Chapter Text
Die erste Ratte, mit der Karl-Friedrich Boerne jemals in Berührung kommt, brennt sich sehr deutlich als Erinnerung in seinen Kopf ein.
Er ist jung, sehr jung, sieben oder acht Jahre alt. Seine Familie ist wohlhabend, auch damals schon, das Haus, in dem sie leben, ziemlich groß. Ein Paradies für ein Kind seines Alters – solange sein Vater nicht in Reichweite ist, denn wenn sein Vater mitbekommt, dass er durch die Gänge tobt, ist es mit dem Toben schnell vorbei. Aber seinen Vater sieht er sowieso nicht oft, also ist das schon okay.
Es ist Frühling, als er die Ratte trifft. Draußen im Garten liegt sie unter einem Busch, an einem Bein verletzt und nicht mehr fähig, vor ihm davon zu laufen. Wahrscheinlich hat eine der Katzen die Lust an ihrer Beute verloren.
Er kniet minutenlang vor dem Busch im Dreck, wohl wissend, dass er sich dabei die Hose schmutzig macht und gerügt werden wird, aber er braucht die Zeit, um darüber nachzudenken, ob es das Risiko wert ist. Ob er der Ratte helfen kann, ohne dass jemand etwas davon mitbekommt. Und ob er es sich vollständig mit seinen Eltern verscherzt, falls er doch auffliegt.
Er ist sich nicht sicher, weiß nur, dass es nicht gut wird, wenn er ihr hilft und die Ratte entdeckt wird. Aber seit er so viel für die Schule tun soll und jetzt auch noch sein Geigenunterricht dazu gekommen ist, darf er nicht mal mehr mit den Katzen spielen, obwohl sein Betragen sonst doch eigentlich ganz gut ist. Vielleicht wäre das ja zumindest ein wenig Abwechslung.
Und so entschließt er sich, der Ratte zu helfen. Er holt Küchentücher und bringt die Ratte in sein Zimmer, in Sicherheit vor den Katzen und den Erwachsenen, sucht dann einen kleinen Käfig – den alten von seinem Hamster, der nie alt geworden ist – säubert und putzt ihn und legt ihn dann aus. Er kann sich um Nagetiere kümmern, das weiß er. Das mit dem Hamster war damals ja schließlich nicht seine Schuld, immerhin hat seine Cousine Henriette...
Dann setzt er die Ratte in ihr neues Heim.
Sie scheint sich wohl zu fühlen, schnuppert mal hierhin, mal dorthin und humpelt schließlich zum Trinkwasser. Er sieht ihr dabei zu, beobachtet, wie sich ihr weiches Fell bewegt, wie die Schnurrhaare zittern, wie die kleinen Pfoten über den Boden trippeln. Und dann durchströmt ihn eine Form von Glück, die er so noch nie gespürt hat. Er ist stolz, so stolz. Und so glücklich. Vielleicht kann er die Ratte ja sogar so weit aufpäppeln, dass er sie wieder in den Garten setzen kann und ihr beim davonhuschen zusehen, mit dem Gedanken daran, einem kleinen Wesen das Leben gerettet zu haben.
Er geht an diesem Tag so beschwingt ins Bett wie lange nicht mehr und als er einschläft, lächelt er.
Am nächsten Morgen ist die Ratte tot.
Sie liegt in ihrem kleinen Käfig, durch den sie gestern noch so fröhlich gehumpelt ist, und atmet nicht mehr. Und als er sie anfasst, ist sie ganz kalt.
Vorsichtig legt er sie auf seine Hand. Das Fell ist immer noch ganz weich, als er darüber streicht. Die Pfoten sind gekrümmt und ganz starr, gar nicht mehr so schön wie gestern. Sie hat die Augen geschlossen und den Mund offen und liegt da, liegt einfach nur da, und jetzt kann er nicht mehr. Er schafft es gerade noch so, die Ratte zurückzulegen, bevor er die Hände vors Gesicht schlägt und weint und schreit, einfach nur alles raus, weil es doch gestern noch so schön war und heute so schrecklich und das unfair ist, alles so unfair.
Es dauert keine Minute, bis jemand die Tür öffnet und ihn umarmt. Nani, die Haushaltshilfe seiner Mutter. Sie setzt sich mit ihm aufs Bett und hält ihn und er vergräbt sein Gesicht in ihrer Bluse und weint und weint, lässt einfach alles raus. Nani ist geduldig.
Dann, irgendwann, als er sich beruhigt hat, erklärt er ihr, was vorgefallen ist. Und sie lacht ihn nicht aus, belächelt ihn auch nicht, nein. Sie macht den Vorschlag, die Ratte zu begraben. So, wie sich das gehört. Und natürlich, natürlich, das müssen sie machen. Das hat sie verdient. Wo er sie schon nicht hat retten können.
Nani sagt, er soll seinen Anzug anziehen. Eigentlich mag er den Anzug nicht, findet ihn unbequem und kratzig und viel zu warm, aber so etwas trägt man, wenn man jemanden beerdigt, für den Respekt, das weiß er. Also macht er sich schick, in seinem schwarzen Anzug, seiner Trauerkleidung. Nani kann sich nicht umziehen, weil sie danach gleich wieder in die Arbeit muss, und er selber muss aufpassen, dass er auch ja keine Erde an den Anzug bringt, aber das macht nichts, das schaffen sie schon. Das ist gerade nebensächlich.
Sie müssen schnell sein, damit seine Eltern nichts mitbekommen. Deshalb hat er die Ratte schon mal in einen Schuhkarton gelegt und seine Gartenschuhe angezogen. Die passen zwar nicht zu seiner Kleidung, aber das ist schon okay so, findet Nani. Weil die Ratte sich bestimmt trotzdem freut, dass er sich so schick gemacht hat.
Nani gräbt ein Loch hinter einer Hecke, da, wo man es vom Haus nicht sehen kann, und sie haben keine Zeit für eine große Zeremonie, leider, aber ein paar Blumen legt er doch auf das Grab. Soll ja schön sein. Am liebsten würde er noch ein Kreuz aufstellen, aber Nani sagt, dass er dann auffliegt und das darf nicht passieren. Also beschränken sie sich auf Erde und Blumen. Und als er weinen muss, ist Nani für ihn da.
Sechs Tage später muss Nani gehen.
Er versteht nicht, versteht gar nichts mehr, und es dauert, bis er seine Mutter dazu bringen kann, ihm zu erklären, was passiert ist. Was Nani getan hat.
Seine Mutter erklärt ihm, dass Nani im Garten gegraben hat, hinter der Hecke, da wo man es vom Haus nicht sehen kann. Und irgendwas über Wurzeln und Gras und Blumen und darüber, dass sie jetzt extra einen Gärtner kommen lassen müssen, damit die Stelle so schnell wie möglich wieder akzeptabel aussieht, und was das alles wieder kostet, aber da hört er schon nicht mehr so richtig zu.
An diesem Abend werden ihm zwei Dinge klar.
Erstens: Seiner Familie geht es nur um Geld und Wirkung nach außen. Niemand fragt danach, warum Nani das Loch gegraben hat. Fakt ist nur: Sie hat es getan und jetzt muss Familie Boerne Geld bezahlen und das ist schlecht. Was Nani gemacht hat, ist also falsch gewesen, obwohl es sich so richtig angefühlt hat. Das einzig richtige war. Aber es war falsch.
Und zweitens, und das ist weitaus wichtiger: Nani hat sich für ihn geopfert. Hat ihn nicht verpfiffen, sondern die Schuld auf sich genommen und ihren Job verloren. Und er bewundert sie dafür. So will er auch mal sein.
Und er versteht, dass seine Eltern nicht immer recht haben. Dass es in einigen Situationen besser ist, nicht die ganze Wahrheit zu sagen. Und dass man damit manchmal mehr erreicht.
An diesem Tag lernt er eine wichtige Lektion. Das Leben ist nicht gerecht. Das versteht er damals zwar noch nicht, aber es beginnt in ihm zu arbeiten. Der Gedanke lässt ihn nicht mehr los, und Jahre später, als er schon wieder vergessen hat, was den Gedanken eigentlich ausgelöst hat, handelt er danach. Versteht, dass es manchmal einfach ungerecht ist, dass manchmal die falschen Sachen richtig und die richtigen Sachen falsch sind, und es beeinflusst sein ganzes Dasein.
Und obwohl er vielleicht über die Jahre verdrängt, was sie alles in ihm bewirkt hat – die Ratte vergisst er nicht.
