Chapter Text
Tell me is something eluding you, sunshine?
Is this not what you expected to see?
If you wanna find out what’s behind these cold eyes
You’ll just have to claw your way through this disguise.
Pink Floyd – The Wall: In the Flesh?
Der Chef hatte Hotel California von den Eagles aufgelegt. Lea konnte das Radio aus dem Labor durch die gekippten Fenster der Kellerräume gut hören, hier draußen, im abgegrenzten Hinterhof der alten Fabrik. Sie sah nach oben, in den Abendhimmel. Halb 9 und noch hell. Der Himmel türkisblau, rosarote Streifen, verwaschene Schlieren.
Lea zog tief an ihrer Zigarette und blickte in den beruhigenden Abendhimmel hinauf. Sie hätte wahrscheinlich schon vor zwei Stunden Feierabend machen können. Einatmen. Rotes Glühen am Ende der Zigarette. Ausatmen. Heller Rauch, von ihren Lippen in den Abenddunst emporsteigend.
Das ist schlecht für dich.
Sie lächelte. Sah zu Boden, ein wenig ertappt; warf die Zigarette zwischen ihre Schuhe und trat sie aus. Sah noch einmal in den Himmel empor; drehte sich um und ging wieder hinein.
Sie sah sich die Auswertungen der Proben an, die sie vor ein paar Tagen zur Analyse bekommen hatte. Keine Anomalien. Gutes, gesundes Gewebe. Hochdichte chemische Zusammensetzung. Sie unterstrich trotzdem zwei Werte, die ihr nicht völlig gefielen, tütete die Resultate ein und füllte den Schein für die Biochemie aus, um die relevanten Proben nochmals prüfen zu lassen. Dann fand sie auf ihrem Schreibtisch nichts mehr zu tun, das wenigstens halbwegs dringend und gleichzeitig interessant gewesen wäre. Sie drückte zunächst unschlüssig auf ihrem Kugelschreiber herum, richtete sich dann auf, streckte ihren Rücken durch, seufzte und steckte den Stift in ihre Kitteltasche. Dann steuerte sie die Bürotür an und warf sie hinter sich ins Schloss.
„Hey, Lea! Noch hier?“
„Hey“ Sie hob die Hand müde und unbestimmt, die andre in ihrer Kitteltasche verstaut. Luci gesellte sich zu ihr, den Arm mit einem Stapel Klemmbrettern beladen. „Wie sehen die Berichte aus?“
„Keine Abweichungen.“
Lea hielt am Getränkeautomaten und kramte in ihren Kitteltaschen nach Kleingeld. „Nachtschicht?“
„Die ganze Woche. Du?“
Lea zuckte die Schultern, zählte die Münzen ab und warf sie in den Schlitz. Ihr Finger fuhr suchend über die Tasten. „Wenn mich der Chef nicht bei sich wohnen ließe, würde ich mir einen Schlafsack ins Büro legen.“
„Krieg das jetzt bitte nicht in den falschen Hals, aber du brauchst ein Hobby.“
„Zum Beispiel?“ Sie drückte auf die Ziffernkombination für die Cola und sah der Mechanik dabei zu, wie sie die Dose in das Ausgabefach schupste.
„Häkeln. Lesen. Jungs.“
„Jungs“, lachte sie, bückte sich und nahm ihre Cola aus dem Fach. Sie öffnete die Dose und trank einen großen Schluck, wandte sich im Trinken zu Luci um, um mit ihr weiterzugehen. Sie begegnete Lucis Blick und setzte die Dose ab. „Oh! Das war eine Überleitung!“
„Du bist wirklich schon zu lange hier.“
„Chemische Dämpfe.“
„Schlechtes Halo-Licht.“
„Miese Witze vom Chef.“
„Seltsame Geräusche aus dem Labor.“
„Na, das ist nur das Radio.“
Die beiden Frauen lachten, müde, resigniert, und nahmen die Ecke zur Rezeption. Das Gebäude war katastrophal aufgebaut. Eigentlich war es eine Lagerhalle, um semantisch korrekt zu bleiben, ein alter Industriebunker, in dem man in kürzester Zeit viel zu viel Geld gepumpt, ein paar Wände zusätzlich hochgezogen und ein Labor eingerichtet hatte. Die Rezeption war da, wo sie sein sollte, beim Haupteingang, aber Leas Untersuchungslabor lag abseits der biochemischen Abteilung, für die sie eigentlich zuständig war; das Hauptlabor lag im Keller, die übrigen Mitarbeiter waren dorthin verteilt, wo gerade Platz gewesen war. Sie hatten den modernsten Scheiß an Technik in dieser Lagerhalle, aber es sah nun mal aus wie eine L a g e r h a l l e und nicht wie ein Hightech-Labor. Der Chef machte Witze und sprach von seiner Konservenfabrik. Für sie alle hieß das Gebäude lediglich ‚die Fabrik‘, obwohl hier drin mit Sicherheit nie etwas hergestellt worden war. Lea regten die langen, unnötigen Gänge zwischen Abteilungen auf, die es im Grunde nicht gab. Da saß die Rechnungsstelle bei den Technikern im Zimmer und die Verwaltung auf gleicher Ebene mit den Labors. Nach einem Jahr wusste sie immerhin, wo die Lady saß, die alle paar Monate ihre Vertragsverlängerung weiterleitete.
Luci legte ihre Klemmbretter auf der Theke der Rezeption ab, hinter die sie trat. „Also, Jungs“, sagte Lea und lehnte sich mit ihrer Coladose in der Hand über die Theke.
„Also“ Luci sah zu ihr hoch und sie wurde rot, wie sie es immer wurde, wenn ihr etwas unangenehm war. „Ich hab da – theoretisch – morgen Abend dieses Date. Und – theoretisch – bist du sowieso die halbe Nacht hier. Und – “
„Theoretisch könnte ich ja also deine Schicht übernehmen.“
Luci kaute auf ihrer Unterlippe und trat von einem Fuß auf den andren. „Wäre das ok?“
„Wer ist denn der Wunderjunge?“ Sie nippte an ihrer Cola und beobachtete ihre Kollegin. Sie fand ihre Verlegenheit süß. Nur weil sie selbst kein Privatleben hatte, musste das nicht für jeden anderen gelten. Natürlich war es als Frau nicht einfach, sich in diesem Projekt zu behaupten. Der Überschuss an Männern war erheblich, wie üblich in der Genetik und der Molekularbiologie. Lea arbeitete doppelt so lange und doppelt so hart wie jeder ihrer männlichen Kollegen, um sich nicht den Vorwurf gefallen lassen zu müssen, eigentlich keine Ahnung von dem zu haben, was sie hier tat. Das war vielleicht auch der einzige Grund, weswegen sie für die Verschwiegenheitsklausel des Projekts dankbar sein konnte. Denn streng genommen hatte niemand in der Fabrik wirklich eine Ahnung von dem, was sie hier taten.
„Ein Pokémon-Trainer.“
„Nicht dein Ernst.“
Luci rümpfte die Nase. „Wieso nicht?“
„Du hast doch was Besseres verdient als einen rumstreunenden Tunichtgut.“
„Also“ Luci lächelte süffisant und lehnte sich von ihrer Seite an die Theke, Ellbogen an Ellbogen mit Lea. „Soweit ich weiß, werte Frau Kollegin, waren Sie in Ihren jungen Jahren auch Trainer.“
Lea sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. Sie empfand nicht, dass sie ihre jungen Jahre schon hinter sich hatte. „Schon. Aber irgendwann muss man auch mal was mit Substanz machen. Das muss sich immerhin auch finanzieren.“ Luci sah sie flehend an. Lea gab sich einen Ruck: „Also – was trainiert dein Trainer denn?“
„Feuer-Pokémon.“
„Oho, dann verbrenn dich morgen Abend bei deinem Date mal lieber nicht.“ Lea grinste und Luci quietschte vor Freude.
„Du hast was gut bei mir!“
„Glaub mir, das weiß ich. Was muss ich hier also tun?“
„So gut wie nichts. Nachtschicht an der Rezeption bedeutet, dass du der einzige Laborant im Haus bist. Lass es trotzdem niemanden wissen.“
„Du meinst, weil ein Chef-Laborant nicht die Arbeit einer Laborassistenz machen sollte?“
„Ja, zum Beispiel, und weil das hier gegen sämtliche Sicherheitsprotokolle verstößt, die ich bei meiner Einstellung unterschrieben habe.“
Lea schnaufte. Sie erinnerte sich an den Packen Papier, den man ihr bei ihrer Einstellung zum Unterzeichnen gegeben hatte. Wie sie in ihren ersten Wochen penibel auf jeden Dreck geachtet hatte. Alles vermerkt, alles aufgeschrieben. Irgendwann hatte sie festgestellt, dass sich nicht mal der Chef an das Protokoll hielt. Es passierte einfach nichts. Der Job war bombensicher. Geradezu langweilig. „Also, was tu ich hier?“
„Du sitzt hier“, Luci ließ sich auf ihren Drehstuhl fallen, „liest einen Schundroman“, sie zog ein Exemplar aus der Schublade raus und blätterte demonstrativ darin herum „und zeichnest eingehende Anrufe auf. Manchmal arbeitet noch jemand im Labor und schickt Testresultate hoch, die versiegelt und weitergeleitet werden müssen. Und du überwachst den Monitor des Hauptlabors.“
„Monitorüberwachung?“
Luci winkte ab, schüttelte hämisch den Kopf und zeigte Lea hinter der Theke eine Steuerkonsole. „Das grüne Licht hier heißt: ‚Alles in Ordnung‘.“
„Und wenn’s nicht mehr Grün ist?“
„Dann macht es ein ‚GNÄG‘ – hat mir der Chef so vorgemacht – und die Lampe hier daneben wird rot. Ich selber habe das noch n i e gesehen, aber sollte es passieren, was es nicht wird, greift das Sicherheitsprotokoll.“
„Sicherheitsprotokoll?“
Luci zog ein auf einem Klemmbrett gespanntes, eng beschriebenes Papier hervor. „Schritt für Schritt-Befolgung dieser Liste.“
Lea überflog die Liste. „Alles klar. Krieg ich hin.“ Sie sah hoch. „Ich geh jetzt schlafen. Hab morgen ja ’ne lange Nacht vor mir.“
„Du bist eine Lebensretterin!“
Lea lächelte. „Ich weiß.“
Sie ging zu den Garderobenräumen, hängte ihren Laborkittel in den Spint und nahm ihre Jacke heraus. Sie packte Zigaretten und Schlüssel in die Jackentaschen, warf sie sich um die Schultern und verließ das Gebäude, noch im letzten Abendlicht. Sie hatte nicht weit. Sie lief zwei Straßen, sprang in den Bus und nahm anschließend drei weitere Blocks zu Fuß. Im Erdgeschoss brannte Licht. Offenbar hörte der Chef nicht länger im Labor die Eagles.
Lea öffnete die Eingangstür und warf ihre Schlüssel in die Keramikschale auf der Kommode. Sie trat in das direkt mit der großen Küche verbundene Wohnzimmer, das eine Couchreihe und ein überdimensionierter Fernseher an der Wand dominierten. Das Haus war alt, machte nicht viel her, sie verdienten gut, aber wer mit seiner Arbeit verheiratet war, brauchte keinen Luxus. Der Fernseher musste ein Kauf aus Verlegenheit gewesen sein, um irgendwas mit dem Geld zu machen, schätzte Lea, denn der Chef stand fast immer in der Küche, trank Bier oder Tee – nie Kaffee – und telefonierte oder sah sich Laborberichte an.
„Hey, Morti.“
„Abend, Lea. Auch ein Bier?“
Er blickte sie über den Rand seiner runden Brillengläser hinweg an und hob seine Flasche. Sie schüttelte den Kopf. „Ich geh gleich ins Bett. Bis morgen.“
„Schlaf gut.“
Sie stieg die Treppen hoch, die leise unter ihren Schritten knarzten. Oben zog sie sich die Schuhe aus und ging den Flur über den Teppichboden entlang. Sie hielt an Raymonds Tür und klopfte zweimal. „Ja?“ Lea öffnete und streckte den Kopf durch die Tür hinein. Er saß noch an seinem Schreibtisch, ein halb aufgegessenes Sandwich auf einem Teller mit Alte-Oma-Rosenmuster neben sich. „Ich würde die Dusche gleich benutzen, wenn du das nicht vorhast.“
„Klar, kein Problem.“
„Prima, gute Nacht!“
„Nacht!“
Lea ging zu ihren Zimmern weiter. Sie hatte den Lottogewinn: Bezog zwei Zimmer, davon ein Schlafzimmer und eine eigene kleine Küche, mit winzigem Esstisch, den sie zum Arbeiten benutzte. Sie schloss die Tür hinter sich, trat ans Küchenfenster, um frische Luft hineinzulassen, füllte ein Glas mit Wasser und goss die Pflanzen auf dem Fensterbrett. Vergebliche Liebesmüh. Sie tötete alles, was grün war, egal für wie pflegeleicht eine Pflanze angepriesen wurde.
Lea gähnte, trank einen Schluck Wasser und ging in ihr Schlafzimmer hinüber, um Handtücher zu holen. Sie verließ die Küche, ging im Flur zurück ins Badezimmer. Das Haus war nicht besonders sauber, weil keiner von ihnen den Nerv hatte, zu putzen, aber es gab eine eiserne Regel in diesem Haus: Das Bad muss sauber bleiben. Der Realitätsbruch saß tief, wenn man das Badezimmer zum ersten Mal betrat. War sich Lea sicher, dass Morti das Haus von seiner Großmutter geerbt und seitdem nichts mehr daran gemacht hatte, hatte er in das Bad ordentlich investiert. Hochmoderne Duschkabine, verspiegelte Wand oberhalb des Waschbeckens, Fußbodenheizung. Jeder war einmal die Woche zum Badezimmerdienst dran. Denn Mortis Motto lautete: „Wenn du morgens in einem dreckigen Bad stehst, ist der ganze Tag schon scheiße.“
Lea warf ihre Handtücher auf einen Schemel neben der Duschkabine, zog sich aus und ließ ihre Klamotten auf dem Boden liegen. Sie trat in die Kabine und öffnete die Ventile. Sie atmete schwer, als das Wasser zuerst kalt und dann warm auf sie niederprasselte. Sie stellte die Temperatur ein kleinwenig höher und legte den Kopf in den Nacken. Wie kleine Nadeln, winzig feine Regentropfen, prasselte das Wasser auf ihr Gesicht. Sie öffnete den Mund, ließ das warme Wasser ihre Mundhöhle reinigen und spuckte aus, strich sich mit nassen Händen durch das zerzauste Haar, bis es nass und glatt an ihren Schultern klebte. Sie war müde.
Nachdem sie fertig war, stand sie im Pyjama in ihrer Küche und überflog ihre Protokolle. Sie lag vor ihrem Zeitplan. Eigentlich wusste sie gar nicht, was sie morgen den ganzen Tag und die halbe Nacht im Labor machen sollte. Sie trank einen Tee, um besser schlafen zu können. Putzte sich am Küchenwaschbecken die Zähne. Dann knipste sie das Licht aus, tastete ins Schlafzimmer hinüber, legte sich ins Bett und blickte zum Fenster hinaus, in einen inzwischen schwarzen Himmel mit einem hellen Mond. Sie dachte über die Anomaliebefunde nach und schlief ein.
„Eier?“
Sie schüttelte den Kopf und der Chef lud trotzdem eine Portion Rührei auf einen Teller. „Wer gut arbeiten will, muss gut essen.“ Sie sah auf ihren Teller voll goldgelbem Ei und nahm mechanisch die Gabel in die Hand, die Morti ihr über die Küchentheke zuschob. Sie wusste, dass sie es spätestens in zwei Stunden bereuen würde, wenn sie nichts aß, zu spät, um noch etwas zu frühstücken, noch zu früh für die Mittagspause.
Sie hörte Raymond auf den Treppenstufen runterlaufen. „Morgen!“
„Morgen. Eier?“
„Bitte!“
Sie hasste Morgenmenschen.
„Willst du eine Tasse Tee, Lea?“ Morti schwenkte eine Teekanne, sie schüttelte erst den Kopf, den Mund voll Ei und nickte dann doch. Morti stellte eine Tasse vor ihr ab und füllte sie mit goldgelbem Tee, golden wie ihre Eier.
„Du hast immer noch nicht vor, eine Kaffeemaschine zu kaufen?“ Raymond ging hinter die Küchentheke an den Geschirrschrank und nahm sich selbst eine Teetasse heraus. Der Chef schüttelte ruhig, aber mit Nachdruck den Kopf, während er mit der Teekanne in der Hand wartete, dass Raymond ihm die Tasse brachte. „Koffein macht dich nicht wach, es zögert den Zustand der Müdigkeit nur hinaus, außerdem macht es nervös. Tee jedoch“ Morti sog das Aroma tief ein, als er Raymonds Tasse füllte, der den Chef leicht spöttisch betrachtete, „Tee belebt den Geist und ist gut für die Seele.“
„Amen.“
„Du glaubst nicht an eine Seele.“, sagte Lea.
„Ich glaube an das menschliche Wohlbefinden.“
„Ich glaube“, sagte Raymond, „dass ein Frühstück ohne Kaffee nur ein halbes Frühstück ist. Aber“, er nahm seine Tasse Tee entgegen und deutete vor Morti eine Verneigung an, der diese mit einer huldvollen Bewegung mit der Teekanne beantwortete, „ich weiß auch eine Tasse Tee zu schätzen.“
„Mehr will ich nicht hören. Hier, deine Eier.“
Raymond stellte sich neben Lea an die Theke und Morti nahm das Überfliegen seiner Unterlagen wieder in Angriff. Sie standen zu dritt, Chef und Angestellte einander gegenüber, und schaufelten ihre Eier, tranken ihren Tee.
Schließlich legte Morti die Akten nieder, die Gabel auf den halbleeren Teller und sah seine Mitarbeiter aufmerksam an. „Gestern Nachmittag hat bei mir ein Journalist angerufen. Hat Fragen gestellt.“
Lea sah von ihrem Teller auf. „Was für Fragen? Die Sache ist doch unter Verschluss.“
„Erinnert die Leute in euren Abteilungen mal daran.“
„Die Lücke muss nicht bei uns sein.“, sagte Raymond verärgert. „Die KI wird extern programmiert, direkt bei SilphCo. Mehr Leute, mehr Quatschmäuler.“
„Schon gut, Ray. Es schadet trotzdem nicht, die Leute zu erinnern, hm? Vor allem, wenn hier einer rumschnüffelt.“
Sie aßen schweigend weiter. Morti blätterte in seinen Unterlagen, als Lea fragte: „Wie weit sind die?“
Der Chef hob den Blick. „Wer? Mit was?“
„Die KI.“
„Oh, das weiß ich nicht genau.“
„Ich versteh die Geheimnistuerei nicht.“ Lea hatte ihr Besteck feinsäuberlich auf den Teller gelegt und nahm die Teetasse mit beiden Händen. „Wir verstoßen doch gegen kein Gesetz – immerhin wird die KI in synthetisch erzeugtes Gewebe verpflanzt. Und das Projekt steht in medizinischem Interesse. Es könnte genauso gut von der Regierung gefördert werden.“
„Wird es aber nicht.“ Morti hob seine Gabel und wies mit milder Strenge auf Lea. „Ich bin ein kleines Rädchen im Getriebe, meine Lieben, und wenn der Geldgeber sagt ‚Klappe halten‘, halten wir die Klappe. Man fürchtet sich wahrscheinlich vor dem Prestigeverlust, wenn die Sache schiefgeht.“
„Das ist gar nicht so unwahrscheinlich, bei der Arbeitsmoral in der Bioingenieurik.“
Raymond machte ein Gesicht vollendeter Entrüstung. „Machst du Witze? Ihr seid es doch mit den ganzen Sicherheitsrisiken!“
„Ein Gasleck würde zwar ein paar Macken gewisser Kollegen erklären, aber das Phänomen Jim Frederic ist damit nicht geklärt.“
Raymond versteckte sein Grinsen hinter der Teetasse, während Lea einen Blick von Morti kassierte, wie eine Kindergartenaufsicht einen besonders schwierigen Fall mustern würde. Er führte Zeigefinger und Daumen in knappen Abstand zueinander. „Könntest du zumindest so viel Respekt für deinen Abteilungsleiter aufbringen? Wäre das möglich?“
„Ich respektiere den Mann!“ Lea richtete sich empört auf. „In Sachen Biokybernetik ist er ein Genie – und außerhalb davon ist er die sozial inkompetenteste Person, die ich kenne. Und bevor du jetzt was in meine Akte vermerkst, Morti, wenn du das nicht genauso sehen würdest, würden die Abteilungsleiter bei dir wohnen und nicht kleine Leuchten, die dringend ein Zimmer in Laufweite der Fabrik brauchen.“
„Ich bin nicht so klein.“
„Klappe, Ray. Meine Herren, ich muss arbeiten.“
In Gedanken blieb sie allerdings noch bei ihrem Gespräch und verblieb dort auch während ihres ganzen Wegs zur Arbeit. Lea blieb draußen vorm Haupteingang stehen und zog die Zigarettenschachtel aus ihrer Jackentasche. Sie nahm eine Zigarette heraus,
Das ist schlecht für dich.
doch kaum, da sie ihre Finger darum klemmte, dachte sie daran, dass ihr die Zigarette vielleicht temporär, nicht aber auf Dauer guttun würde. Sie klopfte mit der Zigarette nachdenklich auf der Schachtel herum, schob sie in diese zurück und steckte sie wieder in die Jackentasche ein. Sie ging hinein. Wechselte in der Garderobe ihre Jacke gegen den Laborkittel, nahm Schlüssel und Zigaretten mit sich. In der Postbox vor ihrem Büro fand sie die von letzter Woche angeforderten Labortestergebnisse.
Lea riss den Umschlag auf, während sie ihr Büro aufsperrte und die Tür mit dem Fuß auftrat. Sie zog die Bögen heraus, sah sich die Werte an, stutzte. Sie warf die Bögen auf ihren Schreibtisch, ging an den Aktenschrank und holte die Kopien der letzten Befunde hervor, die sie gestern mit weiteren Anweisungen zurückgeschickt hatte.
„Mist.“
Hohe Leukozytenzahlen. Das musste nichts bedeuten, wenn es sich um Gewebeproben aus den genmanipulierten Zellen handelte, wenn es aber die Proben der Ratten waren, hatten sie ein Problem. Sie hasste diesen Geheimhaltungsmist. Worin lag das Problem, oben einfach draufzuschreiben, was man da eigentlich untersuchte?
Lea packte die Unterlagen und verließ ihr Büro. Sie durchquerte die Fabrik auf der Suche nach ihrem Abteilungsleiter, bevor dieser im Hauptlabor verschwinden würde. Sie hatte Pech. Die Tür war versperrt. Entweder war Frederic noch gar nicht da oder schon unten im Hauptlabor. Lea nahm ihren Kugelschreiber zur Hand, umkreiste die Werte dick, malte ein Ausrufezeichen daneben und warf die Bögen in Frederics Postbox.
Auf ihrem Rückweg zu ihrem Büro kam sie an der Tür zum Treppenhaus vorbei, das, das in den Keller und das Hauptlabor hinabführte. Ein Kollege stand vor der Tür und hielt seine Schlüsselkarte gegen den Sicherheitsreceiver. Es piepte lang und ablehnend. Die Hand des Mannes blieb an Ort und Stelle. Das Piepen wiederholte sich.
Lea ging bedacht, doch von dem wiederholten Piepen genervt auf ihren Kollegen zu. „Alles in Ordnung?“
Der Mann sah zu ihr. In seinen Augen war nicht das geringste Erkennen, sie waren glasig, sein Blick fahrig, verwaschen, als hätte man ihn gerade aus dem Schlaf gerissen. Er blinzelte sie an. „Was?“
„Ob alles in Ordnung ist.“ Lea fischte die Schlüsselkarte aus seinen kraftlosen Fingern und sah sie sich an. „Sie haben die Berechtigung für das Hauptlabor gar nicht.“
Der Laborant sah verwirrt auf die Karte in ihrer Hand, als verstünde er gar nichts mehr. Er nahm sie zurück und sah die Kellertür an. „Ich muss mich an der Tür geirrt haben.“
„Alles klar?“
„Ja, ja. Ich war einfach in Gedanken, das ist alles.“
Lea lächelte gezwungen und ließ ihn stehen.
Trotz aller Bemühungen war es Morti aufgrund heftigsten Widerstandes der Belegschaft nicht gelungen, den Kaffeeautomaten aus der Fabrik zu verbannen. Lea schwenkte den letzten kalten Schluck in ihrem Pappbecher und überlegte, ob sie ihn ein drittes Mal auffüllen sollte, entschied sich aber vorerst dagegen. Sie würde hier nur noch zwei Stunden sitzen, bevor sie nach Hause gehen konnte, und dann würde sie ein wenig Schlaf brauchen.
Sie zielte und warf den Pappbecher in den Mülleimer, der an der Wand gegenüber der Rezeption stand. Sie lehnte sich im Stuhl zurück, streckte die Beine auf der Rezeptionstheke aus und blätterte in ihren Befunden. Luci hatte Recht gehabt. Nachtschicht an der Rezeption war geschenkte – oder verschwendete – Zeit. Kein Anruf, keine Anfragen, nichts. Sie hatte ihre Unterlagen und ihren Laptop aus dem Labor geholt und an den Formeln für die neuen Genmodule weitergearbeitet, dennoch war es öde, ermüdend und auch ein klein wenig sonderbar. Lea war oft bis spät in ihrem Labor geblieben, aber sie war nie die letzte Person gewesen. Es war immer noch Nachtpersonal nach ihr gekommen oder länger geblieben. Sie kannte es nicht, nur das Fiepen der Geräte im Gebäude zu hören und sonst nichts. Nicht mal das Radio des Chefs lief noch.
Sie dachte an Luci, die hoffentlich einen schönen Abend verbrachte. An ihre Arbeit, und manchmal auch daran, was danach kommen würde. Es hing manches vom Erfolg dieses Projekts ab, aber nicht alles. Sollte es in die Nesseln gesetzt werden, würde sie immer noch etwas Andres finden. Vielleicht würde sie zwischenzeitlich sogar einmal Urlaub machen, vielleicht ans Meer fahren oder in den Wald.
„GNÄÄÄG“
Lea zuckte leicht. Ihr Blick fiel auf die Anzeige des Monitors auf der Theke. Die grüne Lampe war erloschen. Daneben leuchtete es tiefrot.
„Scheiße.“
Lea warf ihre Papiere hin, nahm die Beine von der Theke und zog das Klemmbrett mit dem Sicherheitsprotokoll hervor.
Firmenkopf: SilphCo. Projektleiter: Dr. Mortimer Sitchik. Diensthabendes Wachpersonal:
Das Feld war frei. Lea überging es und kam zu den Checkpunkten.
„Tragen Sie Datum und Uhrzeit der Anomalie im Sicherheitsprotokoll ein.“ Lea nahm einen Kugelschreiber und füllte die vorgesehenen Felder aus.
„Begeben Sie sich zur Überwachungskonsole im Hauptlabor.“
Sie nahm das Klemmbrett und ging los. Von der Rezeption fort den Korridor entlang zum hinteren Gebäudekomplex, zu den Kellertreppen. Sie hielt ihre Schlüsselkarte gegen den Receiver der oberen Kellertür, und sie öffnete sich mit einem Surren. Lea schob sie auf, schloss sie hinter sich und ging die Stufen hinunter. Sie hielt ihre Karte gegen die Tür der unteren Kellertreppe. Nichts passierte.
Lea rieb über ihre Karte und hielt sie erneut dagegen. Nichts.
Seit Einleitung des Sicherheitsprotokolls hatte sie wie mechanisch reagiert. Jetzt aber stutzte sie, starrte auf die Tür vor sich, sah wieder auf das Protokoll in ihrer Hand. „Diensthabendes Wachpersonal“. Sie hatten kein Wachpersonal. Sie hatten Laborassistenten mit ätzenden Nachtschichten. Sie hatten noch nicht einmal einen Pförtner. Irgendwie schien der Projektleiter Mortimer Sitchik die Strenge des Sicherheitsprotokolls genauso unterwandert zu haben wie jeder hier. Lea glaubte ziemlich genau zu wissen, was passiert war: Der Chef hatte die personellen Aufwendungen gesehen, die professionelles Wachpersonal, wie SilphCo es vorsah, erfordern würden und sich dazu entschlossen, das Geld zu sparen und in etwas Sinnvolles zu investieren. Eine vernünftige Radioanlage fürs Hauptlabor, zum Beispiel. Einen Getränkeautomaten, der fair gehandelten Biotee ausgab. Computer und ein Firmennetzwerk, das auch funktionierte.
Das wusste der Geldgeber natürlich nicht, und deshalb funktionierte die Karte einer stellvertretenden Leitung der Biochemie auch nicht.
Scheiße.
Lea drehte um, ging die Stufen wieder hoch und zurück zur Rezeption. Sie öffnete die Schublade, in der Luci gegen jedes Protokoll verstoßend ihre Schlüsselkarte liegen ließ. Sie nahm sie an sich und ging den Weg zurück zur unteren Kellertür. Lea hielt sie vor den Receiver. Die Tür gab mit einem Surren nach.
Sie versuchte, nicht darüber nachzudenken, warum die Karte einer assistierenden Laborantin die nötige Sicherheitsfreigabe hatte. Hier unten brannte nur die Notbeleuchtung, schimmliges Grün. Fünf Meter, dritte Tür. Karte vor den Receiver, ein kleines blaues Blinken am Gerät, ein Surren, die Tür gab nach. Auf der Feuerschutztür war ein Schild angebracht:
DANGER
KEEP OUT
Sie schob die Tür auf, trat hinein.
Das Hauptlabor war ein großer Kellerraum, der nicht komplett unterirdisch lag, unter der Decke tags erhellt von einer Reihe Kellerfenstern. Auf altem Betonboden und an Betonwänden standen neueste Gerätschaften, deren Zweck sie nicht auf Anhieb zuordnen konnte. Das Hauptlicht war abgeschaltet, nur die Notbeleuchtung gab ausreichend Licht, fast mehr noch die Displays, der sich noch in Betrieb befindenden Gerätschaften.
Sie blickte wieder auf das Protokoll:
„Begeben Sie sich zur Überwachungskonsole im Hauptlabor.“
Sie sah sich um. An einem Pult blinkte am Monitor ein rotes Lämpchen. Sie durchquerte das Labor, trat an das Pult heran, blickte auf den Bildschirm. Kolonnen von Zahlen und Werten. Im unteren Bereich Kurven und Graphen. Darunter zwei blinkende Befehle: BESTÄTIGEN. RESET.
Sicherheitsprotokoll: „Drücken Sie RESET.“
Lea sah sich die Werte auf dem Monitor genauer an. Sie legte ihre Finger auf den Touchscreen und vergrößerte den Bereich der Graphen. Neben den einzelnen Diagrammen erschienen Werte und Zahlen. Sie starrte darauf, bis ihre Augen vor Anstrengung tränten, blinzelte und starrte weiter. Sie fühlte blanke Faszination, Irritation und ein bitteres Gefühl von klammer Unwissenheit. Was sie dort sah, waren Gehirnströmungen. Das dort daneben war das Überwachungsprotokoll einer Schlafanalyse. Sie strich durch die Protokolle der letzten Monate. Eine Abwechslung von REM und tiefem Koma, unterbrochen von einer einzigen Leichtschlafphase vor drei Monaten. Sie strich zu den Ausgangswerten. Koma. Dann zurück zu den aktuellen Protokollen. Leichtschlaf. Daneben die Messung der neuronalen Aktivitäten. Die rege Hirnaktivität wurde im Protokoll als kritischer Wert gelistet. Das war nicht logisch. Was für sie jetzt allerdings Sinn ergab, war, warum Lucis Karte für das Sicherheitsprotokoll freigegeben war und ihre nicht. Luci hätte nicht erkannt, was sie vor sich sah. Sie hätte mit den Zahlen nicht arbeiten können. Sie hätte RESET gedrückt und wäre gegangen, ohne Fragen zu stellen. Lea dachte an die Verschlusshaltungsprotokolle, den mangelnden Austausch zwischen den Abteilungen, die Abschottung des Hauptlabors. Kein Mitarbeiter verstand, warum die Projektleitung und der Geldgeber eine Verzögerung des Zeitplans in Kauf nahmen, nur der Sicherheitsvorkehrung wegen, die Gesamtergebnisse einem möglichst kleinen Team von Wissenschaftlern einsichtig zu machen. Aber es hatte sich niemand e r n s t l i c h beschwert. Und sie vermutete, dass das ein Einstellungskriterium gewesen war.
Hinterfrage es.
Damit sie ihren Job loswurde? Ganz sicher nicht.
Sie sah auf den Monitor, versuchte das, was sie sah mit ihrer Arbeit in Einklang zu bringen. Ginge es um einen Komapatienten, wären diese Werte phänomenal. Ginge es um die KI, würde man weder von Schlafphasen noch von komatösen Zuständen sprechen. Und Ratten besitzen keine neuronalen Tätigkeiten in den ihr angezeigten Bereichen.
Überwachungsprotokoll: „Leichtschlafphase mit erhöhter neuronaler Aktivität registriert.“
Sicherheitsprotokoll: „Drücken Sie RESET.“
Lea: „Das ergibt keinen Sinn.“
Sie sah über ihre Schulter zurück. Sie hatte bislang nicht das abgedeckte Gerät nur wenige Schritte entfernt von ihr registriert. Die Apparaturen, die sich darum entfalteten, zentrierten es wie Schichten einer Zwiebel ihren Kern. Das weiße Tuch fiel fast bis zum Boden. Sie ging näher, griff danach, hob es an. Es war ein Röhrentank. Längsliegend, 45 Grad aufgerichtet. Das Innenleben erleuchtet. Irgendwas war da drin.
Lea schob das Tuch vom oberen Ende des Tanks hinab. Dann zog sie es ganz hinunter.
Es war verkabelt. Sensormesser an den Schläfen, Hinterkopf und Stirn, Brust. Infusionskanülen in beiden Armen. Der Tank sonderte durch die Flüssigkeit in seinem Inneren Wärme ab. Es sah menschlich aus. Mutiert. Mensch oder Pokémon? Auf bizarre Weise menschlich, überzüchtete Gliedmaßen, Schulterpartien grotesk dürr im Vergleich zu muskulösen Beinen und Schweif. Nichts an ihm schien natürlich gewachsen zu sein.
Sie starrte auf es herab, die Finger in das weiße Laken gekrallt. Sie ließ es zu Boden fallen, trat zurück und an den Überwachungsmonitor heran, der direkt mit dem Tank verbunden war. Sie rief die Datensätze auf.
„Wer bist du, mein großer, hässlicher Freund?“ Sie ging die Werte durch, medizinische Befunde. „Traumhafte Herzfrequenz für eine so dürre Hühnerbrust. Blutwerte sind ok. Leukozytenzahl scheint mir etwas sehr hoch. Irgendwas – stimmt nicht. Was haben die mit dir –?“
Seine Augen waren leicht geöffnet. Sie fuhr zusammen, stieß gegen den Wagen des Monitors, der rollte ein Stück bei Seite. Sie trat näher, wie im Bann, wollte seine Augen sehen. Tiefes Violett. Nicht menschlich, sie revidierte jeden Vergleich. Seine Pupillen richteten sich auf sie, und die Angst obsiegte über die Neugier. Sie prallte erschrocken zurück, lief zum Überwachungsmonitor
Nicht!
und drückte RESET.
Sie drehte sich um. Die Kreatur schloss die Augen, eine Hand zuckte, dann nichts mehr. Mit einem kurzen Pfeifton zeichnete der Monitor die abfallenden Gehirntätigkeiten auf. Die Lämpchen schalteten von Rot auf Grün.
Lea lauschte auf die Geräusche aus dem Erdgeschoss. Die schweren Schritte auf den Dielen, das Öffnen und Schließen der Haustür. Dann, von draußen, ein anspringender Motor. Hörte, wie der Wagen von der Einfahrt auf die Straße bog, anfuhr und dann leiser wurde.
Sie bemerkte, wie gewaltsam sie ihre Teetasse umklammert hielt und zwang ihre Finger, sich zu entspannen. Es gelang nicht wirklich.
Lea stand in ihrer kleinen Küche, einen Schritt von der Küchenzeile entfernt, und sie glaubte, dass sie schon eine ganze Weile so dastand. Der Tee in ihrer Tasse war kalt. Sie erinnerte sich, wie sie das Labor verlassen hatte. Wie sie zuvor das Tuch über den Tank gezogen hatte. Mühsam beherrscht, es nicht anzusehen. Halb panisch vor Angst, es könnte die Augen wieder öffnen und sie anstarren. Sie war nach oben gegangen, hatte den Kugelschreiber von der Rezeption genommen und bei ‚Diensthabendes Wachpersonal‘ in Blockbuchstaben LUCIA MIRAKOV eingetragen. Unter ‚Anomalie behoben?‘ hatte sie JA angekreuzt. Sie hatte die Karte genau dort zurückgelegt, wo sie sie gefunden hatte und hatte, dem Sicherheitsprotokoll folgeleistend, das ausgefüllte Protokoll aus dem Klemmbrett gelöst und es in das Postfach des Chefs gelegt. Dann musste sie gegangen sein. Sie erinnerte sich nicht mehr an den Heimweg, nur noch, dass der Chef immer davon sprach, wie beruhigend Tee wirkte. Sie war in ihr Zimmer gegangen und hatte den Wasserkocher eingeschaltet. Sie war wachgeblieben, hatte zuerst gehört wie Raymond das Haus verließ und eine Stunde später der Chef. Sie hatte gestanden und gewartet und gelauscht, denn um nichts in der Welt wollte sie ihm jetzt über den Weg laufen. Nicht nur, weil sie das Gefühl nicht von ihrer Haut waschen konnte, dass er an ihr sofort erkennen würde, was sie gesehen hatte. Sondern weil sie nicht wusste, was sie sagen und tun würde.
Lea hob die Tasse zu ihren Lippen und trank den Tee aus, verzog das Gesicht – er war wirklich eiskalt – und goss sich nach. Wieder trank sie die Tasse leer. Sie stellte sie in die Spüle. Ging durch die Küche. Dachte nach. Konnte nicht.
Sie brauchte ihre Unterlagen. Die Protokolle, Analysen, Berichte, Ergebnisse, alles, was sie in den vergangenen Monaten gemacht hatte. Die Sicherheitskopien. Hätte sie in der Nacht noch einen Funken Verstand besessen, hätte sie den USB-Stick aus ihrem Büro geholt, wäre ins Hauptlabor zurückgegangen und hätte alles runtergezogen. Hatte sie aber nicht.
Sie wartete bestimmt noch eine halbe Stunde und stand unschlüssig in der Küche herum, bevor sie ins Schlafzimmer ging, sich frische Sachen anzog, beim Bad vorbeiging, um sich ein drittes Mal zu waschen und ging zur Arbeit. Sie ging zu Fuß, brauchte die klare, frische Luft. Betrat die Fabrik, ging in die Umkleiden, hing ihre Jacke in ihren Spint und nahm den Laborkittel heraus. Ging auf geradem Weg zu ihrem Labor; wie immer.
Hinter sich schloss Lea die Tür und steuerte ihren Aktenschrank an. Sie öffnete die metallenen Schubladen und holte jede Hängeregistratur heraus. Sie fuhr ihren PC hoch, klappte ihren Laptop auf und öffnete alle Sicherheitskopien und Protokolldateien. Sie startete das Analyseprogramm des Labors und ließ sich eine Auflistung aller von ihr eingefütterten Daten ausgeben. Während das Programm arbeitete, ging sie nochmals hinaus zum Kaffeeautomaten, der direkt neben dem Getränkeautomaten stand. Sie kratzte ihre Münzen aus ihrem Laborkittel, warf sie hinein, drückte auf ‚Filterkaffee‘ und ging, während schwarzbrauner Kaffee in einen Pappbecher floss, hinüber zum Snackautomaten und warf die Münzen für zwei Schokoriegel hinein. Sie holte sie aus dem Fach, nahm ihren Pappbecher und ging ins Büro zurück. Sie warf die Schokoriegel auf den Stapel Aktenmappen, setzte den Kaffee auf einer Lücke zwischen dem Papier ab, zog die Tastatur an sich und fing an, zu arbeiten.
Jetzt konnte sie denken. Jetzt, mit all den Daten und Zahlen klar vor Augen konnte sie Fragen stellen, auf die sie sich selbst würde Antworten geben können. Aus ihr wäre eine schlechte Philosophin geworden. Sie brauchte das Material, sie brauchte Materie, ein Frage-Antwort-Spiel mit dem externen Gegenstand. Es brachte Klarheit in ihren Kopf. Es hatte sie zu ihrer Berufung geführt. Sie war keine Abenteurerin. Sie war Analytikerin. Einem Turmkick begegnete man nicht mit einem Block, man wich aus, um den Gegner sich selbst ausschalten zu lassen. Und einem Psychoangriff konterte man mit einem physischen vom Typ Unlicht. Alles hatte sein Pendant, auf jede Frage ließ sich eine Antwort finden, nicht aus dem Nichts heraus, sondern im Wechselspiel der Wahrheitsinstanzen. Ihre Wahrheit war, dass sie in den letzten Monaten biologisches Material untersucht hatte, von dem sie jetzt nicht mehr mit Sicherheit wusste, was es war. Die Wahrheit, der sie letzte Nacht ins Auge geblickt hatte, war ein lebendes Wesen, funktionsfähig, mit ausgeprägten neuronalen Fähigkeiten. Der KI-Wirt konnte es unmöglich sein. Weder hatte es Pläne für eine ausgebildete Lebensform dieser Größenordnung gegeben, noch hätte in nicht einmal einem Jahr eine solche Kreatur gezüchtet werden können. Auch nicht geklont.
Sie klickte sich durch ihre Aufzeichnungen, verglich sie mit ihren ausgedruckten Protokollen, Analyseblättern und Datensätzen. Sie trank ihren Kaffee, aß den ersten Schokoriegel, den zweiten. Was hätte sie um die Eier des Chefs gegeben. Sie überprüfte die Zahlen, verglich Tabellen, Zahlen, immer wieder Zahlen. Leukozytenwerte. Alles prima, außer diesen. Wie bei ihren Untersuchungen. Und wie gestern auf den Überwachungsmonitoren.
Sie tippte mit ihren Fingernägeln ungeduldig auf der Tischplatte herum. Dann legte sie ihre Aufzeichnungen bei Seite und öffnete den Browser. Tippte ein: SilphCo. Enter. Klickte sich durch, erst durch die Firmenhauptseite, dann durch alle Nachrichtenportale. Eintrag vor drei Jahren: Laborexplosion auf einer Privatinsel vor Nord-Kanto. Eigentümer SilphCo verweigert jeden Kommentar. Lea suchte weiter. Klickte sich weiter in die Geschichte der Firma zurück. Herstellung von Pokébällen, Medikamenten. Gen-Forschung. Kloning. Vor zwanzig Jahren: Massive Zerstörungen auf der Zinnober-Insel nach Erdbeben. Hohe Todeszahlen, Insel für Jahre nicht bewohnbar.
Lea gab in den Browser ein: Zinnober-Insel Erdbeben. Enter.
Verheerende Naturkatastrophe im Meer vor der Südküste Kantos. Trotz der offiziellen Bestätigung durch die Behörden, ein Erdbeben habe den Vulkan der Insel zum Ausbruch gebracht und verwüstet, wurde der Vorfall in einigen wenigen Berichten in Zusammenhang mit der Arbeit des Zinnober-Labors gebracht. Gen-Forschung, Kloning. Der Name SilphCo tauchte nicht auf. Aber die Personalangaben waren deckungsgleich.
Sie suchte weiter: Zinnober-Insel Ausbruch. Enter.
Das war interessant. Neben zwölf weiteren Artikeln zum Vulkanausbruch fand sie auch: Überlebende Wissenschaftler bestätigen den Ausbruch eines Pokémon aus dem zerstörten Labor. Fehlgeschlagenes Experiment. Proben bei Zerstörung vernichtet. Dann ein Jahr später: Entflohenes Labor-Pokémon in der Azuria-Höhle gefunden und getötet.
Lea schob ihren Stuhl vom Schreibtisch zurück und verschränkte die Hände hinter ihrem Kopf. Zusammenfassung: Vor etwas mehr als zwanzig Jahren begann ein Forschungsteam der SilphCo-Gruppe in einem Labor auf der Zinnober-Insel mit Experimenten zum Genmaterial von Pokémon. Vielleicht ein Zuchtprogramm, vielleicht auch Kloning, das war Spekulation. Etwas entkam. Zeitgleich erschütterte ein so starkes Erdbeben die Insel, dass der noch aktive Vulkan ausbrach. Bullshit. Es gab keine Zufälle. Das, was entfloh, erzeugte das Erdbeben und vernichtete dabei das Labor, alle Proben und löschte mehr als die Hälfte der Inselbevölkerung aus. Punkt. Es floh, verbarg sich in der Azuria-Höhle, in der es ein Jahr später gefunden und getötet wurde.
17 Jahre später passierte fast das Gleiche auf einer Insel im Norden von Kanto.
Lea schob sich wieder an den Schreibtisch heran. Sie tippte ein: Sichtung unbekannter Pokémon Kanto. Enter.
Sie filterte die Dateien aus, die im zeitlichen Umfeld der Laborexplosion lagen. Ließ sich nur die Bilddateien anzeigen. Scrollte durch. Da. Sichtung im Vertania-Wald, drei Monate später. Doppelklickte das Foto, ließ es den Bildschirm ausfüllen. Es war im Steigflug begriffen, langgestreckt. Die Auflösung war katastrophal. Sie vergrößerte es, bekam nur Pixel zu sehen. Sie kniff die Augen zusammen. Der Schweif. Das könnte der gleiche Schweif sein.
Sie übertrug die Schweifform in das Pokédex-Programm ihres Laptops. Suchlauf. Keine Treffer. Lea lehnte sich zurück.
Vor drei Jahren also wieder ein zerstörtes Labor in Kanto, Sichtung eines unbekannten Pokémons im Vertania-Wald. Beide Male gehörte das Labor SilphCo, beide Male entkam ein Pokémon. Das Erste wurde getötet. Das zweite verschwand. Wurde möglicherweise südlich von Vertania in Kanto gesichtet. Sie fand nichts sonst zu diesem Vorfall, rein gar nichts.
Hinterfrage es.
Sie klopfte ungeduldig mit ihren Fingernägeln auf die Tischplatte. Sie zog sich ihre Akten auf den Schoß. Was wusste sie? Dass sie an einem Bio-KI-Projekt teilnahm. Dass sie gestern Nacht im streng verbotenen Hauptlabor ein Pokémon gesehen hatte, dass das sein könnte, das vor drei Jahren gesichtet wurde und das vielleicht aus dem zerstörten Labor entkommen war. Eingefangen diesmal, nicht getötet. Nahm sie dies für bare Münze, dann könnte sie schlussfolgern, dass die Daten, die man ihr seit Monaten zur Kontrolle gab, von dem Pokémon stammten. Das wahrscheinlich ein Klon war.
Sehr, sehr viele Konjunktive.
Sie hatte keine Vergleichswerte. Sie hatte gedacht, sie würde die Zellstruktur des synthetisch erzeugten Materials für die Verpflanzung überwachen. Und das konnte durchaus nach wie vor der Wahrheit entsprechen, wenn das Projekt sich eigentlich darum drehte, die Gene eines voll ausgewachsenen und funktionstüchtigen Klons zu manipulieren.
Lea stand auf und verließ ihr Büro durch die Tür, die zum Hinterhof hinausführte. Inzwischen war es später Nachmittag geworden. Die frische Luft tat gut, brachte kaum Milderung in das Chaos ihrer Gedanken. Sie grub in ihrer Kitteltasche nach ihrer Zigarettenpackung, nahm sie in die Hand.
Das ist schlecht für dich.
Sie hielt inne. Zog sie heraus und betrachtete sie. Traf eine Entscheidung.
Sie warf die Packung in den Mülleimer, ging nach drinnen, durch ihr Büro und hinaus in den Korridor. Sie holte einen weiteren Schokoriegel und ging zur Rezeption.
„Hey, Luci!“
Sie blickte von ihrem Schundroman hoch und winkte Lea zu. „Hey!“
Lea lehnte sich auf die Rezeptionstheke und reichte Luci den Schokoriegel hinüber. „Wie lief’s?“
„Ganz gut.“ Sie nahm den Riegel, öffnete ihn und biss ab.
„Wow. Das klingt so – euphorisch.“
„Na“, sie kaute, schluckte. „Ich denke, du hattest schon recht. Rumziehende Tunichtgute. Aber es war schön, mal wieder rauszukommen.“
„Hey, ich wollte nur sagen, falls du nochmals die Schicht loswerden willst, ist das kein Problem. Ich hab irrsinnig viel liegengebliebenes Zeug gestern Nacht wegbekommen.“
Dass Luci nicht nach der übernommenen Schicht fragte, war gut. Sie konnte sich offenbar gar nicht vorstellen, dass nachts irgendetwas im Labor passieren könnte. Trotzdem wirkte sie verhalten, wedelte mit der Hand ab, biss nochmal ab, kaute, schluckte, bevor sie antwortete. „Das ist echt lieb, aber lieber nicht. Ich glaub zwar nicht, dass das irgendwer bemerkt, aber mir war ja gestern schon nicht so superwohl dabei.“
Lea winkte ab. „Schon gut. Aber wenn du es dir anders überlegst, komm ruhig zu mir.“
Aber das geschah nicht. Lea ging nach Hause, sie hatte keine Lust, ihre eigentliche Arbeit zu erledigen. Sie kam vorm Chef und Raymond im Haus an. Sie holte sich ein Bier aus dem Kühlschrank und setzte sich auf die Terrasse hinaus, von der man einen guten Blick auf den völlig verwilderten und verwahrlosten Garten hatte. Lea legte ihre Beine auf den nächsten Stuhl, dachte nach. Sie dachte an den Klon. Die Messwerte. Seine Augen. Was wäre passiert, wenn sie BESTÄTIGEN gedrückt hätte? Der Klon war im Begriff gewesen, zu erwachen. Seine Hirnaktivitäten hätten weiter zugenommen, er wäre aufgewacht und dann? Ein drittes zerstörtes Labor?
Irgendwann hörte sie den Schlüssel in der Haustür. Schwere Schritte, das Klirren des Schlüsselbundes in der Keramikschale. Der Chef steckte seinen Kopf zur Terrassentür hinaus.
„N’abend. Ich koch was, hast du Hunger?“
„Nein. Nein, danke.“ Sie drehte den Kopf, aber sah ihn nicht an. „Ich hab oben noch was von gestern.“
„Alles klar.“
Sie war gestern gar nicht zum Essen dagewesen, aber Morti fiel es nicht auf oder er sprach es einfach nicht an. Er ging in die Küche zurück. Sie zählte bis fünf, trank ihr Bier leer, stellte die Flasche in den Bierkasten neben der Terrassentür und ging hinein, zur Treppe hinüber, bevor der Chef sie nochmals ansprechen konnte. Auf den Treppenstufen drehte sie sich um und sah den Stapel Akten, den Morti mitgebracht und auf die Küchentheke gelegt hatte. Sie fragte sich, ob er von der Tradition zerstörter SilphCo-Labore wusste, in die er möglicherweise trat.
Sie ging hoch und trank eine Tasse Tee. Sie konnte nicht aufhören, an den Klon zu denken.
Am nächsten Morgen stand sie früh auf, um vor Raymond und ihrem Chef das Haus zu verlassen. Durch ihr Büro betrat sie den Hinterhof, ging zu den Kellerfenstern und wich davor in die Hocke. Sie spähte hinunter. Die Notbeleuchtung brannte, niemand war da. Die Monitore waren ruhig, die Lämpchen grün. Der Tank war sorgfältig abgedeckt. Man konnte ihn völlig übersehen, wenn man nicht darauf achtete.
Gerade als sie mit dem Gedanken spielte, sich Lucis Karte zu schnappen und hinunterzugehen, hörte sie die sich entriegelnde Feuerschutztür. Sie stand auf und trat von den Fenstern zurück, ging wieder ins Gebäude hinein.
Lea machte sich an die Arbeit. Eine Stunde später nahm sie die fertigen Analysen der letzten Tage und marschierte durch die Korridore, um Frederics Briefkasten zu füttern.
Sie sah Raymond auf ihrem Rückweg und hielt inne, die Hände in ihrem Laborkittel neigte sie den Kopf und versuchte, Blickkontakt mit ihrem Mitbewohner aufzubauen. Er starrte vor sich hin, geistesabwesend, das Gesicht blank, als wäre er weit weg. „Hey, Ray.“ Sie trat näher an ihn heran. Raymond blinzelte, ließ von seinen Gedankengängen ab und blickte zu Lea, die er bis jetzt nicht bemerkt zu haben schien.
„Lea!“ Er lächelte sie an. „Wie geht’s?“
Lea schlug den Weg zurück zu ihrem Büro ein, als Raymond Anstalten machte, ihr zu folgen. Sie warf einen Blick zur Tür des Treppenhauses zurück, vor der er gestanden hatte. „Kann nicht klagen.“
Raymond ging im Korridor vor Leas Büro an den Snackautomaten, warf das Geld ein und tippte zielstrebig die gewünschte Zahlenkombination ein. Die Tüte Chips verhedderte sich in der Mechanik. Raymond versuchte, ihr mit sanftem Klopfen gegen das Glas auf die Sprünge zu helfen. „Wir haben uns die letzten Tage ganz schön verpasst. Nicht mal Badezimmerstau hatten wir!“
Lea zählte ihre Münzen ab und warf ihre letzten in den Schlitz des Getränkeautomaten. Sie brauchte dringend neues Kleingeld.
„Ja, ich versuch gerade herauszufinden, was mir mehr liegt: ganz früh oder ganz spät.“ Raymond klopfte weiter sanft gegen das Gerät. Es ging ihr auf die Nerven. Sie langte zu ihm hinüber und schlug mit der Faust dreimal heftig gegen die Seitenwand des Snackautomaten. Die Chipstüte löste sich und fiel in das Ausgabefach hinab.
Raymond bückte sich danach, rot im Gesicht. „Ähm. Danke.“
Lea winkte ab, unschlüssig, welche Dose köstlicher Zuckerbrühe es werden sollte. „Hilf mir mal.“
Raymond drückte blind eine Zahlenkombination auf dem Automaten ein und es setzte sich surrend eine Dose Sprite in Bewegung. Lea nickte. „Nicht schlecht.“
„Was hättest du gemacht, wenn ich Wasser erwischt hätte?“
„Die Flasche nach dir geworfen.“ Sie bückte sich und holte ihre Dose heraus, öffnete sie und bereute es sofort, als heller Schaum unter dem Metallzipper hervorkam. Sie schlürfte ihn von der Dose auf, wollte noch mehr sagen, das Gespräch in Gang halten und fragen, warum er an der Tür gewesen war, kam aber nicht mehr dazu. Der Feueralarm schrillte durch den Korridor. Beide sahen sie zu den Feuermeldern hoch. „Achtung.“ Die Stimme des Chefs aus der Freisprechanlage. „Giftgasaustritt im Hauptlabor. Alle verlassen nun bitte g e o r d n e t und o h n e H e k t i k das Gebäude und das angrenzende Terrain.“
Die ruhige Stimme des Chefs war wie ein sanftes Klopfen an der Tür zu ihrem Bewusstsein. Raymond machte sich daran, dem Befehl Folge zu leisten, blieb stehen, als Lea in die andere Richtung ging.
„Wo willst du um Himmelswillen hin?“
„Ich hol meinen Laptop aus dem Labor.“
Raymond ging zügigen Schrittes weg, die Tüte Chips noch in der Hand. Lea wartete, bis er den Korridor verlassen hatte, stellte ihre Sprite auf den Boden und lief in Richtung des Hauptlabors. Sie nahm eine Atemschutzmaske aus dem dafür vorgesehenen Behälter neben den Laborzugängen und ging zum Keller. Laboranten eilten an ihr vorbei. Niemand versuchte, sie aufzuhalten.
Lea zog die Maske über Mund und Nase, eilte die Stufen hinab, die Hand am Geländer. Die Türen standen offen, alle Fluchtwege waren entriegelt worden. Vielleicht würde sich schon allein darum kein drittes Massaker ereignen, weil der Chef unter Sicherheitsvorkehrungen etwas Anderes verstand als ihre Geldgeber.
Sie ging durch den kurzen Sicherheitskorridor und trat in die geöffnete Feuerschutztür des Hauptlabors. Das weiße Tuch, das den Tank abgedeckt hatte, war nicht mehr da. Der Tank selbst war zerstört, zerbarst in hundert Scherben. Klare Flüssigkeit bedeckte den Boden und tropfte von dem zersplitterten Sockel. Von den Monitoren auf der linken Seite stieg Rauch auf, die Geräte waren zerstört. Es stand über den Trümmern des Tanks, hielt sich in der Luft. Die Hand erhoben, gekrümmt, Haupt lauernd gesenkt, Schultern gebeugt. Der Schweif peitschte, seine Augen glühten hell, weiß und klar wie das Mondlicht.
Sie sah ihren Abteilungsleiter. Ein Gerät in der Hand. Eine Platzwunde am Kopf. Angespannt, vornübergebeugt, die Zähne wie ein hässliches Tier gebleckt. Der Chef stand am Telefon, sah gar nicht so entspannt und ruhig aus, wie seine Stimme vor wenigen Minuten noch glauben machte.
Lea brauchte lange, um in Verbindung zu bringen, was sie sah. Zusammenhänge herzustellen. Als blockiere etwas den Arbeitsgang ihres Gehirns. Dann sah sie wie Frederic das Gerät in seiner Hand bediente. Sie sah, wie das helle Licht in den Augen des Klons erlosch und er zu Boden stürzte. Sie sah, dass der Körper sich nicht mehr vor Anstrengung, sondern vor Schmerz krümmte, Hände gegen den Boden gepresst, sich hochstemmend wie gegen ein enormes Gewicht. Ihr Gehirn brachte die Handlung des Wissenschaftlers mit der Reaktion des Klons überein. Ihr Körper gehorchte ihr wieder.
„Aufhören!“ Sie hörte ihre Stimme wie durch Watte. Sie sah Mortis Blick, den Hörer des Telefons noch gegen das Ohr gepresst, völlig fassungslos, irritiert, so verwirrt, dass sie ihn am liebsten in den Arm genommen hätte. „Was glauben Sie eigentlich, was Sie da tun?! Hören Sie auf, hören Sie auf der Stelle auf! Was glauben Sie, was Sie da tun?!“ Sie stürmte auf Frederic zu, stieß den verdatterten Mann zurück, holte aus und verpasste ihm einen Kinnhaken. Der Mann taumelte zurück.
Erst jetzt kam Morti wieder zu Sinnen, der einen ähnlichen Reaktionsprozess durchzumachen schien wie Lea nur wenige Sekunden vor ihm. Er ließ den Hörer fallen, ging dazwischen, aber sie drehte sich weg. Sie stand vor dem Klon, der den Kopf langsam, ruckhaft hob, wie unter Anstrengung. Es sah sie an. Sie hob die Hände, zeigte sie, steckte sie in die Taschen ihres Laborkittels und zog die Innentaschen nach außen. Kleingeld klimperte über den Boden und rollte davon. Sie hob die leeren Hände.
„Es ist alles gut.“ Sie hob die Hände zu ihrem Gesicht und zog die Atemmaske herunter. Sie suchte nach Erkennen in seinen Augen. „Alles wird gut. Es ist jetzt in Ordnung. Alles – wird gut.“ Sie trat auf es zu. Zeigte ihre leeren Hände. Sein Blick wich nicht aus ihren Augen. Hass, Zorn und Schmerz. Erkennen und Erinnern.
Ich kenne dich.
Sie japste nach Luft. Ihr Kopf, ihr Geist war erfüllt von dieser Stimme, dieser Stimme, die in ihr erklang, so deutlich wie sie die Luft in ihren Lungen fühlte, als sie einatmete. Sie kannte diese Stimme. Hatte sie begleitet, seit Tagen, wenn nicht Wochen, intuitive Regungen, Bedürfnisse, Gedankengänge, die sich mühelos mit den ihren verbunden hatten und deren Fremdartigkeit niemals eine Rolle gespielt hatte, denn sie waren in ihrem Geist gewesen.
Sie stand vor ihm, gebannt, fassungslos. Sie sah in seine Augen, die sie regelrecht durchdrangen, sie wollte mehr sagen und verstand noch nicht mal, was seine Worte bedeuteten, dann ruckte sein Blick an ihrem vorbei, hinter sie. Lea spürte eine kräftige Hand auf ihrer Schulter, spürte, wie man sie wegzog. Sie drehte sich um, sah dem Laboranten in die Augen, die sich vor Schreck weiteten, als ihn etwas in die Höhe hob. Seine Hand glitt von Leas Schulter ab, die sie zuletzt fester packte, wie um sich an ihr festzuhalten. Sein Körper schleuderte mit Wucht gegen die Betonwand. Er fiel zu Boden, ohne Körperspannung, wie eine Puppe, blieb liegen.
Sie drehte sich um, sah den Klon hinter sich, mühsam aufgerichtet. Sein Blick traf den ihren, grimmig, entschlossen. Dann zuckte sein ganzer Körper, zitterte wie unter einem schweren Stromschlag. Es verdrehte die Augen und fiel zu Boden.
Lea starrte auf es herab. Sie fühlte sich, als hätte man ihr den Boden unter den Füßen weggezogen, fühlte sich im freien Fall, als begreife sie nichts. Ihre Gedanken jagten dem Geschehenen hinterher, während drei Laboranten um den regungslosen Klon standen, ihn hochhievten, um ihn wegzubringen.
„Dr. Barton“
Sie hörte ihren Namen.
„Dr. Barton!“
Sie drehte sich um, blickte in Mortis Gesicht, das nach Fassung und Ruhe rang, bemerkte jetzt erst Mortis Hände an ihren Schultern. Sie wurde geschüttelt.
„Dr. Sitchik?“
„Lea, scheiße, Lea! Was – was machst du hier? Was war das gerade?!“
Leas Blick glitt fahrig an Morti vorbei. Hinter ihm stand Frederic. Er hielt sich die rechte untere Wange und starrte sie mit einer Mischung aus blinder Wut und Verwirrung an. Sie sah an ihm vorbei. Leute gruppierten sich um einen regungslosen Körper. Reanimationsmaßnahmen. Jemand telefonierte.
„Der Alarm ging los. Und ich – ich weiß nicht.“ Sie wollte sagen, dass es in ihrem Kopf war. Dass sie wusste, dass sie nach unten kommen musste. Dass es ihre einzige Chance war, zu ihm zu kommen. Aber in diesem Moment wusste sie mit solch klarer Sicherheit, als würde sie wieder seine Stimme hören, dass sie das um keine Umstände sagen durfte. „Ich – ich wollte sichergehen, dass sich jemand um das Testobjekt kümmert.“
„Woher wissen Sie von einem Testobjekt?“ Es war Frederics Stimme. Sie sah ihn an, als habe er etwas unglaublich Dummes gesagt.
„Natürlich gibt es ein Testobjekt. Ein Pokémon.“
„Aber woher wissen Sie –?“
Lea zeigte zu den Fenstern. „Mein Büro hat eine Verbindungstür zum Hinterhof. Ich rauche dort.“
„Was haben Sie auf dem Hinterhof verloren?“
„Wie gesagt, da ist eine Tür in meinem Büro. In meinem Arbeitsvertrag steht nicht, dass ich die Türen meines Labors nicht benutzen darf.“
Morti versuchte, dazwischen zu gehen: „Lea.“
„Nein, nichts ‚Lea‘!“ Sie hörte ihre Stimme wie aus weiter Ferne. Sie klang ungemein aufgebracht. „Ich habe heute gesehen, wie Dr. Frederic versucht hat, ein Pokémon mit Hilfe von Schmerzimpulsen und Elektroschocks unter Kontrolle zu bringen! Aufgrund der Daten, die ich seit Monaten auswerte, gehe ich davon aus, dass es sich um einen Mutanten oder einen Klon handelt, was bedeutet, dass das genveränderte Zellgewebe extrem instabil ist und Sie früher oder später schwere Hirn- und Nervenschäden sowie Herzmuskelstörungen riskieren. Ich stelle Ihre Arbeit in Frage, Dr. Frederic, und fordere Projektleiter Dr. Sitchik auf, Ihr Vorgehen zu überprüfen!“
Frederic sah sie fassungslos an, der Chef stemmte stöhnend die Fäuste in seine Seiten.
„Lea, die Sache ist nicht so klar Schwarz und Weiß, wie sie jetzt vielleicht aussieht. Das alles hier ist ein riesen Haufen Scheiße und ich muss mir überlegen, was wir jetzt damit machen.“
„Versetz mich ins Hauptlabor, Morti.“
Frederic blinzelte. „Bitte, was?“
„Ich mein das völlig ernst. Geben Sie mir einen Monat, Dr. Frederic, und ich zeig Ihnen, wie man ein Pokémon unter Kontrolle kriegt.“
„Das ist kein Pokémon wie das, was Sie darunter verstehen.“, entgegnete Frederic, nicht einmal unfreundlich. „Das ist ein Monster!“
„Weil Sie eines daraus gemacht haben?“
Frederic sah sie bestürzt an. Er wollte etwas sagen, besann sich aber, wahrscheinlich, weil er der einzige hier war, der sich an das scheiß Sicherheitsprotokoll hielt. Frederic wandte sich ab, ging an den Laborkühlschrank und holte sich einen Packen Eis heraus, den er sich gegen den Kiefer drückte. Er machte nicht den Eindruck, als würde er sich an diesem Gespräch noch beteiligen wollen.
„Ok.“ Der Chef versuchte, das Wort wieder an sich zu nehmen. „Der Rest meines Teams hat die Flucht ergriffen oder trägt Barlow zum Krankenwagen. Wir klären das hier jetzt schnell und zügig, bevor jemand fragen kann, was Sie, Dr. Barton, hier unten machen.“
Lea war alarmiert. Der Chef nannte sie so gut wie nie bei Titel und Nachnamen. „Droh mir jetzt bloß nicht mit Kündigung.“
Morti sah sie wütend an. „Hab ich nicht vor.“
„Das wäre auch gar nicht so klug.“ Frederic kam vom Kühlschrank zurück, den Eisbeutel gegen das Kinn gepresst. „Der Mutant hat Dr. Barton beschützt.“
Morti blinzelte hinter seinen Brillengläsern. „Hat er?“
„Als Barlow Barton aus der Schusslinie bringen wollte, hat es gezielt ihn angegriffen, niemanden sonst. Und es hat den Angriff danach eingestellt. Alles, was wir bislang von es gesehen haben, war Hass und Abwehr. Wir brauchen Dr. Barton schon allein darum weiter im Projekt, falls es dem Mutanten noch einmal gelingen sollte, auszubrechen.“
„Ich bin übrigens hier.“, ließ Lea sich vernehmen.
„Zu Ihrem Leidwesen, ja, Dr. Barton.“ Frederic sah sie fast mitleidig an. „Das ist jetzt ganz großes Pech für Sie.“
Sie stutzte. „Ich verstehe nicht.“
„Nein, ganz offensichtlich nicht. Sie glauben, es handle sich hier um ein Pokémon, um das Sie sich kümmern müssten. In der Tat haben wir es hier mit einem gescheiterten Genexperiment zu tun, das wieder unter Kontrolle zu bringen die Aufgabe dieses Labors ist.“
„Mit Elektroschocks?“
„Hat ziemlich gut funktioniert, oder nicht?“ Frederic lächelte. Lea spürte das Bedürfnis, ihm nochmals eine reinzuhauen. „Sie sind die erste Person, auf die der Mutant positiv reagiert. Damit sind Sie jetzt Teil dieser Kontrollmaßnahmen.“
„Selbst wenn meine Anwesenheit ein Garant dafür wäre, dass Sie ‚den Mutanten‘ in Schach halten können, ändert das nichts an meiner offiziellen Beschwerde. Sie gefährden es willentlich. Und, sofern ich das Alles richtig verstehe, damit den Ausgang des gesamten Projekts.“
„Es muss die Schmerzimpulse nur bis zur Verpflanzung der KI aushalten.“
„Gut. Dann geben Sie mir ein Briefing, wie weit die Bioingeneurik damit eigentlich ist. Nach meinem Kenntnisstand kann es nämlich noch mehr als ein Jahr dauern, bis wir so weit sind.“
„Das reicht jetzt.“ Der Chef hatte seine Autorität wiedergefunden. „Dr. Barton, Sie nehmen sich zu viel heraus. Sie sind hier trotz des ausdrücklichen Betretungsverbots. Sie haben wissentlich gegen Ihren Arbeitsvertrag verstoßen und stellen vehement die Entscheidungskompetenz Ihres Vorgesetzten und damit auch meine in Zweifel. Nicht nur argumentieren Sie auf der Basis fehlender Fakten, das hier übersteigt ihre Kompetenz. Dennoch sprechen Sie etwas Wahres an.“ Er wandte sich Frederic zu. „Die letzten Scans waren scheiße.“
„Was soll das heißen ‚scheiße‘? Spricht hier eigentlich noch irgendjemand wie ein zivilisierter Mensch?“
„Die Reaktionszeiten verkürzen sich.“
„Im Mikrosekundenbereich!“
„Was trotzdem auf eine Schädigung des Nervensystem hinweist, muss ich d i r das wirklich erklären, Jim?“
„Jetzt komm aber, Morti!“ Er warf den Eisbeutel auf den nächstbesten Tisch. „Ich bin seit Projektstart an der Sache dran, das ist noch nicht mal ein Jahr! Es hat heute versucht zu fliehen und meine Implantate haben es davon abgehalten. Noch vor drei Monaten hätte es uns alle getötet!“
„Du hast Mewtu erfolgreich kastriert. Jetzt brauche ich jemanden, der es wieder zusammensetzt.“
„Was soll das heißen, Morti?“
Der Chef zeigte auf Lea. „Dr. Barton wird deine Laborassistentin.“
„Was? Sie wird was?“
„Degradierst du mich gerade?“
„Das kannst du nicht machen!“, rief Frederic
„Ist grade passiert.“, entgegnete Morti.
„Meine Forschungen –“
„Sind Eigentum von SilphCo. Wie der Klon. Und um jedwede Schädigung zu vermeiden, wird Dr. Barton dir mit ihrem kritischen Blick zur Hand gehen. Und nein, Lea, du bist nicht degradiert, aber ich sorge dafür, dass dir dein V o r g e s e t z t e r gründlicher auf die Finger guckt!“
Frederic holte tief Luft. Er sah zu Lea hinüber, war so unglücklich und fassungslos wie sie. Dann stieß er die Luft zwischen den Zähnen aus, drehte sich um und verließ das Hauptlabor gemessenen Schrittes.
Der Chef wartete, bis Frederic außer Hörweite war. Dann trat er so heftig gegen einen Arbeitstisch, dass dieser ein Stück weit über den Betonboden rutschte. „Mann, Mann, Mann, Mann, Mann“ Morti wühlte in einer Schreibtischschublade und holte eine Zigarette raus, die er sich zwischen die Lippen klemmte.
„Das ist nicht gut für dich, Morti.“
Er warf die Kippe wütend auf den Schreibtisch.
„Bevor du jetzt durchdrehst, Morti“
„Ich dreh doch schon durch!“ Jetzt schrie er. Sein Hals lief puterrot an. „Das ist doch alles scheiße! Was mach ich denn jetzt?“
„Gib mir ’ne Chance, Morti. Ich hab’ da so ein Gefühl.“
„Ein Gefühl? Mein führender Biokybernetiker hat eine handfeste Methode und du hast ein Gefühl?“
„Du hast selbst gesagt, dass der Klon durch diese handfeste Methode beschädigt wird.“
„Ja, verdammt noch mal, aber das muss mir nicht gefallen, oder?“
Morti sah sich in seinem Labor um, besah die Schäden und das, was noch heil war. Er entspannte sich, wirkte fast versonnen.
Lea hielt lange genug den Mund, bis Morti sich beruhigt hatte. „Wie gefährlich ist der Klon tatsächlich?“
„Kaum vorstellbar. Es ist das Größte und Beängstigende, das die Neurowissenschaft je geschaffen hat.“
„Die Neuro?“
„Sieh dir ein paar MRTs an.“
„Ich bekomme Zugriff auf weiterführende Projekt-Informationen?“
„Du kriegst Informationen zum Ersaufen.“
