Chapter Text
Als das nervtötende Geräusch der Schulglocke den Beginn des Nachmittagsunterrichts erklärt, seufzt Atemu Amun zum wiederholten Male tief auf. Warum er so früh hier erscheinen sollte, bleibt ihm ein Rätsel.
Gelangweilt schlägt er seine Beine übereinander und tippt mit seiner rechten Hand auf seinem Bein herum. Es wäre Atemu viel lieber gewesen, wenn er erst später hier auftauchen hätte müssen. Doch nun sitzt er hier herum und langweilt sich, während der Direktor nicht einmal kurz fünf Minuten Zeit für ihn findet.
Gedankenverloren blickt er aus dem gegenüberliegen Fenster des Sekretariats und wartet ungeduldig, dass etwas geschieht. Nicht einmal die Sekretärin hatte Zeit für ihn gehabt und war nahezu direkt aus dem Raum gestürmt, als er eingetreten war und bisher noch nicht wieder aufgetaucht.
Der Sekundenzeiger der großen Wanduhr bewegt sich schleichend langsam und mit jeder verstreichenden Sekunde wird Atemu ungeduldiger. Er wäre schon beinahe aufgestanden und gegangen, wenn sich nicht plötzlich die Tür zum Sekretariat geöffnet hätte. Doch anders als erwartet, ist es nicht der Direktor, der ihn zu sich ins Büro holen will, sondern die Sekretärin, die einen Jungen am Arm gepackt hinter sich herzieht.
Dem wütenden Gesichtsausdruck der Sekretärin zu Folge, scheint der Junge in ziemlichen Ärger zu stecken. Nachdrücklich drückt sie den Jungen auf den freien Stuhl neben Atemu und gibt ihm im strengen Ton befehl, sitzen zu bleiben. Doch als der Junge nichts darauf zu erwidern scheint, wagt Atemu einen genaueren Seitenblick auf ihn. Sofort fallen ihm die amethystfarbenen Augen auf, welche die Sekretärin völlig unschuldig ansehen, als hätte er nie etwas getan. Seine schwarzgefärbten Haare stehen chaotisch zu allen Seiten, während ihm einige wenige blonde Strähnen ins Gesicht fallen.
Als Atemu seinen Blick wieder zu der Sekretärin wandern lässt, muss er sich ein kleines Grinsen unterdrücken. Erwidert diese den unschuldigen Blick doch völlig empört und mit hochrotem Kopf.
Der Größe des Jungen nach zu urteilen ist dieser vermutlich im ersten Jahr der Oberschule und da heute der erste Tag im neuen Schuljahr ist, ist es eher wenig verwunderlich, dass die Sekretärin so empört ist, wenn der Junge schon an seinem ersten Schultag Mist baut.
Nur schwer kann sich Atemu ein leises Kichern unterdrücken, als jedoch nun ein langer Vortrag über Respekt und Benimmregeln an der Schule folgt, beschließt Atemu die Sekretärin lieber nicht zu verärgern. Da er so einen Vortrag besser nicht am eigenem Leibe erfahren will.
Nach einem langen, einseitigen Vortrag, der sich schier unendlich lang erstreckt, wendet sich die Sekretärin wieder Atemu zu. „Atemu, Schätzchen. Hatte der Direktor etwa noch immer keine Zeit für dich? Warte mal einen Augenblick, ich gehe mal rüber und frage eben, was da so lange dauert.“ Ihre plötzlich sanften Worte stehen so im Kontrast zu ihrem eben sehr aufgebracht dargelegtem Vortrag, dass Atemu reflexartig scharf Luft einatmen muss.
Mit einem überraschten Gesichtsausdruck blickt er der Sekretärin nach, die sich wieder umgedreht und schon fast den Raum verlassen hat.
Als die Tür in Schloss fällt, hört Atemu ein leises Kichern neben sich. Noch immer völlig verwundert erhascht er einen Blick auf den kleinen Jungen neben sich. Als sich jedoch ihre Blicke für einen kurzen Moment treffen, wendet der Andere sich schnell wieder ab und blickt schüchtern zu Boden.
„Warum lachst du?“ Schlagartig verstummt das leise Lachen, weshalb sich Atemu sichtlich irritiert fragt, ob er irgendeinen Witz verpasst hat. „E-Entschuldige! I-Ich wollte nicht lachen.“ Als er den beschämt gesenkten Blick des Anderen bemerkt, ist Atemu völlig verwirrt und überfordert. Wieso entschuldigt er sich denn jetzt? Und vor allem macht dieser Junge immer weniger den Eindruck, dass dieser direkt an seinem ersten Tag Unfug anstellen würde. Doch welchen Grund hätte die Sekretärin denn sonst, völlig außer sich zu sein?
Ohne den Blick von dem Jungen zu nehmen, bringt Atemu schließlich eine Antwort hervor.„Ich...uhm...Du musst dich doch nicht entschuldigen. Ich war nur neugierig.... und verwirrt muss ich zugeben.“ Es dauert eine Weile, doch dann hebt der Junge wieder seinen Blick und sieht ihm vollkommen verunsichert in die Augen. „D-Du bist mir nicht böse?“ Schnell schüttelt Atemu zur Antwort seinen Kopf. „Nein, wieso denn auch?“
Als er das erleichterte schwache Lächeln auf den Lippen des Jungen sieht, seufzt Atemu innerlich ebenfalls erleichtert auf und lässt seine Stimme nun etwas sanfter klingen, will er den Jungen doch nicht noch weiter verunsichern. „Also, verrätst du mir denn, weshalb du lachen musstest?“
Möglichst freundlich blickt er dem Kleineren in die Augen und versucht Blickkontakt zu halten, was sich allerdings als äußerst schwierig erweist, wandern die Augen des Anderen doch nur wild durch die Gegend und bleiben maximal für eine Sekunde an den seinen hängen.
„Naja, also. Du bist wohl nicht so oft hier?“, obwohl es scheinbar eine Feststellung sein soll, lässt es der Junge wie eine Frage klingen, weshalb Atemu zur Bestätigung den Kopf schüttelt. „Ich kenne Frau Kimochi schon etwas länger und bin ihre starken Stimmungswechsel gewohnt. Es ist aber immer wieder witzig, andere dabei zu beobachten, wie sie über den Stimmungswechsel staunen.“ „Frau Kimochi? Also die Sekretärin?“
„Ja, genau die Sekretärin“ beginnt der Junge, unterbricht sich jedoch um Atemu genauer zu mustern. „Du bist wohl wirklich sehr selten hier.“ Wieder muss der Junge leise kichern, als Atemu ihn verdutzt anblickt. „Moment mal. Heißt das etwa, du bist öfters hier? Bist du etwa nicht im ersten Jahr?“
Daraufhin erntet Atemu einen empörten Blick des Anderen. „Nein! Ich bin nur etwas kleiner. Also wirklich!“ Als der Kleine nun beleidigt seine Arme vor der Brust verschränkt und seinen Blick vollständig abwendet, wirft Atemu ihm schnell einen entschuldigenden Blick zu. Da der Andere ihn allerdings nicht sehen kann, fährt er sich verlegen mit einer Hand durch die Haare ehe er zu einer Antwort ansetzt. „Tut mir leid. Das habe ich nicht so gemeint.“ Doch da der Junge nicht darauf reagiert, fährt Atemu einfach fort. „Ich bin übrigens Atemu.“ Da der Kleinere ihm darauf wieder den Blick zuwendet, lächelt er ihn freundlich an.
„I-Ich bin Y-Yugi.“, antwortet der Junge nach einer langen Pause und mit einem Schlag wieder völlig verunsichert. Irritiert über das wechselhafte Verhalten des Jungen will Atemu schon etwas erwidern, als die Tür sich öffnet und ihn die Sekretärin in seinem Vorhaben unterbricht. „Der Direktor hätte jetzt Zeit für dich, Atemu. Er wartet im Nebenraum. Die nächste Tür rechts.“ Freundlich bedankt er sich bei Frau Kimochi ehe er den Raum verlässt. Hatte er doch beinahe vergessen, weshalb er überhaupt hier ist.
An die Tür klopfend wartet Atemu darauf hineingebeten zu werden und tritt dann zögerlich in das kleine Büro ein. Hinter dem Schreibtisch sitzt ihm der Direktor gegenüber. Die Hände ineinander verschränkt und auf dem Schreibtisch liegend sieht er Atemu durchdringend an, als würde er allein durch diesen einen Blick alles über ihn erfahren können. Sich etwas unwohl fühlend wendet Atemu sich ab und lässt seinen Blick durch das üppige Büro wandern.
„Verzeihung, dass ich Sie solange warten ließ, Herr Amun. Aber mir ist etwas wichtiges dazwischen gekommen, was ich zuvor noch erledigen musste.“, erklärt sich der Direktor im gemächlichen Ton, während er sich in seinem Stuhl zurücklehnt. Nicht wirklich wissend, was er darauf antworten soll, nickt Atemu, um seinerseits Verständnis zu zeigen.
„Nun, da Sie die neuen Schulbücher erhalten haben, muss ich Ihnen nur noch diese wenigen Dokumente hier überreichen.“ Während der Direktor mit einer Hand seine Brille auf seiner Nase zurechtrückt, überreicht er mit der Anderen Atemu einige Zettel. „Ich erwarte Sie ab Morgen rechtzeitig zum Unterricht. Ihren Dokumenten können Sie alles weitere entnehmen und nun bitte ich Sie mein Büro wieder zu verlassen. Ich muss mich noch um andere Dinge kümmern.“ Ohne Atemu weiter zu beachten, widmet er seine Aufmerksamkeit wieder seinem Schreibtisch, der vollkommen von Papierkram bedeckt wird.
Leise murrend geht Atemu den Schulgang entlang, nachdem er das Büro des Direktors verlassen hat. Dafür hat ihn der Direktor länger als eine Stunde warten lassen? Die Schule hinterlässt direkt zu Beginn einen eher mäßigen Eindruck.
Resigniert seufzend lässt Atemu einen Blick zu der Schuluhr wandern und beschließt auf dem Weg nach Hause zuvor einkaufen zu gehen, damit er für seine Mum noch ein schmackhaftes Essen kochen kann, bevor sie aufwacht.
Während Atemu die Läden in der Innenstadt durchstöbert, steht Yugi sichtlich nervös vor dem Direktor und spielt mit dem Saum seines Oberteils, um dessen strengen Blick zu entgehen.
Laut aufseufzend deutet der Direktor Yugi an, Platz zu nehmen. Nach kurzem Zögern kommt Yugi der Aufforderung nach und setzt sich auf den vorderen Rand des Stuhls.
„Yugi. Ich denke mal, du weißt warum du mal wieder hier sitzt?“ Der Direktor macht eine kleine Pause, bevor er weiterredet in der er Yugi genaustens mustert und auf ein bestätigendes Nicken wartet. „Das ist aber nicht der einzige Grund. Hauptsächlich geht es um Frau Haru, deine Schultherapeutin.“ Wieder lässt der Direktor eine kleine Pause, in der er auf die volle Aufmerksamkeit des Jungen vor ihm wartet. Als dieser endlich aufblickt, sieht der Direktor ihm ernst ins Gesicht. „Frau Haru wird sich versetzten lassen. Das bedeutet, dass du dir einen außerschulischen Therapeuten suchen solltest. Ich habe darüber auch schon mit deinem Großvater gesprochen und ihm einen guten Therapeuten empfohlen. Da dein Großvater damals den Antrag für deine therapeutische Betreuung eingereicht hat, bin ich dafür verantwortlich, dass dir mindestens ein Schulpsychologe zur Verfügung steht. Allerdings haben wir noch keinen weiteren Bewerber gefunden, daher wirst du für die nächste zeit in die Obhut von Herrn Shinrai, einem professionellen Psychologen gehen.
Was die Kosten angeht, habe ich schon mit Herrn Muto ausführlich gesprochen und müsst euch darum zunächst keine Sorgen machen.“
Nachdem er das wichtigste Ausgesprochen hat, atmet der Direktor tief ein und schaut seinen Schüler abwartend an, ob dieser noch Fragen stellen will.
Tatsächlich ist Yugi mehr als überrascht. Frau Haru ist immer so lieb und nett zu ihm gewesen, obwohl sie über alles Bescheid wusste und nun ist sie weg. Sie ist die einzige Person gewesen, der er sich geöffnet hat, die fast alles über ihn wusste und fast so etwas wie eine Freundin für ihn gewesen ist. Dass sie jetzt weg ist, konnte ja nur einen Grund haben. Traurig blickt er zu dem Direktor und spürt schon die ersten Tränen in seinen Augen. „Hasst Frau Haru mich?“, bringt Yugi schließlich schluchzend hervor. Dicke Tränen bahnen sich ihren Weg über seine Wangen, die er eilig mit dem Ärmel davon wischt.
Durch die Tränen alarmiert steht der Direktor auf, geht um seinen Schreibtisch herum und geht vor Yugi in die Knie. Sanft legt er ihm einen Arm auf die Schulter. „Nein, natürlich hasst sie dich nicht. Sie hatte bestimmt einen guten Grund für ihren Wechsel.“
Tröstend streicht der Direktor immer wieder über die Schulter des Jungen, während er innerlich am Verzweifeln ist. Er weiß einfach nie genau, wie er mit diesem Jungen umzugehen hat.
Als er damals den Antrag gelesen hatte, hatte ihn sein gutes Herz zustimmen lassen. Hätte er damals gewusst, wie anstrengend dieser Junge sein kann, hätte er vermutlich nie zugestimmt.
Yugi ist sich ziemlich sicher, dass der Direktor ihn belügt. Frau Haru wollte sicher nichts mehr mit ihm zu tun haben, denn sonst hätte sie ihm doch vorher bescheid gegeben oder sich zumindest verabschiedet. Doch da Yugi es gewohnt ist belogen zu werden, schafft er es nach relativ kurzer Zeit sich wieder zu beruhigen. Als er in das Gesicht des Direktors blickt, glaubt er für einen kurzen Moment Erleichterung zu sehen, doch wird seine Miene wieder ernst, als er Yugi wieder streng in die Augen blickt. „Ich denke, du gehst für heute besser nach hause. Aber ich erwarte, dass du Morgen nach dem Unterricht länger bleibst und deine Sauerei wieder in Ordnung bringst. Hast du mich verstanden?“
Obwohl doch der Direktor genau weiß, dass nicht Yugi für diese Sauerei verantwortlich ist, nickt dieser nur bestätigend. Sieht er doch genau, dass der Direktor diesmal keine Widerrede duldet.
Geduldig hatte Yugi im Sekretariat auf seinen Großvater gewartet, der ihn schließlich abgeholt hat. Doch entgegen seiner Erwartung nach Hause gebracht zu werden, hält sein Großvater vor einem fremden Haus an. „Was wollen wir hier Großvater?“ „Nun, der Direktor hat doch mit dir darüber geredet und ich dachte mir, dass wir uns den neuen Therapeuten mal anschauen. Was meinst du?“
Enttäuscht und ein wenig beleidigt, dass sein Großvater ihm nicht vorher Bescheid geben konnte, verschränkt er seine Arme vor der Brust. „Keine Lust!“ „Yugi, wir werden nur kurz mit ihm reden und ihm deine Akte überreichen. Vielleicht stellt er ein paar Fragen, aber wir können auch jederzeit gehen, wenn du willst. Nur lass uns erstmal vorstellen.“, liebevoll lächelt er seinen Enkel an um ihn so zu überreden, ehe er den Motor des Autos abstellt.
Als er sieht, dass sich die Züge seines Enkels entspannen, steigt er gemächlich aus dem Auto. „Na, komm.“
Widerwillig steigt Yugi aus dem Auto und folgt seinem Großvater, noch immer seine Arme abwehrend vor seiner Brust verschränkt. Sicherlich wird es Yugi dem Typen nicht so einfach machen, wie der Frau Haru. Der wird ihn doch ebenso einfach fallen lassen.
Während sie die kleinen Stufen zu der Praxis von diesem Herrn Shinrai hinaufsteigen, baut Yugi seinen mentalen Schutzwall auf und nimmt wieder eine abwehrende Haltung ein, damit dieser Psychologe direkt weiß, woran er ist.
„Guten Tag Herr Muto.“ Freundlich reicht Herr Shinrai seinem Großvater die Hand, ehe er sich zu Yugi wendet und sich leicht zu ihm herunter beugt. „Und du musst Yugi sein.“ Noch immer die Arme schützend vor der Brust verschränkt wendet sich Yugi ab und denkt nicht mal daran, die ausgestreckte Hand des Psychologen zu ergreifen. Aus den Augenwinkeln kann Yugi deutlich erkennen, wie Herr Shinrai seinem Großvater einen fragenden Blick zuwirft.
Da ihm Herr Muto scheinbar keine Auskunft für das Verhalten seines neusten Patienten geben will, wendet sich Herr Shinrai einfach ab und deutet allen sich erstmal zu setzen. Als die Beiden im Wartezimmer gewartet haben, war Herr Shinrai zwischenzeitlich die Akte des Jungen durchgegangen, welche allerdings weniger professionell und umfangreich ist, als er erwartet hat. Aber da die Schule meistens nicht die best ausgebildetsten Psychologen anstellt, wundert ihn das eher weniger. Nur wirft die Akte einige Fragen auf, die er gern gleich beantwortet hätte, um einen genaueren Eindruck von dem Jungen zu erhalten.
Auch wenn ihm die abweisende Haltung Yugis aufgefallen ist, wendet er sich jetzt ausschließlich ihm zu. Da er weiß, dass die Beziehung zwischen dem Patienten mit seinem Therapeuten von großer Bedeutung in dessen Behandlungsprozess ist, ist es für ihn auch nicht überraschend, dass sich Yugi so verhält.
„Also Yugi, wie geht es dir denn?“ Mit einem zunächst harmlosen Einstieg, versucht er Yugi zum Reden zu bringen. „Gut.“, kam es lediglich von Yugi, der gar nicht daran denkt, mehr als nötig zu sagen.
„Ehrlich? Der Direktor sagte mir, dass du sehr traurig warst, als du erfahren hast, dass Frau Haru dich nicht länger betreut.“ Aus den Augenwinkeln beobachtet er den Großvater des Jungen, der sich allerdings bisher nicht gerührt hat. Am liebsten würde er ihn hinaus schicken, spricht er doch lieber mit den Patienten unter vier Augen, doch hat Herr Muto darauf bestanden heute dabei zu sein, um sich selbst einen Eindruck machen zu können.
Mehr als genervt, dass der Direktor ihm von seinen kleinen Ausbruch in dessen Büro erzählt hat, wirft er dem Psychologen einen wütenden Blick zu. „Der Direktor hat halt keine Ahnung.“ „Also vermisst du Frau Haru nicht?“, springt Herr Shinrai gleich darauf an. „Nein! Sicher nicht! Wieso denn auch, die hat mir ja nicht einmal Bescheid gegeben, oder sich verabschiedet!“ Enttäuscht und vor Wut über sich selbst beißt Yugi sich auf die Lippe. Er hatte doch eigentlich gar nicht so viel sagen wollen.
Innerlich grinsend, da er genau weiß, wie sich der Junge ködern lässt, lehnt sich Herr Shinrai entspannt in seinem Sessel zurück. „War sie denn nicht deine Freundin?“ „Nein, das war sie ganz sicher nicht! Ich habe nur einen Freund! Und ich will auch sonst keinen anderen haben!“ Aufmerksam beobachtet Herr Shinrai jede Regung seines Patienten. Darf er ihn doch nicht zu sehr reizen, weshalb er jetzt seine Fragen in die eigentliche Richtung lenkt. „Dein Freund Yami?“ Möglichst ruhig lässt er seine Stimme klingen, damit sich der Junge wieder leicht beruhigen kann.
„Ja, Yami.“ Die Stimme des Jungen ist plötzlich nur noch ein leises unverständliches Flüstern, während er seinen Blick abwendet.
Yugi ist es wieder einmal extrem unangenehm zu gestehen, dass Yami sein bester und einziger Freund ist, dem er wirklich vertraut. Haben die Anderen ihn doch immer ausgelacht oder ihn als Freak bezeichnet, wenn er sich irgendwem anvertraut hatte. Als es für einen Augenblick still ist, in der wohl Herr Shinrai wartet, dass er weiter erzählt, hört Yugi wie ein Kugelschreiber über irgendein Papier bewegt wird. Scheinbar macht sich der Kerl Notizen über ihn.
Unauffällig schielt er zu dem Therapeuten, doch als er keinerlei Abscheu in dessen Augen sehen kann, wagt Yugi sogar etwas mehr zu erzählen. „Er ist außerdem mein Zwillingsbruder. Aber er ist nur manchmal da.“ Yugi spürt den musternden Blick des Anderen, weshalb er sich wieder leicht wegdreht. „Wie fühlst du dich denn, wenn er da ist?“ „Glücklich! Immerhin ist er mein Bruder und ihm kann ich alles anvertrauen.“
Skeptisch beobachtet Herr Shinrai den Jungen vor sich. Tatsächlich, das was in den Akten steht entspricht der Wahrheit. Dieser Junge scheint ein spezieller Fall zu sein. Seine bisherigen Patienten, fürchteten sich meist vor den fremden Stimmen in ihrem Inneren. Doch dieser hier scheint sie mit seinem Bruder in Verbindung zu bringen. „Und wie fühlst du dich, wenn er nicht da ist?“
„Einsam.“ Wieder notiert er die Antwort und die Reaktion des Jungen in seinem Notizheft. Erscheint ihm die Reaktion des Jungen doch ehrlich, auch wenn sie nicht ganz dem entspricht, was er normalerweise erwartet hatte.
Ein wenig aufgewühlt und verwirrt darüber, wie schnell er sich doch dem Therapeuten anvertraut hat, obwohl er das doch gar nicht wollte, hört er plötzlich wieder die bekannte Stimme neben sich. Unter dem wachsamen Blick des Therapeuten dreht er sich unauffällig zur Seite, um seinen Freund sehen zu können.
'Yugi. Habe ich dir nicht gesagt, dass du Anderen nicht so schnell vertrauen sollst? Du wirst doch nur wieder verletzt!' Da Yugi nicht will, dass der Therapeut bemerkt, dass Yami neben ihm steht, nickt er nur leicht mit dem Kopf, um Yami zu zeigen, dass er versteht.
Wieder hört Yugi den Kugelschreiber über das Papier fliegen, doch wendet er sich erst wieder von Yami ab, als der Therapeut ihn erneut anspricht.
„Also würdest du nicht wollen, dass Yami verschwindet und nie wieder kommt?“ Kaum hat er den Satz ausgesprochen, hört er wie Herr Muto scharf einatmet. Als er das blasse Gesicht seines Patienten sieht, bemerkt er, dass er scheinbar einen Fehler gemacht hat. Doch ehe er noch etwas ergänzen kann, ist Yugi von seinem Stuhl aufgesprungen und schreit ihm förmlich ins Gesicht. „Wieso sollte ich das wollen?! Er ist mein Bruder! Würden Sie etwa wollen, dass ihr Bruder stirbt?!“
Erschrocken über den Ausbruch des Jungen versucht Herr Shinrai die Situation zu retten. „Nein, natürlich nicht. Es tut mir leid, so meinte ich das nicht.“ Obwohl in den Unterlagen deutlich steht, dass Yugi auf den Tod seines Zwillingsbruder nicht gut zu sprechen ist, hat er es versehentlich direkt in ihrer ersten Stunde zur Sprache gebracht. Sich innerlich für seinen Fehler an den Kopf schlagend, blickt er entschuldigend zu Yugi, der aber seltsamerweise wieder vollkommen ruhig auf seinem Stuhl sitzt. Irritiert blickt er in das Gesicht des Jungen, hatte er doch nicht erwartet, dass dieser sich so schnell beruhigen wird. Doch als er zum Sprechen ansetzt, unterbricht ihn die emotionslose Stimme Yugis, die mit einem Mal bekannt und doch völlig fremd erscheint.
„Wenn Sie erwarten, dass wir noch irgendetwas sagen, haben Sie sich geirrt. Wir wussten von Anfang an, dass Sie uns verletzten und wir gehen jetzt!“ Als Sugoroku diese Worte von seinem Enkel hört, springt er alarmiert auf, doch ist Yugi bereits aus dem Raum gestürmt, sodass er nun alleine mit dem Therapeuten bleibt, der ihn völlig verdutzt ansieht. Ergeben seuftzt er kurz, ehe er sich Herrn Shinrai zuwendet und ihm die Lage erklärt.
Yugi wird sicher am Auto auf ihn warten, während er sich möglichst schnell um Herrn Shinrai kümmert.
'Ich habe dir doch gesagt, dass er dich verletzten wird, Yugi.' Schuldbewusst blickt Yugi zu Yami, der neben ihm am Auto lehnt.
„Ja, ich weiß. Es tut mir leid. Ich wollte ihm eigentlich auch gar nichts sagen. Aber...“, versucht sich Yugi zu erklären, doch Yami schneidet ihm einfach das Wort ab.
'Du bist zu leicht zu durchschauen, Yugi. Du musst besser achtgeben. Ich bin nicht immer da, um auf dich aufzupassen.'
„Ja, Yami es tut mir ja leid.“ Verlegen senkt er seinen Blick, da es ihm peinlich ist, dass er sich so leicht hat manipulieren lassen. Gerade als er noch etwas sagen will, taucht sein Großvater neben ihm auf und öffnet das Auto.
Schweigend verbringen sie die Fahrt nach Hause, da Sugoroku weiß, dass er seinen Enkel jetzt besser in Ruhe lassen sollte.
So kommt es, dass sich Yugi direkt in sein Zimmer zurück zieht und nur zum Abendessen erscheint, wobei er seinem Großvater gleich erklärt, dass er Morgen später nach Hause kommen wird, da er noch extra Arbeit zu erledigen habe. Da Sugoroku genau weiß, was sich hinter der sogenannten 'extra Arbeit' versteckt, nickt er nur verstehend, ehe sich sein Enkel für den Rest des Abends wieder auf sein Zimmer verzieht.
