raums vollständig aus. Flo schaffte es geradeso seine Jacke auszuziehen und sie an Jamal zu geben, ehe seine Mutter da war und ihn umarmte.

„Mein Flori. Ich hab dich so vermisst“, verkündetet sie. Da sie ein wenig kleiner als Flo war, musste er sich nach unten beugen, um sie ebenfalls zu umarmen. Dann bekam er noch einen Kuss auf die Wange. „Alles Gute zum Geburtstag, Mama“, beglückwünschte er sie und gab ihr ebenfalls einen Kuss auf die Wange.

Bevor jemand anderes Flo begrüßen konnte, stellte sich Flo kurz zu Jamal, der ihre Jacken inzwischen an die Gerade gehängt hatte. „Das ist Jamal. Wir sind zusammen im Camp“, stellte er den anderen kurz vor. Er sagte bewusst nicht, in welcher Beziehung sie zueinander standen. Er wollte weder seine Familie, noch sich selbst belügen. Jamal hob die Hand zur Begrüßung, wurde jedoch beinahe von Flos Mutter umgerannt.

Jamal fühlte sich ein wenig überfordert von der herzlichen Begrüßung, mit der Flos Mutter ihn überrannte. Er hatte nicht mal Zeit die Umarmung zu erwidern, weil sie so schnell endete. „Freut mich sehr, Frau Wirtz“, meinte er dann. Dafür bekam er einen leichten Schlag gegen den Arm. „Keine Förmlichkeiten. Ich bin Karin. Und das ist mein Mann Hans“. Sie deutete auf den Mann, der gerade bei Flo stand.

„Hallo Sohn“, begrüßte Hans ihn. Es folgte eine halbherzige Umarmung, die beide nicht wirklich wollten, sich aber dazu gezwungen fühlten. Jamal merkte, dass Flo wohl eher ein Mama-Kind war.

Und dann folgte die Reihe an Geschwister, von denen ein paar ihren Partner ebenfalls noch dabei hatten. Jamal vergaß die Hälfte der Namen direkt wieder, obwohl er sich wirklich Mühe gab, sich alle zu merken. Da war zum Beispiel Hannes, Flos ältester Bruder mit seiner Frau Johanna und ihrem zweijährigen Sohn Elias. Juli kannte er schon. Dann noch Sophie und Marie, die wahrscheinlich nur wenige Jahre älter sind als er und Fo. Und dann hörte es schon auf.

Nach der Begrüßung setzten sich alle wieder hin. Alle, außer Flo und Jamal, hatten schon Getränke. Giulia kam mit einem Notizblock genau in dem Moment an, als sich auch Hans als letzter gesetzt hatte.

„Ich nehm eine große Apfelschorle“, bestellte sich Flo, ohne einen Blick in die Karte geworfen zu haben.

„Das gleiche“, hängte Jamal an, als Giulia zu ihm sah. Dann verschwand sie wieder, um die beiden Getränke zu holen.

„Also, Jamal“, fing Hans an. Er saß am anderen Ende der langen Tafel, deswegen musste er etwas lauter sprechen. Und alle hörten zu. „Wo genau spielst du?“

Eine einfache Frage. Fußball schien wohl ein sicheres Thema zu sein. „Bei Bayern. Ich soll im Winter in die erste Mannschaft aufsteigen“, antwortete Jamal also. Dafür bekam er anerkennendes Nicken. In Flo wuchs ein wenig Stolz. Er hatte einen erfolgreichen Freund und sein Vater bemerkte das. Den Erfolg, nicht den Fakt, dass er sein Freund war.

Plötzlich fing Sophia an zu reden: „Jamal, kannst du mal bei dem Social-Media-Team fragen, ob sie gerade jemanden brauchen?“. Dann fing sie an, ausführlich von ihrem Studium zu erzählen. Jamal versuchte wirklich ihr zuzuhören und ihr folgen zu können. Flos Familie hatte ein Talent dafür, schnell zu sprechen. Es war wie bei Juli am ersten Tag.

„Sophie, halt mal die Luft an. Jamal hat das bestimmt keinen Einfluss drauf“, fiel Flo ihr plötzlich ins Wort. Dankbar lächelte Jamal ihn an. Er hatte nicht den Mut gefunden, die Frau zu unterbrechen. Er hätte sonst bestimmt noch minutenlang ihrem Vortrag zugehört.

Die Gespräche wurden verteilter. Hans unterhielt sich mit seinem ältesten Sohn Hannes und seine Frau Karin schien interessiert zuzuhören. Ein paar von Flos älteren Geschwistern unterhielten sich über ihre Jobs, ihre Ausbildungen und ihre Familienplanung. Dazu kamen noch Geschichten aus der Kindheit, die sich ständig mit einmischen.

Jamal und Flo hielten sich an Juli, Marie und Sophia. Die Schwestern erzählten Jamal sehr viele peinliche Geschichten, als Flo noch kleiner war. Flos Gesicht hatte die Farbe einer Tomate angenommen und er sah so aus, als wollte er im Erdboden versinken. Jamal lachte nur, über die Geschichten, aber auch über Flos Reaktion.

„Weißt du noch, als Flori von Wilma durch den ganzen Garten gejagt wurde?“, fragte Juli an Marie gerichtet. Marie fing sofort an zu lachen. Jamal, der sich jede Geschichte erklären lassen musste, schaute etwas verwirrt. Und Flo hatte sein Gesicht in den Händen vergraben und rutschte auf seinem Stuhl weiter nach vorne. Beinahe rutschte er dabei unter den Tisch.

Juli wendete sich an Jamal, während Marie und Sophie weiter kicherten. „Wir hatten früher Hühner, eins davon hieß Wilma. Und die waren eigentlich immer im Gehege, aber ab und zu haben wir sie frei rumlaufen lassen. Und einmal hat Flori mit mir Fußball gespielt und Wilma ist halt irgendwie dazu gekommen. Flori ist dann vor ihr weggerannt, weil er Angst vor ihr hatte und ist dann in eine Matschpfütze gefallen“.

Während Juli erzählte, fingen Marie und Sophie stärker an zu lachen und auch Jamal setzte mit ein. Eine Sache, die ihm schnell aufgefallen war, war auch, dass jeder aus der Familie Flo mit ‚Flori‘ ansprach.

„Mama, hast du noch das Bild von Flori, wo er komplett voll Matsch ist?“, rief Juli über den halben Tisch zu ihrer Mutter. Die stand auf und kam zu der kleinen Gruppe am Ende des Tisches. Sie setzte sich auf den freien Stuhl am Kopfteil. Schon fischte sie ihr Handy hervor und gab es Juli, damit sie nach dem Bild suchen konnte.

Es dauerte ein paar Momente, ehe sie auflachte und den Bildschirm zu Jamal drehte, damit er das Bild ebenfalls sehen konnte. Ein kleiner Junge mit blonden Haaren war darauf zu sehen. Sein weißes Trikot und die weiße Hose waren voller Matsch, auch die Beine und Schuhe waren nicht verschont geblieben. Am Kinn klebte auch ein wenig Matsch, aber das Gesicht war größtenteils verschont geblieben. Jamal betrachtete das Gesicht des kleinen Flo.

Die Nase, die Augen, der Mund. Das alles war gleich geblieben. Früher war das Gesicht viel sanfter, nicht so kantig. Das Blond war heller als jetzt. Aber es war unverkennbar sein Freund.

Jamal lachte mit Juli, Sophie und Marie. Sogar Karin stieg mit ein und schaltete sich ins Gespräch mit ein. „Nein, reicht doch jetzt“, wollte Flo seine Schwestern und Mutter unterbrechen, aber die hörten ihm gar nicht zu, sondern konzentrierten sich vollständig darauf, Flos Leben an Jamal weiterzugeben. Unauffällig legte Jamal seine Hand auf Flos Oberschenkel und drückte leicht zu. Er genoss es, so herzlich in die Familie aufgenommen worden zu sein, aber dass Flo sich so unwohl fühlte, tat ihm etwas Leid.

Zwischendurch kam Giulia vorbei, um die Essensbestellungen zu nehmen. Jamal nahm eine Pizza mit Salami und Schinken und Flo bestellte sich Nudeln mit Carbonara.

Jamal bekam jede Menge Kinderbilder von Flo zu sehen, auf ein paaren waren auch Juli und andere Geschwister zu sehen. Das Highlight war ein Video von einem Ballettauftritt von Flo und Juli. Der kleine Junge grinste breit beim Tanzen. Jamal fand es unglaublich niedlich. Während Flo kurz abgelenkt war, bat Karin Jamal seine Nummer in ihr Handy einzutippen, damit sie ihm das Video schicken konnte.

Das Essen kam irgendwann und die Gespräche wurden eingestellt. Flo und Jamal fingen an zu füßeln. Ihnen fehlte der Kontakt. Selbst im Camp hielten sie sich nicht so sehr zurück. Sie strichen sich über die Arme, hielten ihre Hände länger als nötig. Allein das Training verlangte viel Berührung. Und nun auf Abstand zu gehen, war nicht wirklich ihr Ding.

Flo schaute irgendwann hinter sich. Draußen war es dunkel, aber er konnte trotzdem erkennen, dass es wohl ein Mitarbeiterparkplatz war. Nichts geschah und als Sophie ihn ansprach, drehte er sich zurück und hörte ihr zu.

Das Essen war schnell leer. Zwischendurch haben Flo und Jamal ihre Gerichte getauscht, nachdem jeder ungefähr die Hälfte gegessen hatte. Es war unauffällig, denn auch Juli und Marie tauschten ihre Teller.

„Die ist besser, warum hab ich mir nicht auch eine Pizza bestellt?“, nuschelte Flo mit vollem Mund.

„Mit vollem Mund spricht man nicht“, belehrte Jamal, der sich danach einen großen Löffel mit Nudeln in den Mund schob. „Beim nächsten Mal erinnere ich dich an diese Worte“, fügte er hinzu, mit vollem Mund.

„Mit vollem Mund spricht man nicht“, äffte Flo ihn nach. Er wollte Jamal in diesem Moment so gerne küssen. So, so gerne. Aber er konnte nicht, musste sich noch zurückhalten. Stattdessen stieß er sanft seinen Fuß gegen Jamals Bein.

„Ihr seid ekelhaft, beide“, kommentierte Sophie. Sie stibitzte sich daraufhin eine Nudel vom Teller ihres Freundes Jonas, der bei den vorherigen Gesprächen nicht wirklich zugehört hatte, sondern mit Flos älteren Geschwistern über den Hausbau, den er und Sophia planen, geredet hatte.

„Halt die Klappe“, konterte Flo, nicht sonderlich kreativ. Man sollte meinen, er hätte mit geschwisterlichen Beleidigungen mehr Erfahrung. Vielleicht konzentrierte er sich aber auch mehr auf sein Essen als auf die Gespräche. Jamal fiel auf, dass er den Pizzarand nicht aß, sondern liegen ließ. Gut zu wissen.

Giulia kam zwischendurch, um zu kontrollieren, dass alles in Ordnung war. Hans bestellte sich ein weiteres Bier, Flo noch eine Spezi. Einige seiner Geschwister wollten ebenfalls noch ein Getränk und so füllte sich Giulias Notizblock.

Nach einer halben Stunde hatten alle ihre Teller geleert. Jamal und Juli haben die übrig gebliebenen Pizzaränder von Flo mit Olivenöl gegessen. Flo strich mit seiner Hand über Jamals Oberschenkel. Er kam langsam nicht mehr ohne Berührung aus. Er wollte sich ja wirklich zurückhalten, aber es war halt Jamal, der neben ihm saß.

„Also wirklich“, meinte Hans plötzlich in die Stille. Panisch zog Flo seine Hand zurück, in der Angst, sein Vater hätte es gesehen. Aber das war nicht der Fall. Hans schaute nach draußen, auf den Parkplatz, der Flo vorhin schon aufgefallen war.

Wenn Flo sich richtig erinnerte, stand nun ein weiteres Auto da, der Motor lief scheinbar noch und die Scheinwerfer erhellten die Gegend. Eine junge Frau stand da und ihre Kellnerin Giulia kam auf sie zu. Ohne zu zögern gab sie ihr einen Kuss und eine Umarmung. Eine Hand strich eine braune Haarsträhne hinters Ohr, die sich aus der Frisur gelöst hatte.

Alle aus der Familie haben es vermutlich gesehen, am Tisch herrschte Stille. Alle warteten darauf, dass Hans reagierte, denn er war schließlich derjenige, der auf die beiden aufmerksam gemacht hatte. „In der Öffentlichkeit muss das doch nicht sein?“

„Ach, und warum nicht?“, wagte Karin zu fragen. Niemand sonst reagierte. Flos Herz schlug ihm bis zum Hals. Panik kroch in ihm hoch. Gänsehaut bildete sich auf seinen Armen. Plötzlich fühlte er sich klein und schwach.

„Ich hab ja nichts dagegen. Aber es ist einfach nichts für die Öffentlichkeit. Können die das nicht ein wenig diskreter halten?“, antwortete Hans und zuckte mit den Schultern. Scheinbar fiel ihm nicht auf, wie komisch das klang, was er sagte. Am Tisch herrschte immer noch Totenstille. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können.

Hans nahm ein Schluck Bier, während die meisten nur betroffen zu Boden sahen. Flos Herz rutschte in die Hose. Plötzlich fühlte es sich so an, als würde keine Luft mehr in seine Lunge gelangen, als wäre sein Hals zugeschnürt. Nur Karin schien die Worte ihres Mannes nicht einfach hinnehmen zu wollen. „Ist doch schön für die beiden. Dir tut es doch nicht weh“.

„Nein, natürlich nicht. Ich will lediglich sagen, dass ich froh bin, dass wir froh sein können, dass niemand von uns betroffen ist“.

Flo bildete sich ein, Juli scharf einatmen zu hören. Er selbst bekam keine Luft mehr und auch Jamal versteifte sich neben ihm komplett. Sophie und Marie schauten mit großen Augen zu ihrem Vater. Sie schienen nicht glauben zu wollen, was er gerade gesagt hat. Johanna nahm Elias an die Hand und führte ihn nach draußen. Das war wahrlich kein Thema, was man vor einem Zweijährigen besprechen sollte. Zumindest nicht so, wie Hans es ansprach.

„Hans, wir haben 10 Kinder. Ich hoffe, dir ist bewusst, dass die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, dass sich hier jemand nicht Heterosexuelles am Tisch befindet“, argumentierte Karin weiter. Flo fühlte Tränen in seinen Augen brennen.

„Ich muss kurz“, nuschelte er hervor. Es würde ihn überraschen, wenn Jamal es gehört hätte, so leise brachte er es über die Lippen. Dann rannte er quasi aus dem Raum und dem Restaurant, raus auf den Bürgersteig.

Die Luft war kühl und der Wind peitschte ihm um die Ohren. Aber er hatte das Gefühl, endlich wieder atmen zu können. Seine Brust schien ihn zumindest nicht mehr erdrücken zu wollen. Und weil ihn alle Kraft verließ, fingen die Tränen an, über seine Wangen zu fließen.

Seine Beine gaben unter seinem Gewicht nach und er hockte sich auf den Boden. Das Gesicht vergrub er tief in den Händen. Ein Schluchzer kam über seine Lippen. Die Tränen waren heiß, landeten in seinen Händen, auf dem Weg und auf seinen Klamotten. Seine Atmung setzte wieder aus und er musste nach Luft ringen.

Er konnte von Glück reden, dass gerade keine Passanten vorbeikamen und seinen Zusammenbruch miterlebten. Sein Kopf begann sich zu drehen. Er verlor den Halt auf den Beinen und ließ sich kraftlos auf den Po fallen. Nun saß er heulend und um Luft ringend am Straßenrand. Irgendwie erbärmlich.

Es geschah eine ganze Weile lang nichts. Es fuhren vielleicht 2 Autos vorbei. Aber niemand kam. Flo war allein. Die Tränen flossen immer noch endlos und heiß. Er musste ständig husten, weil er keine Luft in seine Luft bekam und das Gefühl hatte, an seinen Tränen zu ersticken. Sein Kopf fühlte sich so an, als würde im Sekundentakt jemand mit einem Vorschlaghammer gegen seine Schädelinnenwand hauen. Seine Beine hatte er nah an seine Brust gezogen. Wie ein Häufchen Elend saß er vor dem Restaurant.

Plötzlich legte sich eine Hand auf sein Knie. Warm, weich, klein. Beruhigend. Flo schaute auf. Er blickte in die Augen seiner Mutter. Er fühlte sich wie ein kleiner Junge, so wie er verzweifelt vor ihr saß und sie ihn so liebevoll anschaute.

Flo spürte, wie eine Träne über seine Wange rollte, die Karin mit dem Finger auffing. Sie sagte nichts. Doch dann kam es ihr über die Lippen: „mein kleiner Junge“.

Wieder brachen alle Dämme. Flo vergrub sich mit dem Gesicht in ihrer Schulter und schluchzte. Er heulte Rotz und Wasser in ihre Bluse und schon nach Sekunden war die Stelle durchgeweicht. Karin interessierte es nicht und Flo erst recht nicht. Sie fuhr mit einer Hand über Flos Rücken, stützte ihn. Die andere Hand strich über seinen Kopf. So saßen sie eine ganze Weile auf dem Gehweg in der Dunkelheit.

Karin hetzte nichts, sie ließ Flo weinen. Es musste raus und sie würde das mit ihm durchstehen. Ab und zu murmelte sie beruhigende Sätze in seine Haare, nannte ihn ‚Flori‘, ‚mein kleiner Junge‘ und ‚Spätzchen‘. Sie ließ ihn nicht los, lockerte nicht mal den Griff. Sie gab ihm Zeit. Alle Zeit, die er brauchte, gab sie ihm.

Irgendwann wurden die Abstände zwischen den Schluchzern größer und Flos Körper zitterte nicht mehr. Er wurde ruhiger und seine Atmung war wieder regelmäßiger und die Atemzüge tiefer. Flo hob seinen Kopf an. Seine Wangen waren rot, Tränenspuren bildeten sich. Der Geschmack von dem Salz der Tränen machte sich in seinem Mund breit. Machte ihn trocken. Flo schaute seiner Mutter in die Augen.

„Ich bin hier“, flüsterte sie ihm zu und küsste seine Stirn. „Mama“, murmelte Flo daraufhin und ließ seinen Kopf auf ihre Schulter fallen. Sein Ohr presste sich auf die nasse Stelle, was ein wenig unangenehm war. Aber es interessierte ihn gerade nicht. Seine Mutter war hier und gab ihm Halt. Es war in Ordnung, er war in Ordnung.

„Spatz“, sagte seine Mutter ruhig, „komm mit. Wenn wir hier noch länger sitzen bleiben, werden wir noch krank“. Sie deutete dabei auf eine Bank, die Flo noch gar nicht aufgefallen war. Bei seiner Ankunft war er zu nervös, irgendetwas außer das Restaurant zu realisieren und bei seinem Zusammenbruch war er froh, dass er es aus der Tür geschafft hatte. Also zog Karin ihren Sohn auf die Beine und stützte ihn, während sie sich auf die Bank setzten. Flo legte wieder seinen Kopf auf ihre Schulter und schaute in den dunklen Himmel.

„Weißt du, Jamal ist wirklich nett. Er wollte dir direkt hinterher, als du gegangen bist. Und Juli auch“, flüsterte Karin. Wenn Flo ehrlich war, wollte er aber nicht von Juli und auch nicht von Jamal gefunden werden. Seine Mutter war hier und das war perfekt.

„Mama, ich bin schwul“, sagte er dann. Beziehungsweise nuschelte. Die Worte kamen nicht gerade sauber aus seinem Mund. Seine Mutter hörte ihn trotzdem. Sie blieb bei ihm, strich ihm den Rücken und küsste seine Stirn. „Und das ist okay. Mehr als okay. Du bist perfekt, Flori“.

Flo stand abermals den Tränen nahe, aber diesmal, weil er nicht glauben konnte, dass seine Mutter das gerade gesagt hat. Er zog scharf Luft ein, atmete sie stoßartig wieder aus und lächelte Karin dann an. „Danke“.

„Ach quatsch. Ich liebe dich, egal, was ist“.

„Tut mir Leid, dass ich deinen Geburtstag ruiniert habe“.

„Du ruinierst nichts, Flori. Kannst du gar nicht“.

Sie bleiben noch kurze Zeit so sitzen. Flo hatte sich wieder gefangen, aber war sich sicher, dass man die Spuren seines Zusammenbruchs noch sehen konnte.

Plötzlich stand seine Mutter auf und hielt ihre Hände bereit, um Flo auf die Beine zu ziehen. Flo nahm sie. Sein Körper stand wieder mit eigener Kraft. Er fuhr sich mit der Hand durchs Gesicht und die Haare. Seine Wangen waren immer noch gerötet und seine Augen tränenunterlaufen.

„Na komm. Juli und Jamal warten bestimmt schon auf dich“, meinte sie. Ihre Stimme war sanft. Dann stellte sie sich auf die Zehenspitzen. Im Stehen überragte Flo sie doch um einiges. „Ich hab gesehen, wie du und Jamal euch anseht. Pass auf ihn auf“, flüsterte sie ihm ins Ohr. Sie hatte also auch schon rausbekommen, dass Jamal nicht nur ein Freund oder Teamkollege war.

„Ich hatte nicht vor, ihn gehen zu lassen“, antwortete er daraufhin. Und dann gingen sie wieder ins Restaurant. Bevor sie den Raum betraten, in dem ihre Familie saß, hielt Karin ihren Sohn fest.

„Flori. Du musst es Papa nicht sagen. Niemand zwingt dich. Erst Recht nicht jetzt“, meinte sie. Flo nickte. Und dann: „Kannst du es ihm sagen? Also, wenn ihr wieder zu Hause seid. Ich will, dass er es weiß, aber ich glaube nicht, dass ich das selbst machen kann“. Diesmal war es an Karin, zu nicken. Sie drückte Flo einen Kuss auf die Wange und dann gingen sie in den Raum.

Juli fiel Flo direkt um den Hals, so als hätte sie die ganze Zeit darauf gewartet, dass er wiederkommt. „Ist alles okay, Flori?“, fragte sie ihn und strich über seinen Oberarm. Flo nickte ihr zu und Juli ließ ihn los. Dann stand Flo vor Jamal. Und er wusste nicht, was er machen sollte.

Er war einfach abgehauen und hatte Jamal mit seiner Familie allein gelassen. Aber Jamal wusste, was zu tun war, denn er nahm Flo ebenfalls in den Arm. Flo ließ sich gegen ihn fallen, schmiegte sich eng an ihn. Er schloss die Augen, während Jamal ihm über den Rücken strich. Und Flo war es total egal, dass seine ganze Familie ihnen zusah.

 

Flo und Jamal wurden wieder von einem Mitarbeiter des Camps abgeholt. Flo verabschiedete sich ausgiebig von seiner Familie, mit Ausnahme seines Vaters. Wie schon bei der Begrüßung brauchte es hier nur eine kurze Halbumarmung. Dafür dauerte die Verabschiedung mit seiner Mutter lange. Sie hielt ihn fest, flüsterte ihm beruhigende Worte zu. Sie wiederholte ganz oft „du bist perfekt“, solange, bis Flo es tatsächlich fast glauben konnte.

Die Dunkelheit der Stadt zog an ihnen vorbei. Wenn Flo die Fahrt zum Restaurant zu lang vorkam, war sie jetzt zu kurz. Schon nach ein paar Minuten kamen sie im Camp zum Stehen und stiegen aus dem schwarzen Auto. Zusammen gingen sie zu ihrer Hütte.

„Darf ich mit zu dir?“, fragte Jamal, als sie beide vor Flos Tür stehen blieben. „Klar“, antwortete Flo. Er war froh, dass Jamal noch mit zu ihm wollte.

Nachdem Jamal die Tür geschlossen hatte, nahm er Flos Gesicht in beide Hände und drückte seine Lippen vorsichtig auf die seines Freundes. Er küsste ihn lange, ohne Hitze, ohne Drang. Dann löste er sich wieder, behielt seine Hände jedoch an Flos Wangen, rahmte sein Gesicht ein. „Ich bin so stolz auf dich“, murmelte er und küsste Flo nochmal.

„Kannst du heute hier schlafen?“, fragte Flo leise. Er schaute Jamal dabei nicht an. „Gerne“, antwortete der andere und drückte seine Lippen auf Flos Stirn. Jede Stelle, die er erreichen konnte, wollte Jamal küssen. Zeigen, wie wertvoll Flo war.

Zusammen gingen sie ins Bad und Flo gab Jamal eine Zahnbürste, die das Camp bereitstellte. Während sie nebeneinander standen und Zähne putzen, hatte Flo plötzlich alle Zeit der Welt, nachzudenken. Über den Abend.

Seine Mutter wusste nun Bescheid und sie fand ihn immer noch perfekt. Juli weiß es und sie behandelte ihn immer noch wie vorher. Jamal war stolz auf ihn, war an seiner Seite. Aber… es gab so viele Menschen in seiner Familie. Seine Geschwister, deren Partner und Partnerinnen. Vielleicht sogar deren zukünftige Kinder. Sein Vater. Sie alle.

Wer weiß, ob sie Flo noch sehen, wie vorher. Ob sie ihn immer noch perfekt fanden, wenn sie es denn je taten. Ob sie stolz auf ihn waren. Sein Vater bestimmt nicht.

Es schnürte Flo die Kehle zu, daran zu denken, wie es wird, wenn er wieder nach Hause fährt und sich der Reaktion stellen muss. Es fühlt sich beinahe so an, wie vorhin, vor dem Restaurant.

Die pure Angst, die ihm kalt über den Rücken läuft, die das Atmen schwer macht und sich in seinem gesamten Körper verbreitet, bis er glaubte, dass es nicht mehr sein Körper war. So… so fühlte es sich an.

Seine Beine begannen zu zittern, er spürte, wie seine Hände zu kribbeln anfingen. Schnell spuckte er die Zahnpasta ins Waschbecken, bis er nicht mal mehr die Kraft aufbrachte, die Zahnbürste komplett mit den Fingern zu umschlingen.

Jamal hatte natürlich längst bemerkt, dass etwas nicht stimmte, spuckte die Zahnpasta ebenfalls aus und beobachtete nur, wie Flo sich an den kalten Fließen Halt geben wollte, jedoch mit dem Rücken mit der Wand kollidierte und sich daran herunterrutschen ließ. Er zitterte am ganzen Körper, presste seine linke Hand fest gegen die Brust und versuchte, Sauerstoff in seinen Körper zu pumpen.

Jamal brauchte keine Sekunde, um sich neben ihm nieder zu lassen. Er nahm Flos Hand von der Brust und ersetzte sie mit seiner eigenen. „Flo, schau mich an“, befahl er. Flos Augen huschten von einer Ecke zur nächsten und Jamal war sich nicht sicher, ob er überhaupt etwas richtig erkennen konnte.

„Flo, sieh mich an. Atme mit mir“, sagte Jamal zu ihm und nahm einen tiefen Atmenzug. Und es regte sich etwas in Flo. Er versuchte Jamal nachzuahmen, aber das Atmen blieb ihm im Hals stecken. Jamal machte einfach weiter und befahl Flo
ihm zu folgen, nicht aufzugeben.

„Flo, nenn mir 5 Dinge, die du sehen kannst“, wieß er schließlich an. Flo schaute ihn panisch an, dann huschten seine Augen schnell umher.

„Dich, das Waschbecken, die Dusche, Klopapier, die Tür“, zählte er auf. Seine Stimme war brüchig und er brauchte lange, bis er alles aufgezählt hatte, aber Jamal war froh, dass er es schaffte.

„Okay, super. Nun 4 Dinge, die hören kannst“.

Flo versuchte, sich auf Geräusche zu konzentrieren. Erst hörte er nichts. Aber dann kam immer mehr.

„Wasser. Die Lüftung. Eine Uhr. Wie du atmest“. Flo spürte, wie es einfacher war zu atmen. Es tat nicht mehr weh zu denken. Es war nicht mehr schwer zu sprechen.

„3 Dinge, die du berühren kannst“, leitete Jamal ihn weiter an. Flo versuchte seine Hände zu spüren. Und zu aller Überraschung tat er es. Sie kribbelten nicht mehr und sie fühlten sich nicht mehr so an, als wären es nicht seine.

„Die Fliesen“, sagte er, während er mit der Hand über die Wand hinter ihm fuhr. Dann schaute er sich um, griff nach dem Handtuch, das auf dem Boden lag. „Das Handtuch“.

Die linke Hand hatte Jamal nicht losgelassen, seit er die von Flos Brust genommen hat. Nun lag sie immer noch locker in der warmen Hand Jamals. „Ich kann dich berühren“.

„2 Dinge, die du riechen kannst“, flüsterte Jamal nun. Er blieb ruhig, führte Flo mit Geduld durch seine Panik. Er blieb und er wird bleiben. Flo schloss die Augen und versuchte, Gerüche einzuordnen.

„Zahnpasta“, begann er. Der Geruch lag noch in Jamals Atem. Nicht schlecht, aber bemerkbar, erkennbar. „Und irgendwas mit Lavendel“.

„Das machst du super“, lobte Jamal ihn und streichte über Flos Handrücken. „Eine Sache, die du schmeckst“.

„Zahnpasta“, antwortete Flo.

„Das hast du wirklich gut gemacht, Flo“, lobte Jamal seinen Freund. Und Flo spürte, dass sein Körper wieder ruhig war, er sich wieder richtig anfühlte. Sein Kopf war still.

„Danke, Jamu“.

„Darf ich dich umarmen?“, fragte Jamal. Flos Herz schmolz ein wenig. Wie hatte er Jamal eigentlich verdient? Er nickte und vorsichtig legte Jamal seine Arme um Flos Schulter. Im Sitzen war es etwas schwierig, sich zu umarmen, aber Flo wollte es nicht anders. Er schlang seine Arme um Jamals Hüfte und schmiegte sich so nah wie es ging an ihn. Er schloss sie Augen und nahm alles aus, was er von Jamal kriegen konnte.

„Willst du mir sagen, was gerade los war?“, fragte Jamal dann vorscihtig. Seine Stimme war ruhig und Flo wusste, dass er ‚nein‘ sagen konnte. Aber er wollte nicht. Jamal hatte gerade bewiesen, dass er nicht gehen würde. Und er war sich sicher, dass Jamal ihn nicht verurteilen würde, dass er Panik bekam, wenn er an sein Outing dachte.

„Ich hab meiner Mutter vorhin gesagt, dass ich schwul bin. Und sie hat so gut reagiert. Und dann hab ich sie gebeten, dass sie Papa davon erzählt. Und ich hab einfach Angst, dass er mich jetzt nicht mehr so sieht, wie ich bin. Er war immer so stolz auf mich, weil ich genauso war, wie er es sich gewünscht hatte“.

„Flori, du musst nicht den Wünschen deines Vaters entsprechen. Du musst für dich leben, nicht für ihn oder sonst wen. Und wenn dein Vater nicht sieht, wie wundervoll du bist, dann ist das sein Problem“.

„Ich weiß“.

„Wir sollten schlafen. Kannst du aufstehen?“, fragte Jamal und Flo nickte. Jamal half ihm auf, aber er konnte sicher alleine stehen. Jamal bediente sich an Flos Schrank, um ein Schlafshirt herauszuholen.

Kurz darauf lagen sie zusammen im Bett, Flos Kopf auf Jamals Schulter gebettet. Er zeichnete kleine Formen auf Jamals Bauch, während Jamal durch die Haare seines Freundes fuhr.

„Gute Nacht, Jamu“ flüsterte Flo und küsste Jamals Brust durch das Shirt hindurch.

„Gute Nacht, Flori“.

Notes:

Hallöchen :)

Willkommen bei dieser neuen Story, ich hoffe sehr, dass es hier regelmäßige Uploads geben wird, denn ich bin eigentlich echt happy mit der Idee.

Ein riesen Shoutout an Anni_Chaos95, die sich die Zeit nimmt, um das ganze Ding zu lesen, obwohl sie keine große Ahnung von Fußball hat. Hab dich lieb Mausi

Kommentare und Kudos sind willkommen, danke fürs Lesen :)