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Lauter als die Polizei erlaubt

Chapter 3: Part 3: Strebergärten

Summary:

Bitte lass den armen Mann einfach seine Ruhe haben!

Notes:

Als Kind dachte ich immer, Kleingärten würden Streber- nicht Schrebergärten heißen. Bis heute hab ich nicht verstanden, warum ich im Unrecht war.

(See the end of the chapter for more notes.)

Chapter Text

Endlich Wochenende. Hermann liebte seine Arbeit, aber seitdem Newton und er sich ein Büro teilen mussten, war es sehr anstrengend geworden. Hermann liebte Stille und Ordnung und Newt verkörperte nichts von beidem. Er ließ seine Dokumente und Jacken überall herumliegen und hatte ständig laute Musik an. Am meisten nervte ihn aber, dass Newton ihn so sehr aufregte, dass die beiden ununterbrochen stritten. Es war sehr hart, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren.

Zum Glück hatte Hermann eine Methode, um zu entspannen. Eine Viertelstunde entfernt von seiner Paterre-Wohnung befand sich sein eigener kleiner Schrebergarten. Er pflanzte dort ein paar Tomaten an, außerdem hatte er einen Apfelbaum und einige andere Nutzpflanzen, die man gut zu Tees machen konnte. Gartenarbeit war gut, um Aggressionen loszuwerden. Der Boden beschwerte sich auch nicht, wenn Hermann ihn ab und an Newton taufte, während er seine Schaufel herein grub.

Als Hermann dieses Wochenende seinen Garten betrat, merkte er allerdings einen Unterschied. Der Garten, der links angrenzte, war unverändert: Gepflegt, ein paar Gartenzwerge und ein Plastikstuhl, aber sehr aufgeräumt und schlicht. Der rechts hingegen war ein großes Chaos von überwucherndem Wein und einem Baum, der auf Hermanns Seite herüberwuchs. Auch das war wie immer, niemand mietete dieses Grundstück und es nervte Hermann sehr, denn es zerstörte seine innere Ruhe. Doch heute sah er ein Fahrrad im Chaos liegen. War etwa jemand gekommen, um sich um den Garten zu kümmern?

Hermann hatte keine Lust, menschlichen Kontakt aufzunehmen, darum ging er in seinem Garten an die Arbeit, in der Hoffnung, dass sich der Fremde bald blicken ließ.

„Ach du Scheiße, Hermann?“, schallte es nur wenige Minuten später an sein Ohr.

Es konnte einfach nicht wahr sein. Newton war hier. In seinen Schrebergärten. Und er guckte über den Zaun und ihm gehörte das Fahrrad und ihm gehörte der Nachbargarten.

„Dr. Geiszler, verfolgen Sie mich?“, stöhnte Hermann.

„Nicht beabsichtig, glaub mir!“ Newt lächelte und Hermann verstand es nicht, denn immer, wenn sie sich trafen, stritten sie ohne Pause. Es gab wirklich keinen Grund, sich zu freuen.

„Bitte lassen Sie mich in Ruhe.“

„Wie bitte? Icke lasse dicke erst een Ruh, wenne micke een Ruh läß!“

Hermann schwieg kurz. „Wie bitte?“, fragte er dann.

Newt seufzte. „Ich hab versucht, Berlinerisch zu sprechen, aber ich glaub, das kann ich dann doch nicht so gut…“

„Nein, das war grässlich. Hören Sie, Dr. Geiszler-“

„Newt!“

„Newton…“ Hermann zog die Stirn kraus. „Jetzt, wo Sie diesen Garten gemietet haben, könnten Sie vielleicht dafür Sorgen, dass das Laub und die Bucheckern dieses Baumes nicht mehr auf meine Seite fallen? Es stört ungemein!“

Newton überlegte kurz. „Ähm… Hör mal Hermi, ich mag den Baum ganz schön, ich glaube nicht, dass ich dem einfach die Äste abschneiden werde.“

„Der Baum hat keine Gefühle, Newton. Es wird ihn nicht stören.“ Hermann mochte nicht, in welche Richtung sich das Gespräch entwickelte.

Newton lachte kurz auf. „Science-Fact, Hermi: Pflanzen haben Gefühle! Was glaubst du, was dieser Geruch ist, wenn man Gras frisch mäht? Das sind Stresshormone des Grases, die freigesetzt wurden. Pflanzen haben Schmerzen!“

„Newton, das ist unfassbarer Humbug!“

„HUMBUG? Oh mein Gott, Hermann, hat Charles Dickens deinen Dialog geschrieben?“

„Wir sind keine Charaktere, Newton, niemand schreibt uns Dialog, außer vielleicht Gott!“

Newt lachte schallend. Und gehässig. Das war fies. „Gott, der Autor! Klingt doch super! Wann kommt sein nächster Roman raus?“

Beide waren nun auf einem Schreiniveau angekommen und Newt machte Hermann verrückt, einfach verrückt. Was für ein furchtbarer, schrecklicher, schrecklicher Mensch!

„Wie alt bist du eigentlich, Newton? Wie schwer ist es für dich, auf einer sachlichen Ebene zu argumentieren?“

Sie standen beide sehr nah, nur der Zaun trennte sie davon, einander an die Gurgel zu gehen. Obwohl dieser nicht sonderlich hoch war und wäre sein Bein nicht so unkoorperativ, hätte Hermann mit Leichtigkeit auf Newts Seite klettern können.

„Toll, Hermann, ich bin sooo geehrt, endlich duzt du mich. Hat ja nur ewig gebraucht! Pass nur auf, dass du dich jetzt nicht gehen lässt!“

„Halt den Mund, du idiotischer- “

„…noch ein bisschen und du kommst in Jogginghose zur Arbeit- “

„…keinen Respekt vor irgendwem- “

Sie schrien gegeneinander an, ohne dass es sonderlich viel Sinn ergab, bis Newt plötzlich Hermanns Kopf näher an sich heranzog und ihn küsste. Es war sehr kurz und sehr unromantisch und auch nicht sonderlich gut. Eigentlich war es ein Wunder, dass keiner einen Zahn bei der Aktion verlor und Hermann stand letztendlich halb im Zaun und wäre Newt nicht direkt vor ihm gewesen und hätte immer noch sein Gesicht in den Händen gehalten, hätte Hermann vermutlich das Gleichgewicht verloren und wäre hinfallen.

Beide starrten sich an.

„Sorry“, sagte Newt.

„Das war einfach furchtbar“, sagte Hermann.

„Sorry“, sagte Newt noch mal, bewegte sich aber nicht.

„Nicht mal küssen kannst du, Newton.“

„Was?“ Newt guckte gespielt empört. Vielleicht auch ernsthaft empört. „Ich bin ein super Küsser!“

„Küsser ist nicht einmal ein Wort…“, murmelte Hermann, der nicht ganz bei der Sache war, weil er angefangen hatte, Newts Lippen zu betrachten. Sie sahen eigentlich ziemlich weich aus, wenn man es nur richtig anstellte. Also stellte er es richtig an.

„Besser“, murmelte Hermann.

„Besser“, stimmte Newt zu. „Machen wir das jetzt öfters?“

„Na, i hoff 's doch.“ Hermann lächelte.

Newt hingegen zog die Stirn kraus. „Bitte tu das nie wieder. Bayrisch zerstört jeden Moment!“

„Bayrisch ist ein wunderbarer Dialekt. Es ist grausam, dass du mich zwingst in diesem schrecklichen Hochdeutsch zu reden!“

„Ich würde es nicht Hochdeutsch nennen, du klingst immer noch sehr nach dem bayrischen Dorfjungen.“

Beide waren wieder lauter geworden und wenn es so weiterginge, würden sich die anderen Gartenbesitzer beschweren und Hermann sein Grundstück verlieren.

„Okay, Newton. Okay“, sagte Hermann. „Wie wäre es damit: Ich habe lange Zeit in England studiert. Wie wäre es, wenn wir auf Englisch reden?“

„That would be a compromise!“

„Unbelievable! Your accent is still horrible!“

„Oh shut up, Herms!“

Und von dem Tag an stritten sich die beiden nur noch auf Englisch.

Ende.

Notes:

Ich weiß nicht, ob dieser Fakt über Gras wahr ist. Vermutlich nicht. Es tut mir leid, aber anscheinend recherchiere ich gerne Bahnverbindungen, aber ungern Biologiefakten.

Danke für's Lesen, falls sich hier wirklich jemand hinverlieren sollte! :)

Notes:

Das erste Kapitel ist davon inspiriert, dass sich meine Nachbar*innen dadurch kennengelernt haben, dass sie nach einer Party gemeinsam zusammen heimgingen und dann bemerkten, dass sie im gleichen Gebäude wohnen. Süß!