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Fandoms:
Relationships:
Characters:
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Language:
Deutsch
Stats:
Published:
2017-08-14
Completed:
2018-09-09
Words:
12,351
Chapters:
10/10
Comments:
9
Kudos:
18
Bookmarks:
1
Hits:
314

Blickwinkel

Summary:

Ein Wiedersehen nach Jahren. Anders, als erwartet. Aber anders ist nicht immer schlecht, nicht wahr?

Chapter Text

Suchend blickte John sich um und lief ein paar Schritte, während sich hinter ihm die Fahrstuhltüren schlossen. Er sah Sherlock am andere Ende des Ganges vor dem Eingang der Pathologie stehen – doch er war nicht allein. Ein eleganter Mann mit einem grauen, seine schmale Figur äußert vorteilhaft betonenden Anzug, einem strahlend weißen Hemd und kurzen, dunkelbraunen Haaren stand vor seinem Mitbewohner und unterhielt sich angeregt mit ihm. Während John noch überlegte, ob er die zwei stören durfte, legte der andere Mann seine Hände an Sherlocks Gesicht, strich sanft über seine Wangenknochen und durch die lockigen Haare. Anstatt die Berührung zu unterbinden stand sein Freund ruhig und entspannt da, mit geschlossenen Augen, als würde er die tastenden Bewegungen der fremden Finger geradezu genießen.

John schnappte nach Luft, machte auf dem Absatz kehrt und verbarg sich hinter einem Wäschewagen, der herrenlos in der Mitte des Flurs stand. Sein Herz pochte und er spürte, wie ihm die Röte ins Gesicht schoss. Hatte Sherlock ihn gesehen oder gar seinen entwürdigenden Fluchtversuch bemerkt? Ganz vorsichtig lugte er noch einmal um die Ecke des Wagens herum, in der Hoffnung, dass die beiden Männer ihn auf diese Entfernung nicht entdecken würden. Wie er schon bald feststellte, waren sie auch viel zu vertieft in ihr Gespräch, um überhaupt irgendetwas zu bemerken. Dennoch kam es ihm vor, als müsse man seinen pochenden Herzschlag meilenweit hören können. Wer war dieser gutaussehende Fremde mit dem leichten Bartschatten, der sich so angeregt mit seinem Mitbewohner unterhielt und ihn sogar dazu brachte, herzlich zu lachen, wie es nur ganz wenigen Menschen gelang? Warum hatte er diesen Mann, mit dem Sherlock einen so vertrauten Umgang pflegte, noch nie gesehen? Und vor allem: Warum machte ihm das so sehr zu schaffen? Selbst wenn er es gewagt hätte, das Gespräch der beiden zu unterbrechen, hatte ihn der eigentümliche Anblick, der sich ihm am anderen Ende des Flurs bot, so sehr aus der Bahn geworfen, dass er sich nicht einmal mehr erinnerte, warum er Sherlock ursprünglich hatte aufsuchen wollen. Kurz entschlossen flüchtete er sich in den engen Aufzug, um möglichst unbemerkt wieder verschwinden zu können.

„Du hast dich kaum verändert, Sherlock“, lächelte der Mann im Anzug und ließ die Finger ein letztes Mal durch die wirren Locken gleiten.

„Du dich auch nicht. Nun ja, abgesehen von dem Offensichtlichen.“

„Lust auf einen Kaffee?“

„Ja. Der Fahrstuhl ist fünfzig Schritte entfernt auf der linken Seite.“

„Hast du hier noch etwas zu tun oder können wir irgendwo anders hingehen?“

„Natürlich, wenn dir das lieber ist...“

„Mir ist es egal, aber ich habe das Gefühl, dass wir hier zu viel Aufmerksamkeit auf uns ziehen.“

Sherlock zuckte mit den Schultern.

„Lass die Leute doch reden, das ist das Einzige, was sie mit ihrem langweiligen Leben anfangen können.“

„Ich merke schon, deine Einstellung hat sich seit damals nicht geändert.“

Der Braunhaarige grinste verschmitzt, zog eine Sonnenbrille aus der Innentasche seines Jacketts und platzierte sie auf seiner Nasenspitze.

„Na los, lass uns gehen.“

*

„Ich möchte dir nicht zur Last fallen...“

„Das tust du nicht, Victor. Der Flug war anstrengend und ich habe nicht vor, dich heute noch durch die halbe Stadt laufen zu lassen, bis du bei deinem Hotel angekommen bist.“

„Ich bin durchaus in der Lage mir ein Taxi zu rufen, weißt du?“

„Davon bin ich überzeugt. Nichtsdestotrotz bestehe ich darauf, dass du heute bei mir übernachtest. Wir sind ohnehin gleich da.“

Die Türen der U-Bahn öffneten sich mit einem Zischen und die beiden Männer überwanden Arm in Arm den schmalen Spalt zwischen Zug und Bahnsteig.

„Und du bist dir sicher, dass es deinem Mitbewohner nichts ausmacht?“

Sherlock schnaubte amüsiert.

„John bringt ständig irgendwelche Frauen mit nach Hause, er ist so ziemlich der letzte Mensch auf Erden der sich beschweren darf, wenn ich auch einmal einen Gast beherberge. Im Übrigen läuft der Mietvertrag auf meinen Namen, er ist also genaugenommen nur mein Untermieter.“

„Nur das?“

Ein leichtes Lächeln umspielte Victors Lippen und ließ Sherlock die Augen verdrehen.

„Du kennst mich.“

„Besser als jeder andere.“

„Eben.“

„Halt die Klappe und komm mit. Vorsicht, Stufe.“

„Sherlock, ich bin kein kleines Kind.“

„'Tschuldigung.“

Rasch ließ er den Arm des anderen Mannes los, griff stattdessen nach dem Handlauf und rückte ein Stück weit nach rechts. Noch bevor er sich weitere Gedanken darüber machen konnte, ob er seinen Begleiter vorwarnen sollte, hatte dieser bereits mit einem großzügigen Schritt das Ende der Rolltreppe überwunden.

Nachdem sie die Zugangssperre überwunden hatten, stürmte Sherlock bereits in die altbekannte Richtung voran, bis er hörte, wie hinter ihm jemand seinen Namen rief. Ganz selbstverständlich war er davon ausgegangen, dass Victor ihm folgen würde und erst jetzt wurde ihm bewusst, dass der andere Mann seit mehreren Jahren nicht mehr in London gewesen war und vermutlich auch nicht wusste, dass er, Sherlock, mittlerweile nicht mehr in der Montague Street lebte. Den Kopf über seine eigene Unzulänglichkeit schüttelnd kehrte er um und hakte sich bei seinem Begleiter unter.

„Werden deine Nachbarn nicht reden, wenn sie uns so sehen?“

Ein hämisches und zugleich stolzes Lächeln umspielte die Lippen des Lockenkopfes.

„Das tun sie doch immer.“