Chapter Text
Mia war nicht gerne ein Puffer, wenn Roy und Oliver sich stritten, aber es fühlte sich auch falsch an, auf das eigene Zimmer zu verschwinden und so zu tun, als wäre alles in Ordnung.
Sie hatte keine Ahnung, wer das Kind – Lian – war, aber wenn Roy sie aus der Sache heraushalten wollte, musste Mia ein Lächeln aufsetzen und ihre wahren Gefühle zurückschrauben. Doch sobald, sie eine Chance hätte, würde sie erst einmal auf ein paar Übungspuppen schießen, denn Gefühle zurückzuhalten war wirklich nicht gesund.
„Geht es Daddy und Onkel Connor gut?“, fragte Lian auf dem Weg zu Mias Zimmer. Mia hatte bei ihrem Einzug einen Ort gewollt, bei dem sie am Einfachsten kontrollieren konnte, dass niemand ungefragtes auftauchte. Deswegen hatte sie sich für einen der Türme entschieden und auch wenn es eine Qual war jeden Tag diese vielen Stufen heraufzuschreiten, so hörte sie jedes Mal frühzeitig die Rüstung von sich nähernden Rittern und hatte einen phänomenalen Ausblick über den gesamten Hof und einen Großteil der Stadt.
„Daddy?“, fragte Mia, bevor sie sich auf die Zunge beißen oder gar darüber nachdenken konnte. Dabei viel ihr im nächsten Moment direkt auf, dass das Mädchen sie durchaus leicht an Roy erinnerte.
Roy hatte eine Tochter.
Roy hatte sie Mia anvertraut.
Mia würde das hier nicht vermasseln.
„Er war wütend. Ich habe ihn noch nie so erlebt“, murmelte das Mädchen und Mia konnte nicht anders, als sie auf ihre Arme zu ziehen und die letzten Meter zu tragen. Auch, wenn sie nicht die richtigen Worte fand, hoffte sie, dass es dabei half, zu signalisieren, dass alles in Ordnung war.
„Dein Vater kümmert sich schon um alles. Er ist immer wütend, wenn jemand aus der Familie verletzt wird.“
Lian sah sie mit traurigen Augen an. „Connor ist verletzt?“
Mia schüttelte den Kopf. „Nein. Mach dir keine Sorgen.“
Es war nicht ganz die Wahrheit, aber Mia war sich nicht sicher, wie viel Lian bereits von der Welt verstand und wollte sie nicht der verwirrenden Wahrheit aussetzen. Stattdessen öffnete sie ihre Tür und setzte Lian auf ihr Bett, bevor sie unter das Bett griff und einen alten Teddy hervorholte. Er hatte einen Bogen an seiner Pfote genäht.
„Schau mal, wen wir hier haben. Lian, dass ist Sir Plüschig. Sir Plüschig, dass hier ist Lian.“
Mia lächelte, als sie Lian selbst nochmal vorstellte und ein Lächeln auf ihrem Gesicht erschien. Fürs Erste, hatte die Ablenkung geklappt, aber, wenn Roy nicht bald mit guten Nachrichten auftauchen würde, würde Mia sich eigenhändig einmischen und dafür sorgen, dass die Welt des Mädchens wieder in Ordnung geriet.
„Mein Bruder ist ein Idiot“, beschwerte sich Emiko während sie sich mit Roy auf dem Weg zu Mias Zimmer machte, um das neuste Familienmitglied kennenzulernen. Wenn sie daran zurückdachte, wie sehr es Oliver liebte Mia oder auch sie zu verwöhnen, würde das Kind schon bald mit kleinen Geschenken überschüttet werden.
„Du wirst von mir keine Widerworte hören“, antwortete Roy, aber warf noch einen Blick zurück, als wäre er sich unsicher, ob er nicht doch lieber warten sollte, um sicherzugehen, dass alles gut gehen würde.
Diese Familie war ein bunter Haufen, aber eines hatten sie alle gleich: Sie waren beschützerisch.
„Er ist zwar ein Idiot, aber kein Idiot, der nicht zu seinen Fehlern stehen würde.“ Manchmal brauchte Ollie zwar länger, um zu verstehen, dass er etwas falsch gemacht hatte, aber wenn er erst einmal zu dem Schluss kam, entschied er sich nie für die feige Variante. Er leugnete seine Fehler nicht, obwohl es für ihn als König sehr leicht wäre. Stattdessen galt es Widergutmachung zu leisten. Aber Emiko hatte keine Ahnung, wie solch eine Widergutmachung aussehen sollte, immerhin hatte Emiko es niemals geschafft ihrem Vater zu verzeihen. Dann wiederrum hatte ihr Vater auch nie versucht, es wiedergutzumachen. Was wusste sie also?
„Dann sollte ich mir wohl ein Beispiel an ihm nehmen“, sagte Roy, nachdem er länger geschwiegen hatte, „Es tut mir leid, dass ich euch Lian so lange vorenthalten habe.“
Emiko zuckte mit den Schultern. Sie hatte sich oft gefragt, wieso Roy so oft ausritt und für Tage am Stück verschwand, aber nie nachgefragt. Man musste nicht alles wissen und wie gesagt, verstand sie den Beschützerinstinkt. Jetzt wütend zu sein, würde nur dafür sorgen, dass sie noch viel mehr Zeit verlieren würden.
„Irgendein Tipp, wie ich es zu ihrem Lieblingsfamilienmitglied schaffe, obwohl Connor und Mia bereits einen Vorsprung haben?“
Roy blieb auf den Treppenstufen stehen und blickte sie entgeistert an. „Ich bin ihr Lieblingsfamilienmitglied.“
„Aber sicher doch. Was auch immer dich nachts schlafen lässt.“
Dinah hatte kaum den Thronsaal verlassen, als sie etwas aus dem Augenwinkel blitzen sah. Sie hatte sich schon gefragt, wann Orakel sich einmischen würde. Zwar war Orakel in einem anderen Königreich, aber sie hatte ihre Informanten überall und es gab einige unbekannte Gesichter in diesem Schloss, die darauf warteten, nützliche Informationen mit Dinah zu teilen.
Als Dinah die Fensterbank erreichte, sah sie nicht nur die Pin-Nadel mit Orakels-Symbol einer Maske, sondern auch einen zugehörigen Brief.
„Was hast du dieses Mal für mich?“, fragte sie sich in Gedanken und hofften, dass es etwas war, dass dieser ganzen verkorksten Situation helfen würde. Ratsmitglieder am Hof zu haben, die bereit waren Intrigen zu spannen, war niemals gut und Dinah glaube keine Sekunde daran, dass Armitage allein war.
Die Nachricht war simpel, aber sorgte trotzdem für ein Lächeln auf Dinah’s Lippen.
„Lord Brickwell und Lord Armitage haben sich im Geheimen getroffen.“
Schien so, als würde sie Orakel etwas schulden.
Zielstrebig ging Dinah den Gang entlang, bevor sie Hal sah, der wartend in einer Ecke stand und offensichtlich nicht wusste, was er jetzt tun sollte. Erst befahl Oliver Connor festzunehmen und dann entwickelte es sich in eine gefühlsgeladene Diskussion, dessen Ergebnis noch in den Sternen lag. Dinah hoffte auf das Beste, aber sie verstand, dass die Ritter sich nicht oft Hoffnung erlaubten und dafür darauf bauten, dass sie jede Situation bewerkstelligen könnten, auch, die schlimmsten.
„Königin Dinah“, begrüßte sie Hal und blickte dann kurz auf den zerknitterten Zettel in ihrer Hand, bevor er wieder aufsah und ihn nicht ansprach.
„Wenn Ollie sein Gespräch beendet hat, möchte ich, dass du Lord Brickwell zu ihm bringst. Er weiß etwas über Armitages Plan und soll sich entscheiden, ob er gegen Armitage aussagt oder mit ihm untergehen möchte.“
Hal nickte. Sein Blick war ernst, aber er widersprach nicht.
„Wird gemacht.“
„Danke“, sagte Dinah, denn sie hatte das Gefühl, dass dieses Wort in den letzten Stunden zu wenig gefallen war, dafür, wie loyal Hal seine Befehle befolgt hatte, obwohl er bestimmt nicht mit allem einverstanden gewesen war.
Hal verabschiedete sich, um sich auf die Suche nach Lord Brickwell zu machen und Dinah zögerte kurz, bevor sie beschloss nicht dem Rest der Familie zu folgen, sondern stattdessen darauf zu warten, dass Oliver sein Gespräch mit Connor beendete. Als sie den Dienstboteneingang betrat, zu dem Kyle Connor hatte bringen sollen, wartete Kyle dort bereits, obwohl es ihm niemand befohlen hatte.
Dinah war nicht dumm.
„Connor hat es dir angetan?“, fragte sie prompt. Manche Sachen sollte man direkt fragen und als Königin wurde sie dafür zum Glück nicht so oft dumm angeschaut.
„Eure Hoheit!“, antwortete Kyle, aber sein schuldiger Seitenblick war der einzige Beweis, den sie brauchte.
„Es ist in Ordnung. Ich weiß nicht, ob die anderen Ritter es dir gesagt haben, aber es ist wichtig, dass du deinem Herzen folgst. Oliver hätte niemals deine Treuewörter gehört, aber Connor? Vielleicht bleibst du doch unserem Haus erhalten, obwohl ich nicht damit gerechnet hatte.“
Dinah hatte Hal mehrmals darauf hingewiesen, dass er keinen Druck auf Kyle ausüben sollte. Der Junge hatte offensichtliche Zweifel gehegt und die grünen Ritter nahmen ihre Schwüre sehr ernst. Es wäre nicht richtig gewesen ihn in diese Richtung zu drängen.
„Ist das eine Option?“, fragte Kyle und schien nicht wirklich daran glauben zu wollen. Verständlich, immerhin hatte er Connor gerade aus dem Kerker geholt.
„Es ist die einzige Option, die ich zulassen werden. Oliver und ich brauchen keinen zweiten Hal. Sei einfach du selbst und mach das, was sich für dich richtig anfühlt.“
Kyle verbeugte sich leicht. „Das werde ich.“
Es dauerte etwas, bis Oliver die Umarmung löste. Connor hatte sich nicht getraut und hatte in den ersten Momenten nicht fassen können, dass es wirklich geschah und nicht nur ein Traum war.
„Lass uns zu den anderen gehen“, bestimmte Oliver und Connor widersprach nicht. Er wollte sich vergewissern, dass es Roy und Liane gut ging, auch, wenn ein kleiner Teil von ihm Angst hatte, dass der Rest der Familie ihn hassen würde.
Als sie den Thronsaal verließen, wartete die Königin auf sie und Connor wurde zum ersten Mal bewusst, dass er keine Ahnung hatte, wie er mit ihr umgehen sollte. Sie kannten sich nicht und trotzdem schienen Förmlichkeiten wie eine unangemessene Form des Abstandes.
„Dinah, darf ich dir Connor vorstellen?“, übernahm Oliver das Reden und Connor erwiderte das höfliche Lächeln, das ihm von Dinah geschenkt wurde.
„Ich wäre sauer auf dich, wenn du es nicht tätest“, scherzte sie und stieß mit ihrem Ellenbogen gegen Olivers Rippen. Connor konnte nicht einschätzen, ob es wirklich weh tut oder sein Vater nur so tat. „Ollie, du solltest hier bleiben und dich um die Angelegenheit kümmern. Hal kommt bald mit einem weiteren Zeugen, der hoffentlich in der Lage ist, Armitage für den Rat zufriedenstellend zu belasten.“
Oliver nickte ernst, schien aber nicht zufrieden zu sein. „Bin ich wirklich der Letzte, der meine Enkelin sieht?“
„Was für ein Pech es doch ist, als starker König seinen Aufgaben nachzukommen.“
Connor blieb still, aber lächelte leicht, als er sah, wie sich ein ehrliches Lächeln in den Augen des Paares widerspiegelte. Sie tauschten keine Höflichkeiten aus, sondern sprachen miteinander, wie man es nur konnte, wenn man sich vertraute.
„Ja, ja. Ich habe schon verstanden, aber ein gemeinsames Abendessen lasse ich mir bestimmt nicht entgehen.“
Damit betrat Oliver wieder den Thronsaal, als er sah, dass Lord Brickwell in Hals Begleitung den Raum betrat.
Dinah wandte sich derweile an Connor. „Kleine Vorwarnung: Oliver hat die Art von Köchen angestellt, die sich nicht davor scheuen, zu viele Chilischoten zu verwenden.“
„Er mag es scharf?“
Dinah lachte, aber sie hatte das Gefühl, dass die Antwort in ihrem Kopf ungeeignet für dieses Gespräch war und so sagte sie stattdessen: „Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob irgendwer es scharf mag oder wir nicht alle manipuliert wurden, es als etwas Gutes zu befinden.“
Lian sprang sofort in Roys Armen, als er eintrat. Er nahm sie hoch und strich ihr übers Haar. Ihre Augen flatterten bereits müde und lange würde es nicht mehr dauern, bis sie wieder einschlief. So aufregend, wie die letzten Stunden auch waren, sie war immer noch jung und brauchte ihren Schlaf.
„Sie hat deine Energie, so viel steht fest“, meinte Mia und bewies damit, dass sie schon längst herausgefunden hatte, wer Lian war. Roy hatte nie daran gezweifelt.
„Dann ist ja gut, dass du es trotzdem mit Leichtigkeit gegen uns Beide aufnehmen kannst“, antwortete er und drehte sich dann um, damit Emiko auch einen Blick auf Lian werfen konnte. Ein Lächeln war auf ihrem Gesicht und sie strich der Kleinen eine Strähne aus dem Gesicht.
„Kennen wir ihre Mutter?“, fragte Emiko und Roy verzog den Mund, während er gleichzeitig nickte.
„Nein, oder?“, fragte Mia scharf und schaute ihm mit offenem Mund an, „Nicht die Attentäterin, oder? Du weißt, dass sie dich umbringen sollte?“
Okay, anscheinend war Roy nicht sehr subtil gewesen, als er über Jade gesprochen hatte. Oder Mia kannte ihn besser, als er sich selbst. Es änderte nichts daran, dass er schon nach der zweiten Nacht mit Jade eingesehen hatte, dass sie beide zusammen nicht glücklich wären. Jade wollte nicht an einen Ort gebunden sein und Roy hatte seine Verpflichtungen. Und dann war da natürlich noch die Attentäter-Sache, aber die klang schlimmer, als es tatsächlich war.
„Es ist beeindruckend, dass Ollie seinen Frauengeschmack vererben konnte, ohne, dass ihr verwandt seid“, meinte Emiko und das war fair. Aber wer stand nicht auf starke Frauen? Um fair zu sein, kannte Roy auch fast nur starke Persönlichkeiten.
Ein leises Klopfen ertönte und Dinah trat ein, zusammen mit Connor. Roy fiel ein Stein vom Herzen und er gab Lian an Dinah weiter, um Connor in eine kurze Umarmung zu ziehen.
„Geht es dir gut?“
Connor nickte gegen seine Schulter. Hatte Ollie also wirklich gehalten, was er versprochen hatte. Sehr gut.
Roy löste die Umarmung und lächelte dann in die Runde. „Emiko, Mia. Das hier ist Connor. Connor, das hier ist deine Tante Emiko.“
Roy zeigte auf Emiko, die ihm einen finsteren Blick zuwarf. „Emiko reicht. Ich verzichte auf den Titel.“
Ohne darauf einzugehen, zeigte Roy als nächstes auf Mia, „Und das ist unsere Schwester Mia. Sie betrügt bei Kartenspielen, aber verprügelt für dich jeden, der einen dummen Kommentar fallen lässt.“
„Stets zu Diensten“, sagte Mia und zwinkerte Connor zu. „Wo ist Dad?“
Dinah lächelte sanft. „Er kümmert sich noch um eine politische Angelegenheit, dann stößt er zu uns.“
„Dann sind wir alle zusammen“, erkannte Roy und musste lächeln. Er hatte sich nie träumen lassen, irgendwann Lian friedlich schlafend umzingelt von seiner Familie zu sehen. Und nie hatte er es für möglich befunden, noch einen kleinen Bruder in der Familie begrüßen zu können.
In diesem Moment fühlte es sich unmöglich an, dass es noch einen schöneren Tag in seinem Leben geben könnte.
„Ich habe euch lieb“, flüsterte er.
